Donnerstag, 18. Juli 2019

Burn-out Stilles Drama

Immer mehr erschöpfte Manager: In Deutschland wurde das Phänomen Burn-out lange unterschätzt

2. Teil: Die traurigen Spitzenreiter

Bei der Deutschen Bank ist seit der denkwürdigen Tagung 2010 wenig besser geworden. Mit - von Asklepios geschätzten - bis zu 1900 Burn-out-Fällen in Deutschland gehört sie zu den traurigen Spitzenreitern der mm-Erhebung. Insbesondere die Vertriebsleute aus dem Bereich Private and Business Clients (PBC) klagen über Druck. Eine geänderte Vertriebsstruktur mit neuen Berichtslinien, verordnet vom neuen PBC-Chef Thomas Rodermann, sorgt für Stress.

Bis heute fehlt es beim deutschen Finanzprimus an einem umfassenden strategischen Gesundheitsmanagement. Die gezielte Nachfrage seitens mm, ob die Bank das seelische Belastungspotenzial der Arbeitsplätze analysiere, will die Bank nicht beantworten. Mitarbeitervertreter kritisierten, dass es diese Erhebungen nicht gebe: "Die Bank kuriert nur das Verhalten Einzelner, an den Verhältnissen ändert sich nichts", heißt es. Erst 2011 unterschrieb das Geldhaus nach langen Verhandlungen immerhin eine Betriebsvereinbarung zur Wiedereingliederung Langzeitkranker.

Ein Sprecher sagt, die Bank erfülle die gesetzlichen Vorgaben des Arbeitsschutzes "vollumfänglich". Das Institut verweist auf spezielle Seminare, medizinische Check-ups und Sozialberater, die in Notlagen für die Mitarbeiter da seien.

Mit ihrer Burn-out-Skepsis stehen die Deutschbanker nicht allein. Harte Fakten sind schwierig zu erheben und leicht anzugreifen, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Auch die Asklepios-Schätzung ist eine Annäherung; das Leiden selbst ist nicht als offizielle Diagnose anerkannt (siehe links). Und die Medien, die sich in zahllosen Beiträgen am Thema abarbeiteten, sitzen selbst im Glashaus: Die Burn-out-Quote der Branche soll etwa doppelt so hoch sein wie im Durchschnitt aller Beschäftigten.

Unstrittig aber sind die Qualen der Betroffenen, die nicht selten binnen Kurzem sämtliche Phasen von leichter Unlust bis zu schwerer Depression durchlaufen. Ebenso sichtbar sind die wirtschaftlichen Folgen: Burn-outs ziehen sich meist über Monate hin und verursachen in Summe Milliardenkosten.

Während die Fehlzeit am Arbeitsplatz über alle Krankheiten hinweg bei rund 13 Tagen im Jahr liegt, dauert der Genesungsprozess bei seelischen Leiden nach Berechnungen der Techniker Krankenkasse (TK) im Schnitt fast 40 Tage. Auf wuchtige 27 Milliarden Euro pro Jahr, so das Statistische Bundesamt, summieren sich schon jetzt die Gesamtkosten für psychische Erkrankungen (Behandlung, Produktionsausfall, Invalidität und so weiter). Tendenz steigend.

Das hat auch viel mit den Arbeitsprozessen im Land zu tun. Zwar schaut die Welt neidvoll auf die robuste deutsche Konjunktur, viele Länder bewundern die Republik für ihre Reformen. Seit den 90ern wurde verschlankt, flexibilisiert, outgesourct. Aber: "Ein Stück weit ist unsere aktuelle Wettbewerbsfähigkeit mit der Gesundheit unserer Leute erkauft", sagt der Coach und Buchautor Gerhard Nagel ("Chefs am Limit"). Jetzt treffen volle Auftragsbücher auf ausgedünnte Mannschaften.

"Das Geschäft ist unsicherer, volatiler und komplexer geworden", sagt Joachim Bohner von der Personalberatung Russell Reynolds. Compliance-Vorgaben und Good-Governance-Regeln schaffen immer neue Bürokratie. Dass "unternehmerische Verantwortung immer stärker auf die Angestellten verlagert wird", wie Hilmar Schneider vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit sagt, verwandelt den körperlichen Stress von einst in "Verantwortungsstress".

Der Wandel der Arbeitswelt freilich trifft alle Firmen, alle Beschäftigten. Doch ein Großteil der Burn-out-Fälle geht in Wahrheit im Dax auf hausgemachte Probleme zurück.

Das Muster, das die Asklepios-Untersuchung zeigt, ist eindeutig: Überall da, wo seit Jahren umgebaut, reorganisiert und gekürzt wird, schießt die psychische Belastung der Mitarbeiter steil nach oben. So etwa bei der Allianz Börsen-Chart zeigen Deutschland, die mit bis zu 3400 geschätzten Burn-out-Fällen eine der höchsten Quoten im Dax zeigt. Vor inzwischen sieben Jahren hatte die Deutschland-Sparte des Versicherers die bis dahin größte Umstrukturierung in der Konzerngeschichte in Angriff genommen. Dass Radikalumbau und Stellenkürzungen nicht den gewünschten Effizienzgewinn brachten, ist kaum dazu angetan, die Stimmung der Allianzer aufzuhellen. "Wir beobachten eine starke Erhöhung an Fällen von Burn-out und Erschöpfung", sagt ein Betriebsrat.

Der Assekuranzkrösus hat das Problem erkannt. Als erster Finanzdienstleister in Europa schloss er eine Betriebsvereinbarung zur Bekämpfung arbeitsbedingten Stresses, derzeit erstellt er eine Analyse psychischer Gefährdungen für jeden einzelnen Arbeitsplatz. "Die Neuordnung war für unsere Mitarbeiter nicht einfach. Doch zuletzt ist ihre Identifikation mit der Allianz wieder gestiegen", sagt Claudia Pfeifer, Leiterin Grundsatz und Vergütung im Personalwesen der Allianz Deutschland.

Wenn inmitten permanenter Reorganisation auch noch ein fundamental wichtiges Geschäftsfeld wegbricht, nimmt die Unsicherheit der Beschäftigten dramatisch zu. Da nimmt es nicht wunder, dass die Energiebranche in der Asklepios-Schätzung ebenfalls ein hohes Maß an Burn-outs aufweist. Der Wert für Eon Börsen-Chart zeigen: bis zu 2500 Fälle pro Jahr.

Seit Fukushima und Atomausstiegsbeschluss steht bei den Energiekonzernen kein Stein mehr auf dem anderen. Den Beschäftigten bei Eon sitzt die Angst im Nacken, einer von 6000 zu sein, deren Job demnächst gestrichen wird.

Anders als andere von manager magazin befragte Unternehmen geht Eon mit dem Phänomen Burn-out immerhin offen um. Gesundheitsmanager Matthias Hansch nennt interne Zahlen: Seit Anfang 2008 seien rund 10 Prozent der Krankheitstage auf psychische Belastungen zurückzuführen. Hansch: "Darunter fassen wir Stresserkrankungen, Burn-out und Depressionen zusammen."

Eon setzt auf die Führungskräfte, die in Seminaren lernen sollen, auf die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu achten und Stress zu reduzieren. Im Griff habe man das Thema noch nicht, räumen Personaler unter der Hand ein.

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