Freitag, 20. September 2019

Hall of Fame Götz Werner, der Detailist

Laureat der Hall of Fame 2012: dm-Gründer Götz Werner
Andreas Pohlmann
Laureat der Hall of Fame 2012: dm-Gründer Götz Werner

Götz Werner ist zum Drogeriekönig aufgestiegen, obwohl er die rauen Methoden im Einzelhandel verachtet. Oder vielmehr: gerade deswegen.

Dass Götz Werner kein gewöhnlicher Kaufmann ist, bleibt nie lange verborgen. Erich Harsch (50), sein Geschäftsführer, hat es spätestens bei der ersten gemeinsamen Dienstreise gemerkt. Er war mit Werner in der Pfalz unterwegs, ein paar Filialen inspizieren. In Landau stürmte Harsch gleich zum Eingang, trat durch die Tür, war schon drin - und merkte, dass sein Chef zurückgeblieben war. Der stand draußen, auf der anderen Straßenseite. Harsch schlich zurück. "Es kommt auf die unbefangene Wahrnehmung an", klärte Werner ihn auf. "Schauen Sie doch erst mal aus der Distanz, lassen Sie das ganze Bild auf sich wirken!"

Götz Wolfgang Werner (68), Gründer und Patron der Drogeriekette dm, liebt es, Augen zu öffnen - für Details und verborgene Wahrheiten. Ein Unternehmen, proklamiert er, sei eine "sozialkünstlerische Veranstaltung". Das verlangt mehr Feingefühl, als man zum Rangieren von Paletten braucht.

Also schickt er seine Führungskräfte in die Kunstausstellung, zur Erweiterung des Geschmacks. Dem Nachwuchs gönnt er Theaterworkshops, für die innere Reife. Die schnöden Begriffe der Betriebswirtschaft hat er einfach abgeschafft und durch Ausdrücke ersetzt, die er für passender hält: Gewinn heißt jetzt "Entschuldung", Lehrlinge sind bei ihm "Lernlinge" ("das ist viel aktiver, da kommt etwas von Ihnen selbst"), Personalkosten laufen als "Mitarbeitereinkommen".

Die Allgemeinheit will er ebenfalls zur Einsicht bringen. Einem Wanderprediger gleich wirbt Werner für einen fundamentalen Umbau des Steuer- und Sozialsystems, gipfelnd im "bedingungslosen Grundeinkommen" für alle Bürger. Ausgerechnet er, dem nie etwas geschenkt wurde.

Man stelle sich Götz Werner aber bloß nicht als ein ätherisches Etwas vor. Der kräftige Mann mit dem bloßen Haupt erweist sich im Gespräch schnell als handfester Mittelständler, mit badischem Tonfall und einigem Temperament. Er nickt heftig, ja verbeugt sich fast, wenn der Gesprächspartner sein Argument - endlich - verstanden hat. Pikst mit dem Zeigefinger Richtung Tischplatte, als berufe er sich auf imaginäre Dokumente. Lacht auch mal, denn für Verbissenheit hat er viel zu viel Spaß am Sein.

Götz Werner packt gern an. Stolz zeigt er die Schwielen an seinen Händen. Der Mann rudert energisch. Zweimal wöchentlich auf dem Neckar. Und - metaphorisch - seit 39 Jahren im Geschäft.

Dem Sport verdankt er ein kluges Programm. "Im Rhythmus liegt die Kraft", predigte sein alter Rudertrainer. Götz Werner hielt sich dran. Entspann sein Filialnetz stetig, aber ohne Hast. Anton Schlecker hingegen, der zeitgleich mit ihm gestartet war, ließ die Ruder fliegen. Kein Dorf schien ihm zu klein, keine Nebenstraße zu abgelegen, um nicht noch einen Laden aufzumachen.

Anton Schlecker hat es zerrissen. Götz Werner rudert weiter, als Deutschlands neuer Drogerie-Champion.

Rund 2600 Filialen unterhält er inzwischen, die Hälfte davon im Ausland; beschäftigt fast 40.000 Menschen, setzt mehr als sechs Milliarden Euro um. Ein Wohlklang für ihn, denn Umsatz - scherzt Werner - "ist der Applaus der Kunden".

Irgendetwas an seinen Methoden muss richtig gewesen sein.

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