Montag, 19. August 2019

Hall of Fame 2000 - Laudatio Joachim Fest über Roland Berger

Er hat den Beratungsgedanken in Kontinentaleuropa überhaupt erst erfunden und zu dem Ansehen gebracht, das er inzwischen besitzt.

"Seit wir uns vor annähernd 30 Jahren kennen lernten und alsbald befreundeten, ist er mir - über alle verbindenden, im weiteren Sinne kulturellen Interessen hinaus - als der Musterfall des aufgeklärten Wirtschaftsbürgers erschienen. Er verfügte stets über so viel Einsicht in die wirtschaftlichen Zusammenhänge wie über pragmatischen Sinn, über Festigkeit in den Grundsätzen wie Flexibilität bei deren Anwendung.

Er ist ein Mann der Theorie, wie seine zahlreichen akademischen Ämter und Berufungen zeigen, aber ohne alle professorale Schreibtischarroganz. Für Roland Berger wird jede Erkenntnis erst durch die Realität beglaubigt. Sie muss funktionieren, oder man lässt besser davon.

Das zeigte sich von allem Anfang an. Ungeachtet des ideologischen Stimmengewirrs ringsum, das die späten 60er und die 70er Jahre beherrschte, war es seine Neigung, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden: Der Zeitgeist hat ihn nie beirrt.

Schon während seiner Universitätsjahre sei er niemals nur Student, sondern immer auch Unternehmer gewesen, hat er versichert und sich einen "unruhigen Kopf" genannt. Den Beginn machte ein Schnapsdiscount, dann folgte ein höchst erfolgreich betriebener Waschsalon, ehe er nach dem Examen in eine amerikanische Beratungsgesellschaft eintrat.

Als er fünf Jahre später ein eigenes Unternehmen gründete, begann eine Bilderbuchgeschichte, die sich bis heute fortsetzt. Denn die Unruhe, die Berger sich selbst bescheinigt, war eben das, was die Lage verlangte oder richtiger: was im Wirtschaftlichen jede Lage zu jeder Zeit verlangt.

Die Wände, fand er, waren voll geschrieben mit Zeichen, aber niemand vermochte sie zu entziffern und, was erstaunlicher war, niemand hatte das Bedürfnis, ihren Rätseln auf die Spur zu kommen. Er hatte es. Es war, was ihn antrieb. Aber zu einer Ausnahmeerscheinung machte es ihn auch.

Er hat den Beratungsgedanken oder das, was er unter den besonderen kontinentaleuropäischen Bedingungen ist und wurde, überhaupt erst erfunden und zu dem Ansehen gebracht, das er inzwischen besitzt. Bezeichnenderweise findet sich unter den großen Weltfirmen in diesem Geschäft kein deutsches Unternehmen - das seine ausgenommen.

Zu den Schlüsseln seines Erfolgs gehört, dass er und seine Mitarbeiter sich keiner Aufgabe mit einem vorgefertigten Konzept nähern. Das immer wieder bewährte Verfahren besteht vielmehr darin, am Beispiel der Auftragsfirma den großen Zusammenhang samt seinen Zwängen anschaubar zu machen und Lösungen für halbwegs zukunftstaugliche Strategien zu entwickeln.

In ungezählten Interviews hat der gesuchte Auskunftgeber Roland Berger Mal um Mal die Notwendigkeiten hervorgehoben, die das Land wieder wettbewerbsfähig machen können: weg von den vermeintlich perfekten Lösungen, die niemals etwas anderes sind als eine lebensfremde Ausgedachtheit und von der Wirklichkeit nur zu bald über den Haufen geworfen werden. Er weiß, dass in allem Geschehen stets ein gehöriges Stück Unberechenbarkeit am Werk ist, der keine Theorie gerecht werden kann.

In einem dramatischen, womöglich bewusst alarmierenden Bild hat Roland Berger von der Zukunft gesagt, kein Stein werde auf dem anderen bleiben. Gemeint war das offenbar nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, im Blick auf die Arbeitsprozesse, die Vertriebswege, Kundenbeziehungen, Unternehmenszusammenschlüsse und dergleichen mehr.

Unvermeidlicherweise greifen, seiner Auffassung zufolge, solche Veränderungen auch auf die Gesellschaft im Ganzen durch, auf die Strukturen und die Lebensformen, der Prozess hat längst begonnen. Aber viele tun sich schwer damit, am schwersten die Parteien und Verbände sowie nicht zuletzt die Gewerkschaften, deren Rhetorik mitsamt den Jahr für Jahr durchgepaukten Lohnritualen um die "Stelle hinter dem Komma" zunehmend den Eindruck macht, einer Gespensterdebatte beizuwohnen.

Doch Ideologien helfen nicht, sondern einzig Weitblick, Augenmaß und Umsicht: Das ist die Lehre des abgelaufenen Jahrhunderts. Wo diese Voraussetzungen bestehen, fehlt es oftmals gleichwohl am Durchsetzungsvermögen.

Ein Drittel seiner Zeit, vermerkt Roland Berger, widme er gesellschaftlich-politischen Tätigkeiten: in Beiräten, Kommissionen und Kuratorien. Die wichtigsten und zeitlich aufwändigsten dieser Gremien haben den Auftrag, Zukunftsfragen zu formulieren und in den versteinerten Jurassic-Park, mit dem man die Bundesrepublik verglichen hat, einige Bewegung zu bringen. Zu den Eigenschaften, ohne die ihm wenig oder jedenfalls nicht das, was es schließlich wurde, geglückt wäre, nennt Roland Berger seine Überzeugungskraft. In der Verbreitung der richtigen Vorstellungen hat er sie auf dem Feld der Politik hinreichend oft bewiesen.

Vielleicht wird er künftig sogar noch mehr Zeit den politischen Aufgaben widmen müssen. Es wäre jedenfalls zu wünschen. Worauf Roland Bergers Rat hinausliefe, lässt sich beim Durchblättern seiner Reden und Stellungnahmen unschwer ausfindig machen: die Grundsätze achten, ohne darüber die Beweglichkeit zu verlieren, die Regulierungsschranken abbauen, die der Interventionsübermut des Staates und die dazugehörige Ängstlichkeit der Bürger errichtet haben, sowie die Offenheit nach vorn mit unternehmerischem Geist verbinden - über alledem aber die Auswirkungen auf das Ganze nicht zu vernachlässigen, aufs Soziale vor allem.

Am Ende geht es um die Frage, wie sich Freiheit, eine im ungemein verschärften weltweiten Wettbewerb behauptungsfähige Wirtschaftsverfassung und soziale Absicherung zu einer Struktur wechselseitiger Stützen verbinden lassen.

Wer die Formeln liebt, kann die gestellte Aufgabe auf den Begriff "Mut zur Zukunft" bringen. Ich bin in den zurückliegenden Tagen bei der Erwähnung der "Hall of Fame" verschiedentlich auf ironische Reaktionen gestoßen, wie sie derart stolze Wortstandarten oftmals auslösen. Aber wer der Politik wie den Menschen über 30 Jahre lang diesen Mut gemacht hat und weiterhin zu machen gewillt ist, hat die Auszeichnung in jedem Sinne verdient. Lieber Roland Berger - herzlichen Glückwunsch!"

Joachim Fest *

* Die Laudatio ist in Auszügen wiedergegeben; Joachim Fest ist Buchautor und war Feuilleton-Chef und Mitherausgeber der "FAZ".

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