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Familie Reimann: Die Steuerkünstler

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Familie Reimann Die Steuerkünstler

Der deutsche Clan regiert ein Weltreich aus Putzmitteln und Parfüms. Er selbst bleibt in der Öffentlichkeit unsichtbar. Dafür gibt es gute Gründe.

Hamburg - Ein Küsschen rechts, ein Küsschen links, eine herzliche Umarmung, ein vertrautes Schulterklopfen - die Mitglieder der Industriellenfamilie Reimann, die sich in der Lobby des Mailänder Fünfsternehotels "Four Seasons" begrüßen, sind sich offenbar sehr zugetan.

Der Trupp gibt sich leger. Die sportbegeisterten Reimanns - die meisten von ihnen sind passionierte Skifahrer - ziehen dem formellen Auftritt das Hemd ohne Krawatte vor; die Frauen tragen feine Stoffe, aber keine auffällige Designerware. Braun gebrannt sind sie allesamt und frohgemut.

Die Abgesandten der Familie haben ja auch keinen Grund zur Klage, wenn sie sich alle paar Monate mit den Vorständen ihrer Unternehmen zusammensetzen. Im Gegenteil: Ihre Konzerne wachsen rasant, und der Clan wird von Jahr zu Jahr reicher.

Kaum eine Sippe in Deutschland hat in so kurzer Zeit ein so großes Vermögen - rund zehn Milliarden Euro - angehäuft wie die Reimanns. In nur drei Dekaden verwandelten die vier Familienstämme mit maßgeblicher Unterstützung des Managementtrios Peter Harf (66), Bart Becht (55) und Bernd Beetz (61) einen mittelständischen Chemiebetrieb, den sie 1984 geerbt hatten, in ein weltumspannendes Imperium.

Während so manche Familienfirma von der zweiten, spätestens von der dritten Generation heruntergewirtschaftet wird, lief es bei der ursprünglich im Kurpfälzischen ansässigen Reimann-Dynastie geradewegs umgekehrt: Erst die Ururenkel des Gründers Ludwig Reimann brachten das Vermächtnis der Vorväter zum Erblühen.

Heute sind die Reimanns die bedeutendsten Aktionäre von Reckitt Benckiser , dem führenden Reinigungsmittel- und Hygienekonzern der Welt. Egal ob Calgon, Kukident oder Durex-Kondome - der Absatz von Produkten der hochprofitablen Company brummt.

Sie wollen es noch einmal wissen

Zudem hält die Familie die Mehrheit an Coty. Der Kosmetikspezialist mit mehr als 12.000 Mitarbeitern und 2,8 Milliarden Euro Umsatz regiert über ein schier unüberschaubares Portfolio kostbarer Parfümmarken, von Chloé und Cerruti bis hin zu Chopard und David Beckham.

Und schließlich ist da noch Labelux. Das 2007 aus der Taufe gehobene Start-up soll sich zu einem globalen Anbieter von Luxusgütern auswachsen. Mit Preziosen wie Bally (Schuhe und Taschen), Solange (Schmuck) oder Belstaff (Lederjacken) steuert Labelux auf Erlöse von 800 Millionen Euro zu.

Eigentlich könnten sich die Reimanns zurücklehnen und von ihren Goldadern zehren. Die Familienholding Joh. A. Benckiser schüttete allein 2011 rund 171 Millionen Euro aus. Davon ließe sich mehr als auskömmlich leben.

Doch die Entrepreneure wollen es noch einmal wissen - sie haben gerade jetzt zu einem Sprung in neue Dimensionen angesetzt.

Mitte Mai veräußerte die Sippe ein Drittel ihres Reckitt-Benckiser-Anteils, sie hält nun noch 10,5 Prozent. Obendrein plant sie, die Duftfirma Coty so schnell wie möglich an die Börse zu bringen. Durch den Verkauf der Putzmittel-Aktien und den Coty-Börsengang werden sich mehrere Milliarden Euro in den Kassen sammeln - Geld, das die Familie für große Akquisitionen ausgeben und damit ihr Reich ausweiten will.

So bedeutend diese deutsche Sippe ist, so unbekannt, ja unsichtbar ist sie in der Öffentlichkeit. Die Reimanns gelten als dröge Chemiker, als graue Damen und Herren mit Wohnsitzen im Rhein-Neckar-Raum, als Fahrer unauffälliger Kleinwagen oder Klarinette-Spielerinnen in der Dorfkapelle. Doch die Wahrheit über den unglaublichen Clan ist eine ganz andere; sie handelt von familiären Verwicklungen, einem ausgeprägten Hang zum Steuersparen und der Lust am unternehmerischen Risiko.

Die Keimzelle des reimannschen Reiches war eine Salmiakhütte, die Johann Adam Benckiser 1823 erwarb. Später tat er sich mit Ludwig Reimann zusammen. Der heiratete die Tochter Benckisers und übernahm nach dessen Tod die gemeinsam aufgebaute Chemiefabrik in Ludwigshafen.

Ludwigs Enkel Albert sen. und der Urenkel Albert jun. erweiterten die Produktion um mehrere Werke für organische Säuren und Phosphate. Die übel riechenden Fabriken brachten Anfang der 80er Jahre zwar 450 Millionen Mark Umsatz ein, aber keinen üppigen Gewinn.

1984 starb Albert jun. Das gemeinsam mit Ehefrau Paula verfasste 80-seitige Testament sorgte für große Überraschungen. Die Angehörigen hatten geglaubt, der stets bescheiden auftretende Reimann sei nur leitender Angestellter der Benckiser-Gruppe gewesen, nicht aber der Eigentümer.

Wem seine Hinterlassenschaft zukam, wurde nicht publik, denn es galt, ein heikles Geheimnis zu wahren: Die Ehe der Reimanns war kinderlos geblieben, gleichwohl hatte Albert fünf leibliche Nachkommen von zwei Leihmüttern. Aus steuerlichen Gründen adoptierte der Vater seine eigenen Kinder sowie die vier Kinder seiner Schwester Else Dubbers. Jedem der neun Erben wurden 11,1 Prozent des reimannschen Vermögens zugesprochen.

In das Unternehmen trat keiner der jungen Leute ein. Die Geschicke in Ludwigshafen bestimmte der noch vom Alten inthronisierte Martin Gruber (81), gemeinsam mit Ex-Boston-Consulting-Berater Harf, der 1981 bei Benckiser angeheuert hatte.

Gruber und Harf stellten die Chemiefirma auf ein neues Fundament. Sie verabschiedeten sich vom Industriegeschäft und kauften Haushaltsreiniger und Kosmetik zu. 1997 brachte Harf, der von Gruber die Leitung des operativen Geschäfts übernommen hatte, die Reinigungssparte von Benckiser an die Börse.

Einige Familienmitglieder nutzten den Börsengang zum Ausstieg aus dem Gesellschafterkreis. Mit einem Teil der Erlöse ließen sich die vier Dubbers-Kinder auszahlen. Heute unterhält Günter Reimann-Dubbers (70) eine Vermögensverwaltung in Grünwald bei München und eine Privatbank. Sein Bruder Volker (68) führt eine Stiftung für erneuerbare Energien.

Der Deal ermöglichte es, alle Gesellschafteranteile im Besitz der Familie zu halten. Laut Testament der Eheleute Paula und Albert dürfen diese nicht an Außenstehende verkauft werden.

Abgeschottet von der Öffentlichkeit

Die Ruhe unter den fünf Restgesellschaftern hielt allerdings nicht lange. Anfang der 2000er Jahre pochte auch Alberts Tochter Andrea Reimann-Ciardelli (55) auf Auszahlung. Zwangsläufig warf die Familie rund ein gutes Drittel ihrer Reckitt-Benckiser-Aktien auf den Markt. Der Verkauf brachte annähernd eine Milliarde Euro ein - etwa so viel, wie die in den USA lebende Biologin als Gegenwert für ihr Erbe forderte.

Mithin waren bis 2003 fünf der neun Adoptivkinder Alberts aus dem Eigentümerkreis ausgeschieden. Übrig blieben die Geschwister Renate Reimann-Haas (60) und Wolfgang Reimann (59) sowie deren Halbbrüder Matthias (47) und Stefan (48) Reimann-Andersen.

Inzwischen sind auch die zehn Kinder der vier Gesellschafter herangewachsen. Daher wurde eine Konstruktion ersonnen, über die sie am Vermögen beteiligt werden konnten: Die Eltern brachten ihre Reckitt-Benckiser-Aktien und die Luxustochter Labelux in die Finanzholding Parentes ein. Für die Kinder riefen sie eine Gesellschaft namens Donata ins Leben und übertrugen ihr die Anteile am Kosmetikkonzern Coty.

Rein formal gehört die Donata - und damit Coty - mehrheitlich der sechsten Generation. Die nimmt inzwischen auch an Gesellschaftertreffen teil und darf bei Investitionen mitentscheiden. De facto aber gibt es rechtliche Querverbindungen, die den Eltern weiterhin die Mehrheit der Stimmen einräumen.

Um den Übergang auf die Kinder so steuerschonend wie möglich zu gestalten, zogen sowohl die Parentes als auch die Donata 2006 nach Österreich um, wo es keine Erbschaftsteuer mehr gibt. Sie residieren nun am Wiener Rooseveltplatz 4-5 in einem prächtigen Bürgerhaus.

Damit der deutsche Fiskus tatsächlich umgangen werden konnte, mussten allerdings auch Eltern und Kinder das Land verlassen. Keine verlockende Aussicht für die eher heimatverbundenen Reimanns, die fast alle in kleineren Ortschaften im Süddeutschen aufgewachsen waren und von denen die wenigsten Lust hatten, etwa ins großstädtische Wien zu ziehen.

Gleichwohl fügten sie sich dem Rat ihrer Steuer- und Gesellschaftsrechtler. Seit 2006 wohnen nun alle vier Familiengesellschafter mit ihren Angehörigen in steuergünstigen Ländern wie Österreich, Italien und der Schweiz.

Dass die Medien weiterhin verbreiten, der Clan lebe irgendwo zwischen Ludwigshafen und Heidelberg, kommt den Reimanns nur zupass. Widersprochen haben sie diesen Meldungen nie. Wer outet sich schon gern als Steuerflüchtling?

Hinzu kommt: Die Sippe hat mithilfe ihres Vertrauten Harf einen Wertekanon erstellt, den jeder Nachkömmling mit dem 18. Geburtstag unterzeichnen muss. Unter anderem schreibt der Kodex vor, dass ein Reimann die Öffentlichkeit tunlichst zu meiden habe.

Frühere Generationen legten weniger strenge Maßstäbe an. Albert Reimann feierte seinen 80. Festtag noch mit einer Gala und vielen Gästen, moderiert vom Showmaster Frank Elstner (70). Heutzutage sind die Herrschaften so gut wie unsichtbar. Keine Party auf Sylt, kein Après-Ski in Kitzbühel, kein Vortrag und erst recht keine Interviews. Interneteinträge sind getilgt, sofern sie überhaupt existierten. Private Facebook-Seiten werden unter falschem Namen geführt. Fotos sucht man vergebens.

Auch im Geschäftlichen pflegen die Reimanns strikte Zurückhaltung. Laut interner Verfassung müssen sie dem täglichen Business fernbleiben und sich mit der Rolle der Kontrolleure im Verwaltungsrat der Familienholding Joh. A. Benckiser (JAB) begnügen. Ein Clanoberhaupt qua Alter oder Wahl gibt es nicht, lediglich einen Sprecher, der im dreijährigen Turnus wechselt.

Der wahre Spiritus Rector der Gesellschafter ist seit drei Dekaden Peter Harf. Der JAB-Chef besitzt alle operativen Vollmachten, er legt die langfristige Anlagestrategie fest, und er ist es auch, der Führungspositionen mit Persönlichkeiten aus seinem weltweiten Netzwerk besetzt.

So hat Harf bereits 1988 den ehemaligen Procter&Gamble-Manager Bart Becht nach Deutschland geholt. Er übertrug ihm zunächst die Verantwortung für Benckiser und später den Vorstandsvorsitz des neu formierten britischen Putzmittelgiganten Reckitt Benckiser. Seit wenigen Monaten wacht Becht als Chairman über die in New York ansässige Coty. CEO von Coty ist Bernd Beetz, den Harf 2001 vom Luxuskonzern LVMH  abwarb.

Freilich sind die Reimanns in wichtige Personalentscheidungen involviert. Und sie hegen auch privat enge Beziehungen zu Harf, Becht und Beetz. Zum Beispiel fahren manche Familienmitglieder gern in den Alpen Ski - gemeinsam mit Beetz, der ein stattliches Bauernhaus in Südtirol besitzt.

Bedingungslos leistungsorientiert

Über diese privaten Verbindungen und natürlich auch während der regelmäßigen, oft in vierteljährlichen Abständen stattfindenden Strategiemeetings halten sich die Eigentümer auf dem Laufenden. Sie lassen sich das Zahlenwerk ihrer Beteiligungen vorlegen und bringen auch schon mal eigene Vorschläge ein. So kam die Idee, den Schuhfilialisten Bally zu kaufen und ihn in die Labelux-Holding einzugliedern, aus dem Gesellschafterkreis.

Letztlich aber verlassen sich die Reimanns auf den unternehmerischen Instinkt von Harf und seinen Vertrauten Beetz und Becht. Enttäuscht wurden sie bisher nie; was immer die drei anfassten, wurde zum Erfolg.

Die spektakulärste Entwicklung nahm Reckitt Benckiser. Der Börsenwert des Konglomerats ist seit Ende der 90er Jahre von fünf Milliarden auf heute mehr als 30 Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Wegen seiner Schnelligkeit und Effizienz gilt der britische Konzern inzwischen als "Goldman Sachs  der Konsumgüterhersteller", wie ein Branchenkenner achtungsvoll formuliert.

Bei Reckitt Benckiser herrscht - wie auch bei Coty und Labelux - eine bedingungslose Ausrichtung an der Leistung. Wer brillante Zahlen bringt, wird fürstlich entlohnt, wer nicht performt, fliegt raus.

Die variable Vergütung beträgt bei Reckitt Benckiser bis zu 40 Prozent. So manche Spitzenkraft verdient dort mehr als ein Wall-Street-Banker in besten Zeiten. Der frühere Reckitt-Benckiser-Chef Becht strich 2009 rund 100 Millionen Euro ein, vor allem weil er Aktienoptionen einlöste.

Die zweitgrößte Firma im Reimann-Portfolio, der Dufthersteller Coty, läuft nach einer Flaute im Krisenjahr 2009 wieder sehr ordentlich. Das Unternehmen wächst, die Gewinne sprudeln.

Fehlgriffe gab es dagegen bei Labelux. Bally-Chef Berndt Hauptkorn (43) musste gehen, weil er die Verluste des Schuhfilialisten nicht eindämmen konnte. Mittlerweile sind die Anlaufschwierigkeiten im Wesentlichen überwunden, Labelux schreibt nach Auskunft seines Chefs Reinhard Mieck (45) "operativ schwarze Zahlen".

Die Triumphe der Vergangenheit sicherten Harf & Co. auch die Unterstützung der Familie, als die Idee aufkam, Coty für externe Investoren zu öffnen. Im Januar 2011 holten die Reimann-Sachwalter die Private-Equity-Häuser Rhône und Berkshire Partners (die Gesellschaft hat nichts mit Warren Buffett zu tun) an Bord. Sie übernahmen jeweils 7,5 Prozent der Coty-Anteile. Weitere 5 Prozent liegen beim Coty-Management.

Die Hereinnahme der beiden ausgewiesenen Finanzspezialisten hatte einen doppelten Effekt: Zum einen verfügten die Reimanns über weiteres Kapital für den Zukauf von Firmen. Zum anderen holten sie sich zusätzliche Kapitalmarktexpertise in den Verwaltungsrat. Die sollte hilfreich sein bei einem schon seit Längerem anvisierten Projekt - dem Börsengang von Coty.

Im vergangenen Herbst schlug die Familie zunächst einen anderen Weg ein: Sie versuchte, Coty mit dem zweieinhalbmal so großen börsennotierten US-Konkurrenten Avon zu einem weltweit führenden Kosmetikkonzern zu verschmelzen; selbstredend unter der unternehmerischen Führung der künftigen Hauptgesellschafter, der Reimanns.

Die Avon-Führung zeigte wenig Sympathie für den Plan. Auch als die Deutschen ihre Offerte auf 10,7 Milliarden Dollar erhöhten, zögerte die Avon-Spitze die Entscheidung hinaus. Mitte Mai verloren die Bieter die Lust und sagten den Deal ab.

Noch ist nicht sicher, ob die Beteiligten wirklich das letzte Wort gesprochen haben oder ob doch ein Zusammenschluss möglich ist. Einstweilen rückt aber wieder die ursprüngliche Idee in den Fokus: Coty soll als eigenständiges Unternehmen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten an die Börse gebracht werden.

Somit sammelt sich bei den Reimanns nun eine gigantische Cash-Reserve an. Bereits jetzt liegen rund 1,5 Milliarden Euro auf den Bankkonten - die Summe erlöste die Familie in den ersten Mai-Tagen, als sie für die Finanzierung der geplanten Avon-Übernahme ein Drittel ihrer Reckitt-Benckiser-Aktien verkaufte. Hinzu käme das Geld aus dem Börsengang von Coty.

Die Milliarden sind für den Erwerb neuer Unternehmen vorgesehen. Coty-Aufsichtsratschef Becht spricht von einer "Diversifizierung des Portfolios". Man suche "nach Kaufoptionen in der Konsumgüterbranche", sagt Becht. Zahlreiche Möglichkeiten böten sich insbesondere in der zersplitterten Schönheitsindustrie.

Aufbruch in eine neue Ära

Mag sein, dass Becht bei seinen künftigen Streifzügen durch die Welt des Noblen und Teuren auch von Warren Buffett (81) begleitet wird. Der hatte ursprünglich zugesagt, sich über sein Investmenthaus Berkshire Hathaway mit etwa zweieinhalb Milliarden Dollar an dem Avon-Deal zu beteiligen.

Buffett und Becht haben sich während des Buhlens um den Kosmetikkonzern persönlich kennengelernt und waren recht angetan voneinander (Becht: "Ein fantastischer Partner"). Der Coty-Vormann kann sich gut vorstellen, dass Buffett auch bei einer der anstehenden Akquisitionen mit von der Partie ist.

Ob mit oder ohne Buffett - das reimannsche Reich wird sich wandeln. In Zukunft setzt die Familie den Großteil ihres Besitzes den Unwägbarkeiten der Aktienmärkte aus. Nur Labelux bleibt noch in privater Hand. Die Reimanns gehen ins Risiko wie Kapitalisten der ersten Generation; sie verfügen weder über größere Immobilienbestände, noch haben sie in Kunstschätze investiert. "All die Dinge, die Privatbanker wohlhabenden Bürgern empfehlen, langweilen die Gesellschafter", sagt Harf.

Der Clan bricht in eine neue Ära auf. Als Aktionäre einer börsennotierten Coty müssen die Reimanns dem Druck des Kapitalmarktes gehorchen und rasche Entscheidungen treffen. Grund genug, hochkarätige Manager einzukaufen und die Finanzholding JAB umzubauen.

In der JAB existierten lange Jahre zwei Aufsichtsorgane - ein Verwaltungsrat und ein familienfremder Beirat. Die beiden Gremien ersetzt nun ein Gesellschafterausschuss, in dem jeweils ein Mitglied der vier Stämme vertreten ist. Den Vorsitz hat Ex-Allianz-Vorstand Joachim Faber (62) inne, ein enger Vertrauter der Sippe.

Auch die operative Leitung wird neu strukturiert. Jahrzehntelang führte Harf die JAB allein. Doch das Vermögen der Reimanns hat inzwischen einen Umfang erreicht, der von einer Einzelperson kaum noch zu bewältigen ist. Daher wird die Holding jetzt von einem dreiköpfigen Investment Committee gesteuert. Mitglieder sind Harf, Becht und Olivier Goudet (48), vormals Finanzvorstand des US-Süßwarenherstellers Mars.

Mit der Neuordnung der Holding, die aus steuerlichen Gründen seit Kurzem in Luxemburg registriert ist, geht auch eine Erweiterung des Eigentümerkreises einher. Die Familie verfügte bislang über 100 Prozent des Kapitals, hat nun aber einige wenige stimmrechtslose Anteile an das Topmanagement abgegeben. Will heißen: Wächst der Besitz der Reimanns, profitieren auch die Spitzenkräfte Harf, Becht und Goudet.

Die Firmenkultur angelsächsischer Provenienz wird den Reimann-Kosmos künftig viel intensiver prägen. Die Zeiten des geruhsamen Ludwigshafener Familienbetriebs sind vorbei. Je mehr sich der Fokus auf eine in den Vereinigten Staaten börsennotierte Coty richtet, desto eher wird auch die Familienholding amerikanisiert.

Noch in diesem Jahr planen die Reimanns, eine Repräsentanz in der US-Hauptstadt Washington zu eröffnen. Was zunächst als Stützpunkt gedacht ist, könnte sich bald als heimliche Zentrale entpuppen. Das wäre dann vermutlich auch das Ende der gemütlichen Managementtreffen in Mailand.

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