Donnerstag, 27. Juni 2019

Familie Reimann Die Steuerkünstler

Familie Reimann: Die Steuerkünstler
REUTERS

3. Teil: Abgeschottet von der Öffentlichkeit

Die Ruhe unter den fünf Restgesellschaftern hielt allerdings nicht lange. Anfang der 2000er Jahre pochte auch Alberts Tochter Andrea Reimann-Ciardelli (55) auf Auszahlung. Zwangsläufig warf die Familie rund ein gutes Drittel ihrer Reckitt-Benckiser-Aktien auf den Markt. Der Verkauf brachte annähernd eine Milliarde Euro ein - etwa so viel, wie die in den USA lebende Biologin als Gegenwert für ihr Erbe forderte.

Mithin waren bis 2003 fünf der neun Adoptivkinder Alberts aus dem Eigentümerkreis ausgeschieden. Übrig blieben die Geschwister Renate Reimann-Haas (60) und Wolfgang Reimann (59) sowie deren Halbbrüder Matthias (47) und Stefan (48) Reimann-Andersen.

Inzwischen sind auch die zehn Kinder der vier Gesellschafter herangewachsen. Daher wurde eine Konstruktion ersonnen, über die sie am Vermögen beteiligt werden konnten: Die Eltern brachten ihre Reckitt-Benckiser-Aktien und die Luxustochter Labelux in die Finanzholding Parentes ein. Für die Kinder riefen sie eine Gesellschaft namens Donata ins Leben und übertrugen ihr die Anteile am Kosmetikkonzern Coty.

Rein formal gehört die Donata - und damit Coty - mehrheitlich der sechsten Generation. Die nimmt inzwischen auch an Gesellschaftertreffen teil und darf bei Investitionen mitentscheiden. De facto aber gibt es rechtliche Querverbindungen, die den Eltern weiterhin die Mehrheit der Stimmen einräumen.

Um den Übergang auf die Kinder so steuerschonend wie möglich zu gestalten, zogen sowohl die Parentes als auch die Donata 2006 nach Österreich um, wo es keine Erbschaftsteuer mehr gibt. Sie residieren nun am Wiener Rooseveltplatz 4-5 in einem prächtigen Bürgerhaus.

Damit der deutsche Fiskus tatsächlich umgangen werden konnte, mussten allerdings auch Eltern und Kinder das Land verlassen. Keine verlockende Aussicht für die eher heimatverbundenen Reimanns, die fast alle in kleineren Ortschaften im Süddeutschen aufgewachsen waren und von denen die wenigsten Lust hatten, etwa ins großstädtische Wien zu ziehen.

Gleichwohl fügten sie sich dem Rat ihrer Steuer- und Gesellschaftsrechtler. Seit 2006 wohnen nun alle vier Familiengesellschafter mit ihren Angehörigen in steuergünstigen Ländern wie Österreich, Italien und der Schweiz.

Dass die Medien weiterhin verbreiten, der Clan lebe irgendwo zwischen Ludwigshafen und Heidelberg, kommt den Reimanns nur zupass. Widersprochen haben sie diesen Meldungen nie. Wer outet sich schon gern als Steuerflüchtling?

Hinzu kommt: Die Sippe hat mithilfe ihres Vertrauten Harf einen Wertekanon erstellt, den jeder Nachkömmling mit dem 18. Geburtstag unterzeichnen muss. Unter anderem schreibt der Kodex vor, dass ein Reimann die Öffentlichkeit tunlichst zu meiden habe.

Frühere Generationen legten weniger strenge Maßstäbe an. Albert Reimann feierte seinen 80. Festtag noch mit einer Gala und vielen Gästen, moderiert vom Showmaster Frank Elstner (70). Heutzutage sind die Herrschaften so gut wie unsichtbar. Keine Party auf Sylt, kein Après-Ski in Kitzbühel, kein Vortrag und erst recht keine Interviews. Interneteinträge sind getilgt, sofern sie überhaupt existierten. Private Facebook-Seiten werden unter falschem Namen geführt. Fotos sucht man vergebens.

Auch im Geschäftlichen pflegen die Reimanns strikte Zurückhaltung. Laut interner Verfassung müssen sie dem täglichen Business fernbleiben und sich mit der Rolle der Kontrolleure im Verwaltungsrat der Familienholding Joh. A. Benckiser (JAB) begnügen. Ein Clanoberhaupt qua Alter oder Wahl gibt es nicht, lediglich einen Sprecher, der im dreijährigen Turnus wechselt.

Der wahre Spiritus Rector der Gesellschafter ist seit drei Dekaden Peter Harf. Der JAB-Chef besitzt alle operativen Vollmachten, er legt die langfristige Anlagestrategie fest, und er ist es auch, der Führungspositionen mit Persönlichkeiten aus seinem weltweiten Netzwerk besetzt.

So hat Harf bereits 1988 den ehemaligen Procter&Gamble-Manager Bart Becht nach Deutschland geholt. Er übertrug ihm zunächst die Verantwortung für Benckiser und später den Vorstandsvorsitz des neu formierten britischen Putzmittelgiganten Reckitt Benckiser. Seit wenigen Monaten wacht Becht als Chairman über die in New York ansässige Coty. CEO von Coty ist Bernd Beetz, den Harf 2001 vom Luxuskonzern LVMH Börsen-Chart zeigen abwarb.

Freilich sind die Reimanns in wichtige Personalentscheidungen involviert. Und sie hegen auch privat enge Beziehungen zu Harf, Becht und Beetz. Zum Beispiel fahren manche Familienmitglieder gern in den Alpen Ski - gemeinsam mit Beetz, der ein stattliches Bauernhaus in Südtirol besitzt.

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