Dienstag, 15. Oktober 2019

Burn-out Stilles Drama

Immer mehr erschöpfte Manager: In Deutschland wurde das Phänomen Burn-out lange unterschätzt

4. Teil: Die Mittelmanager tragen das größte Risiko

Keine Branche verdeutlicht das besser als die IT. Ihre Produkte katalysieren den Wandel - während den Mitarbeitern ihr eigenes Metier zusehends über den Kopf zu wachsen scheint. In dieser unbarmherzigen Gemengelage kämpft seit Jahren auch SAP Börsen-Chart zeigen, mit bis zu 1000 Burn-out-Fällen jährlich, wie Asklepios schätzt.

Der Softwaregigant aus Walldorf vollzieht derzeit den größten Umbau in der Konzerngeschichte. Ein "Lean"-Programm soll mehr Kundennähe und mehr Tempo bringen. Zentrale Idee der neuen Arbeitsabläufe ist es, Softwareprodukte in fest definierten Zeitschritten zu entwickeln. Nicht mehr langfristige Zyklen bestimmen den Arbeitsrhythmus, sondern zwei- bis vierwöchige Takte, mit einem sogenannten "Sprint" am Ende.

SAP hat ein Wissenschaftlerteam die internen Erfahrungen mit "Lean" protokollieren lassen. Die Ergebnisse sind ambivalent: Die Mitarbeiter begrüßen den Umbau, der zu stärkerer Teamarbeit und weniger Bürokratie führen soll. Doch nicht alle Teams schaffen es, die neuen Vorgaben produktiv umzusetzen. Die Folge: Zeitdruck, höhere Arbeitsbelastung und mehr Konflikte. Etliche Angestellte berichten von "Sinnverlust" und sinkender Identifikation mit dem Job.

In der internen Studie gaben 52 Prozent der Mitarbeiter an, Arbeitspensum und Stress hätten sie "an die Grenze der Belastbarkeit getrieben". Fazit der Wissenschaftler: SAP müsse die "salutogenen Potenziale" seiner neuen Managementstruktur erst noch heben.

SAP lässt schriftlich wissen, das Problem sei erkannt, und man arbeite daran. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter, erfasst im internen "Business Health Culture Index", sei zuletzt wieder gestiegen, von 59 auf 65 Prozent. Ende 2011 habe der Vorstand zudem ein umfassendes Gesundheitskonzept verabschiedet, in dessen Zusammenhang auch die Lean-Methoden auf noch bestehende Arbeitsbelastungen untersucht würden.

Egal ob Effizienzprogramme oder Stellenstreichungen - am stärksten betroffen sind in der Regel die Führungskräfte auf den mittleren Rängen, wie eine Studie des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) an der Ruhr-Universität Bochum belegt. Nicht die Topentscheider an der Unternehmensspitze, sondern die Mittelmanager tragen das größte Risiko. "Verändern ist nicht so stressig wie verändert werden", bilanziert Innovationsforscher und Studienautor Thomas Kley.

Die Frage, vor der Mitarbeiter wie Unternehmen gleichermaßen stehen, muss deshalb lauten: Wie kann eine Organisation die Verdichtung und das steigende Tempo von Arbeit abfedern? Wo lassen sich Brandmauern gegen das Ausbrennen einziehen?

Die Unternehmen, das belegt die Asklepios-Einschätzung nachdrücklich, haben die Gefahr lange vernachlässigt. Doch zuletzt haben Dax-Konzerne auf breiter Front ihr Gesundheitsmanagement aufgestockt, mit Check-ups, Seminaren und Aufklärungsbroschüren.

Volkswagen Börsen-Chart zeigen etwa gilt hier als sehr aktiv, nicht nur wegen der publicityträchtigen Blackberry-Sperre für tarifliche Mitarbeiter außerhalb regulärer Arbeitszeiten. Zwar ist auch hier die Zahl psychischer Erkrankungen "über die Jahre leicht gestiegen", wie Personalvorstand Horst Neumann einräumt (siehe Interview) . Die Zahl der Burn-out-Fälle schätzt Asklepios auf bis zu 6300 - gemessen an der Belegschaftsgröße ein niedriger Wert.

© manager magazin 6/2012
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