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Konjunktur: Der Abschwung nimmt an Fahrt auf

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Konjunktur Alarm im Maschinenraum

Die schlechte Nachricht: Deutschlands Wirtschaft droht ein Abschwung. Die gute: Nie waren die Manager besser auf eine Krise vorbereitet als heute.

Hamburg - Heinrich Weiss (70) ist so etwas wie das industrielle Gedächtnis der Nation. Seit mehr als 40 Jahren erlebt und erleidet der Chef und Eigentümer der SMS Group das Auf und Nieder der Konjunktur. Er hat sich dabei gut geschlagen: Aus 140 Millionen D-Mark Umsatz machte Weiss drei Milliarden Euro. Weltweit kneten Walzwerke aus dem Hause SMS Stahl oder Aluminium. Der Exportanteil beträgt 90 Prozent.

Eigentlich könnte sich Weiss seines Schaffens erfreuen. Seine Werke sind voll ausgelastet. Erstmals seit Jahren arbeitet seine SMS sogar zwei Großaufträge aus Deutschland ab. Doch dann spricht Weiss so lange von Auftragseinbrüchen, Kurzarbeit, Inflation und Euro-Krise, bis irgendwann seine Zigarre erkaltet ist.

Es sieht nicht gut aus. Deutschland war gerade dabei, auf ein neues Modell umzusteigen. Das Wohl und Wehe des Wirtschaftswachstums hing nicht mehr allein vom Export ab, endlich wuchs die deutsche Wirtschaft auch dank der Investitionen im Inland. Befeuert wurde der Binnenboom durch niedrige Zinsen.

Wachstum daheim und weltweit: Es war eine Art "Double Whopper", ein doppelter Hamburger, in den Deutschland nach der Großrezession von 2009 herzhaft hineinbiss.

Doch nun braut sich neues Unheil über Deutschlands Industrie zusammen. Der Investitionszyklus ist unterbrochen. Die Unternehmen sind verunsichert. Auf die Stimmung drückt die Euro-Krise. Zudem schwächelt der Welthandel, wie Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegen. Erstmals seit 2009 könnten dieses Jahr die Handelsvolumina wieder sinken, weil Schwellenländer wie China und Indien lahmen, vielerorts der Protektionismus sprießt und in großen Teilen Europas die Wirtschaft schrumpft.

Double Whammy statt Double Whopper

Verdüstern sich die Exportaussichten, streicht die Industrie ihre Investitionen zusammen und die inländische Nachfrage sinkt. Die Konjunktur bekommt einen doppelten Dämpfer, der in eine erneute Rezession führen könnte. Statt "Double Whopper" droht Deutschlands Wirtschaft ein "Double Whammy" - ein schmerzhafter Doppelschlag.

Die Konzernlenker gehen in Deckung. Zuerst die Autobauer: Daimler  warnt vor einem Gewinnrückgang bei Mercedes und packt ein Sparprogramm in den Tank. Audi  schließt tageweise sein Werk in Neckarsulm. VW drosselt die Fertigung. Opel und Ford  beutelt der Einbruch in Südeuropa heftig.

Auch die Großindustrie muss kleiner denken. Bei Siemens  sind die Orders abgesackt. Beim Mischkonzern ThyssenKrupp  haben die Minuszeichen die Quartalsberichte längst erobert. Der Chiphersteller Infineon  rechnet für das letzte Quartal des Jahres mit einem Umsatzrückgang von 10 Prozent und einer Halbierung der Gewinnmarge.

Kurzarbeit kehrt zurück

Zulieferer kann all das kaum erfreuen. Bei Bosch arbeiten knapp 1000 Mitarbeiter kürzer. Kein Wunder, dass die IG Metall in Berlin anmahnt, das Kurzarbeitergeld - wie in der Krise 2009 - von 6 auf 24 Monate auszudehnen.

Im Stammwerk von SMS in Hilchenbach bei Siegen können die Mitarbeiter die Lage an einem Schaubild ablesen, das gleich hinter der Eingangstür zur Werkshalle an der Wand hängt. Graue Balken bilden den Auftragsbestand ab, der monatlich abzuarbeiten ist, eine rote Linie die optimale Auslastung. Ab Frühjahr 2013 rutschen die grauen Balken immer tiefer unter die rote Linie.

In den vergangenen Monaten, sagt SMS-Chef Weiss, hätten sich die Aussichten verdüstert. Neue Aufträge über 3,5 bis 4 Milliarden Euro braucht sein Konzern pro Jahr, um ausgelastet zu sein. Nun hat er seinen Ausblick für 2012 um 10 Prozent auf 3 Milliarden Euro zurücknehmen müssen.

Und 2013? "Einen Ausblick kann ich nicht geben, dafür ist die Lage zu unsicher", sagt Weiss. Er sei "pessimistisch, weil sich viele große Projekte verschieben". Kurzarbeit könne er jedenfalls nicht mehr ausschließen.

Grund dafür ist auch bei SMS die Euro-Krise. Immer mehr Kunden befürchteten, dass das europäische Virus die Weltfinanzmärkte infiziere, sagt Weiss. Und er könne sie gut verstehen: Denn die Euro-Krise werde "nur verschleppt statt gelöst".

Dem Abschwung gelassen entgegensehen

Wie rasant eine Vertrauenskrise in der Finanzwirtschaft der Realwirtschaft die Decke wegziehen kann, erlebten die Industriemanager 2008/09. In Branchen wie der Chemie oder dem Autobau brachen damals Nachfrage und Produktion in noch nie gesehener Brutalität weg.

Doch wer die richtigen Lehren gezogen hat, der blickt einem neuen Abschwung nun gelassener entgegen.

Peter Summo (45) steht in seiner Werkshalle in Burghausen. Über dem Kopf des Leiters der Dispersionssparte im Polymerbereich des Chemiekonzerns Wacker Chemie  wächst ein Dickicht aus Rohren, Ventilen und Hebeln, zu seinen Füßen surrt es in mächtigen, in den Boden eingelassenen Stahlbottichen. Unter hohem Druck werden dort Dispersionen angerührt: Bindemittel, die unentbehrlicher Grundstoff sind für Teppiche, Wandfarben oder Textilien. Mal sind sie flüssig wie Milch, mal zäh wie Honig.

In seinem Geschäft kann sich Summo noch vorkommen wie im Land von Milch und Honig. Während die Wacker-Erträge mit Siliziumprodukten schmerzhaft zurückgehen, weil Chip- und Fotovoltaikindustrie schwächeln, läuft das Geschäft der Polymersparte noch rund.

Umschalten auf Rezessionsmodus

Ja, sagt Summo, auch seine Kunden sprächen zwar immer öfter von einer neuen Krise. Aber ablesen kann er sie an seinen Zahlen noch nicht. Und wenn sie doch komme, sei Wacker gut vorbereitet - der letzten Krise sei Dank.

Da sei einmal die Lernkurve der Mitarbeiter: Die Organisation sei jetzt viel flexibler, sagt Summo. Während 2009 noch einige der 10.200 Chemiewerker in Burghausen grantelten, weil sie in einem anderen Bereich als sonst eingesetzt werden sollten, sei das heute Normalität.

Auch investierte Wacker viel Grips, um neue Märkte zu erschließen und so weniger von der konjunkturanfälligen Bauindustrie abzuhängen. So kamen das Geschäft mit Getränkeverpackungen oder Teppichbeschichtungen als Umsatzbringer für Summo hinzu. Um ein Viertel wuchsen die Erträge der Polymersparte seit 2009 - auf zuletzt knapp eine Milliarde Euro.

So wie Wacker-Mann Summo empfinden derzeit viele Manager: Mag der Abschwung auch an Tempo zunehmen - die Industrie fühlt sich besser auf eine Krise vorbereitet denn je.

Besser auf eine Krise vorbereitet denn je

Einige Branchen spüren ohnehin noch nichts. Die Bauindustrie gilt als ausgelastet, die Angst vor Inflation treibt immer mehr Bürger ins Betongold. Der Maschinenbau traut sich dieses und nächstes Jahr sogar ein Produktionsplus zu, lässt der Branchenverband VDMA wissen.

Immer größere Teile der deutschen Wirtschaft schalten jedoch um auf Rezessionsmodus: Investitionspläne werden gestoppt, Neueinstellungen zurückgestellt, Lagerbestände abgebaut. Aber ein abrupter Absturz wie 2008 nach der Lehman-Pleite blieb bisher aus. Dieser Abschwung kommt eher als allmähliches Erkalten daher, dürfte dafür aber länger dauern als die letzte Krise.

Bislang zeigen die Stimmungsumfragen des Ifo-Instituts, dass die Auftragsbücher noch gut gefüllt sind. Aber die Zukunftserwartungen trüben sich ein.

"Die Stimmung ist besser als die Lage", urteilt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemie- und Energiegewerkschaft IG BCE . Eine "historisch untypische Situation" im sonst eher pessimistischen Deutschland sei das.

Schwindendes Vertrauen der Wirtschaft in die Wirtschaft

Die nationale Neigung zum Schwarzsehen hält Wolfgang Cieplik (45) für die größte Gefahr für sein Geschäft. Der Mittelständler aus dem oberbergischen Wiehl bietet mit seiner Firma Unitechnik automatisierte Lagerlogistik und Steuerungstechnik für Industrieanlagen an.

Mit zuletzt 63 Millionen Euro Jahresumsatz und 300 Mitarbeitern ist Unitechnik eine kleine Deutschland AG: hohes Ingenieur-Know-how, aber auch eigene Fertigung; eine Hälfte des Umsatzes in Deutschland, die andere Hälfte weltweit. Ciepliks Kunden kommen aus allen Branchen: BMW , Tchibo, ThyssenKrupp, Mercedes, Airbus, aber auch der Flughafen von Dubai oder die Universität von Riad. Kürzlich hat Cieplik ein Büro in Shanghai eröffnet, sein erstes in China.

Die Auftragslage sei bestens, sagt der Miteigentümer, demnächst könnte sogar der eine oder andere Großauftrag aus der Luftfahrtbranche hinzukommen.

Aber Cieplik sorgt sich um das schwindende Vertrauen der Wirtschaft in die Wirtschaft. "Ich habe das Gefühl, dass alle von einer Krise reden, obwohl sie noch gar nicht da ist", sagt er. "So etwas kann natürlich auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden."

Die Industrie spart sich in die Krise

Während sich die Industrie allmählich in die Krise spart, ist die deutsche Politik - berauscht von Steuereinnahmen in Rekordhöhe - noch nicht im Rezessionsmodus angekommen. Auch 2008 dauerte es, bis die Bundesregierung den Zwang zum Handeln erkannte. Dann aber legte sie zwei Konjunkturprogramme über insgesamt mehr als 60 Milliarden Euro auf.

Dieses Mal wird das nicht so funktionieren. Zum einen muss die Bundesregierung auf ihre Bonität achten, um nicht in den Strudel der Schuldenkrise zu geraten. Geldausgeben auf Teufel komm raus geht nicht mehr. Auch die Notenbanken können nicht helfen. Die Zinsen sind bereits extrem niedrig.

Was also tun? Zumindest sollten die Unternehmen nicht zusätzlich verunsichert werden, insbesondere durch die Energiewende, sagt IG-BCE-Mann Vassiliadis: Die Politik solle sich verpflichten, fünf Jahre lang keine neuen Belastungen für energieintensive Unternehmen einzuführen, um so die Investitionsbereitschaft zu fördern.

Klar, das würde auch Heinrich Weiss nicht ablehnen. Die Hoffnung jedoch auf ein ausgeglicheneres Wachstumsmodell hat der SMS-Chef aufgegeben. Eine starke Exportwirtschaft sei für Deutschland künftig noch wichtiger, "wenn wir unseren Wohlstand verteidigen wollen".

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