Fotostrecke

Selters statt Sekt: Fünf Tipps für eine gute Compliance

Foto: Oliver Sperl

Compliance Terror der Tugend

Daimler, Siemens, MAN: Deutschlands Konzerne wollen endlich sauber werden. Opfer sind oft die Manager, die sich zunehmend im Paragrafendschungel verheddern. Ein Blick auf die wachsende Compliance-Industrie und die Betroffenen.
Von Michael Freitag und Thomas Katzensteiner

Was hat nicht alles schon eine Rolle gespielt, wenn beim Automobilhersteller Daimler in den letzten Jahren führende Mitarbeiter gehen mussten. Mal war es ein Heimkino im Wert von 89.000 Dollar, mal eine Flasche Champagner, die der Minibar entnommen wurde; dann wieder ein ehemaliger Konzernchef, der seinen kleinen Bruder vor Schlimmerem bewahrte.

Aber dass der Vorstandsvorsitzende, ein berühmter Schönheitschirurg und beider Herren Töchter ins Spiel kommen, das gehört auch bei Daimler  ins Raritätenkabinett.

Die eigentliche Hauptfigur des Falls ist ein ehemaliger Topmanager der Landesgesellschaft in Italien. Dem Mann hat der Konzern mittlerweile dreimal gekündigt, mal fristlos, mal fristgerecht, mit immer neuen Begründungen.

Anfang Mai traf man sich - Daimler hatte in erster Instanz verloren - vor dem Landesarbeitsgericht. Diesmal hatte der Konzern unter anderem eine Quittung eines Hotels in Rom aus den Archiven gefischt: 504 Euro hatte Mercedes-Benz Italien 2008 an die Herberge gezahlt. Der Gekündigte habe, so argwöhnten die Daimler-Ermittler, einen privaten Gast auf Firmenkosten übernachten lassen. Der Manager indes beteuerte, bei den 504 Euro handele es sich um eine Anzahlung, die Daimler für eine Praktikantin geleistet habe. Das Geld sei längst zurückgeflossen. Eine Ausrede, befanden die Ermittler. Mercedes-Benz Italien habe in der fraglichen Zeit keine Praktikanten beschäftigt.

Die Tugendwächter machen mobil

Die Prüfer hätten es besser wissen sollen: Es handelte sich um die Tochter des fernsehbekannten Schönheitschirurgen Werner Mang (62). Sie durfte in Rom ins Daimler-Management hineinschnuppern; genauso wie die Tochter von Daimler-Chef Dieter Zetsche (59) einige Jahre später in Mangs Schönheitsklinik famulieren sollte. Die beiden Herren schrieben sich sogar Briefe; es ging unter anderem um Formel-1-Tickets, die der Chirurg erbeten hatte, die der Konzern ihm aber nicht gratis geben wollte. Mang sollte 4000 Euro pro VIP-Karte zahlen. Zetsches Tochter musste schließlich auf das Praktikum verzichten.

Eine strittige Hotelkaution als Kündigungsgrund, das klingt absurd - schon gar unter diesen etwas pikanten Umständen. Doch ähnlich bizarre Fälle gibt es aktuell häufiger in Deutschland.

Die Tugendwächter machen mobil. Die Korruptionsskandale bei den Industriegiganten Siemens (Kurswerte anzeigen) und Daimler (Kurswerte anzeigen), bei Lkw-Hersteller MAN  und Industriedienstleister Ferrostaal haben sie alarmiert. Eine ganze Serie spektakulärer Kartellfälle und nicht zuletzt die Affäre um den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff (52) erhöhten die Sensibilität für jegliche Art möglichen Fehlverhaltens noch.

Die Konsequenzen all dieser Skandale und Skandälchen lassen die Führungszirkel der deutschen Wirtschaft erzittern: Strafzahlungen teilweise in Milliardenhöhe; Ermittlungen, die dreistellige Millionensummen verschlingen; ein rundes Dutzend Vorstände, das seine Posten räumen musste.

Im Eiltempo mühen sich die Unternehmen, die Versäumnisse der Vergangenheit nachzuholen. "Viele Konzernchefs agieren, als wollten sie Compliance-Weltmeister werden", sagt der Berliner Compliance-Experte Peter Fissenewert von der Kanzlei Buse Heberer Fromm. Die Arbeit der Saubermänner artet teilweise aus wie einst Robbespierres Terror der Tugend während der Französischen Revolution.

Was noch vor wenigen Jahren maximal als lässliche Sünde galt und von den Konzernzentralen zumindest stillschweigend hingenommen wurde, kann jetzt schnell den Job kosten. Es gilt das Schlagwort der "Zero Tolerance"; im Zweifel wird nicht mehr für, sondern gegen den Angeklagten entschieden.

Die Menge neuer Richtlinien verunsichert dabei bisweilen mehr, als dass sie aufklären hilft. Es kommt zu merkwürdigen Anweisungen wie jener, die Daimler-Ausbildungsmeistern im vergangenen Jahr beim Einführungstag der neuen Auszubildenden verbot, sich bei Kaffee und Kuchen zu bedienen. Das, so die Ansage, sei nicht mit der Compliance zu vereinbaren.

Die Konsequenz: Der normale Manager weiß mitunter nicht mehr, wie er sich verhalten muss, wenn er die Guillotine vermeiden will. So kommt es, dass ein unzweifelhaft notwendiger neuer Ethikstandard und mächtige Compliance-Systeme durch Angst und Übereifer zum Schrecken der Mitarbeiter werden.

I. Die Compliance-Industrie

Michael Hoffmann-Becking (69), Überpartner der Kanzlei Hengeler Mueller, war mehr als ein Jahrzehnt lang der bevorzugte Consigliere der mächtigsten deutschen Vorstands- und Aufsichtsräte. In jüngster Zeit jedoch hat sich das Arbeitsfeld des Aktien- und Gesellschaftsrechtlers ein wenig verschoben. Der Held der Hauptversammlungen hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht: Aus dem Intimus der Mächtigen wurde der Compliance-Spezialist, der auch schon mal im Auftrag des Aufsichtsrats gegen den Vorstand vorgeht. Über "Mandantenverrat" echauffierte sich mancher aus der höchsten Managerriege, der plötzlich vom Beratenen zum Verfolgten mutierte.

Persönlich mag Hoffmann-Becking die neue Rolle einiges an Vertrauen gekostet haben. Seine Kanzlei indes ist um eine stabile Ertragssäule reicher. Allein 16 Hengeler-Partner beschäftigen sich inzwischen mit Compliance-Themen und bieten Rundum-sorglos-Pakete vom Aufbau einer neuen Organisation bis zur Beratung in Verdachtsfällen an.

Hengeler steht mit der neuen Liebe zur Compliance längst nicht allein da. "Viele große Kanzleien haben bemerkt, wie viel Geld sich mit dem Thema verdienen lässt", sagt der Frankfurter Strafverteidiger Hanns Feigen.

Tatsächlich sind die Honorare der Aufklärer gewaltig. Die auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte US-Kanzlei Debevoise & Plimpton etwa strich als interner Ermittler im Siemens-Korruptionsskandal rund 200 Millionen Euro ein.

Wer sich die Stundensätze der Ermittler anschaut, den wundert das nicht. Als bei der US-Börsenaufsicht SEC Ende 2010 eine anonyme Anzeige gegen Daimlers Chief Compliance Officer Volker Barth und Corporate-Audit-Chef Peter Henn einging, ließ der Autokonzern Debevoise ermitteln (Codename "Aurel"). Die Kanzlei kassierte mächtig ab. Eine Stunde ihres Washingtoner Partners Jonathan Tuttle ließ sie sich mit 725 Euro vergüten. Das entspricht nicht nur fast dem Tagesverdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern liegt auch rund 300 Euro über dem, was Kanzleien im Durchschnitt für eine Partnerstunde aufrufen.

Compliance-Hype als Glücksfall für Prüfer und Kanzleien

Auch für die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie KPMG, PwC oder Deloitte hat sich der Compliance-Hype als Glücksfall erwiesen. Ein Frankfurter Anwalt wunderte sich jüngst in einem Ermittlungsverfahren, warum ein führender Wirtschaftsprüfer zwei Mitarbeiter aus Deutschland per Business-Class-Flug nach Buenos Aires schickte. Ihre triviale Aufgabe: festzustellen, ob sich ein Aktenordner in einem bestimmten Büro befindet. Warum gleich zwei Personen, die Akte lasse sich doch auch fotografieren, fragte der Anwalt. Die Antwort: Die Compliance-Regeln schrieben in solchen Fällen das Vier-Augen-Prinzip vor.

Die betroffenen Unternehmen zahlen meist bereitwillig. Hauptsache, ihre Manager sind geschützt. Die Führungskräfte sind in der Tat erheblich gefährdeter als noch vor Jahren. Die Behörden ermitteln bei Compliance-Verstößen nicht nur genauer als früher; sie bestrafen auch härter.

Die Gefahr lauert überall. Die einen Unternehmen müssen aufpassen, wohin sie ihre Waren exportieren; für die nächsten gilt es, sich vor immer strengeren Kartellbehörden zu hüten; wieder andere dürfen ihren Kunden keine Gelegenheit zur Geldwäsche bieten; und die vierten müssen auf Baustellen ganz trivial genügend Dixi-Klos für ihre Mitarbeiter aufstellen - auch Arbeitsschutzrichtlinien gehören zur Compliance.

Bei Investorenkonferenzen fragen Anleger fast routinemäßig ab, ob und welche Integritäts- und Compliance-Probleme aufgetreten sind. "Alles, was wir erkennen und nicht abstellen, kann uns um die Ohren fliegen", sagt der Compliance-Chef eines Dax-Konzerns. "Sie können ungestraft Milliarden mit falschen Geschäftsentscheidungen versenken, aber ein Korruptionsfall kostet Sie schon bei weit geringeren Summen den Job."

Die Folge: Falls doch jemand schmieren, kartellieren oder anders nicht parieren sollte, wollen die Vorstände zumindest eines nachweisen können: dass sie alles Erdenkliche getan haben, um Fehlverhalten Einzelner zu verhindern.

So haben Siemens und Daimler Tugendabteilungen von gewaltigen Dimensionen geschaffen: Rund 160 Compliance-Manager beschäftigte Daimler 2011, gut dreimal so viele wie Anfang 2009. Dazu kommen etwa 150 Mitarbeiter in der Ermittlereinheit Corporate Audit, rund 50 im Konzerngeheimdienst Corporate Security, fast 350 Juristen und Zuarbeiter im Rechtsbereich. Von 2005 bis Juli 2011 verschlangen allein die Ermittlungen gegen verdächtige Mitarbeiter 538,6 Millionen Euro - teure Sonderuntersuchungen nicht einmal inklusive.

Auch die übrigen Dax-Konzerne rüsten auf, verdoppelten und verdreifachten seit 2007 ihre Compliance-Anstrengungen (siehe Grafik links) . Wer in der Internetstellenbörse Monster.de das Schlagwort "Compliance" eingibt, findet mehr als 900 Jobangebote. Und der Aufbau bei den anderen habe gerade erst begonnen, prognostizieren Daimler-Manager ein Anhalten des Sauberkeitsbooms.

II. Die Ängstlichen

Kaum jemand spürt die allgegenwärtige Sorge in den obersten Konzernetagen so deutlich wie die Fußballvereine. Sie vermieten extrateure Logen, verkaufen VIP-Karten, erzielen damit bis zu 50 Prozent ihrer Ticketerlöse.

Doch wie lange noch? Der Lkw-Hersteller MAN lud zum attraktivsten Spiel des Jahres, dem Champions-League-Finale in der Münchener Allianz-Arena, nicht einen einzigen externen Gast in seine Loge. Die Uefa hatte pro Karte 3650 Euro verlangt. Zu viel, urteilten die Compliance-Wächter.

Die Deutsche Telekom (Kurswerte anzeigen), obwohl Sponsoring-Partner der deutschen Nationalmannschaft, kündigte an, bei der Europameisterschaft im Juni ähnlich vorsichtig vorzugehen. Die Bonner werden ebenfalls keine externen Gäste einladen. Auch in der Preisklasse darunter haben die Klubs inzwischen ernsthafte Probleme: Nicht nur die Einladenden haben Angst. Vor allem die Eingeladenen trauen sich nicht mehr in die Logen.

Wenn Uli Hoeneß Edmund Stoiber um Hilfe ruft

So ernst ist die Lage, dass FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß (60) den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (70) eingeschaltet hat: Fußballfan Stoiber soll sich in Berlin für verbindliche Einladungsregeln, noch besser gar für eine Änderung des Strafrechts einsetzen.

Die neue Tugendoffensive beschränkt sich indes längst nicht mehr auf die Privatwirtschaft. Auch im öffentlichen Bereich setzt sich eine strikte Null-Toleranz-Strategie durch. In immer mehr Bundesländern und Kommunen dürfen die Beschäftigten gar nichts annehmen. Wer etwa mit einem Behördenmitarbeiter der Gemeinde Potsdam-Mittelmark etwas zu erörtern hat, tut gut daran, dem amtlichen Gesprächspartner weder Kaffee noch Cola zu spendieren. Das wäre bereits ein Compliance-Verstoß.

Den Mitarbeitern der städtischen Müllabfuhr eine Schachtel Plätzchen zu Weihnachten schenken? Auch keine gute Idee - jedenfalls in Hamburg.

III. Die Betroffenen

Es ist nicht lange her, da hatte der Einkaufschef eines Dax-Konzerns mächtig Glück, dass er nur auf seinen Jahresbonus verzichten musste - und nicht gleich auf seinen Job. Der Mann hatte gegen eine Compliance-Richtlinie verstoßen, weil er seiner Sekretärin das Passwort für seinen Computer gegeben hatte. So wie es viele Topmanager machen - schon weil sie ständig unterwegs sind und trotzdem Informationen benötigen.

Die Sekretärin aber nutzte den Rechner für eigene Zwecke: Sie kaufte auf Firmenkosten ein, und zwar Filme ausgerechnet bei der Produktionsgesellschaft ihres Lebensgefährten.

Die Botschaft solcher Fälle: Vertrauen ist gefährlich. Tatsächlich sorgten immer ausgeklügeltere Kontrollsysteme und eine Flut von Richtlinien für ein Klima der Angst, klagen Führungskräfte und auch Betriebsräte.

Im Zweifel wird schon mal überhart geahndet. So erging es auch einem bundesweit tätigen Dienstleister für Maschinenwartung, der von einem Automobilhersteller unvermittelt auf die schwarze Liste gesetzt wurde. Das bedeutete: von einem Moment auf den anderen keine Aufträge mehr, und das von einem der wichtigsten Kunden.

Die Verantwortlichen des Wartungsspezialisten glauben, sie seien von einem Konkurrenten zu Unrecht wegen eines angeblichen Bestechungsversuchs angeschwärzt worden. Der Kunde habe ihnen erst nach der fristlosen Kündigung des laufenden Vertrags eine Anhörung gewährt. Bis heute allerdings wüssten sie nicht einmal, wer da mit den Scheinbündeln gewedelt haben soll. Inzwischen ist der Fall vor Gericht.

Mehr als 100.000 Schulungen bei Daimler

Aber längst nicht jeder, der unschuldig tut, hat tatsächlich nichts auf dem Kerbholz. Es gibt sie noch immer, die Unbelehrbaren. "Solange den Managern die saubere Unternehmenskultur nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, müssen wir eher den harten Kurs fahren", verteidigt sich ein Compliance-Chef eines Dax-Konzerns.

Tatsächlich ist selbst Daimler trotz massiver Kontrollen, trotz mittlerweile mehr als 100.000 Schulungen und trotz von den US-Behörden bestätigter "sehr guter Fortschritte" nicht komplett sauber.

So beanstandete der frühere FBI-Chef Louis Freeh (62), der dem Management im Auftrag der Amerikaner auf die Finger schaut, in seinem letzten Bericht den Verkauf eines Mercedes S 65 AMG für 256.675 Euro an Teodoro Nguema Obiang Mangue, Sohn des Präsidenten von Äquatorialguinea und Minister für Land- und Forstwirtschaft.

Das Geschäft steht unter Geldwäscheverdacht; es beinhaltete 10.000 Euro Provision für die Niederlassung Paris sowie eine weitere Provision für den Vermittler des Geschäfts, auszuzahlen an eine Person seiner Wahl. Damit nicht genug: 40.000 Euro Anzahlung kamen von einem forstwirtschaftlichen äquatorialguineischen Unternehmen.

Und Daimler? Habe den Pariser Händler zwar entlassen, kritisiert Freeh in seinem Bericht. Aber nicht ein einziger der Vorgesetzten sei zur Rechenschaft gezogen worden.

Vielleicht sind es solche Fälle, die die Compliance-Spitze immer wieder aufstöhnen lassen. "In Sachen Bestrafung", sagt ein führender Daimler-Wächter, "müssen wir noch konsequenter und schneller werden."

Mal ist es zu viel, mal zu wenig Compliance. Es herrscht Verwirrung in der deutschen Wirtschaft. Viele Mitarbeiter wissen nicht mehr, was sie dürfen und was nicht. Sie sind verunsichert, verweigern Entscheidungen, delegieren ihre Verantwortung viel zu häufig an schnell überlastete Abteilungen wie Daimlers Compliance Consultation Desk (CCD). Allein im ersten Halbjahr 2011 landeten dort 774 Anfragen.

Die Unsicherheit kostet bares Geld. Führungskräfte verschwenden Zeit, sie verpassen so schon mal die Ausschreibungsfristen.

Übereifrige Tugendwächter, verunsicherte Mitarbeiter, entgangene Geschäfte - die Compliance in ihrer bürokratischen Ausprägung hemmt den wirtschaftschaftlichen Fluss wie Inseln in der Fahrrinne. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, sauber und zugleich effizient zu arbeiten. Meist hilft schon die richtige Unternehmensführung.

IV. Die Auswege

"Egal wie gut Sie vorsorgen: Wer schmieren will, der findet immer einen Weg", hat Manfred Wennemer (64), Aufsichtsratschef des Baukonzerns Hochtief, erkannt. Wennemer ist skeptisch gegenüber dem Hang zur allfälligen Kontrolle. Er hat seine eigene, ganz einfache Methode entwickelt.

Anfang des vergangenen Jahrzehnts, als Wennemer noch dem Automobilzulieferer Continental  vorstand, drangen plötzlich Nachrichten über merkwürdige Usancen in die Hannoveraner Konzernzentrale. Conti hatte wenige Jahre zuvor ein großes Reifenwerk im rumänischen Timisoara gebaut - und jetzt, die Fabrik produzierte inzwischen täglich bis zu 40.000 Reifen, verzögerte sich plötzlich regelmäßig die Abfertigung am Zoll. Der für Conti tätige Spediteur bot an, das Problem zu regeln. Das koste allerdings eine Servicegebühr. So seien halt die Regeln beim dortigen Zoll.

Okay, da müssen wir wohl zahlen, dachten die zuständigen Conti-Manager. Wennemer indes, allseits bekannt als so knauserig wie prinzipientreu, mochte das nicht einsehen. Er rückte das geforderte Geld nicht heraus.

Und tatsächlich: Zunächst steckte zwar der ein oder andere Lkw an der Grenze fest, und Conti fing sich eine Anzeige ein, weil das Unternehmen angeblich illegale Maschinen eingeführt hatte. Bald lief aber alles wieder reibungslos.

"Tone from the Top" nennen die Juristen es, wenn Vorstandsvorsitzende ihre Prinzipien vorleben. Siemens-Chef Peter Löscher (54) etwa gehört zu denen, die auch intern immer wieder die klare Botschaft vermitteln: "Wir wollen das nicht."

Aber braucht er wirklich 600 Compliance-Mitarbeiter, um seine Leitlinie abzusichern? Schon kleine Änderungen können häufig Großes bewirken (siehe Kasten "Selters statt Sekt") .

Die Suche nach dem richtigen Maß

Etwa veränderte Bonussysteme im Vertrieb: "Wenn Sie Zuschläge nicht von der Gewinnspanne, sondern von nachhaltigeren Kriterien abhängig machen, senken Sie das Risiko von Preisabsprachen deutlich", sagt Stephan Müller, Partner der Kanzlei Oppenhoff & Partner.

Auch bei der Integration der Compliance-Einheiten in das Alltagsgeschäft sehen Experten noch viel Raum für Verbesserung. So will Daimler seine Compliance-Manager langfristig in die operativen Geschäftseinheiten integrieren. Sie sollen direkt in Einkauf, Produktion und Vertrieb arbeiten. So könnten sie erheblich früher auf Fehlentwicklungen reagieren.

Als Vorbild gelten ausgerechnet die sonst oft gescholtenen Banken. Sie binden ihre Kontrolleure meist schon in die Entwicklung neuer Angebote ein. "Wenn ein Produkt erst einmal fertig ist, können Sie es kaum noch stoppen", erzählt ein Finanzmanager. "Dann ist schon zu viel investiert worden."

Wichtig ist auch, dass sich Manager, die etwas vom Geschäft verstehen, um Compliance-Themen kümmern. "Der ideale Kandidat hat selbst schon einmal in der Linie gearbeitet, er kennt die täglichen Probleme und bietet pragmatische Lösungsvorschläge an, statt nur Nein zu sagen", sagt der Frankfurter Headhunter Andreas Halin.

Aber egal, wie professionell sich die Unternehmen absichern: Das Thema Compliance und die Suche nach dem richtigen Maß wird der deutschen Wirtschaft lange erhalten bleiben.

Noch schleicht sich mitunter seltsam laxes Vorgehen ein. So auch bei einem eigentlich für solide Compliance bekannten Finanzkonzern. Soll dort jemand nach eingehenden Ermittlungen entlassen werden, beantragen die Vorgesetzten häufig eine Zweituntersuchung - zumindest bei guten Mitarbeitern. Und siehe da, nicht selten ändert sich dann das Ergebnis. "Manchmal gibt es neue, entlastende Beweise", sagt ein Beteiligter. "Aber längst nicht immer ..."

Zum Interview mit Rechtsanwalt Stefan Nägele: "Nicht mit fristloser Kündigung"