Hall of Fame Götz Werner, der Detailist

Götz Werner ist zum Drogeriekönig aufgestiegen, obwohl er die rauen Methoden im Einzelhandel verachtet. Oder vielmehr: gerade deswegen.
Laureat der Hall of Fame 2012: dm-Gründer Götz Werner

Laureat der Hall of Fame 2012: dm-Gründer Götz Werner

Foto: Andreas Pohlmann

Dass Götz Werner kein gewöhnlicher Kaufmann ist, bleibt nie lange verborgen. Erich Harsch (50), sein Geschäftsführer, hat es spätestens bei der ersten gemeinsamen Dienstreise gemerkt. Er war mit Werner in der Pfalz unterwegs, ein paar Filialen inspizieren. In Landau stürmte Harsch gleich zum Eingang, trat durch die Tür, war schon drin - und merkte, dass sein Chef zurückgeblieben war. Der stand draußen, auf der anderen Straßenseite. Harsch schlich zurück. "Es kommt auf die unbefangene Wahrnehmung an", klärte Werner ihn auf. "Schauen Sie doch erst mal aus der Distanz, lassen Sie das ganze Bild auf sich wirken!"

Götz Wolfgang Werner (68), Gründer und Patron der Drogeriekette dm, liebt es, Augen zu öffnen - für Details und verborgene Wahrheiten. Ein Unternehmen, proklamiert er, sei eine "sozialkünstlerische Veranstaltung". Das verlangt mehr Feingefühl, als man zum Rangieren von Paletten braucht.

Also schickt er seine Führungskräfte in die Kunstausstellung, zur Erweiterung des Geschmacks. Dem Nachwuchs gönnt er Theaterworkshops, für die innere Reife. Die schnöden Begriffe der Betriebswirtschaft hat er einfach abgeschafft und durch Ausdrücke ersetzt, die er für passender hält: Gewinn heißt jetzt "Entschuldung", Lehrlinge sind bei ihm "Lernlinge" ("das ist viel aktiver, da kommt etwas von Ihnen selbst"), Personalkosten laufen als "Mitarbeitereinkommen".

Die Allgemeinheit will er ebenfalls zur Einsicht bringen. Einem Wanderprediger gleich wirbt Werner für einen fundamentalen Umbau des Steuer- und Sozialsystems, gipfelnd im "bedingungslosen Grundeinkommen" für alle Bürger. Ausgerechnet er, dem nie etwas geschenkt wurde.

Man stelle sich Götz Werner aber bloß nicht als ein ätherisches Etwas vor. Der kräftige Mann mit dem bloßen Haupt erweist sich im Gespräch schnell als handfester Mittelständler, mit badischem Tonfall und einigem Temperament. Er nickt heftig, ja verbeugt sich fast, wenn der Gesprächspartner sein Argument - endlich - verstanden hat. Pikst mit dem Zeigefinger Richtung Tischplatte, als berufe er sich auf imaginäre Dokumente. Lacht auch mal, denn für Verbissenheit hat er viel zu viel Spaß am Sein.

Götz Werner packt gern an. Stolz zeigt er die Schwielen an seinen Händen. Der Mann rudert energisch. Zweimal wöchentlich auf dem Neckar. Und - metaphorisch - seit 39 Jahren im Geschäft.

Dem Sport verdankt er ein kluges Programm. "Im Rhythmus liegt die Kraft", predigte sein alter Rudertrainer. Götz Werner hielt sich dran. Entspann sein Filialnetz stetig, aber ohne Hast. Anton Schlecker hingegen, der zeitgleich mit ihm gestartet war, ließ die Ruder fliegen. Kein Dorf schien ihm zu klein, keine Nebenstraße zu abgelegen, um nicht noch einen Laden aufzumachen.

Anton Schlecker hat es zerrissen. Götz Werner rudert weiter, als Deutschlands neuer Drogerie-Champion.

Rund 2600 Filialen unterhält er inzwischen, die Hälfte davon im Ausland; beschäftigt fast 40.000 Menschen, setzt mehr als sechs Milliarden Euro um. Ein Wohlklang für ihn, denn Umsatz - scherzt Werner - "ist der Applaus der Kunden".

Irgendetwas an seinen Methoden muss richtig gewesen sein.

Ein Laden mit Zukunft

Sogar Konkurrenten erkennen sein Werk an. "Götz Werner hat ein enorm starkes Unternehmen aufgebaut", lobt Dirk Roßmann (65), einst ein Geschäftsfreund Werners und heute mit der Rossmann-Kette sein ärgster Rivale. Auch Werners Umgang mit der Belegschaft sei bemerkenswert, schmeichelt Roßmann, "er fördert das Selbstbewusstsein seiner Mitarbeiter und gibt ihnen große Freiheiten".

Billiglöhner? Bespitzelung? Schikane? Die notorischen Skandale der Handelsbranche lassen dm aus. Götz Werner stellt fest ein, zahlt Tarif plus Bonus, nennt die Vorgaben der Zentrale an die Filialen mit Bedacht "Empfehlungen", nicht "Anweisungen".

Überwachungskameras? "Wenn sie kein Vertrauen in Ihre Kollegen und Ihre Kunden haben", spottet Werner, "dann nutzen Ihnen auch Kameras nichts."

Vertrauen ist ihm schon deshalb wichtig, weil er selbst oft darauf verzichten musste.

Als jüngstes von fünf Kindern 1944 in Heidelberg geboren, lief er in der Familie mehr nebenher. Der Vater - Drogist mit eigenem Laden - war "praktisch rund um die Uhr beschäftigt". Die Mutter schildert er als liebevoll, aber kurz angebunden, "es wurden nicht viele Worte gemacht". Die tägliche Erziehung oblag vor allem den älteren Geschwistern, ihre Bevormundung ärgert ihn bis heute.

In der Schule fiel er nicht sonderlich auf. Trotzdem erlitt auch er die "Tatzen", wie die gemeinen Stockhiebe auf die Finger hießen. Selbstbewusstsein tankte er beim Rudern. Er brachte es bis zum deutschen Jugendmeister im Doppelzweier.

Als Einziger der fünfe interessierte er sich für das Geschäft. Nach der mittleren Reife ging er in Konstanz in die Drogistenlehre. 1969 kehrte er wie verabredet zurück, seinen Vater abzulösen. Der aber dachte gar nicht daran, die Schlüssel herauszurücken. Götz müsse jetzt erst mal sehen, "wie das bei uns ist". Zum Warten sei keine Zeit mehr, entgegnete der Sohn. Der Laden lief miserabel, das hatte er längst herausgefunden. "Wenn du so weitermachst", warnte er den Vater, "bist du zum 100-jährigen Jubiläum pleite." Der alte Herr tobte ob dieser Frechheit.

Der Sohn zog nach Karlsruhe, wo er Angestellter einer größeren Drogerie wurde. 1970 wäre der Festtag gewesen: 100 Jahre Drogerie Werner. Wäre. Der Vater hatte den Laden kurz zuvor notverkaufen müssen.

Werners Glück als Angestellter währte kurz. Er ahnte, dass die Zeit der Krämerdrogerien ablaufen würde; spätestens dann, wenn die gesetzliche Preisbindung fiele. Er dachte nach, wie ein Laden mit Zukunft aussehen müsste, schrieb ein Konzept. Von dem wieder niemand etwas hören wollte. Da machte er es eben selbst.

Am 28. August 1973 eröffnete Götz Werner in Karlsruhe seinen ersten Drogeriemarkt, den er umstandslos "dm" abkürzte. Der Inhaber stand selbst im Geschäft. Mit einem Lächeln im Gesicht. Und Wut im Bauch. Ein "heiliger Zorn" habe ihn getrieben, gesteht Werner. Der "pure Wille", es allen zu zeigen, die nicht an ihn geglaubt hatten: der Vater, die Schwiegereltern, die alten Vorgesetzten.

Perfektion der Feinheiten

Seine Geschäftsidee - Drogerieartikel zu günstigen Preisen in Selbstbedienung - trug sofort. Schon nach neun Monaten folgte der zweite Laden. Doch es fehlte an Kapital. Der Jungunternehmer nahm sich als Geldgeber einen Partner, den Karlsruher Lebensmittelhändler Günther Lehmann, bis heute 50-Prozent-Eigner von dm. Der Gründer hat diesen Schritt später schwer bereut, oft mit dem sperrigen Kompagnon gerungen. Heute aber herrscht Frieden. Den Gesellschafter habe er "wunderschön neutralisiert", heißt es.

Die Kunden kamen, weil Götz Werner nicht nur günstig war, sondern auch auf Feinheiten achtete und sie perfektionierte. Gefällige Beleuchtung. Aufgeräumte Regale. Breite Gänge. Ein Wickeltisch gleich neben den Babywindeln. Ein spürbar gutes Betriebsklima.

Der Erfolg blieb, weil er lernte, mit der rasch wachsenden Größe des Unternehmens zurechtzukommen.

Besonders Anfang der 90er Jahre versenkte er sich in Grübeleien, wie ein vieltausendköpfiges Gebilde noch zu steuern sei. Er fand Rat bei Rudolf Steiner, in den Sprüchen seines Rudertrainers (der eine Art badischer Konfuzius gewesen sein muss) und in vielen selbst geschöpften Mantras. Etwa diesem: "Sie können nur Bewusstsein führen."

An die Stelle einer allmächtigen Zentrale traten Delegation und das Regime seiner eigentümlichen Begriffe. "Die wirken wie Leuchttürme", glaubt er.

Wobei nicht unterschlagen werden darf, dass hinter dm zugleich handfeste Betriebswirtschaft steckt: perfekte Logistik und IT. Allmorgendlich loggt sich Aufsichtsratsmitglied Werner im Firmennetz ein, schaut auf die 15 wichtigsten Kennziffern, und könnte - wenn er wollte - bis zu den Vortagsumsätzen jeder einzelnen Filiale hinabsteigen.

In die Zeit der Besinnung fällt der Bruch mit Dirk Roßmann. In den 80ern waren sie noch eng befreundet, verlebten gemeinsame Urlaube in der Schweiz. Es habe menschlich nicht mehr gepasst, sagt Werner. Geschäftlich wohl auch nicht. Immer öfter kamen sie einander in die Quere, etwa als beide 1993 in Ungarn expandierten.

Überschüssiges Geld steckt Werner am liebsten ins Unternehmen. "Wenn der Gewinn einmal hoch ist", berichtet Geschäftsführer Harsch, "fragt er nach, ob wir nicht zu wenig investiert hätten."

Seine überschüssige Kraft landet in der Öffentlichkeit. Jahrelang lehrte er als Honorarprofessor in Karlsruhe "Entrepreneurship". In Foren aller Art propagiert er das Grundeinkommen für alle, gespeist aus einer 50-prozentigen Mehrwertsteuer. Aussicht auf Verwirklichung hat das Projekt nicht. Werner gibt sich zufrieden, wenigstens einen Denkprozess angestoßen zu haben.

Fast verdeckt diese Missionsarbeit sein reiches praktisches Engagement: dm unterstützt Sport für übergewichtige Kinder, spendet Windeln, fördert Naturschutzprogramme und einiges mehr.

Alles scheint geregelt. Nur nicht, wer sein Lebenswerk fortführen soll. Sein Sohn Christoph (39), der schon in der Geschäftsführung sitzt? Werner zögert. Zu oft hat er beobachtet, wie Erben ein Aufbauwerk verschludern. Ohnehin, findet er, sollten Kinder eigene Wege gehen.

Seine Firmenanteile hat Werner erst mal sicher verwahrt, in einer Stiftung. Den Filius wird er wohl trotzdem vorlassen, schon um es anders machen als einst der eigene Vater.

Laudator Peter Sloterdijk über Götz Werner: Aus der Lobrede des Philosophen

"Götz Werner wird von manchen Zeitgenossen in der Eile als Philanthrop etikettiert. In Wahrheit ist Götz Werners Lebenswerk nicht nur ein Zeugnis der Zuwendung zum Menschen, wie das Wort Philanthrop nahelegt, es ist vielmehr die Verkörperung einer Vision, aus welcher der Mensch selbst in seinem Verhältnis zu sich mitsamt seinem sozialen Feld verändert wird."

"Er hat in seinem Leben etwas erreicht, das eine seltene Qualität bedeutet. Ich will es versuchsweise Vollständigkeit nennen."

"Binnen weniger Jahre hat er - mit einem einzigen Ladengeschäft beginnend - ein Imperium der Nützlichkeit aufgebaut."

"Er ist im Hauptberuf ein Begeisterer; einer, der nicht an die Trägheit glaubt, sondern an die Antigravitation, den Auftrieb."

"Götz Werner ist ein Zeuge für die Macht des Wohlwollens, und - mehr noch - ein Botschafter für die Wirksamkeit authentischer, praktischer Intelligenz."

"Zu seinen begeisternden Ideen zählen Vorschläge und Maßnahmen zu einer humanzentrierten Unternehmensphilosophie ebenso wie zu einer revolutionären Revision des Steuer- und Sozialsystems - einem Punkte, der mich besonders mit dem Laureatus verbindet -, und last but not least gehört hierzu die inzwischen fast schon klassisch zu nennende Idee eines bedingungs losen Grundeinkommens, mit dessen Hilfe die moderne Gesellschaft das Ancien Régime des Mangels und der künstlich erzeugten Knappheiten hinter sich lassen sollte. Herzlichen Glückwunsch."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.