Windenergie Repower im indischen Orkantief

Der deutsche Windanlagenbauer Repower wird von seinem indischen Eigner Tulsi Tanti ausgepresst. Tanti hat sich mit seinem Stammhaus Suzlon übernommen und versucht nun, mit Hilfe der profitablen Hamburger Tochter den Schaden zu begrenzen.
Tulsi Tanti: Er muss gegen Schulden, Überkapazitäten und Preisverfall kämpfen

Tulsi Tanti: Er muss gegen Schulden, Überkapazitäten und Preisverfall kämpfen

Foto: DPA

Hamburg - Tulsi Tanti versteht sich auf Rechenkünste, die im Land von Carl Friedrich Gauß für so manche Verblüffung sorgen. Als der Inder vor fünf Jahren den Hamburger Windanlagenbauer Repower  übernahm, machte er die Führungskräfte der Gesellschaft gleich mit seiner speziellen Arithmetik vertraut ."Eins und eins", so erklärte der 54-jährige Familienunternehmer mit blitzenden Augen hinter randloser Brille, "ergibt in Indien elf."

Das eigentümliche Additionsverfahren sollte eines verdeutlichen: hohe Erwartungen. Die Neuerwerbung sollte mit Tantis indischem Stammhaus Suzlon, ebenfalls im Windgeschäft tätig, eine glückliche Verbindung eingehen.

Hier deutsche Spitzentechnik, dort unbändiger Schaffensdrang. Die etablierten Branchengrößen würde man das Fürchten lehren, so das Kalkül.

Deshalb hatte Tanti bereits im Vorfeld kühn gerechnet. "Egal welchen Preis die Konkurrenz zu zahlen bereit ist, ich zahle mehr", hatte der Entrepreneur verkündet - und in einem kostspieligen Bietergefecht den französischen Konkurrenten Areva  übertrumpft. Indische Banken, offenkundig beeindruckt vom Überschwang ihres Landsmannes, hatten das notwendige Geld bereitgestellt. Seitdem rangiert Suzlon (Jahresumsatz: 3,1 Milliarden Euro) weltweit auf Platz sechs dieses zukunftsweisenden Anlagenbauzweigs.

Teures Bietergefecht zwischen Suzlon und Areva

Derzeit ist Tantis Talent, die Dinge hinzubiegen, erneut gefragt. Denn der Windmacher muss nun die Rechnung für den angestrebten Aufstieg zum Helden der globalen Ökoenergieszene zahlen - was mit herkömmlichen Mitteln kaum gelingen kann. Er trickst und jongliert in der Grauzone guter Unternehmensführung und des deutschen Aktienrechts.

Seit drei Jahren schreibt Suzlon Verluste. Das liegt einerseits an den heftigen Turbulenzen, in die die Branche geraten ist, aber auch an eigenen Fehlern. Die Schulden der Gruppe sind auf rund zwei Milliarden Euro angewachsen. Einen Teil der Gläubiger musste Tanti bereits um Zahlungsaufschub bitten.

Die Angelegenheit ließe sich regeln, wenn Tanti tatsächlich Zugriff auf die gut laufende Hamburger Tochter hätte. Repower (1,2 Milliarden Euro Umsatz, durchschnittliche Gewinnmarge: 7 Prozent) gäbe eine glänzende Sicherheit für neue Geldgeber ab.

Zu seinem Verdruss aber kann der Inder über die Firma nicht frei verfügen. Suzlon hat zwar Ende vergangenen Jahres die letzten Mitaktionäre in einem Squeeze-out herausgekauft. Kreditverträge mit deutschen Banken, auf die Tanti sich schon vor Jahren einlassen musste, verbieten ihm die Eingliederung von Repower in seinen Konzern.

Repower droht im Gezerre um Vermögen und Schulden zerrissen zu werden

Tanti hat sich übernommen. In der Not versucht er nun offenbar über andere, verschlungene Wege ans Ziel zu gelangen. Das verheißt nichts Gutes. Repower ist einer der wenigen heimischen Hersteller, die jene mächtigen Windanlagen auf See liefern können, mit denen Deutschland die Energiewende schaffen möchte. Und diese Gesellschaft droht nun in einem Gezerre um Vermögen und Schulden zerrissen zu werden.

In Hamburg ist man schon länger Kummer gewohnt. Seit 2007 - damals sicherte sich Tanti mehr als 80 Prozent der Repower-Stimmrechte - plagen sich die Führungskräfte mit dem indischen Eigner.

Tanti, offiziell Aufsichtsratschef der Repower Systems SE, agiere in der Praxis wie ein "geschäftsführender Gesellschafter", berichtet ein Beteiligter. Fast täglich erteilt er Vorstandschef Andreas Nauen (47) telefonisch Instruktionen.

Mindestens einmal im Monat schaut Tanti, mit seinem Finanzchef Kirti Vagadia im Gefolge, persönlich in Hamburg vorbei. Dann bespricht der Firmeneigentümer im sogenannten Strategy and Investment Committee mit der Repower-Führung das Geschäft. Dann befindet Tanti - und sonst keiner - über größere und kleinere Investitionsvorhaben.

Gewohnt zu herrschen

Tanti ist es gewohnt zu herrschen. Sei es in der Sippe, wo er als ältester von vier Brüdern quasi naturgegeben das Sagen hat. Sei es bei Suzlon, wo ihm und seinem Clan mehr als die Hälfte des Kapitals gehört. Sei es bei Repower.

Sein Arm reicht bis tief in die Organisation hinein. So legte er sogar einmal dem zuständigen Abteilungsleiter Pläne vor, wie ein Repower-Windflügel aerodynamisch optimal zu gestalten sei. Allerdings neigt der Unternehmer zu ausgeprägter Sprunghaftigkeit. Bei Repower wissen sie nie, ob Tantis Pläne auch morgen noch gelten.

So wollte der Familienunternehmer etwa mehrfach die indische Muttergesellschaft und die Hamburger Tochter als Einheit unter dem Namen Repower in London an die Börse bringen. Damit hätte er Schulden abschütteln und womöglich auch noch Geld für den Angriff auf konkurrierende Branchengrößen wie Vestas , General Electric  oder Siemens  einsammeln können. Doch es wurde nie etwas daraus.

Im Jahr 2010 mündete ein Sinneswandel in Gesprächen mit mehreren Finanzinvestoren über einen Verkauf von Repower. Mal verhandelte Tanti mit der Texas Pacific Group, ein anderes Mal mit Blackstone . Überzogene Preisvorstellungen - Tanti verlangte rund 1,5 Milliarden Euro für sein deutsches Asset - ließen das Vorhaben scheitern.

"Tanti ist ein Gambler"

Im vergangenen Jahr schließlich schwenkte der Inder erneut auf die Integrationslinie zurück. Unter den Namen Company One, Company C und Company eleven (getreu Tantis mathematischem Lehrsatz) initiierte er nacheinander verschiedene Zusammenführungsprojekte - um alsbald auch diese zu stoppen. Zuletzt setzte er wieder auf Verkauf und verhandelte mit Alstom-Chef Patrick Kron (58).

"Tanti ist ein Gambler", sagt ein ehemaliger Weggefährte. Das ständige Hin und Her mag Ausdruck von Zockerei oder Unentschlossenheit sein. Bestimmt aber ist Verzweiflung im Spiel.

Denn Tanti, obwohl 100-Prozent-Eigner von Repower, kann nicht, wie er möchte. Er darf sich nicht aus der Kasse seiner deutschen Gesellschaft bedienen. Er kann nicht ohne Weiteres Firmenvermögen zwischen Suzlon und Repower verschieben. Und Schulden von Suzlon darf er Repower schon gar nicht aufbürden. So ist es in den Kreditverträgen zwischen Repower und einer Gruppe europäischer Banken vereinbart.

Im Gegenzug gewährt das Konsortium unter Führung von Commerzbank , Deutscher Bank und BayernLB der Suzlon-Tochter Kreditlinien, die sie zur Finanzierung von Windparks benötigt. Außerdem stellen die Geldhäuser Garantien für Kundenanzahlungen (Avale) bereit. Insgesamt kann der deutsche Anlagenbauer so über 750 Millionen Euro verfügen.

Banken haben Tanti enge Fesseln auferlegt

Es sind enge Fesseln, die Tanti angelegt sind. "Die Banken", weiß ein Repower-Insider, "trauen Tanti nicht über den Weg. Deshalb lassen sie sich jede noch so kleine Transaktion vorlegen."

Das hält den selbstbewussten Unternehmer freilich nicht davon ab, die Festigkeit der Bankenbandagen gelegentlich zu prüfen. Im Jahr 2008 etwa wären Verhandlungen bei einer vorangegangenen Finanzierungsrunde beinahe geplatzt, weil Tanti entgegen vorherigen Absprachen plötzlich auf Abschluss eines Beherrschungsvertrags zwischen Repower und dem damaligen Repower-Eigentümervehikel gedrängt hatte. Ex-Repower-Finanzchef Pieter Wasmuth (46), heute beim Energiekonzern Vattenfall Europe  beschäftigt, brauchte ein halbes Jahr und auch einiges Geld, um die Sache zu richten.

Im vergangenen Herbst wollte Tanti ausgezehrte Suzlon-Vertriebsorganisationen in Australien, den USA und Europa an Repower abgeben - und dabei offenbar einen besonders guten Schnitt machen. Der geforderte Preis sei "völlig überhöht" gewesen, erinnert sich ein Repower-Insider.

Ein anderes Mal stieß die Repower-Truppe auf außergewöhnliche Rechnungen der Boston Consulting Group. Tatsächlich hatte die Beratungsgesellschaft bis zum vergangenen Jahr regelmäßig für Repower gearbeitet. In diesem Fall aber waren die Leistungen wohl nicht für Repower, sondern für Suzlon erbracht worden. Tanti war offenbar der Meinung, die Hamburger Gesellschaft würde indirekt gleichfalls von den Beraterprojekten profitieren und könnte diese deshalb auch getrost bezahlen.

Bislang hat das Repower-Management im Verbund mit den Banken solche Ansinnen stets höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Das könnte sich nun ändern. Vor einigen Wochen haben zwei besonders standhafte Manager Repower entnervt verlassen: der ehemalige Finanzchef Derrick Noe (54) sowie Gregor Gnädig (53), bis dahin für Produktion und Einkauf in Hamburg zuständig.

"2012 ist Tantis Schicksalsjahr"

Die frei gewordene COO-Position indes bekleidet seit Anfang Juni Tantis Bruder Vinod (48). Er gebietet nun über rund eine Milliarde Euro Cash. So hoch ist das jährliche Einkaufsvolumen der Hamburger Windfirma. Repower entwickelt die Windräder und baut sie zusammen, hat nur wenige eigene Produktionsstätten. Die meisten Anlagenteile stammen von Zulieferern, auch von Suzlon.

Kauft Tanti mehr Repower-Komponenten in Indien, kann er die Suzlon-Fabriken optimal auslasten. Obendrein ist er in der Lage, die Verrechnungspreise so zu gestalten, dass Suzlon ausgiebig profitiert. "Bei Repower gibt es kaum noch eine Instanz, die kontrolliert, was zu welchen Konditionen eingekauft wird", argwöhnt ein ehemaliger Repower-Mann.

Kein Zweifel, Tanti hat die Macht in seinem eigenen Laden ausgeweitet. Er kann nun leichter auf die Kasse von Repower zugreifen. Sein Hauptproblem allerdings - die unmittelbare Finanzklemme der Hauptgesellschaft Suzlon - kann er auf diese Weise nicht lösen. Er braucht sofort einen Batzen Geld. Und nicht erst in einigen Monaten oder Jahren, wenn das Auspressen von Repower seine volle Wirkung entfaltet.

Daher haben die Tanti-Manager einen anderen Weg ersonnen, um die aktuellen Fälligkeiten zu begleichen. Ein 300-Millionen-Dollar-Kredit indischer Banken soll ihnen Luft verschaffen.

In Hamburg hofft man auf Tantis Rückzug

Kreditnehmer soll offiziellen Suzlon-Verlautbarungen zufolge eine Gesellschaft namens AE-Rotor Holding mit Sitz im niederländischen Amsterdam sein. Einziges Vermögen der Firma: die kompletten Anteile der Repower AG. Käme der Deal in dieser Form zustande, müsste also letztlich Repower für die 300 Millionen Dollar geradestehen.

Wie Tanti die Repower-Banken davon überzeugen will, bleibt sein Geheimnis. Ihm gehe es wohl vor allem darum, Zeit zu gewinnen, vermutet ein Konzernkenner: "2012 ist Tantis Schicksalsjahr."

Wahrscheinlich kommt er nicht umhin, die deutsche Tochtergesellschaft alsbald zu verkaufen. "Tanti wird rückbauen müssen", meint ein Investmentbanker, der den Suzlon-Chef lange kennt. Die indischen Banken, bei denen Suzlon in der Kreide steht, werden den Druck erhöhen. Notfalls können sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Denn das Gros der Repower-Anteile ist an sie verpfändet.

Bei Repower hoffen nun nicht wenige, dass das Kapitel Tanti bald abgeschlossen sein möge. Dann würde in Hamburg wieder jene traditionelle Arithmetik gelten, auf die wirklich Verlass ist: Zwei minus eins ergibt eins.

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