Samstag, 18. Januar 2020

Kapitalismus in der Krise "Wir sind Teil einer neuen Ökonomie"

Management: Neue Aufklärung
Michael Dannenmann

3. Teil: Die Meins-ist-deins-Ökonomie gedeiht

Die Meins-ist-deins-Ökonomie gedeiht. Auf Web-Seiten wie Frents.de verleihen Bürger einander alles vom Buch bis zur Bohrmaschine. Auf Bambali.net tauschen sie sogar Dienstleistungen wie Gassigehen oder Fahrradreparatur, Kleider für Groß und Klein bei Kleiderkreisel.de oder Kinderado.de. Auf Tauschpartys von München bis Berlin darf jeder, der Jacke oder Hose mitbringt, ein anderes Textil mitnehmen - für lau. Schlicht soll es sein und möglichst nachhaltig.

Der Soziologe Harald Welzer von der Stiftung Futurzwei in Berlin sieht in diesem Trend eine Art kleiner Kapitalismusreform von unten. "Meist reagieren Menschen auf Krisen konservativ und klammern sich an Hergebrachtes", sagt Welzer. Das sei in der großen Sinnkrise seit 2008 anders, "weil das Hergebrachte so porös und perspektivlos erscheint - deshalb ist die Offenheit für Veränderungen so groß wie nie zuvor". Also fingen viele Menschen im Kleinen an, verantwortlicher zu konsumieren.

"Um Adornos berühmten Satz ins Gegenteil zu wenden: Es gibt ein richtiges Leben im falschen", sagt Welzer.

Auch Investoren fassen Zutrauen in die neue Ökonomie. Vergangenes Jahr ist Kizoo Technology Ventures bei Tamyca eingestiegen. Kizoo-Chef Michael Greve und sein Bruder Matthias machten mit Gründungen wie Web.de, Flug.de und Lastminute.de ein Vermögen. Nun, da sich Tamyca als Marktführer mit 74 Prozent Anteil am Peer-to-peer-Markt etabliert hat, läuft die zweite Finanzierungsrunde, die Mitgründer Minis mehr PS für seinen Angriff verschaffen soll.

Um ihre Besitzstände zu verteidigen, investieren auch Autokonzerne wie VW, BMW und Daimler ins Car-Sharing. Sie kennen die Studien von Unternehmensberatungen wie McKinsey, die sie warnen, dass immer weniger Verbraucher ein Auto besitzen wollen. Und sie kennen die Prognosen der Marktforscher von Frost & Sullivan, die dem Autos-Teilen jährliche Wachstumsraten von 40 Prozent bis 2020 vorhersagen, die ihnen aber auch vorrechnen, dass jedes geteilte Auto 12 bis 14 in Privatbesitz ersetzt.

Sogar Google investiert in Car-Sharing

Ein sonniger Morgen Ende August in Köln. 100 Smarts in den Firmenfarben Himmelblau und Weiß hat Marcus Spickermann in Fächerformation auf dem Platz im Mediapark arrangieren lassen. Es ist der Start von Car2go in der Domstadt, Spickermann ist der Geschäftsführer. Berichten muss er an den Firmeninhaber, die Daimler AG.

Die verkauft eigentlich ihre Autos lieber, als sie zu verleihen, aber neue Zeiten verlangen neues Denken. Natürlich sei das ein "Kulturwandel" für einen Autokonzern, räumt Spickermann ein. Aber für Daimler sei Car-Sharing ein strategisches Investment, das "regelmäßig auch im Vorstand thematisiert" werde.

Weltweit ist Köln die 15. Stadt für Car2go. 2015 könnten es bis zu 100 sein, und spätestens dann soll Spickermann in Stuttgart auch Gewinne abliefern.

Kaum spricht der Firmenchef von seinem Teilgeschäft, fällt der Begriff "Wertewandel". Ein paar Slides später grenzt er Car2go von kessen Minifirmen wie Tamyca ab: Im Vergleich dazu sei seine blau-weiße Flotte doch viel größer und praktischer. Dennoch beobachte er diese Deins-ist-meins-Konkurrenz natürlich sehr genau, sagt Spickermann. Schließlich habe sogar Google Börsen-Chart zeigen in den USA ins Car-Sharing investiert.

Es ist unübersehbar: Immer mehr Konzerne wenden sich einer Art geläutertem Kapitalismus zu - sei es um Märkte zu verteidigen oder neue zu erschließen, sei es um in den Augen der Kunden moralisch integer zu bleiben. Oder um wieder selbst über das eigene Schicksal zu bestimmen, indem sie sich von Finanziers und Lieferanten emanzipieren.

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