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Großbanken: Die Regierung macht ernst

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Finanzbranche Ende einer Epoche

Für die Geldkonzerne gehen 20 Jahre Macht und Herrlichkeit zu Ende. Ihnen droht die Zerschlagung, der ganzen Branche die Schrumpfung. Was bleibt am Ende vom Finanzgewerbe übrig?
Von Thomas Katzensteiner und Ulric Papendick

Der Anruf in der Konzernzentrale des weltgrößten Rückversicherers kam nicht ganz unerwartet. Jürgen Fitschen (63) war am Apparat; der Co-Chef der Deutschen Bank bat um ein Gespräch mit Münchener-Rück-Vormann Nikolaus von Bomhard (56).

Kurz zuvor hatte von Bomhard, ein normalerweise um Zurückhaltung bemühter Versicherungsmanager, eine bemerkenswerte Aussage gemacht. Er sei für die Aufspaltung von Universalbanken, hatte von Bomhard gesagt. Investmentbanking und klassisches Kreditgeschäft sollten voneinander getrennt werden, um das Geldgewerbe wieder sicherer zu machen.

Wen er damit meinte, hatte der Münchener-Rück-Chef nicht erwähnen müssen. Es war ohnehin klar. Weltweit gibt es nur zwei Handvoll großer Universalbanken, die alle Dienstleistungen aus einer Hand anbieten. Eine davon ist die Deutsche Bank .

Fitschen, seit wenigen Wochen an der Spitze des Instituts, war alarmiert. Angriffe linker Politiker war er gewöhnt; die harsche Kritik eines amtierenden Topmanagers und ausgewiesenen Kenners des Finanzwesens hingegen war neu.

Ob er das denn tatsächlich so gemeint habe, wollte Fitschen wissen. Die Antwort fiel eher kühl aus. Auch die Deutsche Bank, teilte von Bomhard seinem Gesprächspartner mit, möge doch bitte erst einmal nachweisen, dass ihre umfangreichen Handelsaktivitäten keine Zockerei seien, sondern einen sinnvollen Beitrag für die Kunden und die Gesellschaft darstellten. Anderenfalls bleibe er bei seiner Meinung.

Der Druck auf die Hochfinanz nimmt zu

Der Münchener Assekuranzchef ist nicht der einzige Topmanager, der sich entsetzt von der Hochfinanz abwendet. Die Entfremdung zwischen dem Geldgewerbe und dem Rest der Wirtschaft hat eine neue Ebene erreicht. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zieht mit der Forderung in den Wahlkampf, Kundengeschäft und Investmentbanking strikt zu trennen. Auch die EU-Expertengruppe um den finnischen Zentralbank-Präsidenten Erkki Liikanen empfiehlt eine Aufspaltung.

Die Manipulationen am Referenzzins Libor, Basis für Finanzgeschäfte im Gegenwert von mehr als 500 Billionen Dollar, haben die Stimmung endgültig kippen lassen. "Mit der Libor-Krise ist vielleicht der letzte Rest Vertrauen verlorengegangen", sagt Linde-Chef Wolfgang Reitzle (63) im Interview mit manager magazin.

Nun stellen nicht mehr nur SPD-Granden wie Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel die Existenzberechtigung der Megainstitute infrage. Selbst Branchengrößen wie Sandy Weill (75), einst Schöpfer des US-Finanzgiganten Citigroup, fordern ein Umdenken.

Abbau von Kosten und Risiken

Die bisherige Verschärfung der Bankenregulierung, die in erster Linie auf höhere Kapital- und Liquiditätspolster abzielt, reicht dieser neuen Front der Kritiker nicht mehr aus. Sie wollen die Macht der Powerhäuser brechen. Und im Zentrum ihrer Kritik stehen die großen internationalen Finanzkonzerne wie J. P. Morgan, HSBC - oder eben die Deutsche Bank.

Haben die Großbanken ihre Zukunft verspielt? Werden sie zerschlagen, geschrumpft oder sogar verstaatlicht? Oder schafft es die Bankenlobby doch noch, das Schlimmste zu verhindern und ihr Geschäftsmodell zu erhalten?

Für die Zunft naht das bittere Ende einer Ära von Macht und Herrlichkeit. Die Banken haben 20 goldene Jahre hinter sich, in denen sie ihren Anteil an den Unternehmensgewinnen allein in den USA von knapp 12 auf über 30 Prozent steigern konnten. Noch immer liegt das durchschnittliche Gehalt in der Branche weit über dem anderer Berufszweige.

Es steht viel auf dem Spiel. An einem Freitagabend im Juli luden die Topmanager einer europäischen Großbank zum Abendessen in ihre Frankfurter Dependance. Draußen tobt ein Sommergewitter, drinnen werben die Banker bei gedünstetem Lachs und edlem Weißwein um Verständnis für die Zunft.

Demut ist angesagt. Man wolle sich wieder auf die Bedürfnisse der Kunden besinnen, lautet die Botschaft. Die glorreichen Zeiten des Investmentbankings seien ohnehin vorbei, stattdessen stünde jetzt der Abbau von Kosten und Risiken im Mittelpunkt. Und man habe den nötigen Kulturwandel bereits angestoßen. Das brauche freilich etwas Zeit. Haben die Geldgewaltigen tatsächlich dazugelernt?

Abbau von Kosten und Risiken ist angesagt

Experten sind skeptisch. "Der angestrebte Kulturwandel wird sich nur entsprechend niederschlagen, wenn er in ein tragfähiges Geschäftsmodell eingebettet ist", sagt Rüdiger Filbry, Bankenexperte bei der Boston Consulting Group. Zumal offenkundig längst nicht jeder mitmachen will bei der neuen Bescheidenheit. Ausgerechnet Josef Ackermann (64), Deutsche-Bank-Chef in den goldenen Zeiten des Geldgeschäfts, meldete sich unlängst aus Zürich zurück. Seine Nachfolger, ließ er in vertrauter Runde angeblich wissen, seien "Loser", Verlierer also - eine Wortwahl, die er später bestritt.

Dabei haben es maßgeblich Topbanker wie Ackermann mit ihren enormen Renditeversprechen zu verantworten, dass sich die Praktiken im Finanzgewerbe auch nach der verheerenden Krise infolge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers kaum änderten.

Im Gegenteil: Die staatlichen Milliardenhilfen und Garantien, mit denen viele Banken vor dem Umfallen bewahrt wurden, dienten der Branche fortan als Argument gegenüber Kunden und Investoren. Im Ernstfall, erklärten die Banker den Anlegern ungerührt, bliebe dem Staat schließlich gar nichts anderes übrig, als die Großbanken zu retten.

Reue ist bei vielen Bankern bis heute wenig zu spüren

Institute wie die Deutsche Bank, UBS oder J. P. Morgan setzten ihre zweifelhaften Kapitalmarktgeschäfte deshalb auch in großem Stil fort. Lediglich die Schwerpunkte änderten sich. Während die Umsätze in Aktienhandel und Fusionsberatung zurückgingen, stiegen die Erträge im Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren zeitweise um das Doppelte.

Gerade im Anleihehandel, berichten Insider, würden viele Institute zudem bis heute schamlos Insiderinformationen ausnutzen, die ihnen über ihre Rolle als Geldgeber zuflössen. Schließlich enthielten die Kreditbedingungen oft Klauseln, nach denen die Unternehmen monatlich umfangreich über ihre Finanzlage Bericht erstatten müssen. Daten, die den Anleihehändlern der Banken einen entscheidenden Vorteil verschaffen können.

Von Zurückhaltung oder gar Reue ist bei vielen Bankern bis heute wenig zu spüren. Stattdessen lieferte Dirk Notheis (44), bis Juni dieses Jahres DeutschlandChef der Investmentbank Morgan Stanley, ein bezeichnendes Beispiel für charakterliche Deformationen der selbst ernannten "Masters of the Universe".

In den E-Mails des Spitzenbankers an seinen Duzfreund, Baden-Württembergs damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU), mutierte die Bundeskanzlerin zur "Mutti", die etwas "zu arrangieren" habe. Schließlich könne der Stuttgarter Parteichef "Angela mit seinen Truppen töten".

Augenwischerei mit Lock-up-Fristen

Gerade die Kapitalmarktprofis leben nach wie vor in einer Parallelwelt. Christian Zorn, Notheis' Nachfolger im Morgan-Stanley-Vorstand, hat bis heute kein Problem, mit seinem schwarzen Ferrari 458 (Grundpreis: rund 200 000 Euro ohne Extras) zur Arbeit zur fahren.

Für Investmentbanker ein erschwinglicher Luxus: Morgan Stanley gab allein im ersten Halbjahr 2012 rund acht Milliarden Dollar für Gehälter und Boni seiner 60.000 Angestellten aus - Sekretärinnen und Pförtner eingerechnet. In Deutschland stiegen die Gehälter der Topbanker im vergangenen Jahr erneut um 7 Prozent.

Trotz aller Versprechen, Mäßigung zu üben, hält die Branche an vielen Unsitten fest. So werden die Boni vieler Händler weiterhin am vorab kalkulierten Barwert der verkauften Finanzkonstrukte errechnet und ausbezahlt - statt abzuwarten, ob ein Derivat auch tatsächlich die erwarteten Gewinne in die Kasse spült. Noch immer erhalten manche Manager der zweiten und dritten Reihe auf diese Weise Millionengehälter, ohne für spätere Folgen ihrer Finanzakrobatik einstehen zu müssen.

Selbst die sogenannten Lock-up-Fristen, wonach ein Teil der Vergütung erst mit zwei oder drei Jahren Verzögerung ausgezahlt wird, erweisen sich oftmals als Augenwischerei. Viele potenziell gefährliche Produkte haben weitaus längere Laufzeiten und können auch erst nach fünf, sechs oder sieben Jahren ihre verheerende Wirkung entfalten.

Erhebliche Folgen für die reale Wirtschaft

So ist es kaum verwunderlich, dass die milliardenschweren Unfälle in den Handelssälen der Großbanken nicht abreißen. Den jüngsten Beinahe-GAU verursachte ein Londoner Händlerteam des US-Konzerns J. P. Morgan, dessen Arbitragegeschäfte dem Institut im ersten Halbjahr 2012 einen außerordentlichen Verlust von 4,4 Milliarden Dollar einbrockten.

Dabei galt ausgerechnet das Risikomanagement der Amerikaner in der Branche als vorbildlich; Bankchef Jamie Dimon (56) war lange Zeit einer derjenigen, die sich am lautesten gegen strengere Regulierung und für mehr Eigenkontrolle der Zunft aussprachen. Seine Londoner Truppe, intern "Chief Investment Office" (CIO) genannt, ließ er hingegen offenbar außerhalb der strengen hauseigenen Richtlinien arbeiten. Das CIO sei so etwas wie Dimons Hobby gewesen, sagt ein deutscher Topbanker, der den US-Konzernchef seit Jahren kennt.

Es sind solche Beispiele, die zeigen, dass es selbst für eine vergleichsweise versierte Aufsichtsbehörde wie die amerikanische SEC nahezu unmöglich ist, einen global aufgestellten Finanzkonzern wirksam zu kontrollieren. Zumal die Verwicklung fast aller namhaften Großbanken in den Skandal um die Manipulation von Zinssätzen belegt, dass die ebenso komplexen wie intransparenten Finanzinstitute verantwortungsloses Handeln und sogar kriminelle Machenschaften eher begünstigen als verhindern.

"Insbesondere die Libor-Affäre", sagt ein Topberater, werde "noch jede Menge Dreck hochspülen". Womöglich auch bei der Deutschen Bank, die bisher behauptet, in ihrem Haus seien nur einzelne Mitarbeiter unterer Hierarchiestufen in den Skandal involviert.

Erhebliche Folgen für die reale Wirtschaft

Tatsächlich trug der angeblich in die Zinsmanipulationen verwickelte frühere Londoner Deutsche-Bank-Händler Christian Bittar intern den Titel eines "Managing Director", im globalen Investmentbanking traditionell die höchste Führungsebene. Bittar, sagen Insider, habe als "Head of Money Market Interest Rates Derivatives" ein Team von rund 20 Experten angeführt.

Der Geldhändler, der heute im Genfer Büro des Hedgefonds BlueCrest arbeitet, soll bei der Deutschen Bank ein Jahresgehalt in zweistelliger Millionenhöhe kassiert haben. Bei seinem Abgang habe Bittar zudem einen millionenschweren Aufhebungsvertrag erhalten. Ein bemerkenswert üppiges Salär für einen Händler, der nach Darstellung der Bank eher ein kleines Licht war.

Die permanenten Skandale und Affären im Geldgewerbe haben inzwischen erhebliche Folgen für die reale Wirtschaft. Gerade mittelständischen Firmen ohne direkten Zugang zum Kapitalmarkt fällt es zunehmend schwer, langfristig angelegte Investitionsvorhaben zu finanzieren. Auch Währungsabsicherungen über mehrere Jahre seien kaum mehr möglich, berichtet ein deutscher Topbanker - es sei denn, das Unternehmen stelle massive Sicherheiten.

Entsprechend groß ist der Frust vieler Manager und Unternehmer über das Gebaren der Finanzbranche. "Hauptaufgabe der Banken ist es eigentlich, Geld auszuleihen und anzulegen", sagt Toralf Haag (46), Finanzvorstand des Schweizer Pharmakonzers Lonza. Stattdessen seien zwei Drittel des Geldgeschäfts mittlerweile dem spekulativen Bereich zuzuordnen. Diese Zockerei gehöre zu weiten Teilen schlichtweg verboten, ist Haag überzeugt, "so zum Beispiel der Derivatehandel ohne Gegengeschäft".

Gedanken über effizientes Regelwerk

Eine Ansicht, die auch ranghohe Bankenaufseher mittlerweile teilen. Zu lange haben Politik und Regulierer darauf gesetzt, das immer komplexere Bankensystem durch einen Wust neuer Regeln in den Griff zu bekommen. Ein Versuch, der heute als gescheitert gelten darf.

Konsterniert blicken die Kontrolleure auf Institute, die selbst für Vorstände nicht mehr zu überblicken sind und deren Risikoappetit ganze Volkswirtschaften in den Abgrund zu reißen vermag. Ihnen gegenüber steht ein Regelsystem, das auch mit gutem Willen kaum noch umzusetzen ist, geschweige denn zu überwachen.

Selbst wenn die Behörden rund um den Globus versuchen, die schlimmsten Fehler der Vergangenheit auszubügeln, bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als noch mehr Papier zu produzieren. Allein die neuen europäischen Kapital- und Liquiditätsvorschriften "CRD 4" umfassen mehr als 1300 Seiten. Hinzu kommen etliche im nationalen Alleingang verfasste Regelwerke wie die amerikanische "Volcker-Rule" zur Ausgrenzung des Eigenhandels oder das britische "Ringfencing"-Modell.

Was alle diese Aktenberge in der Praxis ausrichten könnten, bleibt fraglich. Deutlich wird das etwa an den sogenannten Resolution Regimes, die Banken künftig bei den europäischen Aufsehern hinterlegen sollen. Dabei handelt es sich um eine Art Testament, in dem die Geldhäuser eine Anleitung für ihre eigene Abwicklung liefern. Das Ziel: Dominoeffekte im Finanzsystem, wie sie durch den Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 ausgelöst wurden, zu verhindern.

Aufsicht, Kulturwandel und "die fehlenden 20 Prozent" Regulierung

Für Experten eine kühne Idee: "Eine Großbank besteht heute aus 1500 bis 4000 rechtlichen Einheiten - und in vielen davon sind sowohl gute als auch schlechte Teile enthalten", erklärt Philipp Härle, Bankenexperte bei der Beratung McKinsey in London. Die Banken müssten nun zeigen, dass die guten von den schlechten Teilen über ein Wochenende getrennt werden könnten. Gelingt dieser Beweis nicht, drohe die Zerschlagung des Universalbankenmodells, so Härle.

Statt weiter an den Details herumzuschrauben, fordern mittlerweile selbst Topbanker, müsse die Politik noch einmal grundsätzlich darüber nachdenken, wie ein effizientes Regelwerk aussehen kann. Eine Einsicht, die sich auch in den zuständigen Ministerien allmählich durchsetzt. Was im Berliner Regierungsviertel, derzeit diskutiert wird, hat jedenfalls das Potenzial, so manchem Topbanker gehörig die Laune zu verderben.

Drei Punkte haben die Verantwortlichen im Bundesfinanzministerium ausgemacht, die nun zügig angegangen werden sollen: eine schlagkräftigere Aufsicht, den Kulturwandel bei den Banken und, wie es in Ministeriumskreisen heißt, "die fehlenden 20 Prozent" der neuen Regulierung.

EU-Experten fordern Aufspaltung der Universalbanken

Vor allem Letzteres dürfte die gesamte Branche erschüttern. Bei den besagten 20 Prozent geht es um nichts Geringeres als um die künftige Struktur der großen Universalbanken und um die Frage, ob sie in ihrer bisherigen Form überhaupt noch fortbestehen sollen.

Die EU-Expertengruppe rund um den finnischen Zentralbank-Präsidenten Erkki Liikanen hat dazu Anfang Oktober eine eindeutige Empfehlung abgegeben: Sie fordert eine Aufspaltung von Banken in separate Einheiten wie Kundenabteilungen und Investmentsparten. Wenn große Geldhäuser wie etwa die Deutsche Bank mit mehr als 15 Prozent ihres Vermögens selbst Handel treiben, sollen sie das Investmentbanking rechtlich strikt vom Kredit- und Einlagengeschäft trennen müssen, so die Empfehlung der Liikanen-Gruppe.

Noch ist offen, ob die Empfehlungen Gesetz werden. Das Gremium gilt jedoch derzeit als die mit Abstand einflussreichste Instanz für die künftige Regulierung der europäischen Banken.

Gesetzt ist außerdem, dass die Bankenaufsicht gestärkt wird. Künftig soll die Europäische Zentralbank alle Banken der Euro-Zone überwachen. Und auch die deutsche Bafin wird ausgebaut.

Wie die Aufsicht gestärkt werden soll

So soll die Bafin nach dem Willen ihrer politischen Vorgesetzten in Zukunft nicht mehr jedem Bagatelldelikt einer kleinen Volksbank oder Sparkasse nachspüren. Stattdessen müssen vor allem die systemrelevanten Häuser wie Deutsche Bank und Commerzbank mit einer strengeren Kontrolle rechnen. Und mit härteren Sanktionen. Man werde wohl noch eine Reihe "exemplarischer Entscheidungen treffen müssen, auch beim Führungspersonal", heißt es in Berlin, im Klartext: Bankvorstände will man das Fürchten lehren.

Schließlich soll die Behörde an entscheidender Stelle auch den besagten Kulturwandel beschleunigen: Indem sie härter auf die Eignung der Topführungskräfte achtet. Ein Veto wie jüngst beim Londoner Investmentbanker William Broeksmit, den die Bafin als Risikovorstand der Deutschen Bank ablehnte, dürfte es demnächst häufiger geben.

Noch unerfreulicher könnte für viele Geldhäuser allerdings ein anderes Projekt ausfallen, das sich die Aufseher für die kommenden Monate vorgenommen haben: Sie wollen sich einen Teil der sogenannten Level-3-Assets in den Bilanzen der Institute genauer anschauen. Das sind Vermögensgegenstände, deren Wert nur auf der Grundlage von Modellen berechnet wird, die den Banken hohe Bewertungsspielräume lassen.

50 Billionen Dollar in Level-3-Assets - mit hohem Bewertungsspielraum

Fast 50 Billionen Dollar solcher Assets halten Banken weltweit in ihren Bilanzen. Die Aufseher wollen nun wissen, ob verschiedene Häuser vergleichbare Vermögensgegenstände auch ähnlich bewerten. Falls nicht, wird es Diskussions- und möglicherweise auch Abschreibungsbedarf geben.

Vielen langjährigen Branchenkennern allerdings geht selbst das noch nicht weit genug. Sogar ranghohe Banker empfehlen inzwischen hinter vorgehaltener Hand, einen Großteil der Bankgeschäfte schlicht zu verbieten. Das sogenannte Prime Brokerage, also das Geschäft mit Hedgefonds und anderen besonders risikofreudigen Investoren, gehört für Großbanken aus dieser Sicht ebenso untersagt wie ungedeckte Leerverkäufe, also Verkäufe von Finanzprodukten, die man gar nicht besitzt. "Die Aufseher könnten gewisse Finanzkonstrukte gar nicht erst zulassen", sagt Volker Baas, Experte für Bankenregulierung bei der Kanzlei Taylor Wessing.

Das alles hat freilich seinen Preis. "Die Kosten des Bankgeschäfts werden infolge der regulatorischen Maßnahmen deutlich steigen, und damit auch die Preise für die Kunden", ist Ulrich Schröder (60) überzeugt. Eine Alternative sehe er aber nicht, sagt der Chef der Staatsbank KfW.

Das hat man auch beim größten deutschen Institut erkannt und gibt sich geläutert. Man wolle beim notwendigen Wandel der Finanzindustrie an vorderster Stelle stehen, versicherte Co-Chef Anshu Jain Ende Juli in Frankfurt. Vor allem die Gehälter und Bonuszahlungen des Instituts wollen Jain und Fitschen von Grund auf verändern - nicht nur in der absoluten Höhe, sondern auch im Verhältnis zum Gewinn und zu den Dividenden der Bank.

Transparentes Vergütungssystem

Das Vergütungssystem, hat der neue Personalchef Stephan Leithner (46) intern vorgegeben, müsse einfacher und transparenter werden. Um den notwendigen Kulturwandel zu bewerkstelligen, will die Bank intensiv mit Kunden und Aktionären darüber sprechen, wo man sich ändern müsse. Die Geldmanager verweisen zudem darauf, dass ihre Branche ohnehin vor tief greifenden Umwälzungen stehe. Allein der deutsche Branchenprimus will in den nächsten Monaten knapp 2000 Mitarbeiter entlassen und die Kosten um drei Milliarden Euro senken.

Schon die bereits beschlossenen regulatorischen Verschärfungen dürften die Eigenkapitalrenditen im internationalen Investmentbanking zudem von 20 auf 7 Prozent zusammenschmelzen lassen, haben die Berater von McKinsey errechnet. Im Filialgeschäft erwarten die Experten einen Renditeknick von 10 auf 6 Prozent.

Umso heftiger versuchen die Banker, sich gegen zusätzliche Einschnitte zu wehren. Die Größe eines Instituts sei doch gar nicht das Problem, argumentieren sie, die Gefahren für die Stabilität des Finanzsystems rührten eher aus der Vernetzung der Banken untereinander.

Gedankenspiele mit dem Trennbankensystem

Und in der Vergangenheit seien es stets spezialisierte Geldhäuser wie die Münchener Immobilienbank HRE, der britische Baufinanzierer Northern Rock oder eben die reinrassige Investmentbank Lehman Brothers gewesen, die Probleme verursacht hätten. Universalbanken hingegen seien viel besser in der Lage, die Durststrecke eines Geschäftsfeldes durch die Erträge anderer Bereiche auszugleichen.

Das mag zwar stimmen, ändert aber nichts daran, dass die Komplexität und Intransparenz insbesondere der Großbanken Politik und Aufsichtsbehörden vor nahezu unlösbare Aufgaben stellt. Und gerade bei der Deutschen Bank scheint das Argument, die breite Aufstellung als Universalbank mache sie weniger krisenanfällig, kaum stichhaltig. "Die haben ihr Geld in den vergangenen Jahren doch nahezu ausschließlich im Investmentbanking verdient", sagt ein Ministerieller. Das Filialgeschäft könne man da ja wohl kaum als komfortablen Schutz bezeichnen.

Der verschärfte Tonfall ist den Bankmanagern nicht entgangen. Intern beschäftigen sich die Institute längst mit der Frage, wie sie eine per Gesetz verordnete Aufspaltung verkraften könnten.

Gedanken an ein Trennbankensystem

Deutsche-Bank-Vorstand Leithner, neben Personal auch für die Juristerei zuständig, hat bereits mehrere Szenarien durchrechnen lassen. Selbst im aus ihrer Sicht schlimmsten Fall hoffen die Deutschbanker allerdings darauf, dass Investmentbanking und Kreditgeschäft, auch wenn sie rechtlich voneinander getrennt werden müssten, unter dem Dach einer gemeinsamen Holding angesiedelt werden könnten.

Anderen fällt es offenbar leichter, sich mit dem Gedanken an ein Trennbankensystem anzufreunden. Bei der Commerzbank, berichten Insider, werde im Führungskreis mittlerweile relativ offen darüber diskutiert, ob es nicht Sinn ergeben könnte, voranzugehen und sich aus eigenem Antrieb vom Handelsgeschäft zu trennen. Allerdings trägt das Investmentbanking bei Frankfurts zweitgrößter Bank auch nur noch weniger als 10 Prozent zum operativen Ergebnis bei.

Mancher frühere Topbanker hat indes jedweden Glauben an die eigene Zunft verloren. Axel Wieandt (45) etwa, einst Chef der Pleitebank Hypo Real Estate und von einigen schon zum Nachfolger Josef Ackermanns an der Spitze der Deutschen Bank ausgerufen. Der wandte sich jüngst per E-Mail an einen Geschäftspartner.

Er wolle sich gern auf einen "Gedankenaustausch" treffen, notierte Wieandt. Überschrieben war seine Nachricht mit einem Hilferuf: "Suche nach einer Aufgabe außerhalb der Finanzbranche".

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