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ACS und Hochtief: Reihenweise Schwächen und Probleme

Baukonzern ACS Auf Stütze

Die Krise in Spanien trifft den spanischen Bauriesen ACS mit voller Wucht. Der Konzern bekommt seine Schulden nicht in den Griff. Die Gebieter über den Essener Baukonzern Hochtief sind zu radikalen Schritten gezwungen - auch in Deutschland.

Hamburg - Die Madrider Sonne wärmte bereits angenehm. Florentino Pérez plauderte über Real Madrid, die erfolgreichen Zugänge Özil und Khedira. Und auch über den Baukonzern ACS, dem Pérez ebenso wie dem Fußballklub vorsteht, gab der Spanier den manager-magazin-Redakteuren bereitwillig Auskunft.

Stolz flirrte durch den Konferenzraum an der Madrider Avenida de Pío XII, wo ACS  sein Hauptquartier hat. Pérez war auf dem Höhepunkt der Macht. Wenige Tage zuvor erst hatte er sich nach Monaten erbitterter Gegenwehr die Mehrheit beim Essener Baukonzern Hochtief  gesichert. Nun schien sein Vorhaben, den bedeutendsten Infrastrukturkonzern der Welt zu formen, nichts und niemand mehr stoppen zu können.

Gut ein Jahr später ist die Zuversicht verflogen. Pérez und sein Konzern sind vorerst gescheitert. Sichtbarstes Zeichen: Der Börsenwert des spanischen Bauwunders hat sich innerhalb der kurzen Zeitspanne mehr als halbiert.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise im Heimatland hat den Pérez-Konzern mit voller Wucht getroffen. Es mangelt an Einnahmen aus dem Tagesgeschäft, um die Anforderungen der hohen Schulden (10,5 Milliarden Euro) bewältigen zu können. Und der Erwerb der Hochtief-Mehrheit (rund 50 Prozent) erweist sich für die Spanier als regelrechter Albtraum.

Krasse Führungsfehler, verpatzte Verkäufe

Krasse Führungsfehler, verpatzte Verkäufe und außer Kontrolle geratene Großprojekte haben bei der Essener Tochtergesellschaft in den vergangenen zwölf Monaten für Chaos und rote Zahlen gesorgt. Deshalb musste ACS im Mai auf einen fest eingeplanten hohen zweistelligen Millionenzufluss aus Deutschland verzichten.

Jetzt drängen Großbanken wie auch einige Aktionäre auf eine Wende, etwa indem ACS die Potenziale der Essener Tochter endlich ausschöpft. Einiges spricht dafür, dass Baumeister Pérez und sein Finanzchef Angel García Altozano (62), der zugleich im Hochtief-Aufsichtsrat als ACS-Statthalter agiert, nun die nächste Stufe der Machtergreifung bei Hochtief angehen.

Der Weg ist bereits geebnet. Die spanischen Herren können jederzeit quasi zum Nulltarif ihren Anteil vergrößern und anschließend einen Beherrschungsvertrag erzwingen. Dann kämen die Iberer mühelos an das, worauf sie bislang keinerlei Zugriff haben, an Geld und Firmenvermögen von Hochtief.

Drastische Einschnitte

In der Heimat hat die Not ACS bereits zu ersten radikalen Schritten getrieben - allerdings mit anderen Vorzeichen. Mitte April stießen Pérez und Altozano ein 3,7-Prozent-Paket am spanischen Energieriesen Iberdrola  ab. Die Aktie des Unternehmens war so stark in den Keller gerauscht, dass die Banken, die 2006 und 2011 den Kauf von knapp 19 Prozent an Iberdrola mit einem 4,7-Milliarden-Kredit finanziert hatten, Cash-Garantien zur Sicherung ihrer Position verlangten. ACS konnte das Geld offenbar nicht aufbringen, auch wenn es bei ACS heißt, man habe sich für den Teilverkauf entschieden, weil man nicht weiteres Geld in eine unsichere Beteiligung stecken wollte.

Gleich ob erzwungen oder nicht - die Folgen der Aktion sind überaus bitter. Stratege Pérez muss sein seit sechs Jahren mit viel Geld, Nerveneinsatz und Rechtsbeistand verfolgtes Vorhaben aufgeben, die Macht bei dem Energiekonzern gegen den Willen des dortigen Managements zu erlangen. Und Cheffinanzer Altozano muss einen dicken Verlust ausgleichen. Für die jetzt verkauften Aktien hat er 540 Millionen Euro weniger bekommen, als er einst gezahlt hatte.

Wenige Tage danach folgte der zweite Schlag. Diesmal trennte sich ACS von einem 10-Prozent-Anteil an dem katalanischen Mautautobahnspezialisten Abertis. Nun wird über die Fortsetzung des Ausverkaufs bei ACS spekuliert. Spanische Analysten erwarten, dass ACS das Iberdrola-Abenteuer alsbald gänzlich beenden und auch den Rest der Beteiligung abwerfen wird.

Spätestens dann dürften die Spanier ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die schwierige Tochter in Essen richten.

Geht der Ausverkauf weiter?

Bislang haben sich Pérez und seine rechte Hand Altozano dort zahm gezeigt. Im Aufsichtsrat etwa, berichtet ein Mitglied, würden sich die Spanier "recht jovial" verhalten. Mancher Hedgefondsmanager verbreite in anderen Unternehmen mit weit weniger Anteilen deutlich mehr Schrecken als die Spanier bei Hochtief.

Diese haben zwar ein neues Management installiert. Ebenso wurden etliche Aufsichtsräte ausgewechselt. Neben Altozano und drei weiteren Spaniern sind in dem Gremium seit Mitte vergangenen Jahres erfahrene Kontrolleure wie Eggert Voscherau (BASF ), Thomas Eichelmann (ehemals Deutsche Börse) und der frühere Conti-Chef Manfred Wennemer als Vorsitzender vertreten.

Dennoch haben die neuen Eigentümer Hochtief nicht wirklich im Griff. Etliches ging schief, einiges daneben.

Die größten Schnitzer erlaubten sich die Conquistadores bei der Auffrischung der Führungsmannschaft in Essen. Der notwendige Personalwechsel erfolgte in etlichen Fällen zu spät und meist reichlich ungeordnet. So hatte Peter Noé als Erster der ehemaligen Führungsmannschaft schon im März 2011 von dem Sonderkündigungsrecht, das allen Hochtief-Vorständen bei einem Kontrollwechsel vertraglich zustand, Gebrauch gemacht. Kurz darauf folgten Ex-Chef Herbert Lütkestratkötter, später Burkhard Lohr und zum Jahresende schließlich Martin Rohr.

Trotzdem ist die Firmenspitze, obwohl von fünf auf drei Mitglieder verkleinert, erst seit Mitte April 2012 wieder komplett. Zwischenzeitlich war der Vorstandsbetrieb sogar mit nur noch zwei Leuten aufrechterhalten worden. Weil man in dieser Rumpfbesetzung laut Satzung nicht den Jahresabschluss erstellen konnte, musste für vier Tage pro forma gar ein Aufsichtsratsmitglied zum Vorstand bestellt werden.

Führungsfehler - und hohe Verluste bei Leighton

Nach längerer Personalsuche beorderte ACS im April schließlich seinen offenbar fähigsten Bauexperten, Marcellino Fernandez Verdes (57), in den Vorstand. Den bisherigen Chef der ACS-Tochter Dragados kennt Hochtief seit Längerem als Aufsichtsrat des Unternehmens.

Eine gut durchdachte Machtergreifung sieht anders aus. Ein Hochtief-Mann unkt deshalb bereits, die ACS-Herren seien abseits ihres angestammten Geschäfts in Spanien wohl doch nicht die großen Macher. "Im Motorraum von ACS schlägt offenbar immer noch ein Vierzylinder statt ein Zwölfzylinder."

Dabei hätte man in Essen sehr schnell eine stabile und starke Führung gebraucht. Denn Hochtief ist im Wesentlichen eine Managementholding, eine Führungseinheit für eigenständig agierende Baukonzerne in Australien (Leighton, 53,4 Prozent) und den USA (Turner und Flatiron, je 100 Prozent).

Ausgerechnet die größte und wichtigste dieser Gesellschaften, Leighton, meldete unmittelbar nach dem Lütkestratkötter-Rücktritt Verluste, die sich inzwischen auf eine Milliarde Euro summieren. Ein Novum. In den zehn Jahren zuvor hatten die Australier insgesamt drei Milliarden Euro verdient und damit den Großteil des Hochtief-Konzerngewinns beigesteuert.

Nun aber entpuppten sich zwei Großprojekte als Kalkulationskiller. Die Australier, vom alten Hochtief-Regime nie wirklich behelligt und im Übrigen mit tiefem Misstrauen gegenüber den Essener Mehrheitseigentümern beseelt, mussten an die kurze Leine genommen werden. Ein neues Risikomanagement wurde installiert, die Führung ausgetauscht.

Schwieriger Umbau in Essen

Der neue Hochtief-Vormann Frank Stieler (53) setzte die Reformen auch zügig mit großem persönlichen Einsatz um. Allerdings mangelt es ihm an Erfahrung in Spitzenjobs. Nie zuvor hat er einen Konzern geleitet. Und Vorstandsmitglied bei Hochtief ist er auch erst seit 2009. So kam es, dass Hochtief die Ergebnisprognose im März zum zweiten Mal nach unten korrigieren musste.

Womöglich wäre der Firma mit einer potenteren Führungstruppe auch das Fiasko beim Verkauf des Flughafengeschäfts erspart geblieben. Die Stieler-Truppe glaubte noch bis kurz vor Weihnachten 2011 fest daran, rasch einen Deal bis zum Jahresende unter Dach und Fach bringen zu können. "Dabei sieht man schon nach kurzer Beschäftigung mit dem Thema, dass es sich um eine ganz schwierige Transaktion handelt. Denn Hochtief besitzt nur Minderheitsbeteiligungen an den Flughäfen und kann über einen Verkauf nicht allein entscheiden", sagt einer, der sich eingehend mit dem geplatzten Projekt befasst hat.

Ohne Zweifel: Der Umbau in Essen gestaltet sich schwieriger als gedacht. Und er dauert vor allem länger. Sprunghafte Erfolge sind nicht zu erwarten. Auch eine weiterführende Strategie fehlt. Stieler war bislang zu sehr mit der Krisenintervention in Australien beschäftigt und konnte nur grobe Entwürfe skizzieren. Denen zufolge will er es seinem langjährigen Arbeitgeber Siemens gleichtun und den sogenannten Megatrends folgen. Wie der Münchener Technikkonzern soll auch Hochtief weltweit die Themen Energie, Verkehr und Metropolen besetzen, aber eben als Bauspezialist.

Ticket für den Beherrschungsvertrag

Bis zur Sommerpause muss das Vorstandsteam dem Aufsichtsrat Detailpläne vorlegen. Unter anderem wird es darum gehen, wie Hochtief mit ACS-Baufirmen künftig enger zusammenarbeiten kann. Auch muss der neue Finanzchef Peter Sassenfeld ein Alternativkonzept für den Verkauf der Flughäfen präsentieren. Ziel ist es, in diesem Jahr wieder ordentlich Geld zu verdienen, eine Dividende zu zahlen und in den Folgejahren noch eine Schippe draufzulegen.

Doch selbst ein Dividendenscheck in Höhe von 75 Millionen - so viel würde ACS rechnerisch bei einer gleich hohen Ausschüttung wie im Rekordjahr 2010 zustehen - dürfte den Spaniern allein nicht wirklich weiterhelfen. Zumindest dann nicht, wenn die Klemme im Mutterhaus anhalten oder sich gar verschärfen sollte.

Wie viel besser wäre es da, die volle Verfügungsgewalt über die Tochter zu haben. Dann käme ACS an den freien Cashflow von Hochtief, der in normalen Jahren gut 100 Millionen Euro beträgt. Auch könnten Beteiligungen zwischen den Gesellschaften hin- und hergeschoben werden.

Strebt ACS entgegen den bis heute wiederholten Beteuerungen doch einen Beherrschungsvertrag an, der diese Zugriffe ermöglichen würde?

Bereits im November vergangenen Jahres hatte Altozano angekündigt, die Hochtief-Anteile aufstocken zu wollen, sich dann aber nicht mehr weiter dazu geäußert. Im April beschloss die Hochtief-Hauptversammlung mit den ACS-Stimmen eine Vorratsmaßnahme, die dem Spanier ausgesprochen gelegen kommen muss. Danach kann Hochtief, wenn genügend Geld in der Kasse ist, den Anteil eigener Aktien - zurzeit knapp 5 Prozent - auf bis zu 10 Prozent erhöhen.

Üblicherweise dienen solche Aktionen der Kurspflege und damit der Vermögensmehrung der Aktionäre. So argumentiert auch Hochtief.

Rückkauf erhöht Stimmrechtsanteile der übrigen Aktionäre

Allerdings hat ein Rückkauf einen weiteren Effekt: Er erhöht die Stimmrechtsanteile der übrigen Aktionäre. Denn Stimmrechte, die die Gesellschaft selbst hält, können laut Aktiengesetz nicht ausgeübt werden. Großaktionär ACS würde mit dem Rückkauf also seine Position in Essen ausbauen. Und die Spanier müssten dafür nicht mal eigenes Geld hergeben.

Der Schritt bis zum Beherrschungsvertrag ist dann gar nicht mal groß. ACS würden wahrscheinlich schon 60 Prozent der Stimmrechte reichen, um in der Hauptversammlung die notwendige Dreiviertelmehrheit zusammenzubringen. Denn die Aktien sind nie vollständig präsent; zur jüngsten Hauptversammlung etwa hatte offenbar nicht mal Hochtief-Großaktionär Katar (10 Prozent) von seinem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

Gleichwohl müssen zuvor genügend Hochtief-Aktionäre Anteile zum Kauf anbieten. Hier könnte der US-Fonds Southeastern eine Rolle spielen. Seit einigen Wochen besitzt der Investor ein Hochtief-Paket von gut 5 Prozent. Der Fonds könnte einen Teil seiner Aktien zum Kauf feilbieten, womöglich gar das gesamte Paket abgeben.

Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht schlecht. Schon einmal haben die Herren von ACS und Southeastern Hand in Hand gearbeitet. Bis zur Übernahme von Hochtief besaß der Fonds ebenfalls einen hübschen Anteil an dem deutschen Konzern. Dann nahm Southeastern das Übernahmeangebot von ACS an. Ohne diesen Seitenwechsel wäre ACS der Hochtief-Kauf nicht gelungen, erinnert sich ein damals Beteiligter.

Der Beherrschungsvertrag wäre womöglich für kaum mehr zu haben, als Patron Pérez und Real Madrid für einen Topspieler ausgeben. Wenige Millionen und etwas Geschick - und ACS hat das Ticket für die ganze Macht.

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