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Übersicht: Reiche und ihre Geldverwalter

Foto: Armin Brosch

Family Office Geldverwalter für Freunde und Familie

Abschied von der Bank: Immer mehr Reiche öffnen ihre Family Offices für Investoren von außen. Für wen es sich lohnt, den privaten Vermögensverwaltern sein Geld zu überlassen.

Maximilianstraße 45, München, im Juni 2012. Benedict Rodenstock (41) sitzt in einer Altbauetage, die er zum Büro seines Family Office namens Lucatis umgebaut hat. Während draußen die Kastanien blühen, bespricht der Spross des Optiker-Clans an einem schlichten Konferenztisch zusammen mit seinem geschäftsführenden Partner Bernd Schrüfer (39) sperrige Themen: die Finanzierung junger Technologiefirmen etwa oder die Auswahl von Fondsmanagern.

Statt im Büro zu sitzen, könnte er in diesem Moment durch eine Kunstgalerie schlendern; von seiner Mutter Inge, einer Sammlerin, hat er schließlich den Geschmack geerbt. Oder er könnte am Strand liegen in Monaco, wo Fürst Albert den durch das Studium in Bologna mit dem Dolce Vita vertrauten "Benedetto" einst in den Junior International Club berufen hat, einen Zirkel für den gehobenen Partynachwuchs.

Warum also tut Rodenstock sich die Arbeit eines Vermögensverwalters an? Jede Privatbank würde das gern für ihn übernehmen.

Der Münchener Unternehmer winkt ab. "Die Banker haben immer noch ihre Listen mit Produkten, die sie Kunden verkaufen müssen", sagt er. "In bankeigenen Zertifikaten oder geschlossenen Fonds können die sehr gut hohe Gebühren verstecken." Rodenstock kümmert sich lieber persönlich ums Geld, und zwar nicht nur um sein eigenes, sondern auch um das anderer Familien. Hat er mit seinen Millionen nicht genug zu tun?

Angebot für Vermögende, die den Banken nicht mehr trauen

"Wir haben viel Wissen über Fondsmanager für Aktien-, Anleihen- oder Hedgefondsstrategien aufgebaut", sagt Rodenstock. "Das Wissen bieten wir auch anderen an." Anderen Vermögenden, die den Banken ebenfalls nicht mehr trauen.

"Family and Friends" - nach diesem Ansatz managen inzwischen viele Reiche ihr Geld. Sie gründen Family Offices mit eigenen Angestellten. Um von Erfahreneren lernen und das Risiko besser verteilen zu können, tun sie sich mit Gleichgesinnten zusammen und investieren gemeinsam. Und viele dieser Vermögensverwaltungen öffnen sich inzwischen sogar für Investoren gewöhnlicherer Einkommensklassen.

Lohnt sich dieses Modell? Haben Family Offices tatsächlich Vorteile gegenüber Banken? Und wie viel Geld müssen Anleger eigentlich mitbringen?

Wie bei Rodenstock, so stehen oft gemeinsame Investitionen in einzelne Unternehmen am Anfang einer Zusammenarbeit. Mit seiner anderen Firma, der Venture-Capital-Gesellschaft Astutia, investiert er seit Jahren in Technologie-Start-ups. Ein Geschäft, in dem es ohnehin üblich ist, dass mehrere Investoren ihre Kräfte bündeln.

Inzwischen bietet Rodenstocks Multi-Family-Office Lucatis eine umfassende Vermögensverwaltung an, die viele verschiedene Anlageklassen umfasst. Doch die Investitionen in einzelne Firmen sind noch immer der Stolz des Hauses. "Das Portfolio aus 15 Unternehmensbeteiligungen ist bei uns der Renditetreiber", sagt Schrüfer.

"Wir benutzen Banken nur noch als verlängerte Werkbank"

Die Rodenstocks sind nicht der einzige Clan, der nach ersten gemeinsamen Technologieinvestments Geschmack an der Kooperation gefunden hat und dauerhaft mit anderen zusammenarbeitet. SAP-Mitgründer Klaus Tschira (71) lernte durch solche Deals Uwe Feuersenger (48) kennen, als der Ende der 90er Jahre seine eigene IT-Firma verkauft hatte und als Wagniskapitalgeber Geschäfte machte.

Heute leitet Feuersenger von der Schweiz aus Tschiras Family Office. Wenn Feuersenger aus seinem Chefbüro nahe dem Zürichsee blickt, sieht er eine Reihe schwarzer Doppelbildschirme von Bloomberg-Terminals, wie sie auch im Handelssaal einer Investmentbank zu finden sind.

Aeris Capital besitzt einen eigenen Handelstisch für Aktien, die Broker in den Banken führen nur die Kauf- und Verkaufsorders aus. Dafür bekommen die Geldhäuser lediglich 0,01 bis 0,02 Prozent Gebühr - aber nicht jene 1 oder 1,5 Prozent, die sie sonst gern von unbedarfteren Kunden verlangen. "Wir benutzen Banken nur noch als verlängerte Werkbank", sagt Feuersenger mit prallem Selbstbewusstsein.

Was die Institute zu bieten haben - Zinskonten, Derivate oder hauseigene Fonds - interessiert die wirklich Vermögenden seit Ausbruch der Finanzkrise ohnehin weniger. "Milliardärsfamilien wollen oft Sachwerte: Agrarland, Gold, Immobilien, Unternehmensanteile, Infrastruktur, Projekte wie Sozialeinrichtungen und Schulen gehören dazu", sagt Feuersenger.

Diesem Service verschreiben sich viele Family Offices. Und die öffnen sich immer mehr für Familienfremde.

Sachwerte gefragt: Agrarland, Gold, Immobilien, Infrastruktur

"Mehr als die Hälfte der deutschen Family Offices sucht nach vertrauenswürdigen Kooperationspartnern. Dieser Trend ist sehr stark ausgeprägt", sagt Yvonne Brückner (34) von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Gründerin und Initiatorin des Family Office Panel (fo-panel.de ).

Zu den umtriebigsten Family-and-Friends-Anhängern gehört Deutschlands Beraterpionier Roland Berger (74). Der kauft Unternehmen, bringt sein Wissen und seine Erfahrung ein - und erlaubt anderen, sich zu beteiligen. "Wir investieren häufig zusammen mit anderen Family Offices und vermögenden Privatpersonen, die noch keinen eigenen Vermögensverwalter haben", sagt Thorsten Gohlke (34), der Roland Bergers Familienbüro leitet.

Den Verwaltern großer Privatvermögen geht es vor allem um den Erhalt des Erarbeiteten. Angesichts der großen Unsicherheit über die weitere Entwicklung haben die Wohlhabenden teilweise ungewöhnliche Strategien entwickelt.

Zum Beispiel Cornelius Dornier (46). Der Enkel des Luftfahrtpioniers Claude ist häufig präsent in der nach seinem Vater benannten Silvius Dornier Verwaltungsgesellschaft am Prinzregentenplatz in München. Im Konferenzraum hängt ein großes Foto des Wasserflugzeugs Do-X, wie es am 27. August 1931 nach der Atlantiküberquerung vor der Skyline New Yorks auf dem Hudson River schwimmt.

Für den Erhalt seines Vermögens bleibt Dornier jedoch lieber am Boden. Seit einigen Jahren schon investiert er in Agrarland und Forstwirtschaft. Seinen obersten Geldverwalter und Geschäftsführer hat Dornier vor acht Jahren von der Berliner Weberbank geholt: Dirk Rüttgers. Seit seinem Abschied von der Bank betrieb der nebenbei die Dr. Dirk Rüttgers Vermögensverwaltung GmbH. Daraus entstand im April 2011 die Do Investment AG.

"Wir machen Family and Friends mit einer überschaubaren Anzahl an Drittinvestoren", sagt Rüttgers. Deren Geld legt der Ex-Banker zum einen an der Börse in Aktien, Anleihen und Fonds an. Und eben in Wald und Acker. Das hat sich bislang gelohnt: "Ein guter deutscher Forst hat seinen Preis in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Bei Agrarflächen ist es ähnlich", sagt Rüttgers.

Dem Papiergeld trauen nur noch wenige

Der steigende Bedarf der wachsenden und immer wohlhabenderen Weltbevölkerung an Holz und Lebensmitteln sei ein Megatrend, davon ist er überzeugt. Langfristig allemal sicherer als etwa Euro-Staatsanleihen. Andere Unternehmerfamilien nutzen gern die Agro-Expertise der Dorniers.

Die Sorge um die Werthaltigkeit des Papiergelds treibt viele Reiche nach wie vor auch auf die Immobilienmärkte. Weil dafür erhebliches Fachwissen nötig ist, liegt es nahe, mit kompetenten Partnern zusammenzuarbeiten.

So betreibt die Unternehmerfamilie Otten aus Korschenbroich ein Family-and-Friends-Programm für Immobilien. Einst besaß sie die Selgros-Großmärkte, doch die sind längst verkauft. Geblieben ist den Ottens viel Geld - und ihre Famos Immobilien GmbH. Geschäftsführer Reimund Schulz (49) wundert sich über die Naivität mancher Investoren. Selbst große Unternehmerfamilien, sagt der Geldmanager, handelten auf diesem Feld oft "erstaunlich unprofessionell".

Und das, obwohl Immobilien für Vermögende meist die wichtigste einzelne Anlageklasse darstellen: 35 Prozent des Kapitals stecken Family Offices im Durchschnitt in Haus und Grund, ergab eine Umfrage von Famos bei 103 Family Offices mit durchschnittlich 1,1 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen.

Weitere Erkenntnis: Die früher stets im Alleingang agierenden Familienbüros mögen zwar gegenüber anderen offener geworden sein; ein Drittel der Befragten nimmt Co-Investoren auf. Aber keineswegs Normalsparer: "Bei Club-Deals bleibt man gern unter sich: Family Offices kooperieren am liebsten mit anderen Family Offices", sagt Schulz.

Das gilt nicht nur für Investments in Immobilien, Unternehmen oder Ackerland. Auch wenn sie an der Börse handeln, suchen sie Partner auf Augenhöhe.

Einstieg ab 500.000 Euro Anlagevolumen möglich

Davon profitiert Michael Prinz zu Salm-Salm (58). Der ehemalige Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter, dessen Familie seit Jahrhunderten Weingüter und Wald besitzt, hat auf dem familieneigenen Schloss Wallhausen einen Spezialanbieter für Investitionen in Wandelanleihen aufgebaut.

Bankähnliche Dienstleistungen bietet auch die Maschinenbauerdynastie Knapp Voith. Der vor Jahren ausgezahlte Zweig der Industriellenfamilie betreibt in einer Altbau-Etage an den Hamburger Alsterarkaden die Knapp Voith Vermögensverwaltung. Besondere Spezialität: Corporate Bonds. Das Team ist in diesem Metier so erfolgreich, dass andere Family Offices gern mit den Hamburgern zusammenarbeiten.

Die Angebotspalette von Knapp Voith steht übrigens auch schon "kleineren" Vermögen offen. Ab 500.000 Euro Anlagevolumen kann man dabei sein. Einige andere Multi-Family-Offices haben Fonds aufgelegt, sodass zumindest ihre bankunabhängige Anlageberatung auch für weniger Wohlhabende verfügbar ist.

Bei den meisten Multi-Family-Offices liegt die Einstiegshürde jedoch höher als bei Knapp Voith, oft bei mehreren Millionen Euro.

Der Hauptgrund für Vermögende, ihr Geld in ein Multi-Family-Office zu stecken, sind die niedrigeren Kosten. Wenn die Kosten der Vermögensverwaltung ein Prozent des Vermögens nicht überschreiten sollen, rechnet sich ein eigenes Office erst ab einem Besitz von mehr als 40 Millionen Euro. Das ist freilich ein theoretisches Minimum. "Für ein eigenes Family Office sollte eine Familie ein deutlich dreistelliges Millionenvermögen besitzen, damit es sich finanziell lohnt", sagt Brückner. "Wer weniger hat, bekommt bei Multi-Family-Offices umfangreicheren Service für geringere Gebühren."

Autonomie von den Banken: Multi-Family-Offices als Alternative

Einige der Multi-Family-Offices haben sich inzwischen zu respektablen Finanzdienstleistern entwickelt, die auf verschiedensten Gebieten mit Privatbanken konkurrieren können. Zu den Marktführern in Deutschland gehören Spudy & Co. (Eigentümerfamilien: Klaus Murmann, ehemals Präsident des Arbeitgeberverbands BDA, und der frühere Topmanager Dieter Ammer), Focam (Kaffeeclan-Erbe Andreas Jacobs), Münster Stegmaier Rombach (Wohnwagenhersteller Erwin Hymer), WSH Deutsche Vermögenstreuhand (Otto Happich, ehemals Autozulieferer Gebrüder Happich) und Flossbach von Storch (im Aufsichtsrat: Ex-Bayer-Finanzvorstand Klaus Kühn).

Multi-Family-Offices ermöglichen es auch kleineren Millionenvermögen, auf professionelle Weise in Hedgefonds oder Private Equity zu investieren.

Auf solche illiquiden Assets hatte sich lange Zeit eines der größten deutschen Multi-Family-Offices spezialisiert: HQ Trust, der Vermögensverwalter im Besitz der Töchter des Industriellen Harald Quandt. 2011 warb HQ Trust ein 20-köpfiges Team von der UBS in Frankfurt ab, die Kernmannschaft des vor Jahren von der Schweizer Bank gekauften Multi-Family-Office Sauerborn.

Online-Netzwerk für Millionäre

Die Quandts haben im Herbst 2011 sogar ein neues IT-System des Anbieters PS Plus installiert, um die neuen Kunden mit Vermögensreports versorgen zu können. Die Konkurrenz lauerte auf Patzer. Doch der Wechsel verlief reibungslos, sagt HQ-Trust-Geschäftsführer Fritz Becker.

Multi-Millionen-Investoren stellen höchste Ansprüche und finden schnell heraus, was im Gewerbe Standard sein sollte. Dabei helfen Kontaktnetze wie Brückners Family Office Panel.

Ein anderer exklusiver Zirkel ist das Family Office Forum der Schweizer Universität St. Gallen: Mehrmals im Jahr treffen sich dort Eigentümer und Verwalter. Auf rein elektronische Weise operiert dagegen Ask the circle, das Online-Netzwerk des deutschen Scout24-Gründers Joachim Schoss (49).

Family Office Foundation: Der Club der Dollar-Milliardäre

Das exklusivste Netz von allen ist die Family Office Foundation, die Avantgarde der Unabhängigen. Ihre Mitglieder wollen vor allem eines sein: autonom von den Banken.

Gheistraße 37, Rüschlikon, Ende April 2012: Vor den Glasfronten des Swiss Re Centre for Global Dialogue glitzert der Zürichsee im Frühlingslicht. In den Konferenzräumen und der Lounge mit den grünen Ledersesseln sind auf Einladung der Foundation rund 70 Teilnehmer aus aller Welt zusammengekommen. Es herrscht strikte Diskretion - keine Namen sollen nach außen dringen.

Es ist ein Klub der Dollar-Milliardäre, insgesamt verwalten die hier Anwesenden mehr als 350 Milliarden. Genug Geld, um 20 der 30 Dax-Konzerne im Paket kaufen zu können. Initiator der Runde ist Uwe Feuersenger. Die Foundation hat weltweit mehr als 300 Mitglieder. Man hilft sich gegenseitig - das ist die Idee des Klubs der Superreichen.

Seit Jahren schon ist einer der reichsten Mexikaner darunter, natürlich steht er seinen Klubfreunden mit Rat und Beziehungen in Lateinamerika zur Seite. Auch eine indonesische Familie ist mit von der Partie; erst kürzlich warnte sie einen europäischen Clan vor dem Kauf eines Unternehmens in ihrem Heimatland. So ein Plausch beim Kaffee kann vor äußerst kostspieligen Fehlschlägen bewahren.

Keine Gebühren - sondern 10 Prozent des Gewinns als Anerkennung

Viele Geschäfte in Asien, Südamerika und Afrika wurden in dieser exklusiven Runde schon per Handschlag beschlossen. Ein deutscher Milliardär etwa hat kürzlich in die größte Rinderfarm Brasiliens investiert, außerdem in peruanische Supermärkte. Andere Europäer kauften sich in asiatische Infrastrukturprojekte ein.

"Unser gemeinsames Interesse ist es, von Banken und sonstigen Finanzdienstleistern unabhängig zu sein", sagt Foundation-Initiator Feuersenger.

Die Vermögenden zahlen einander keine Gebühren. Wenn jemand eine Idee hat, die zu einem erfolgreichen Investment wird, ist es üblich, dass andere Teilnehmer 10 Prozent ihres Gewinns an den Initiator abtreten - freiwillig, als Anerkennung.

Den Superreichen gehe es gar nicht ums Sparen von Bankgebühren, sagt Feuersenger. "Die Expertise dieser erfolgreichen Unternehmer ist weit besser als alles, was sie bei Banken einkaufen können." Der Ansatz, Vermögenseigentümer für Deals zu vereinen, hat sich aus seiner Sicht bestens bewährt: "Bislang hat noch keine unserer Familien einen nennenswerten Vermögensschaden erlitten." Manche Dinge gibt es eben doch nur bei der Bank.

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