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Olympia-Stadt: Lars Windhorst erobert London

Foto: Graham Trott

Olympia-Stadt für Manager London will erobert werden

London hat Geschäftsleuten viel zu bieten: zahllose Restaurants von Weltrang, edle Member Clubs und exklusive Galerien locken. Die britische Hauptstadt will erobert werden - nicht nur zu den Olympischen Spielen. Eine Anleitung des Wahl-Londoners Lars Windhorst.
Von Lars Windhorst

London - Wer in dieser Stadt Stille sucht, muss weit laufen - oder sehr früh aufstehen. Ich tue beides. Montag bis Samstag klingelt der Wecker morgens um fünf, dann jogge ich eine Stunde durch den Hyde Park. Nur wenige Menschen sind zu dieser Zeit unterwegs, im Sommer begrüßen die Vögel den Tag, im Winter zaubert der Nebel Postkartenidylle zwischen die Bäume.

Meist laufe ich vorbei an Speakers' Corner und der Serpentine Bridge, wo ein Brunnen an Prinzessin Diana erinnert, bis zum Kensington Palace, am Wochenende auch gern bis zum Battersea Park. Die Stille, die Kühle und die Bewegung machen den Kopf frei. Und bilden einen schönen Kontrast zur Hektik, die schon zwei Stunden später überall in der City herrscht, wenn mein Arbeitstag im Büro beginnt.

London ist eine Stadt ohne Ruhe. Als Weltfinanzzentrum ist es alternativlos, an die 8000 Hedgefonds haben hier ihren Sitz. Ich möchte zeigen, dass das Leben an dem Finanzplatz der Welt nicht allein aus Gier und Geld besteht. Das Miteinander ist normaler, als viele glauben, dennoch inspirierend und spannend. Zur wirtschaftlichen Dynamik kommen der Verkehr, die Menschenmassen, die Vielfalt an Lebensstilen und Eindrücken. Sie schaffen eine Intensität, die mit keiner anderen europäischen Metropole vergleichbar ist.

Als ich vor drei Jahren meinen Hauptwohnsitz aus der deutschen in die britische Hauptstadt verlegte, war das ein Kulturschock. Im Vergleich mit London, wo schon das Reservieren eines Tischs im Restaurant zum Leistungssport wird, fühlt sich Berlin an wie Urlaub.

Stadt im ständigen Wandel

Die Themse-Metropole ist eine Stadt, die extrem fordert. Also wie geschaffen für Manager, Finanziers, Unternehmer und überhaupt für Menschen, die das Tempo und die Veränderung lieben und das auch von ihrer Umgebung erwarten. Trotz britischer "stiff upper lip", trotz all der traditionellen Rituale, vom Five o'Clock Tea bis zum disziplinierten Schlangestehen - der ständige Wandel gehört zum Gencode der Stadt wie die Tower Bridge.

Im Zuge der Olympischen Spiele, die hier am 27. Juli beginnen, ließ sich das schön beobachten. Überall wurde noch rasch gebaut, abgerissen, hochgezogen, verschönert. Der Verkehr, schon in normalen Zeiten mörderisch, wird Züge einer Naturkatastrophe annehmen: gigantisch und durch nichts aufzuhalten. Schon drohen die Start- und Landeslots für Privatjets an den Flughäfen knapp zu werden. Zu den 30 Millionen Touristen, die in Nicht-Olympia-Jahren die Stadt besuchen, dürften noch etliche dazukommen.

Die meisten werden sich auf den üblichen Pfaden bewegen: Big Ben, das Riesenrad London Eye, vielleicht ein paar Wettkämpfe anschauen, dann Kneipen in Soho und bei Harrod's mal schön einkaufen. Geschäftsleute dagegen sehen selten mehr als Heathrow, das Taxi und den Konferenzraum ihres Gesprächspartners.

Dabei hat London, die fordernde Stadt, gerade für Manager und Unternehmer so viel mehr zu bieten. Zahllose Restaurants von Weltrang für Business-Lunches, Galerien, Parks und Museen zum Abschalten, edle Member Clubs für diskrete Gespräche und furiose Partyplätze zum Feiern von Erfolgen. Die britische Hauptstadt ist eine Metropole, die erobert werden will.

Eier und Croissants im Art-déco-Ambiente

Seit ich in London wohne, ist mein Arbeitspensum noch umfangreicher geworden. Das beginnt bereits am frühen Morgen. Meist frühstücke ich im Büro, aber wenn die Termine zu dicht sind oder ein Geschäftspartner es zeitlich nicht anders einrichten kann, empfehle ich das "Wolseley", 160 Piccadilly. Auch Lunch und Dinner sind hier exzellent, aber gerade das Frühstück in den im Art-déco-Stil gestalteten Räumen ist legendär gut. Alles ist frisch und au point zubereitet; Besuchern lege ich besonders die Eierspeisen und die Croissants ans Herz.

Business-Verabredungen zum Essen in London gleichen bisweilen einer Wissenschaft. In den angesagten Restaurants wie dem "C", dem "La Petite Maison" oder dem Gourmet-Tempel "Alain Ducasse" muss man oft wochenlang auf einen Tisch warten - oder am besten gleich den Besitzer kennen. Vor allem aber sollte die Lokalität zum Gesprächspartner passen. Manche haben eine Schwäche für schickes Ambiente, da rate ich dann etwa zum "C" (ehemals "Cipriani") in der Davies Street, wo italienische Küche unter silbernen Servierhauben von den Kellnern so bedeutsam transportiert wird, als wären es Kronjuwelen - und wo gute Chancen bestehen, Stars wie die Beckhams oder Sienna Miller zu sehen.

Ruhiger und weniger von Paparazzi belagert ist die kürzlich eröffnete "Downtown"-Filiale des "C" direkt neben dem Büro unseres Unternehmens Sapinda in der Savile Row. Oder gleich das "Ducasse" im "Dorchester"-Hotel, wo der gedimmte Geräuschpegel und die weit auseinanderstehenden Tische für Diskretion sorgen - und Sternekoch Alain Ducasse regelmäßig Geschäftsfreunde von mir begeistert.

Der Wandel, der London prägt, macht auch vor den Restaurants nicht halt. Manche, wie das "C" oder das "Wolseley", sind seit Jahren angesagt, andere verschwinden nach einigen Monaten wieder in der Versenkung, neue kommen dazu. Etwa das "Novikov" (50a Berkeley Street), das aus einem italienischen und einem asiatischen Teil sowie einer Lounge Bar besteht, wo besonders Banker gern gelungene Abschlüsse feiern.

Ich persönlich bevorzuge das asiatische Restaurant, nehme hier gern einen Virgin Mojito als alkoholfreien Aperitif, suche dann an der riesigen Seafood-Theke einen Fisch aus und warte am Tisch auf das fertige Gericht.

Small Talk bringt wertvolle Erkenntnisse

Offizielle Kulinarik-Rankings gibt es viele, doch der zuverlässigste Indikator sind die Tipps von Bekannten und Freunden. Oder, im ungünstigen Fall, das kurze Zögern des Geschäftspartners am anderen Ende der Leitung, wenn man eine Location vorgeschlagen hat.

Auch der Small Talk auf den kurzen Wegen in Mayfair, wo das Sapinda-Büro liegt, bringt oft wertvolle Erkenntnisse. Das mag ich besonders an diesem Stadtteil mit den bürgerlichen Townhouses: Man kann viel zu Fuß erledigen und trifft rund um die Mittagszeit viele bekannte Gesichter, Bankiers, Verwalter von Family Offices oder Fondsmanager.

Gerade in der Finanzbranche sind Kontakte nicht nur wertvoll, sondern sehr oft entscheidend für den Erfolg. Wer nicht dauerhaft in London wohnt, aber öfter und länger als einige Stunden in der Stadt ist, für den könnte sich die Mitgliedschaft in einem der Privatklubs lohnen.

Diese typisch britischen Einrichtungen sind nicht nur angenehme Rückzugsorte für vertrauliche Gespräche bei einem Pre-Dinner-Drink, sondern auch eine reizvolle Alternative für Business-Lunches. Die meisten bieten hervorragendes Essen, eine gut bestückte Bar und Lounges mit bequemen Sesseln und oftmals teurer Kunst an den Wänden. Die Mitgliedsgebühr startet meist bei rund 1000 britischen Pfund pro Jahr, hinzukommt eine einmalige Joining Fee.

Kunst-Previews bei Christie's

Die Bandbreite dieser Member Clubs ist enorm. Im "Arts Club" (40 Dover Street), wo ein Herr im Frack die Türen der hubraumstarken Limousinen öffnet, dominieren Marmor, Banker sowie Kunst, die es mit jedem Museum aufnehmen kann. Hier ist es immer voll, die Atmosphäre eher outspoken - perfekt für Gäste, die nicht oft in London sind und die vibrierende Stimmung der Stadt erleben wollen. Zur Modernisierung im vergangenen Jahr gaben Gwyneth Paltrow, Stella McCartney und andere Prominente Tipps für Innendesign und Cocktailrezepte.

In "Harry's Bar" (26 South Audley Street) trifft sich eher das alte Geld, alles ist gediegener, zurückgenommener, sehr exklusiv und very british, trotz des exzellenten italienischen Essens.

Zu meinen aktuellen Favoriten aber zählt "Morton's Club", ein altehrwürdiges Backsteinhaus mit schwarzer Tür und Balkonblick auf den Berkeley Square, das Herz der Hedgefondsszene. Hier und in den benachbarten Straßen haben sich Hunderte von ihnen angesiedelt, TCI, Laxey Partners, Charlemagne Capital und viele, viele mehr. Ihre Messingschilder an den Haustüren sind schlicht - und doch haben sie der Gegend Mieten beschert, die weltweit zu den höchsten gehören.

Und mittendrin das "Morton's", französisch orientierte Küche, äußerst gut sortierte Bar, Jazz oder Hip-Hop kommt aus den Boxen. Der Besitzer, Marlon Abela, ist ein guter Bekannter von mir, wir lernten uns bei einem Dinner kennen, das mein Partner bei Sapinda, Rob Hersov, ausgerichtet hatte. Abela ist gebürtiger Libanese, zuvor erfolgreich mit einer Catering-Firma für Fluggesellschaften. Außer dem Klub gehören ihm unter anderem noch das Restaurant "Greenhouse", mit der angeblich umfangreichsten Weinkarte Großbritanniens, und der Nobeljapaner "Umu" (14-16 Bruton Place), wo neben einer gigantischen Auswahl an Sake auch herausragendes Sushi serviert wird.

Tate und Serpentine Gallery

Was Zutaten und Service angeht, ist Abela Perfektionist; doch die Stimmung im "Morton's" ist entspannt. Viel jüngeres, recht gemischtes Publikum, viele sitzen mit Notebooks oder iPads in den Sesseln und knabbern Wasabi-Nüsse, an den Wänden hängen zahlreiche originale Kunstwerke, unter anderem von Howard Hodgkin.

Für mich ist das ein besonderes Plus, denn in meiner Londoner Zeit habe ich die Liebe zur Kunst entdeckt. Natürlich bietet die britische Hauptstadt für jeden Kulturzweig ein Übermaß an Angeboten, doch mich interessiert vor allem die Malerei, insbesondere Expressionismus und Moderne.

Deshalb schätze ich auch die sogenannten Previews bei Christie's und Sotheby's sehr. Bei diesen Gelegenheiten kann man Bilder einige Tage vor der Auktion in Ruhe anschauen, ehe die Werke in Privatsammlungen der Öffentlichkeit entzogen werden, sich über den Künstler und die Preise orientieren - und äußerst angenehme Stunden verbringen. Wenn ich selbst Kunst kaufe, achte ich vor allem darauf, ob mir ein Bild tatsächlich so gut gefällt, dass ich mir vorstellen kann, es jeden Tag anzuschauen - erst dann überlege ich, ob ich es mir leisten kann.

Neben den Klassikern Tate und Tate Modern empfehle ich jedem London-Besucher einen Abstecher zur Serpentine Gallery in den Kensington Gardens, spezialisiert auf moderne und zeitgenössische Kunst. Diese Empfehlung ist nicht ganz uneigennützig, wie ich zugebe, da ich mich bei Serpentine im Beirat engagiere, neben anderen mit meinem Partner Rob Hersov, Lakshmi und Usha Mittal oder auch Marlon Abela, dem "Morton's"-Besitzer.

Wenn ich sehe, dass sich ein Geschäftspartner für Kunst interessiert, versuche ich, ihn auch als Unterstützer zu gewinnen. Zuletzt ist mir das bei Yakir Gabay gelungen, dem israelischen Immobilieninvestor und Hotelbesitzer. Er spendete eine größere Summe und sitzt jetzt zusammen mit seiner Frau Elena ebenfalls im Serpentine-Council.

Auf eine Zigarre mit den Scheichs

Nicht zuletzt zeigt mir die Arbeit für die Serpentine Gallery wieder einmal einen britischen Wesenszug, den ich extrem schätze: den Pragmatismus. Ein Nebeneffekt meines Umzugs nach London war die Erkenntnis, dass die Fehler und Misserfolge meiner Vergangenheit hier mit anderen Augen gesehen werden als in Deutschland. Die Briten betrachten jeden zunächst vorurteilslos. Sicher wird vor einem Treffen schon mal der andere gegoogelt. Aber gerade in der Business-Welt geht es nicht darum, wer früher schon mal auf die Nase gefallen ist, sondern um die Frage: Kann er etwas, bringt er etwas - oder nicht? Das macht das Arbeiten sehr angenehm - und effizient.

Allerdings weiß man in London auch den Feierabend zu schätzen. Und zuweilen entspricht er sogar den gängigen Klischees. Legendär sind die Partys der Investmentbanker aus der City, die ihre Boni in Nachtclubs wie dem "Dorsia" feiern, mit Platinkreditkarten und Magnumflaschen Champagner zum Stückpreis von weit über tausend Pfund. Auch Tamara Ecclestone soll im Dorsia ab und an vorbeischauen.

Nach wie vor der Klassiker ist "Annabel's" im Hotspot der Hedgefondsszene (44 Berkeley Square), bekannt als Nachtklub für die Reichen, Berühmten und alle Eton-Absolventen. Wer sich auf ein Spielchen und eine Zigarre mit vermögenden Scheichs und reichen Indern treffen möchte, ist im "Ritz Club"-Kasino (150 Piccadilly) bestens aufgehoben.

Unter Jungbankern beliebt ist der Klub "Eight Bank EC 3" (1 Change Alley), gleich gegenüber der alten Royal Exchange und ausgestattet mit Billardtisch, edel verknautschten Ledersesseln und enormen Plasmabildschirmen, auf denen die Partygänger in virtuellen Autorennen ordentlich Gas geben.

Eleganz und Plüschigkeit

Zu meinen Leidenschaften gehört das Partyfeiern bis zum Morgengrauen nicht, das räume ich gern ein. Ich trinke wenig Alkohol und gehe nach einem Business-Dinner oft noch für zwei, drei Stunden ins Büro, um die Zeitverschiebung gegenüber Amerika zu nutzen. Aber ich wäre ein schlechter Wahl-Londoner und ein noch schlechterer Geschäftsmann, wenn ich nicht wüsste, welche Klubs gerade hoch im Kurs stehen.

Für mich persönlich darf ein gelungener Tagesausklang etwas geruhsamer sein. Etwa in "Ronnie Scott's Jazz Club" (47 Frith Street). Seit der Gründung 1959 treten hier kleine und große Stars der Szene auf. Mir gefällt die Mischung aus ungezwungener Eleganz und leichter Plüschigkeit, die von den Sofaecken und kleinen Tischlampen ausgeht.

Die Speisekarte ist klein, aber fein, Burger und Ricotta-Tortellini leben in friedlicher Koexistenz, und sogar zwei Sorten Kaviar (Ossietra und Sevruga) werden angeboten. Die Whisky-Auswahl kann sich ebenfalls sehen lassen, wie auch die Champagnerkarte: von einer Flasche "De Castelnau Brut" für 50 Pfund bis zum Cuvée Dom Pérignon 1975 für 1300 Pfund ist alles vertreten.

Nett sind die Cocktails, die je nach Jahreszeit anders gemixt werden. Mein Favorit im Frühling war der Sweet Chili Martini, ein würzig-fruchtiger Wodka-Martini mit einem Hauch Chili. Genau das Richtige, um nach einem Arbeitstag voller Termine und Hektik den Kopf freizubekommen.

Für einen neuen Tag in London, der fordernden Stadt.

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