Energiemarkt Die glühreichen Sieben

Die von Angela Merkel angeschobene Energiewende droht aus dem Ruder zu laufen. Im Hintergrund versuchen sechs Männer und eine Frau, das Großprojekt noch zu retten.
Deutsches Kanzleramt: Energiegipfel wird zum Krisengipfel

Deutsches Kanzleramt: Energiegipfel wird zum Krisengipfel

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa


Berlin - Die Energiewende in Deutschland droht aus dem Ruder zu laufen. Die Energiepreise schießen in die Höhe. Deutschlands Industrie, die tragende Kraft des Aufschwungs, verliert an Wettbewerbskraft gegenüber jener Konkurrenz, die im Ausland zu niedrigeren Strompreisen produzieren könnte. Zugleich steigen die Lasten für die deutschen Verbraucher - Sozialverbände klagen.

Neue Impulse sind dringend nötig. Es wurde ja schon verdammt viel vermurkst. Immer noch ist kein Masterplan, kein Gesamtkonzept erkennbar, wie der Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2022 gelingen soll, wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird.

Ob bei Stromnetzen, Offshore-Windanlagen, Speichern oder Gaskraftwerken - überall stockt der Umbau. Auch weil der Marktmechanismus außer Kraft gesetzt wurde und ein Staatseingriff sofort den nächsten provoziert. Wie schwierig es ist, von einmal zugesagten Subventionen wieder herunterzukommen, zeigt die Posse um die Kürzung der Solarförderung. Bei der hierzulande unwirtschaftlichsten Form der Stromerzeugung waren zunächst drastische Einschnitte geplant, am Ende des Gezerres zwischen Bundesregierung und Bundesrat standen Einschnittchen.

Es herrscht ein System organisierter Verantwortungslosigkeit. Einzelwirtschaftliche Renditeinteressen werden bedient. Keiner fühlt sich mehr zuständig für die Versorgung als Ganzes.

Jedes Bundesland arbeitet an seiner eigenen Wende und richtet sich nach Meinungsumfragen aus wie eine Birke nach dem Nordseewind (Bayern und Niedersachsen stehen vor wichtigen Landtagswahlen). Kleingeist und Kleinstaaterei dominieren, dabei wirkt das deutsche Großvorhaben auch auf unsere Nachbarländer - der Strom kennt schließlich keine Grenzen. Das Problem harrt mithin einer gesamteuropäischen Lösung.

In dem Ausmaß, in dem die Strompreise steigen, sinkt die Akzeptanz der Energiewende. Ihr droht nicht nur das Teurer-später-Schicksal, das nahezu jedes Großprojekt ereilt. Die Frage ist, ob sie überhaupt noch zu schaffen ist.

Jetzt kommt es auf das letzte Aufgebot an. Auf die zentralen Figuren an den Schaltstellen der deutschen Energiewirtschaft, in Konzernen, Ministerien, Behörden und in der Justiz. Die glühreichen Sieben, die sollen es richten. Hier sind sie:

1. Arndt Neuhaus, der Frontmann, oder: das Problem Dezentralität

Ran an die Basis: RWE-Deutschland-Chef Arndt Neuhaus setzt auf Kooperationen und kommunale Nähe

Ran an die Basis: RWE-Deutschland-Chef Arndt Neuhaus setzt auf Kooperationen und kommunale Nähe

Foto: [M] Michael Dannenmann

Diese Wende findet auf dem Lande statt. In Bleialf zum Beispiel. Wo bitte?

In Rheinland-Pfalz, in der Eifel, Nähe Bitburg (genau: das Bier). Dort hat RWE  das Projekt Smart Country aufgesetzt. Ein sogenanntes intelligentes Stromverteilnetz. Gehirnschmalz ist in der Tat gefragt, wurden doch in der Region Trier bis Ende 2011 knapp 7500 neue Anlagen zur Stromerzeugung ans örtliche Verteilnetz angeschlossen, allesamt aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Fotovoltaik oder Biomasse. Macht rund 970 Megawatt Kapazität. Das Netz kann aber nur maximal 450 Megawatt verkraften.

So müssen sich die RWEler überlegen, wie sie ein Gleichgewicht herstellen. Etwa durch das Zusammenschalten mehrerer Erzeugungsanlagen oder einen neuen Mittelspannungsregler, der trotz schwankenden Grünstroms die Spannung stabil hält.

RWE-Deutschland-Chef Arndt Neuhaus (46) ist der Mann, der die dezentrale Energiewende dirigiert, die oft untergeht im großpolitischen Stimmengewirr. Rund eine Million Anlagen für erneuerbare Energien drängen mittlerweile ins Netz, mit Einspeisevorfahrtsschein. Ein Viertel befindet sich auf RWE-Terrain. Zwei Milliarden Euro pro Jahr steckt der Konzern in seine örtlichen Netze, bundesweit sind 20 bis 30 Milliarden Euro nötig, um sie fit zu machen.

Wenn die Wende so schnell vor sich ginge, wie Neuhaus denkt und spricht: no problem, Frau Merkel. Dem Mann traut man fixe Gedankensprünge auf den ersten Blick gar nicht zu. Er wirkt behäbig mit seinem Pausbackengesicht. Aber der Eindruck täuscht. Neuhaus hat Chemie studiert, bei McKinsey das Analytische adaptiert und kennt nach mehr als zehn Jahren in unterschiedlichsten Konzernfunktionen jede RWE-Ecke so gut wie die Putzkolonnen oder die Nachtpförtner.

Er ist zwar schon lange dabei, war aber nie an derart exponierter Stelle, dass ihm der Makel des starrköpfigen, unbeweglichen Energiedinos anhaftete.

Vielmehr gehört er zu jener Generation, die das neue RWE baut, wie der seit Juli amtierende Vorstandsvorsitzende Peter Terium (48) oder RWE-Innogy-Chef Hans Bünting (47), der die erneuerbaren Energien verantwortet.

Er stammt aus Oberhausen, sein Ruhrgebietsslang ("Wir probieren viel und kucken, wat dabei rauskommt") hilft ihm an der kommunalen Beziehungsfront. Städte und Stadtwerke sichern das Geschäft, gerade in solch schwierigen Zeiten. Weil bei RWE die Finanzmittel rar sind, überlässt man ihnen bei gemeinsamen Solar- oder Windparks gern die Mehrheit. "Wir nutzen so Geldquellen, die uns bisher verschlossen waren", sagt Neuhaus.

Neuhaus setzt auf Kooperation, nicht nur mit Kommunen, sondern auch mit völlig neuen Geschäftspartnern wie der Deutschen Telekom  oder den Autokonzernen. "Die Energiewende bedeutet nicht Groß gegen Klein, sondern Groß mit Klein, Etablierte mit Newcomern", schießt er mal eben längs über den Tisch.

Sie alle lockt die dezentrale Energieversorgung, das Geschäft mit Batteriespeichern, digitalen Stromzählern und Abrechnungssystemen. Neuhaus will sich einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen, investiert in Forschung und Entwicklung. In Teile wie den "autonomen Niederspannungsagenten", was eher wie eine moderne Variante des V-Manns klingt. In Wahrheit handelt es sich um einen Steuercomputer, der den Stromfluss regelt.

Was ist seine größte Herausforderung? "Dem Privatmann den Sinn energiesparender Investitionen zu vermitteln." Ohne mehr Energieeffizienz beim Stromverbrauch, da ist er sich sicher, werde die Wende scheitern. Und 40 Millionen Wohnimmobilien in Deutschland umzurüsten ginge nur, wenn das Energiesparen "convenient" sei, nicht nur etwas für Technikfreaks, sondern massenmarkttauglich. "Einzelne Maßnahmen dürfen höchstens 500 Euro kosten und müssen sich spätestens binnen zwei Jahren amortisieren." So lautet die Vorgabe des RWE-Managers an sich und seine Mannschaft. "Die Energiewende", sagt Neuhaus, "muss Spaß machen."

Er selbst verfährt längst nach dieser Devise. Probiert alles selbst aus. Mein Haus, meine Wärmepumpe, meine Zeitschaltuhr. Zu Weihnachten hat er sich das Starterpaket "Smart Home" gegönnt: Das Licht brennt nur, wenn jemand im Raum ist; öffnet er ein Fenster, stellt sich der Heizkörper ab.

Falls die Wende klappt, könnte Deutschland am Ende eines der modernsten Energiesysteme Europas haben. Denkt und hofft er. Wie gesagt: falls.

2. Peter Altmaier, der Kümmerer, oder: das Politproblem

Dauernd unter Strom: Bundesumweltminister Peter Altmaier soll die Wende mit vollem Dialogeinsatz steuern

Dauernd unter Strom: Bundesumweltminister Peter Altmaier soll die Wende mit vollem Dialogeinsatz steuern

Foto:

Marcus Brandt/ dpa

Eine harte Woche war es für den Bundesumweltminister. Viel Stress, viel Tristesse und auch ein bisschen Trauerarbeit. Montagnachmittag ein rappelvolles Abteil im ICE von Hamburg nach Berlin: Peter Altmaier (54) sitzt am (und im) Gang, sodass man sich an seiner Biomasse vorbeidrängen muss. Immerhin: Das schafft Nähe.

Eine Podiumsdiskussion um 17.15 Uhr über die Ergebnisse des Klimagipfels von Rio im Berliner Haus der Kulturen sagt er kurzfristig ab. Ein Subalterner namens Karsten Sach (Titel: Ministerialdirigent für internationale Zusammenarbeit) eilt herbei, um seinen Chef zu vertreten, ("Grüße des Ministers!") und steckt mannhaft die erwartbaren Prügel ein ob des konzertierten Gipfelversagens. Am Samstag, den 30. Juni, dann: Beerdigung der letzten saarländischen Steinkohlenzeche in Ensdorf, mit Festakt und klerikalem Trost ("Gottes Grubenlampe verlöscht nie"). Altmaier stammt aus Ensdorf, sein Vater war Bergmann. Das befähigt einen qua Herkunft zum Strukturwandel.

Der Mann, vormals parlamentarischer Geschäftsführer der CDU, ehedem EU-Beamter (zurzeit beurlaubt), soll für Angela Merkel die Energiewende politisch steuern. Exakt seit dem 22. Mai, als er den Problemverdränger Norbert Röttgen nach dessen Rauswurf ersetzte.

Seine besondere Stärke ist der Dialog, das Aufgreifen und charmante Widerlegen von Argumenten. Nicht das arrogante Abbürsten, wie Röttgen es pflegt. Im Grunde ist er Bundeskommunikationsminister. Der Sachen sagt wie: "Wenn wir es schaffen, die Energiewende umzusetzen und trotzdem wettbewerbsfähig zu bleiben, dann werden wir ein Modell für die Welt." Soll heißen: Wind und Sonne ja, aber es soll möglichst wenig kosten. Dumm nur: Das ist, derzeit jedenfalls, ein klassisches Dilemma.

Aber wenn einer ein solches auflösen kann, dann er. Der Mann mit den vielen Eigenschaften: Sprachgenie (er spricht sogar Holländisch), "Bild"-Liebling (in seiner kurzen Amtszeit wurde er schon zweimal in die Rubrik "Gewinner" gesetzt), Twitter-König, Berti-Vogts-Typ (weil er dorthin geht, wo es weh tut). Ein grundsolider, akribischer, uneitler, loyaler Aktenfresser - ein Merkel-Mann halt.

"Sie kann ihn problemlos in den Dschungel schicken", sagt ein Altmaier-Kenner. Beleg: Er musste den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff verteidigen, sich in nahezu jede (und es gab viele!) Talkshow setzen. Er hat die Nehmerqualität eines schwerfüßigen Boxers.

Viele neigen dazu, ihn zu unterschätzen. Weil er immer ein wenig wirkt wie Peter Ustinov als Detektiv Hercule Poirot (nur ohne Schnauzer). Man nimmt ihn erst wahr, wenn er die Täter schon überführt hat.

Es hilft ja alles nichts. Er braucht Kompetenz statt Korpulenz. Er ist zuständig für erneuerbare Energien und die Atomaufsicht, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler für den Rest, dem FDP-Mann untersteht die mächtige Bundesnetzagentur. Beide verstehen sich und arbeiten zumindest nicht gegeneinander - ein Fortschritt. Aber sie können wenig bewirken ohne die 16 Bundesländer, ein bisweilen irrationaler Haufen, der sich der irrigen Vorstellung von Energieautarkie hingibt.

Bis Ende des Jahres will Altmaier ein Gesamtkonzept vorlegen, einen "nationalen Konsens", der den künftigen Netzausbau, den Einsatz von Solar- oder Windkraft und den fälligen Zubau von Gaskraftwerken umfasst - ja, das wär's.

"Blockaden überwinden" will er, die Wirtschaft einbinden. Aber er muss jetzt auch liefern. Sonst bleibt seine Rolle auf das beschränkt, was ohnehin viele in Berlin mutmaßen: seiner Chefin bis zur Bundestagswahl den Rücken freizuhalten.

3. Mike Winkel, der Windmacher, oder: das Problem Erzeugung

Wer Wind sät: Eon-Renewables-Manager Mike Winkel soll Milliarden auf hoher See verbauen und dabei auf die Kosten schauen

Wer Wind sät: Eon-Renewables-Manager Mike Winkel soll Milliarden auf hoher See verbauen und dabei auf die Kosten schauen

Foto: dapd

Nicht nur Kohlekraftwerke, auch grüne Technologien provozieren so manchen Protest. Neulich soll es auf dem Grundstück eines Eon-Vorstands gar zu einem bewaffneten Konflikt gekommen sein. Als die Rasenmäher des Topmanagers, elektronisch programmiert, so vor sich hin knatterten, da holte der offenkundig geräuschsensible Nachbar die Flinte aus dem Keller und drückte ab. Zweimal noch zuckten die Dezibelmonster - dann herrschte Grabesstille auf dem Green.

Mit ähnlichen Widerständen, wenn auch weniger martialisch, hat Mike Winkel (41) zu kämpfen. Der aufgeweckte Jungmanager mit lichtem Haar leitet die Eon-Sparte erneuerbare Energien (Climate & Renewables). Seine Leute tragen die Hoffnungen des arg gebeutelten Konzerns, sie sind die Bugfiguren der Energiewende. Wenn Eon  grün werden soll, führt der Weg nur über Winkel.

Der Mann tritt in große Fußstapfen. Sein bestens beleumundeter Vorgänger Frank Mastiaux (48), der das Geschäft von null aufgebaut hat, wird ab Oktober als CEO den Konkurrenten EnBW  ökologisch neu ausrichten.

Für Winkel spricht: Er gehört im personell ausgedünnten Eon-Reich zum knappen Dutzend Führungskräfte, das vielseitig verwendbar ist. Und, vor allem: Er gilt als Vertrauter des Konzernchefs Johannes Teyssen (52), seit gemeinsamen Tagen bei der Münchener Tochter Eon Energie.

Er kommt aus dem Stab, hat sich anfangs um Energiemarktprognosen gekümmert, dann bei Eon in Russland erste operative Erfahrungen gesammelt. In das Geschäft mit Wind, Sonne und Wasser musste sich der Neubrandenburger erst hineinfuchsen.

In Deutschland setzt Eon vor allem auf Offshore-Windkraft, weit draußen auf hoher See. Eine Milliarde Euro etwa soll Winkel im Windpark Amrumbank West, 35 Kilometer nördlich von Helgoland, verbauen. Ab 2015 könnte die Anlage 288 Megawatt Strom liefern, mehr als alle deutschen Onshore-Eon-Standorte zusammen.

Doch die Chose ist diffizil. Man braucht spezielle Fertigungsschiffe, die Bodenbeschaffenheit bereitet Probleme. Kurzum: Eon befindet sich beim Thema Offshore-Wind noch am Anfang jener berüchtigten Lernkurve, die es rasch zu durchschreiten gilt.

Bis 2015, so Teyssens Befehl an Winkel, sollen die Installationskosten um 40 Prozent gesenkt werden.

Derweil sucht Winkels französischer Climate&Renewables-Kollege Hervé Touati (52), ein ehemaliger McKinsey-Berater, für den Konzernvorstand nach neuen Geschäftsmodellen. Ob selbstfahrende Rasenmäher einmal in den Produktkatalog aufgenommen werden, das lässt sich noch nicht mit Gewissheit ausschließen.

4. Jochen Homann, der Vollstrecker, oder: das Problem Regulierung

Bloß kein Blackout: Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, hat die Zentralgewalt über das Netz

Bloß kein Blackout: Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, hat die Zentralgewalt über das Netz

Foto: Thierry Monasse/ dpa

Er wirkt etwas hölzern neben der Bundeskanzlerin bei deren Besuch am 29. Mai, hat die Hände vor dem Bauch verschränkt. Eine typische Randfigur, der Staatsdiener Jochen Homann (58), seit März Chef der wirkmächtigen Behörde, die sich Bundesnetzagentur nennt. Und die im Zentrum der Energiewende steht.

Aber es geht einem mit ihm wie mit dem neuen Bundesumweltminister: Man unterschätzt ihn leicht. Homann, ein Niedersachse aus Rotenburg (an der Wümme), tritt leise auf, hinterlässt aber oft eine tiefe Fährte.

Gern, so viel Selbstbewusstsein darf sein, stellt er die wachsende Bedeutung seiner Behörde (2500 Mitarbeiter) heraus. Netzentwicklungsplan (wird überarbeitet), Bundesbedarfsplan (folgt) - das ist seine Welt. Er überwacht den Fernleitungsausbau, kontrolliert die Netzbetreiber. Die Planungshoheit über die Ländergrenzen überschreitenden Stromautobahnen strebt er an. Darüber wird verhandelt, im zweiten Halbjahr werden die Bundesländer wohl zustimmen.

200 zusätzliche Stellen haben ihm die Politiker für 2012 genehmigt; für 2013 plant er noch einmal so viel Zuwachs. Neue Professionen braucht er auch; um Denkmalpflege etwa hatte sich bislang noch kein Agenturmann gekümmert.

Wird er hinkriegen. Homann gilt als taktisch versiert, kennt die Energie-Pappenheimer aus seiner Staatssekretärszeit im Bundeswirtschaftsministerium. Damals hat er auch die schwierigen Opel-Verhandlungen für die Bundesregierung geleitet.

Der Volkswirt ist flexibel genug, um die seinem Amt innewohnende Balance zu schaffen: zwischen Verbraucherschutz und Investitionsanreizen für die Energiewende.

Mit Kritik, die so gewiss kommen wird, wie die nächste Stromrechnung, kann er umgehen. Lang genug ist er im politischen Geschäft (30 Jahre) und weiß, wo ein Hinterhalt lauert.

Um jeden Preis muss er verhindern, dass es im Winter zu Stromausfällen kommt. Der erzeugungsarme Süden der Republik ist besonders gefährdet. Das rheinische Bonn, Sitz der Bundesnetzagentur, liegt nördlich genug.

Homann: "Auch wenn wir in München beheimatet wären, hätte ich keine Angst vor einem Blackout."

5. Lex Hartman, der Kapitalsucher, oder: das Problem Finanzierung

Wer suchet, der findet: Tennet-Manager Lex Hartman braucht dringend finanzstarke Investoren

Wer suchet, der findet: Tennet-Manager Lex Hartman braucht dringend finanzstarke Investoren

Was er als Erstes tun wolle, wenn er Angela Merkel wäre, hat man Lex Hartman (55) neulich, so im Spaß, gefragt. "Ich würde verbieten, Schwarzer Peter zu spielen." Sagte der freundliche Holländer, als Cheflobbyist und Chefkommunikator das Gesicht des niederländischen Netzbetreibers Tennet in Deutschland. Laut lacht er auf, wenn er diese Episode erzählt, lehnt sich in seinem blauen Nadelstreifenanzug in den Hotelsessel zurück und zeigt der Energiewelt: "Ich habe gute Laune." Trotz allem.

Hartman und sein Unternehmen sind unversehens in die Buhmannrolle geschlüpft. Die Staatsfirma Tennet hat Eon vor anderthalb Jahren dessen Stromnetz abgekauft. Das größte, das schwierigste Stück, das auch die Nordseeküste einschließt - und das ist Hartmans Problem. Denn dort sind die meisten deutschen Offshore-Windparks geplant, die zentrale Säule der Energiewende. Tennet ist gesetzlich verpflichtet, diese Anlagen binnen 30 Monaten ans Netz anzuschließen. Schafft die Firma aber nicht, etwa beim Projekt Nordsee Ost. Dort ist der Bauherr RWE mittlerweile 15 Monate in Verzug. Für die Essener ist klar, wer die Schuld trägt: Tennet.

Hartman hat eine Anzeigenkampagne geschaltet ("Wir transportieren die neuen Energien"), will den Vorwurf kontern: "Ihr macht ja nichts." Als er den Eon-Deal perfekt machte, war von einer Milliarde Euro Offshore-Investitionen in zehn Jahren die Rede. Jetzt ist man schon fast bei sechs Milliarden. Alles in allem, neue Stromtrassen auf dem Land inklusive, könnte Tennet die deutsche Energiewende mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Ein bisschen viel für ein Unternehmen, das nur eine Milliarde Euro wert ist.

Haben Sie sich übernommen, Herr Hartman? "Nein, aber Deutschland will zu viel auf einmal."

Er weiß, er muss dringend neue Investoren einbinden. Eine Netz AG aller vier Stromnetzbetreiber in Deutschland wollen die Konkurrenten nicht. Hartman spricht deshalb mit dem Bundeswirtschaftsminister über eine Kapitalbeteiligung der staatseigenen KfW. Wer auch immer einsteigt, innerhalb weniger Monate, so Hartman, sollte es entschieden sein.

So richtig zerknirscht wirkt er nicht, den Mann wirft so leicht nichts um. Er war früher Anwalt, hat Eheverträge ausgehandelt und Kleinkriminelle verteidigt. Eine gute Schule fürs Leben. "Man braucht einen langen Atem in der Juristerei", sagt er.

Das gilt für die Lobbyarbeit in Berlin erst recht. Lange hatte er darum gekämpft, dass den Investoren das Haftungsrisiko bei Verzögerungen oder technischen Pannen abgenommen wird. Mittlerweile ist klar: Auch das zahlt der Stromkunde (so viel zu der Frage, wer am Ende immer den Schwarzen Peter hat).

Die Bundesregierung will zudem einen Offshore-Entwicklungsplan vorlegen, um den ungebremsten Zubau auf hoher See zu stoppen. Normalerweise, sagt Hartman, sei es ja so: Man fange ein Projekt an, gucke, wie es werde, und dann folge das nächste. Derzeit würden sieben Windparks gleichzeitig in Angriff genommen: "Wenn ein Designfehler auftritt, dann mehrmals, vielleicht gleich siebenmal."

6. Michael Süß, der Kraftwerker, oder: das Problem Technologie

Mit der Drahtbürste: Siemens-Energievorstand Michael süß darf wieder sanieren

Mit der Drahtbürste: Siemens-Energievorstand Michael süß darf wieder sanieren

Foto: Siemens AG

Bei Siemens  muss mal wieder richtig aufgeräumt, mit der Drahtbürste gekämmt werden. Der Konzern baut die Umspannplattformen für Windparks in der Nordsee. Wenn die nicht funktionieren, kommt der Strom gar nicht erst an Land, verebbt die Energiewende im Watt.

Im Moment klappt noch nicht viel: falsch aufgesetzte Projekte, zu hohe Risiken, technische Probleme. Eine halbe Milliarde Euro wurde bereits vor der deutschen Küste versenkt. Der Chef der Sparte Stromübertragung musste gehen. Seit Mai führt Karlheinz Springer (52) die Geschäfte.

Den hat Michael Süß (48) dort platziert, Energievorstand des Konzerns. Ein Begriff, der Ressort und Person gleichermaßen treffend umschreibt. Der kernige Bayer hat schon das malade Kraftwerksbusiness saniert, dass es nur so rumste.

Wegbegleiter schätzen an ihm die "ungewöhnliche Mischung": "Den unternehmerischen Verstand eines Mittelständlers und das Denken im Großkonzernformat." Er hat das, was bei Siemens selten geworden ist: die Liebe zum Produkt. Maschinenbau hat er gelernt, bei BMW in der Gießerei angefangen. Süß versteht sich denn auch gut mit seinem Chef Peter Löscher (54), der irgendwie ahnt, dass jener zur raren Managerspezies gehört, die noch für etwas brennt.

Seine Untergebenen haben stets den Feuerlöscher zur Hand. Als "patriarchalisch" bezeichnen Wohlmeinende seinen Führungsstil. Er kann frei aufspielen, seit dem MTU-Börsengang (dort war er Produktionsvorstand) ist seine Rente sicher.

Bei anderen sieht es weniger gut aus. Knapp 500 Stellen sollen in der Stromübertragungssparte wegfallen, fürs Erste.

7. Marion Eckertz-Höfer, die Rechtsauslegerin, oder: das Gerichtsproblem

Auf der Prozesswelle: Marion Eckertz-Höfer, Chefin des Bundesverwaltungsgerichts, urteilt über den Protest

Auf der Prozesswelle: Marion Eckertz-Höfer, Chefin des Bundesverwaltungsgerichts, urteilt über den Protest

Foto: DPA

Sie schaut ein wenig streng über ihre Lesebrille. Als wolle sie ein Geständnis herbeigucken. Marion Eckertz-Höfer (63), die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts, ist nun mal Juristin, der Ausbildung und der Seele nach.

Sie hat schon vieles durchgemacht (arbeitete im schleswig-holsteinischen Frauenministerium), viel geschrieben ("Vom guten Richter", "Ist Justitia eine Frau?") und über vieles geurteilt. 1655 Verfahren landeten allein 2011 auf den Tischen der 56 Richter in Leipzig.

Auch in diesem Jahr muss über einige knifflige Rechtsfragen entschieden werden: über Ausgleichsleistungen für Erben eines Wehrmachtsrichters, die Kostenübernahme für heilpädagogisches Reiten bei Schulkindern, die Wirksamkeit einer Kirchenaustrittserklärung.

Das Brisante kommt aber erst noch. Eckertz-Höfer erwartet eine Klagewelle gegen den Netzausbau - immer diese Wutbürger. Um den Gerichtsweg abzukürzen, sollen die Trassenprozesse erst- und letztinstanzlich vor dem Bundesverwaltungsgericht verhandelt werden. Da kommt viel Arbeit auf sie zu.

Eigentlich, diese Ahnung befällt sie schon länger, braucht sie mehr Personal, hier, am Ende der Realisierungskette der Energiewende. Eine zusätzliche Richterstelle mindestens. Die ist auch im Haushalt drin, aber seit Jahren unbesetzt.

Scheitert das Jahrhundertprojekt letztlich an fehlenden Robenträgern?

Fazit: neues Geschäft, neue Manager

Wie sieht er aus, der ideale Energiewendemanager in Wirtschaft und Politik? Was muss er können?

Personalberater haben für manager magazin ein Anforderungsprofil skizziert. Danach sind Pragmatiker und Realisten gefragt; Visionen kann man sich im Zweifel einkaufen, an der Uni oder beim Unternehmensberater.

In Berlin ist mehr volkswirtschaftliche Expertise angesagt. An verantwortlicher Position in den Unternehmen reicht Branchenkenntnis allein nicht mehr aus. Man braucht Leute, die einen tief greifenden Strukturwandel schon mal erlebt und erlitten haben.

Die Leute an der Spitze müssen gesellschaftspolitische Belange stärker berücksichtigen, den Anschein vermitteln, als ob nur noch nebenbei Geld verdient würde. Glaubwürdigkeit nach innen und außen ist ein Muss. Neue Köpfe tun sich da leichter. "Wer die vielen Wandlungen in der Energiezunft mitgemacht hat, dem traut man zu, dass er auch noch den nächsten Purzelbaum schlägt", sagt ein Personalberater.

Die Jungs (und wenigen Mädels) müssen schnell sein. Sonst kommt die Angelegenheit noch teurer. Die Investitionskosten (bis 2022) werden auf mindestens 140 Milliarden Euro geschätzt (siehe Kasten "Teure Sonne" links) , die Solarförderung (mehr als 100 Milliarden) exklusive.

Angela Merkel weiß: Mit der Euro-Krise, die den gesamten Erdball erschüttert, kann die Opposition bei den Bundestagswahlen im kommenden Jahr kaum punkten, mit einer vergeigten nationalen Energiewende schon.

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