Freitag, 6. Dezember 2019

Beste Arbeitgeber Die Menschenfischer

Bewerbermarkt: Wie Unternehmen Talente umgarnen
Foto: Christian O. Bruch; Illu: Sarah Knorr

Mit allen Mitteln werben Firmen um junge Talente. Sie bestürmen den Nachwuchs mit großen Versprechen. Doch am Ende zählt nur eins: Fakten, nicht Folklore.

Eine kurze E-Mail war es, die Tobias Quelle-Korting (32) sein Leben neu sortieren ließ. Lange war er der Heimat treu geblieben, hatte in seiner Geburtsstadt Konstanz Betriebswirtschaft studiert und anschließend bei Schiesser im benachbarten Radolfzell als Vorstandsassistent gearbeitet, bevor er für den Wäscheprimus einen Online-Vertrieb aufbaute.

Im Sommer 2009 schrieb ihn ein Personaler der Hamburger Otto-Gruppe im Karrierenetzwerk Xing an: Es gebe da eine interessante Position, ob man nicht mal sprechen wolle. "Die meisten Anfragen dieser Art ignoriere ich, aber diese war exakt auf mein Profil zugeschnitten", sagt Quelle-Korting.

Ein Videointerview und zwei Gespräche mit der Personalabteilung und seinem heutigen Chef später heuerte er in Hamburg an: Als Abteilungsleiter E-Commerce für Damen- und Herrenoberbekleidung kümmert er sich um die möglichst klare Shopnavigation für Hemden, Blusen und Jacken. "Hier kann ich wirklich Spuren hinterlassen", freut sich der Wahlhanseat.

Noch vor wenigen Jahren galt die Methode, mit der Quelle-Korting abgeworben wurde, unter Personalern als Tabu: Direktansprache von Firma zu Firma, ohne wenigstens einen Alibi-Headhunter dazwischen, das war igitt. Mittlerweile zählt das sogenannte Active Sourcing zu den schärfsten Waffen der Unternehmen im Kampf um die Talente.

"Jede vierte Vakanz geben wir in die aktive Suche", sagt Arne Herbst, Recruitment-Leiter bei Otto. Der Versandriese hat mit der Verschiebung seines Fokus vom Papierkatalog zu E-Commerce auch gleich die Personalbeschaffung ins Virtuelle erweitert: Mit Stellenausschreibungen in Blogs und bei Twitter oder peniblen Erfolgsmessungen verschiedener Jobportale hat sich Otto im War for Talent als Recruiting-Pionier positioniert.

Zwei Millionen Arbeitskräfte werden Deutschland 2020 fehlen

Aus gutem Grund, denn Personal wird für die Wirtschaft mehr und mehr zur kritischen Größe; zwei Millionen Arbeitskräfte werden 2020 in Deutschland fehlen, prophezeit McKinsey. Der Krieg um die besten Kandidaten ist längst entbrannt: Ein Image als guter Arbeitgeber, wie es etwa das Berliner Beratungsunternehmen Trendence abfragt (siehe Exklusivranking), ist nicht mehr nice to have, sondern direkt umsatzrelevant.

Gerade Mittelständlern, hat der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young ausgerechnet, entgehen jetzt schon 30 Milliarden Euro jährlich, weil gute Leute fehlen.

Doch um in Ranking und Bewerbermarkt attraktiv zu sein, reicht es nicht, mit mehr Geld, Sabbaticals und exotischeren Auslandsjobs aufzutrumpfen. "Selbst für bekannte Konzerne ist es entscheidend, dass sich Kandidaten aus Engpasszielgruppen überhaupt erst mal für sie interessieren", sagt Markus Frosch, Partner der Personalberatung Promerit.

Aus dem beschaulichen Recruiter-Alltag, in dem man einst eine Print-Anzeige schaltete und dann abwartete ("Post and Pray") ist ein quirliges Schlachtfeld geworden, auf dem die Unternehmen mit allen Tricks und neuen Methoden um Aufmerksamkeit buhlen. "Ein Recruiter muss heute denken wie ein Vertriebler", sagt Klaus Töpfer, Geschäftsführer des Recruiting-Dienstleisters Access KellyOCG. "Er muss als Botschafter seine Jobs und seine Firma regelrecht anpreisen."

Beinahe schon rührend klassisch muten da die traditionellen Nobel-Events von Beratungen und Wirtschaftskanzleien an: Fünfsternehotels, Rafting, Helikopterflüge über Manhattan oder Rasen auf dem Nürburgring. Die pfiffigeren Ideen haben mittlerweile andere.

Die Werbeagentur Scholz & Friends stellte aus Tomatensoße einen QR-Code auf einem Teigfladen her und ließ die "Pizza Digitale" gezielt an Mitarbeiter von Wettbewerbern liefern, um sie fürs eigene Online-Geschäft zu begeistern. Konzerne wie Bayer oder Daimler bauen eigene Job- und Laufbahnprofile in webbasierte Browserspiele ("Fliplife") ein und nennen das Ganze "Recrutainment".

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