Freitag, 23. August 2019

Familie Reimann Die Steuerkünstler

Familie Reimann: Die Steuerkünstler
REUTERS

5. Teil: Aufbruch in eine neue Ära

Mag sein, dass Becht bei seinen künftigen Streifzügen durch die Welt des Noblen und Teuren auch von Warren Buffett (81) begleitet wird. Der hatte ursprünglich zugesagt, sich über sein Investmenthaus Berkshire Hathaway mit etwa zweieinhalb Milliarden Dollar an dem Avon-Deal zu beteiligen.

Buffett und Becht haben sich während des Buhlens um den Kosmetikkonzern persönlich kennengelernt und waren recht angetan voneinander (Becht: "Ein fantastischer Partner"). Der Coty-Vormann kann sich gut vorstellen, dass Buffett auch bei einer der anstehenden Akquisitionen mit von der Partie ist.

Ob mit oder ohne Buffett - das reimannsche Reich wird sich wandeln. In Zukunft setzt die Familie den Großteil ihres Besitzes den Unwägbarkeiten der Aktienmärkte aus. Nur Labelux bleibt noch in privater Hand. Die Reimanns gehen ins Risiko wie Kapitalisten der ersten Generation; sie verfügen weder über größere Immobilienbestände, noch haben sie in Kunstschätze investiert. "All die Dinge, die Privatbanker wohlhabenden Bürgern empfehlen, langweilen die Gesellschafter", sagt Harf.

Der Clan bricht in eine neue Ära auf. Als Aktionäre einer börsennotierten Coty müssen die Reimanns dem Druck des Kapitalmarktes gehorchen und rasche Entscheidungen treffen. Grund genug, hochkarätige Manager einzukaufen und die Finanzholding JAB umzubauen.

In der JAB existierten lange Jahre zwei Aufsichtsorgane - ein Verwaltungsrat und ein familienfremder Beirat. Die beiden Gremien ersetzt nun ein Gesellschafterausschuss, in dem jeweils ein Mitglied der vier Stämme vertreten ist. Den Vorsitz hat Ex-Allianz-Vorstand Joachim Faber (62) inne, ein enger Vertrauter der Sippe.

Auch die operative Leitung wird neu strukturiert. Jahrzehntelang führte Harf die JAB allein. Doch das Vermögen der Reimanns hat inzwischen einen Umfang erreicht, der von einer Einzelperson kaum noch zu bewältigen ist. Daher wird die Holding jetzt von einem dreiköpfigen Investment Committee gesteuert. Mitglieder sind Harf, Becht und Olivier Goudet (48), vormals Finanzvorstand des US-Süßwarenherstellers Mars.

Mit der Neuordnung der Holding, die aus steuerlichen Gründen seit Kurzem in Luxemburg registriert ist, geht auch eine Erweiterung des Eigentümerkreises einher. Die Familie verfügte bislang über 100 Prozent des Kapitals, hat nun aber einige wenige stimmrechtslose Anteile an das Topmanagement abgegeben. Will heißen: Wächst der Besitz der Reimanns, profitieren auch die Spitzenkräfte Harf, Becht und Goudet.

Die Firmenkultur angelsächsischer Provenienz wird den Reimann-Kosmos künftig viel intensiver prägen. Die Zeiten des geruhsamen Ludwigshafener Familienbetriebs sind vorbei. Je mehr sich der Fokus auf eine in den Vereinigten Staaten börsennotierte Coty richtet, desto eher wird auch die Familienholding amerikanisiert.

Noch in diesem Jahr planen die Reimanns, eine Repräsentanz in der US-Hauptstadt Washington zu eröffnen. Was zunächst als Stützpunkt gedacht ist, könnte sich bald als heimliche Zentrale entpuppen. Das wäre dann vermutlich auch das Ende der gemütlichen Managementtreffen in Mailand.

© manager magazin 6/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung