Michael Otto Der Ottone

Michael Otto schleift Grenzen. Dem ehemals allzu deutschen Händler verschaffte er ein Weltreich - und eine neue Heimat im Internet. Ein neues Profil gewann auch der Konzernchef selbst: als Umweltaktivist.
Laureat der Hall of Fame 2012: Händler Michael Otto

Laureat der Hall of Fame 2012: Händler Michael Otto

Foto: Jan Riephoff

In Gedanken reitet Michael Otto (69) immer noch über die Steppen der Mongolei. Begleitet die Karawane mit seinem Pferd, hilft abends beim Aufbau der Jurten, morgens beim Beladen der Kamele. Staunt, wie pfleglich die Nomaden mit der Natur umgehen. Wenn sie eine wilde Zwiebel aus der Erde ziehen, trennen sie gleich den Samen ab und stecken ihn in den Boden, damit etwas nachwächst. Wenn sie sich an einem Fluss waschen, schöpfen sie das Wasser nur und säubern sich an Land. Es könnte ja stromabwärts jemand aus dem Fluss trinken wollen.

Michael Otto gerät ins Schwärmen, wenn er von seinen gelegentlichen Expeditionen berichtet. Immer wieder zieht es ihn in entlegene Landstriche, wo er auf urwüchsige Natur trifft. Und auf Menschen, die im Einklang mit ihrer Umwelt leben.

In Afrika kam er mit Buschmännern in Kontakt. "Es ist sensationell", staunt Otto, "wie sie es verstehen, in extremer Dürre zu überleben." In Chile traf er auf einen Indio, der wie ein Einsiedler hauste. Eine magische Gelassenheit ging von ihm aus. "Ich liebe solche Reisen", bekennt Otto, "man lernt so viel und kommt wieder richtig auf den Boden."

Es steckt wohl mehr in diesen Touren, als ein Ausgleich zu einem eiligen Alltag. So exotisch die Welten sind, die Otto in der Ferne kennenlernt - sie haben viel mit ihm zu tun. Im Archaischen spiegelt sich sein eigenes Dasein.

Überleben in feindlicher Umgebung - genau darum musste Otto als Versandhändler kämpfen. Quelle ist untergegangen, Neckermann nur noch ein Schatten alter Tage. Otto aber lebt, pumperlgesund.

Bewahren für die nächste Generation - von nichts ist Michael Otto mehr beseelt als dem Erhalt des Unternehmens für die Familie. Was sein Vater Werner Otto gründete, soll auch an seine Kinder übergehen.

Schutz der Natur - kaum ein deutscher Unternehmer setzt sich schon so lange und so leidenschaftlich für den Umweltschutz ein wie er.

Nur die Ruhe des einfachen Lebens will sich auf ihn nicht übertragen. Otto könnte kürzertreten. 2007 hat er den Chefposten gegen den Vorsitz des Aufsichtsrats eingetauscht. Und arbeitet, einschließlich der vielen Ehrenämter, doch so viel wie ein Topmanager.

Er spricht auffallend schnell. Das allerdings nicht allein aus Hast, sondern aus Begeisterung und einer speziellen Höflichkeit. Keiner soll bei ihm lange auf Antworten warten.

Immerhin: Der groß gewachsene Herr mit dem hellen, vollen Haar wirkt gelöst. Er sei lockerer geworden, sagen Weggefährten. Die Bürde seiner Aufgabe ist ihm leichter geworden.

Er hatte kein Wahl. Michael Otto war für seinen Vater der selbstverständliche Nachfolger. Schon als Knirps stapfte er mit ihm über die Felder, um im Norden Hamburgs ein Gelände für eine kleine Schuhfabrik zu suchen. Aus der Schuhfabrik wurde bald ein Schuhversand, aus dem Schuhversand der Alleshändler von heute. Als Schüler jobbte der Junior in der Packerei. Zu Weihnachten hielt er die Ansprache an die Mitarbeiterkinder, eine Pein für den Jungen, "aber mein Vater bestand darauf".

Der Reformer

Zum Abitur wurde der Kronprinz doch noch schwankend. Ein Medizinstudium hätte ihn gereizt. Er entschied sich für das Unternehmen - nach einer gründlichen Ausbildung. Der Vater hätte ihn ja am liebsten gleich dabehalten.

Er ging nach München in eine Banklehre, studierte dann Volkswirtschaft und promovierte. Nebenher makelte der angehende Versandhändler geschickt mit Immobilien, was nicht nur seinem Portemonnaie bekam. "Ich stand auf eigenen Beinen", blickt Otto zurück, "das war wichtig für meinen Abnabelungsprozess."

Mit 28 kehrte er zurück. Der Vater hatte zuvor schon Platz gemacht und war in den Beirat gewechselt. Die Geschäfte führte ein angestellter Manager, der junge Doktor übernahm unter ihm den Textileinkauf. Ein Schlüsselressort. "Wenn ich hier versagt hätte", gesteht er, "wäre es mit meiner Karriere schnell vorbei gewesen."

Der Neue fiel bald als Reformer auf. Er trennte den Einkauf: in den kreativen Part - die Auswahl der Artikel - und die kaufmännische Seite. Die Maßnahme fruchtete. Otto durfte bleiben.

Mit 38 rückte er an die Spitze. Ein glatter Übergang in einem erfolgreichen Unternehmen, so schien es. Tatsächlich stand der Otto-Versand wohl weniger gut da als vermutet. Das Geschäft warf zu wenig ab. Um Kapital lockerzumachen, hatte schon Werner Otto die Hälfte der Anteile an vermögende Familien verkauft. International machte Otto wenig her, alles hing am deutschen Markt.

Der neue Chef ging die Schwächen sofort an. Er kaufte im Ausland zu, gründete Ableger, erschloss den Ottonen ein Weltreich, das heute 21 Länder umfasst, von Japan bis Brasilien. Nicht jede Akquisition ging auf. In den USA leistete er sich einen regelrechten Flop. Nach dem Zusammenbruch der Versandtochter Spiegel gab es heftige Gefechte mit Anwälten und der Börsenaufsicht. Ans Ziel kam Otto trotzdem: Bald die Hälfte des Umsatzes stammt heute aus dem Ausland.

Parallel trieb der junge Chef die überfällige Spezialisierung voran. Der Normalverbraucher, der passenderweise Otto hieß, war der Musterkunde der Nachkriegszeit. Ein Modell von gestern, abgelöst vom geschmäcklerischen Konsumenten der Neuzeit. Michael Otto schuf Angebote für jede Zielgruppe - für preisbewusste Junge (Bonprix), solvente Ältere (Witt Weiden), die Agilen (Sport Scheck), die Nostalgiker (Manufactum) und diverse mehr. 123 Unternehmen zählt die Otto Group heute, darunter auch Servicegesellschaften wie der Logistiker Hermes. Otto, der Erbe, vervierfachte den Umsatz auf 11,6 Milliarden Euro - und miniaturisierte den alten Otto Versand fast zum Beiwerk; nur noch 17 Prozent der Einnahmen kommen durch ihn.

Der Umweltaktivist

Ein neues Profil gewann auch der Konzernchef selbst: als Umweltaktivist. Schon in den 70er Jahren hatte ihn der apokalyptische Bericht des Club of Rome zum Nachdenken gebracht. "Ich fand allerdings, beim Nachdenken durfte es nicht bleiben."

Er warf Ökofrevel wie Pelze oder giftige Lacke aus dem Sortiment, erhob Umweltschutz zum Unternehmensziel und legte zahlreiche Initiativen auf. Seine eigene Stiftung etwa nimmt Gewässer in Schutz, und das recht handfest. So kämpfte er dafür, dass der Mittellauf der Elbe nicht zur Wasser-Magistrale ausgebaut wird.

Otto ist Multi-Mäzen für Kunst, Kultur, Sport und Wissenschaft. Die Sorge ums Gemeinwohl wirkt echt. Denn er engagiert sich auch dort, wo weder Applaus noch Sektempfänge zu erwarten sind.

Als vor drei Jahren in Hamburg der Streit um das richtige Schulsystem eskalierte, stellte der Bekenntnis-Hanseat sich als Vermittler zur Verfügung. Weit über hundert Gespräche führte er, erlebte dabei manch erregte Debatte, Anfeindungen, verbohrte Monologe. Der Moderator kam einem Kompromiss nahe, aber nicht nahe genug. Der Streit mündete in einen Bürgerentscheid, mit Siegern und Verlierern.

Otto sieht trotzdem einen Lohn. Die Debatte habe viele wertvolle Reformen angestoßen, etwa kleinere Klassen und den Aufbau von Ganztagsschulen. "Irgendwas", resümiert er seine tapfere Mission, "bringt es dann doch immer."

Uneingeschränkt erfolgreich scheint hingegen sein Mittlerwesen in der Familie. Auch hier hat Michael Otto die Nachfolge seines Vaters angetreten, bindet die fünf Kinder Werner Ottos wie ein heimliches Oberhaupt. Obwohl die Geschwister aus drei Ehen stammen und große Altersabstände zwischen ihnen liegen, stehen sie zusammen. Von Rivalitäten keine Spur, zumal alle eigenen Geschäften nachgehen. Ingvild Goetz (71) etwa, Michael Ottos große Schwester, betreibt in München ein Kunstmuseum. Alexander Otto (44) führt die Einkaufscenter-Gesellschaft ECE, die unabhängig von der Handelsgruppe Otto arbeitet. Die Mehrheit am Stammhaus hält Michael Otto. Mit Minderheitsanteilen indes sind alle Geschwister dabei - und profitieren von seiner Weitsicht.

Schon Ende der 80er Jahre experimentierte er mit interaktivem Fernsehen als Verkaufskanal. Ein teures, umständliches Medium, wie der erste Feldversuch zeigte. Als das Internet aufkam, empfand Otto es nicht als Gefahr, sondern als Befreiung: "Das ist die preiswerte Alternative!" Heute ist Otto der weltweit zweitgrößte Online-Händler nach Amazon.

Die virtuelle Wirtschaft kommt Ottos Drang nach Entdeckungen entgegen. Begeistert geht er mit seinen IT-Leuten auf Tour, besucht die jungen Pioniere und Bastler der Szene, spürt nach Inspiration und lohnenden Zukäufen. Auch so eine Lockerungsübung. Mit den steifen Sitten der alten Händlergarde jedenfalls ist im E-Commerce nichts zu gewinnen.

Das elektronische Gewerbe verbindet ihn zudem angenehm mit seinem Sohn Benjamin (37). Der machte es wie sein Vater, gründete erst einmal selbst ein Geschäft und rüstet heute mit 90 Mitarbeitern ganze Fußballstadien mit Videowänden und Soundanlagen aus. Der Managementeinstieg bei einer Firma des Otto-Reichs steht ihm offen, und er wird wohl auch kommen.

Einstweilen genießt der Vater sein Finale im Unternehmen. Wie sehr er am Mitreden und Gestalten hängt, mag man an einem Regelbruch erkennen. Eigentlich gilt bei Otto für Vorstände eine Altersgrenze von 60 Jahren. Der Chef und Haupteigner machte ungerührt bis 64 weiter. Es gab wohl noch zu viel zu regeln. Den letzten, sehnlichsten Erfolg schaffte er trotzdem erst als Aufsichtsratschef. Ende 2007 kaufte er die letzten außenstehenden Anteile zurück. Otto gehört wieder Otto. Nachhaltig.

Laudator Franz Fehrenbach über Michael Otto: Aus der Lobrede des Bosch-Chefs

Laudator Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung von Robert Bosch, bei seiner Rede für Michael Otto

Laudator Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung von Robert Bosch, bei seiner Rede für Michael Otto

Foto: Bert Bostelmann

"Michael Otto ist nicht nur der große Sohn eines großen Vaters, unter dessen Ägide das ererbte Versandhaus zu einem der größten Versandhändler der Welt aufstieg; vielmehr hat er früh in allen Facetten vorgedacht und vorgemacht, wie sich erfolgreiches Unternehmertum und Nachhaltigkeit vertragen und zugleich sogar bedingen."

"Immer wieder war er der Zeit voraus: Verankerung der Umwelt- und Sozialpolitik in der Unternehmensstrategie 1986; der Code of Conduct 1997, mit dem er im eigenen Haus den Pflichtenkatalog des Global Compact vorweggenommen hat, jenen weltweiten Pakt, der zwischen Unternehmen und der Uno geschlossen wird, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten."

"Sie haben das Verbot der Kinderarbeit und anderer unsozialer Arbeitsbedingungen bei Ihren Abertausend Lieferanten nie nur gefordert, Sie lassen es durch Social Officers auch überprüfen. Und als vor einigen Jahren ein kritischer Bericht über Kinderarbeit in Indien erschien, war das für Sie Anlass, die Kontrollen nochmals zu verschärfen."

"In voller Absicht sind viele Ihrer Projekte gerade in sozialen Brennpunkten angesiedelt. Cotton made in Africa zum Beispiel. Initiiert von Ihrer Aid by Trade Foundation. Mehr als 200.000 afrikanische Kleinbauern werden in die Lage versetzt, effizient und pestizidarm Baumwolle anzubauen und den Absatz durch eine internationale Nachfrageallianz zu sichern. Das ist eine einzigartige Hilfe zur Selbsthilfe."

"Sie sind nicht nur Vorbild. Sie sind Innovationsführer in Sachen Nachhaltigkeit. Ich gratuliere Ihnen auch im Namen meines Unternehmens ganz herzlich zu Ihrer Aufnahme in die Hall of Fame. Robert Bosch hätte Otto auch gut gefunden."

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