Mittwoch, 21. August 2019

Familie Reimann Die Steuerkünstler

Familie Reimann: Die Steuerkünstler
REUTERS

4. Teil: Bedingungslos leistungsorientiert

Über diese privaten Verbindungen und natürlich auch während der regelmäßigen, oft in vierteljährlichen Abständen stattfindenden Strategiemeetings halten sich die Eigentümer auf dem Laufenden. Sie lassen sich das Zahlenwerk ihrer Beteiligungen vorlegen und bringen auch schon mal eigene Vorschläge ein. So kam die Idee, den Schuhfilialisten Bally zu kaufen und ihn in die Labelux-Holding einzugliedern, aus dem Gesellschafterkreis.

Letztlich aber verlassen sich die Reimanns auf den unternehmerischen Instinkt von Harf und seinen Vertrauten Beetz und Becht. Enttäuscht wurden sie bisher nie; was immer die drei anfassten, wurde zum Erfolg.

Die spektakulärste Entwicklung nahm Reckitt Benckiser. Der Börsenwert des Konglomerats ist seit Ende der 90er Jahre von fünf Milliarden auf heute mehr als 30 Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Wegen seiner Schnelligkeit und Effizienz gilt der britische Konzern inzwischen als "Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen der Konsumgüterhersteller", wie ein Branchenkenner achtungsvoll formuliert.

Bei Reckitt Benckiser herrscht - wie auch bei Coty und Labelux - eine bedingungslose Ausrichtung an der Leistung. Wer brillante Zahlen bringt, wird fürstlich entlohnt, wer nicht performt, fliegt raus.

Die variable Vergütung beträgt bei Reckitt Benckiser bis zu 40 Prozent. So manche Spitzenkraft verdient dort mehr als ein Wall-Street-Banker in besten Zeiten. Der frühere Reckitt-Benckiser-Chef Becht strich 2009 rund 100 Millionen Euro ein, vor allem weil er Aktienoptionen einlöste.

Die zweitgrößte Firma im Reimann-Portfolio, der Dufthersteller Coty, läuft nach einer Flaute im Krisenjahr 2009 wieder sehr ordentlich. Das Unternehmen wächst, die Gewinne sprudeln.

Fehlgriffe gab es dagegen bei Labelux. Bally-Chef Berndt Hauptkorn (43) musste gehen, weil er die Verluste des Schuhfilialisten nicht eindämmen konnte. Mittlerweile sind die Anlaufschwierigkeiten im Wesentlichen überwunden, Labelux schreibt nach Auskunft seines Chefs Reinhard Mieck (45) "operativ schwarze Zahlen".

Die Triumphe der Vergangenheit sicherten Harf & Co. auch die Unterstützung der Familie, als die Idee aufkam, Coty für externe Investoren zu öffnen. Im Januar 2011 holten die Reimann-Sachwalter die Private-Equity-Häuser Rhône und Berkshire Partners (die Gesellschaft hat nichts mit Warren Buffett zu tun) an Bord. Sie übernahmen jeweils 7,5 Prozent der Coty-Anteile. Weitere 5 Prozent liegen beim Coty-Management.

Die Hereinnahme der beiden ausgewiesenen Finanzspezialisten hatte einen doppelten Effekt: Zum einen verfügten die Reimanns über weiteres Kapital für den Zukauf von Firmen. Zum anderen holten sie sich zusätzliche Kapitalmarktexpertise in den Verwaltungsrat. Die sollte hilfreich sein bei einem schon seit Längerem anvisierten Projekt - dem Börsengang von Coty.

Im vergangenen Herbst schlug die Familie zunächst einen anderen Weg ein: Sie versuchte, Coty mit dem zweieinhalbmal so großen börsennotierten US-Konkurrenten Avon zu einem weltweit führenden Kosmetikkonzern zu verschmelzen; selbstredend unter der unternehmerischen Führung der künftigen Hauptgesellschafter, der Reimanns.

Die Avon-Führung zeigte wenig Sympathie für den Plan. Auch als die Deutschen ihre Offerte auf 10,7 Milliarden Dollar erhöhten, zögerte die Avon-Spitze die Entscheidung hinaus. Mitte Mai verloren die Bieter die Lust und sagten den Deal ab.

Noch ist nicht sicher, ob die Beteiligten wirklich das letzte Wort gesprochen haben oder ob doch ein Zusammenschluss möglich ist. Einstweilen rückt aber wieder die ursprüngliche Idee in den Fokus: Coty soll als eigenständiges Unternehmen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten an die Börse gebracht werden.

Somit sammelt sich bei den Reimanns nun eine gigantische Cash-Reserve an. Bereits jetzt liegen rund 1,5 Milliarden Euro auf den Bankkonten - die Summe erlöste die Familie in den ersten Mai-Tagen, als sie für die Finanzierung der geplanten Avon-Übernahme ein Drittel ihrer Reckitt-Benckiser-Aktien verkaufte. Hinzu käme das Geld aus dem Börsengang von Coty.

Die Milliarden sind für den Erwerb neuer Unternehmen vorgesehen. Coty-Aufsichtsratschef Becht spricht von einer "Diversifizierung des Portfolios". Man suche "nach Kaufoptionen in der Konsumgüterbranche", sagt Becht. Zahlreiche Möglichkeiten böten sich insbesondere in der zersplitterten Schönheitsindustrie.

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