Samstag, 20. April 2019

Krankenversicherung Der deutsche Patient

Private Krankenversicherung: Die Lage, die Perspektiven
Florian Renner

Unbezahlbare Prämien im Alter sprengen das System der privaten Krankenversicherungen. Die privaten Kassen müssen sich neu erfinden - sonst droht ihnen das Aus.

Hamburg - Einen besseren Kunden als Marco von Maltzan (57) kann es für einen privaten Krankenversicherer kaum geben. Der Mann hat Karriere gemacht. Er war Projektleiter bei den Consultants von Roland Berger, hatte die Verantwortung für die Motorradsparte von BMW, arbeitete vier Jahre lang als Vorstandschef des Automobilzulieferers Beru AG und sitzt heute in den Aufsichtsräten diverser Unternehmen.

Verdient hat er stets genug. Privatpatient ist er seit Mitte der 80er Jahre, immer beim selben Versicherer, dem Münchener Verein. Ernste gesundheitliche Probleme gab es nie - weder bei ihm noch bei seiner Frau oder seinen beiden Kindern. Die Police war komfortabel, aber keineswegs luxuriös ausgestattet. Opulent entwickelten sich lediglich die Prämien, die der Münchener Verein im Laufe der Zeit einforderte.

Allein zwischen 2003 und 2011 stiegen die jährlichen Ausgaben für den Krankenversicherungsschutz der Familie Maltzan um rund 10.000 Euro - von knapp 15.000 auf rund 24.500 Euro. Im Schnitt schossen die Prämien um fast 6,5 Prozent pro Jahr nach oben, stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung und schneller, als es durch Preissteigerungen bei Arznei- und Behandlungskosten zu erklären gewesen wäre.

Am Ende waren für Maltzan und seine Frau jeden Monat jeweils über 600 Euro fällig, 430 Euro kamen für die Tochter und 330 Euro für den Sohn hinzu. Tatsächlich zahlten sie in den meisten Jahren noch deutlich mehr, weil sie zwischenzeitlich eine Selbstbeteiligung für jedes der vier Familienmitglieder von rund 1000 Euro akzeptiert hatten.

Rund 2000 Euro Prämie für die Familie - pro Monat

Ähnlich wie den Maltzans erging es auch vielen anderen Privatpatienten. Um bis zu 50 Prozent hoben die Konzerne Anfang Januar die Beiträge in einzelnen Tarifen an. Steigerungen im zweistelligen Prozentbereich gehören für die Klientel ab Mitte 50 bei einigen Versicherern zum Alltag.

Die Ursachen sind vielfältig. Sie reichen vom Missmanagement einzelner Konzerne über den demografischen Wandel und die Kosten des medizinischen Fortschritts bis hin zur Ausbeutung des Systems durch Ärzte, Kliniken und Pharmafirmen. Und auch die Finanzkrise spielt ihre ganz spezielle Rolle.

"Am Ende sind die Gründe aber gleichgültig", sagt Matthias Graf von der Schulenburg, Versicherungsprofessor an der Universität Hannover. "In Berlin werden die Prämienerhöhungen als Signal verstanden, dass das System private Krankenversicherung nicht funktioniert."

Es ist eine desaströse Bilanz für eine Branche, die behauptet, immun gegen die Risiken einer alternden Gesellschaft zu sein. Und die damit wirbt, dass sie anders als die gesetzlichen Krankenkassen Rücklagen für die hohen Behandlungskosten der letzten Lebensjahrzehnte bildet. In der Realität tritt sie mit jeder neuen Beitragsrunde den Beweis an, wie fehlerbehaftet und teuer ihr System ist.

Dabei steht der Härtetest erst noch bevor. Wenn die Generation der Babyboomer das Rentenalter erreicht, drohen exorbitante Prämien zum Massenphänomen zu werden. "Dieses Problem müssen die Unternehmen in den Griff bekommen", sagt Matthias Becker (43), Krankenversicherungsexperte und Partner bei der Boston Consulting Group, "da sonst die politisch-gesellschaftliche Akzeptanz des privaten Vollversicherungssystems erodiert und ein Eingriff durch den Staat wahrscheinlich wird."

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