Freitag, 22. November 2019

Michael Otto Der Ottone

Laureat der Hall of Fame 2012: Händler Michael Otto
Jan Riephoff
Laureat der Hall of Fame 2012: Händler Michael Otto

Michael Otto schleift Grenzen. Dem ehemals allzu deutschen Händler verschaffte er ein Weltreich - und eine neue Heimat im Internet. Ein neues Profil gewann auch der Konzernchef selbst: als Umweltaktivist.

In Gedanken reitet Michael Otto (69) immer noch über die Steppen der Mongolei. Begleitet die Karawane mit seinem Pferd, hilft abends beim Aufbau der Jurten, morgens beim Beladen der Kamele. Staunt, wie pfleglich die Nomaden mit der Natur umgehen. Wenn sie eine wilde Zwiebel aus der Erde ziehen, trennen sie gleich den Samen ab und stecken ihn in den Boden, damit etwas nachwächst. Wenn sie sich an einem Fluss waschen, schöpfen sie das Wasser nur und säubern sich an Land. Es könnte ja stromabwärts jemand aus dem Fluss trinken wollen.

Michael Otto gerät ins Schwärmen, wenn er von seinen gelegentlichen Expeditionen berichtet. Immer wieder zieht es ihn in entlegene Landstriche, wo er auf urwüchsige Natur trifft. Und auf Menschen, die im Einklang mit ihrer Umwelt leben.

In Afrika kam er mit Buschmännern in Kontakt. "Es ist sensationell", staunt Otto, "wie sie es verstehen, in extremer Dürre zu überleben." In Chile traf er auf einen Indio, der wie ein Einsiedler hauste. Eine magische Gelassenheit ging von ihm aus. "Ich liebe solche Reisen", bekennt Otto, "man lernt so viel und kommt wieder richtig auf den Boden."

Es steckt wohl mehr in diesen Touren, als ein Ausgleich zu einem eiligen Alltag. So exotisch die Welten sind, die Otto in der Ferne kennenlernt - sie haben viel mit ihm zu tun. Im Archaischen spiegelt sich sein eigenes Dasein.

Überleben in feindlicher Umgebung - genau darum musste Otto als Versandhändler kämpfen. Quelle ist untergegangen, Neckermann nur noch ein Schatten alter Tage. Otto aber lebt, pumperlgesund.

Bewahren für die nächste Generation - von nichts ist Michael Otto mehr beseelt als dem Erhalt des Unternehmens für die Familie. Was sein Vater Werner Otto gründete, soll auch an seine Kinder übergehen.

Schutz der Natur - kaum ein deutscher Unternehmer setzt sich schon so lange und so leidenschaftlich für den Umweltschutz ein wie er.

Nur die Ruhe des einfachen Lebens will sich auf ihn nicht übertragen. Otto könnte kürzertreten. 2007 hat er den Chefposten gegen den Vorsitz des Aufsichtsrats eingetauscht. Und arbeitet, einschließlich der vielen Ehrenämter, doch so viel wie ein Topmanager.

Er spricht auffallend schnell. Das allerdings nicht allein aus Hast, sondern aus Begeisterung und einer speziellen Höflichkeit. Keiner soll bei ihm lange auf Antworten warten.

Immerhin: Der groß gewachsene Herr mit dem hellen, vollen Haar wirkt gelöst. Er sei lockerer geworden, sagen Weggefährten. Die Bürde seiner Aufgabe ist ihm leichter geworden.

Er hatte kein Wahl. Michael Otto war für seinen Vater der selbstverständliche Nachfolger. Schon als Knirps stapfte er mit ihm über die Felder, um im Norden Hamburgs ein Gelände für eine kleine Schuhfabrik zu suchen. Aus der Schuhfabrik wurde bald ein Schuhversand, aus dem Schuhversand der Alleshändler von heute. Als Schüler jobbte der Junior in der Packerei. Zu Weihnachten hielt er die Ansprache an die Mitarbeiterkinder, eine Pein für den Jungen, "aber mein Vater bestand darauf".

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