Freitag, 23. August 2019

Hall of Fame 2000 - Laudatio Eberhard v. Kuenheim über Elisabeth Noelle-Neumann

Mit jeder Befragung, mit jeder Interpretation, mit jeder Diskussion erlauben Sie den Menschen ein immer neues Stück Mündigkeit; und das ist die Basis unserer Demokratie.

"Verehrte Elisabeth Noelle-Neumann, Sie sind aus der Geschichte gewaltiger Aufbauleistung in unserem Lande nicht wegzudenken.

Schließlich sind über Jahrzehnte viele hunderttausende Bürger unseres Landes mit dem Namen in Berührung gekommen, für den Sie stehen: Sie wurden von "Allensbach" nach ihrer Meinung gefragt.

Statistisch gehört Ihr Unternehmen seit seiner Gründung 1947 - also vor mehr als 50 Jahren - zum Mittelstand. Ihr Institut sollte ausdrücklich klein bleiben: klein, aber stark und wohl auch: klein, aber fein.

Dennoch - oder sollte ich besser sagen: darum? - haben Sie eine Marke gestaltet, die geradezu mythische Züge trägt. Jenes verwunschene Allensbach am Bodensee wurde zum Synonym für Demoskopie wie Bonn oder Berlin fürs Regieren oder Frankfurt im Geldgeschäft. Allerdings gibt es in Frankfurt oder Berlin in den jeweiligen Metiers immer viele. In Allensbach gibt es nur Sie. "Die Noelle-Neumann", so heißt es - in der Regel mit großem Respekt.

Was Sie mit Herz und Verstand voranbringen wollten, nennt man empirische Sozialforschung. Im Grunde verkaufen Sie die Meinung von Menschen in Form von Tabellen. Wie aber andere nicht Blech in Form von Automobilen verkaufen, sondern Mobilität und sogar Freude am Fahren, so bieten Sie etwas ganz anderes an als Prozente und Zahlen und auch mehr als deren Entwicklung über die Jahre.

Ihr wirkliches Angebot besteht in Erkenntnisgewinn. Ihre spezielle Verquickung von Forschung und praktischer Anwendung ermöglicht Einsichten in menschliches Fühlen und Denken, welche weit vor dem Handeln liegen.

Ihren Ansatz nenne ich unternehmerisch, obwohl die Politik Ihr bekannterer Kunde blieb. Schließlich bedingen Politik und Wirtschaft einander und verhelfen einander zum Erfolg. Insofern mag man jeden wahren Homo politicus zugleich einen Homo oeconomicus nennen - wie das eben auch umgekehrt gilt. Beides trifft wahrlich auf Sie zu, auch wenn sich die Sprache - wen nimmt es wunder - auf die männliche Möglichkeit beschränkt.

Sie haben die Hand am Puls der Zeit - und Sie erspüren kleinste Schläge und Pulsveränderungen. Es ist faszinierend, Ihre Interpretationen dagegenzuhalten. Im Grunde haben Sie Forschung mit Gesellschaftskritik verbunden und Beweisbares mit Nichtbeweisbarem. Zweierlei ist allerdings auch verständlich: Wie sehr das Kritik provoziert - und wie sehr Sie das manchmal getroffen hat. "Ich muss Spott und Tadel ertragen lernen, wenn sie nur nicht verdient sind", sagten Sie mit Rousseau.

Die Wissenschaft, die man exakt nennt, bemäkelte Ihre Methoden; man hat Ihre Interpretationen infrage gestellt. Mit dem Sinn eines Unternehmers für Realitäten sahen Sie immer wieder, wie schnell man Messungen hat, wie rasch Fakten vorliegen - und wie zögerlich, wie wenig und wie falsch man diese zu deuten versteht.

Sie haben Ihren Forschungsansatz für die Wirklichkeit geöffnet. Dazu mussten Sie im Elfenbeinturm der Wissenschaft das angestammte demoskopische Stockwerk verlassen - und schließlich sogar den Turm selbst.

Sie haben immer gewusst und betont: Die Wirksamkeit der Demoskopie steht und fällt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Das erklärt Ihre ungewöhnliche Verbindung von wissenschaftlichem Engagement und unternehmerischer Tatkraft.

Am liebsten hätten Sie Allensbach als Teil eines Universitätsinstituts gesehen. Das ergab sich nun nicht. Jedoch haben Sie seit 1961 an der Universität gelehrt - zunächst in Berlin und bald darauf als erste Inhaberin des Lehrstuhls für Publizistik in Mainz, über fast zwei Jahrzehnte als Direktorin des von Ihnen dort aufgebauten Instituts für Publizistik.

Sie spiegeln unsere Geschichte mit faszinierenden Zeitdokumenten: von Momentaufnahmen der Lebenswirklichkeit (Goethe wird zum demoskopischen Fall), den kleinen Sorgen des Alltags (dass sich nämlich die Sonne um die Erde dreht) bis hin zu den großen Fragen der Zeitgeschichte (Wiedervereinigung). Aber aus abertausenden einzelner Untersuchungen - vielen davon im Zeitverlauf über Jahre - haben Sie gleichsam auf einer Metaebene etwas gebildet, was ich "Erkenntnisspirale" nennen möchte.

Das begann in den 70er Jahren mit der "Schweigespirale" - so sehr Bestandteil der Marke Allensbach, dass sogar der Begriff international verwendet wird. Wir kennen den Inhalt: Menschen haben nicht den Mut, etwas gegen den Zeitgeist zu sagen - selbst bei hellwacher Sicht des falschen Weges schweigen wir aus Angst vor Isolierung in unserer Umgebung. Für die Ideale der Aufklärung bedeutet das ein wirkliches Drama: nämlich statt der Erlösung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit seine Abhängigkeit von einer anonymen Masse.

Aber Sie gaben nicht auf. Sie fanden heraus, dass der "Zauber der Freiheit" die Persönlichkeit stärkt. Eigenständige Entscheidungen fördern Kraft und Selbstbewusstsein - die wichtigste aller Quellen für ein glückliches Lebensgefühl.

Wie ich mir das so vor Augen führe, haben Ihre Befunde etwas überaus Tröstliches. Über lange Jahre haben Ihnen abertausende Menschen auf Befragen vermittelt, dass traditionelle Werte verfallen. Andererseits kommen Sie zu Ergebnissen - durch Beobachtungen, durch wissenschaftliche Intuition und vielleicht ganz einfach durch ein tiefes Gespür für die Wahrhaftigkeit aller Dinge -, die etwas ganz anderes zeigen. Ganz offenbar verfügen wir im Kern unserer Kultur nach wie vor über die stillen, beharrlichen, beständigen Werte, die das christliche Abendland prägten und prägen.

Der Titel einer früheren Ehrung rühmt Ihre Verdienste um die - ich zitiere - "Festigung und Förderung der Grundlagen eines freiheitlichen Gemeinwesens". Zu Recht werden diese hervorragend genannt. Denn mit jeder Befragung, mit jeder Interpretation, mit jeder Diskussion erlauben Sie den Menschen ein immer neues Stück Mündigkeit; und das ist die Basis unserer Demokratie.

Elisabeth Noelle-Neumann, Sie verleihen der Business Hall of Fame einen Glanz, der über alle Leistung hinausgeht. Denn Sie bieten etwas ganz Wunderbares: die Gesellschaft einer wirklichen Dame."

Eberhard v. Kuenheim *

* Die Laudatio ist in Auszügen wiedergegeben; Eberhard v. Kuenheim war bis Mai 1999 Aufsichtsratsvorsitzender von BMW.

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