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Supermacht: Der Siegeszug chinesischer Unternehmen

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Siegeszug Das rote Tuch

Der Solarsektor ist erst der Anfang. Branche für Branche treten chinesische Unternehmen einen Siegeszug an. manager magazin zeigt, wer sich Sorgen machen muss - und wie sich Konzerne wie SAP, Siemens oder VW wehren.
Von Michael Freitag und Astrid Maier

Peking, Große Halle des Volkes. 3,34 Quadratmeter blitzsaubere LCD-Technik, eine Diagonale von 2,79 Metern. Die neuen, ultramodernen 3-D-Bildschirme im Parlamentsgebäude sind nur wenige Quadratzentimeter größer als ihre Vorgänger. Doch sie symbolisieren einen gewaltigen Umbruch: Größere gibt es derzeit nicht.

TCL hat sie gefertigt, ein chinesischer Elektronikkonzern. Die vorherigen Bildschirme kamen aus Japan und waren von Panasonic  . Das Signal der Tauschaktion ist klar: Wir sind jetzt Weltspitze.

Düsseldorf, Zentrale des Mobilfunkanbieters E-Plus. Lange hatte der Vorstand debattiert. Konnte man es riskieren, den Netzausbau Chinesen zu überlassen? Dann auch noch ZTE? Einem Newcomer, bekannt vor allem als billig? Aber der Neuling bot Hightech, er versprach erstklassigen Service, er unterbot - so heißt es in der Branche - die Angebote der Platzhirsche Ericsson und Nokia Siemens Networks um fast die Hälfte. Und er bekam den Zuschlag.

Das bisherige Fazit: Alles läuft rund. Dafür sorgte ZTEs Entwicklungschef persönlich. Als die Chinesen 2010 mit dem Aufbau des Netzes begannen, blieb er volle drei Monate am Rhein.

Sany: Besuch beim potenziellen Weltmarktführer

Changsha, Provinz Hunan, Zentrale des Baumaschinenherstellers Sany. Unternehmensberater Hermann Simon sah sein Weltbild erschüttert. Lkw-Chassis von Mercedes, Hydraulik von Bosch Rexroth, Steuerungen von Siemens  - "Wir verwenden nur die besten Komponenten, die es auf der Welt gibt", klärte der stellvertretende Vorstandschef Xiang Wenbo den Consultant aus Deutschland auf. Mehr als 5 Prozent des Umsatzes fließen Jahr für Jahr in Forschung und Entwicklung; die Quote ließe sich auch in Deutschland sehen. Simon musste anerkennen: Er besuchte einen potenziellen Weltmarktführer.

Flachbildschirme, Mobilfunktechnik, Baumaschinen; genauso könnte man auch Züge, Hightechhandys oder Solarzellen nennen. Die Zeiten, in denen China für westliche Konzerne die verlängerte Werkbank war und gleichzeitig der größte Nachfrager, sind vorbei.

Es waren goldene Jahre. Gerade Deutsche scheffelten mit ihren Spitzenbranchen wie Maschinenbau, Autoindustrie und Spezialchemie Hunderte Millionen Euro, erzielten häufig sogar Milliardengewinne. In der Rezession der Jahre 2008 und 2009 wurde China für viele Unternehmen zum Rettungsanker. Rund 1,5 Billionen Euro Konjunkturhilfe verordnete der Staat und ließ das Wirtschaftswachstum so inmitten des weltweiten Niedergangs nicht unter 9 Prozent sinken. Die angeschlagenen Westkonzerne waren dankbar.

Sicher, die Chinesen galten stets auch als gefährliche Partner. Schließlich, so klagten Westkonzerne, kopierten sie Spitzentechnik. Es gab keine Rechtssicherheit. Aber das Risiko, technologisch eingeholt zu werden, schien begrenzt.

Binnen kürzester Zeit eingeholt

Noch vor fünf Jahren habe er geglaubt, der chinesischen Konkurrenz um viele Jahre voraus zu sein, erzählt der ehemalige Leiter einer deutschen Plastikspritzgussfabrik. Dann investierten und wuchsen die Chinesen so stark, dass die Deutschen binnen kürzester Zeit eingeholt, überholt und abgehängt wurden. Und die Fabrik des einst so selbstgewissen Werkleiters? Geschlossen.

Nur in wenigen Branchen, zum Beispiel in der Auto- und der Pharmaindustrie, werden chinesische Firmen vermutlich noch über Jahrzehnte hinterherhinken (siehe Grafik links) .

In anderen herrscht längst beinharter Wettbewerb: Die besten chinesischen Telekomausrüster schlossen vor fünf bis zehn Jahren zur Weltspitze auf; Solarzellenproduzenten, inzwischen gar global dominierend, vor zwei bis fünf Jahren; Windturbinenhersteller, Flugzeugbauer und Hersteller miteinander verknüpfter Steuergeräte für Energienetze (Smart Grids) dürften laut einer Prognose der Investmentbank Goldman Sachs binnen weniger Jahre so weit sein.

Die Zeit des Kopierens ist in vielen Branchen vorbei

Und übermorgen? Beherrschen die Chinesen dann die Wirtschaftswelt?

Die Zeit des Kopierens jedenfalls ist in vielen Branchen vorbei. Der Computerhersteller Lenovo  ist für Hewlett-Packard und Dell  zum mindestens gleichwertigen Wettbewerber geworden. Noch 2012 will Konzernchef Yang Yuanqing zur internationalen Nummer eins aufsteigen.

Konzerne wie Huawei und ZTE überraschen die Konkurrenz regelmäßig mit Innovationen, die früher wie selbstverständlich von Ericsson oder Nokia  erwartet worden wären.

"Vor allem dank Chinas Rolle als globaler Wachstumstreiber kämpfen die internationalen Konzerne zwar um einen immer größeren Kuchen", sagt Sharon Bell, Finanzanalystin bei Goldman Sachs, "aber sie kämpfen gegen chinesische Konkurrenten, die sich gefährlich schnell verbessern."

Die Treiber der chinesischen Wirtschaft

Schon bislang halfen den Chinesen zwei Faktoren: Die Lohnkosten vor Ort sind so niedrig, dass viele arbeitsintensive Branchen fast chancenlos sind, wenn sie weiter im Westen fertigen. Das gilt - trotz stark steigender chinesischer Gehälter - weiterhin.

Auch die gewaltige Nachfrage der mehr als eine Milliarde Chinesen hilft der heimischen Wirtschaft. Die Unternehmen wachsen so relativ mühelos. Sie produzieren in immer größeren Fabriken - und werden nicht nur besser. Sie bleiben auch billig.

Hinzu kommen neue Treiber.

  • Die wachsende technische Stärke: Die Ausgaben für Innovationen steigen rasant. Dazu fügt sich die Armee der jährlich mehr als 500.000 Ingenieure und Naturwissenschaftler, die Chinas Universitäten verlassen und - auch heute noch - die Kopierkunst.

Da kann es Unternehmen schon mal so gehen wie Siemens  vor einigen Jahren: Die Münchener hatten den Chinesen im Gegenzug für einen milliardenschweren Gasturbinenauftrag ihre Technologie überlassen. Das Kalkül: Bis der Auftrag abgewickelt sei, werde man die eigenen Turbinen entscheidend weiterentwickelt haben. Ein Fehlschluss, wie sich zeigte. Die Abnehmer waren mit der Technik made in China zufrieden.

"Irgendwann stoßen Sie bei den Kunden an eine Grenze", hat ein Siemens-Manager erfahren. "Die sagen dann: ,Es reicht'; sie wollen gar nichts noch Besseres."

  • Die staatliche Hilfe: Der Staat gewährt Steuerrabatte, gibt den Branchen in seinen Fünfjahresplänen sehr detaillierte Technologie- und Wachstumsziele vor und hält, teils direkt, teils über Regionalregierungen, noch immer hohe Beteiligungen an zahlreichen Konzernen. Chinas Unternehmen sind gleichzeitig frei und gesteuert, ein System, das SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner vor Kurzem als "die bessere Marktwirtschaft" bezeichnete.

Als die Pekinger Regierung vor gut zehn Jahren erneuerbare Energien zu einem maßgeblichen Wirtschaftsfeld ernannte, investierte sie sogleich massiv in den Aufbau einer Solar- und Windkraftindustrie. Das Ergebnis ist frappierend: Chinas Solarzellenhersteller dominieren heute den Weltmarkt. Die Hersteller von Windrädern liegen zwar technisch noch ein paar Jahre hinter der globalen Elite zurück. Den in Sachen Hightech nicht ganz so anspruchsvollen heimischen Markt, und damit den größten der Welt, aber haben sie an sich gerissen. Noch 2008 hielten ausländische Anbieter hier mehr als 90 Prozent Marktanteil. 2011 waren es weniger als 10 Prozent.

Jetzt hat Premierminister Wen Jiabao angekündigt, er wolle das Monopol der großen Staatsbanken aufbrechen. Sollte die Regierung den Plan umsetzen, kämen in Zukunft wohl auch kleine, privat geführte Unternehmen leichter an niedrig verzinste Kredite - so wie sie die Branchengrößen schon seit Jahren von den vier großen Staatsbanken erhalten.

  • Die steigende Zahl der Übernahmen: der Autohersteller Geely kaufte Volvo ("Sicherheit aus Schwedenstahl"), der Baumaschinenkonzern Sany den ehemaligen deutschen Betonpumpen-Weltmarktführer Putzmeister. Für nahezu jeden Autozulieferer, der hierzulande zum Verkauf steht, bieten chinesische Rivalen oder Finanzinvestoren - kein anderes Land hat in Deutschland 2011 in mehr Projekte investiert. Gestützt werden die Interessenten und Käufer stets vom Staat. Die Wirtschaftsbehörde NDRC steuert, wer wen übernehmen darf und soll.

Als beispielhaft für den Aufstieg chinesischer Konzerne gilt der Netzinfrastrukturhersteller Huawei. Ren Zhengfei (67), ein Ingenieur und ehemaliger Militär, hat das Unternehmen in zwei Dekaden an die internationale Spitze katapultiert. Die Liste seiner Opfer ist lang: Nortel aus Kanada ging pleite, Nokia Siemens Networks siecht dahin. Allein der schwedische Weltmarktführer Ericsson wehrt sich noch halbwegs erfolgreich gegen Huaweis Ansturm.

Rens Rezept für den Aufstieg zum globalen Angstgegner ist typisch für die China Inc.: ein Mix aus staatlicher Unterstützung, niedrigen Kosten, dem absoluten Willen zur Macht - bei Huawei allerdings noch zusätzlich befeuert durch modernste Technologie.

Huaweis Aufstieg begann mit dem Aufbau von Chinas mobiler Netzinfrastruktur und kräftigen Steuernachlässen. Nortel  , Nokia  und Co. hatten den Gegner unterschätzt. Statt die Preise ein wenig zu senken, verteidigten sie ihre üppigen Margen - und verloren so immer mehr Geschäft.

Huawei und ZTE: An Geld mangelt es den Angreifern nicht

Dann nahm Huawei die Schwellenländer in Angriff. Insbesondere in Afrika koppelt China Kredite an Verträge für heimische Firmen. Das Resultat: Bei Mobilfunknetzen sind die Chinesen auf dem Kontinent unangefochtene Marktführer.

Von Afrika aus gelang erst der Sprung nach Osteuropa, dann in den Westen. Huawei wurde immer stärker, investierte massiv in Forschung und Entwicklung und meldete schon 2008 weltweit die meisten Patente an. Eine Hitliste, die vorher Philips angeführt hatte. Seine anfängliche Billigstrategie hat Konzernchef Ren inzwischen nicht mehr nötig.

Die Rolle des Preisdrückers übernahm ZTE - und macht den westlichen Wettbewerbern so zusätzlich zu schaffen. Das Unternehmen aus Shenzhen erkauft sich seine Aufträge so aggressiv, dass seine Bruttorendite seit dem Beginn der Expansion nach Europa um fast 10 Prozentpunkte sank.

An Geld mangelt es den Chinesen nicht. Während westliche Telekom-Manager grübeln, woher sie das Geld für die anstehende Aufrüstung ihrer Netze nehmen sollen, können ZTE und Huawei Milliarden aufbringen. Die chinesische Import-Export Bank habe gerade ein frisches Regierungsmandat erhalten, die beiden heimischen Konzerne in Europa zu unterstützen, heißt es in Peking.

Deutscher Weltmarktführer geschluckt: Wie Sany Putzmeister übernahm

Liang Wengen, Eigentümer des Baumaschinenkonzerns Sany, benötigt die staatliche Unterstützung gar nicht mehr. Als der deutsche Marktführer Putzmeister zum Verkauf stand, griff er kurz entschlossen zu und sicherte sich 90 Prozent am Unternehmen: ohne Prüfung der Finanzen, ohne Besuch in der Aichtaler Putzmeister-Zentrale, ohne staatliche Zustimmung. Die 324 Millionen Euro Kaufpreis sind für Liang ein Klacks. Er ist einer der reichsten Chinesen mit einem Vermögen von geschätzten sechs Milliarden Euro.

Gegenüber der neuen Tochter zeigt Liang sich großzügig. Gerade erst hat Putzmeister eine Standortgarantie abgegeben, wie sie auch die mächtigen Betriebsräte bei Volkswagen Vz.  , BMW  oder Daimler  gern hätten: keine betriebsbedingten Kündigungen im Zusammenhang mit der Übernahme bis 2020.

Ähnlich wie Ren oder Liang drängt es die meisten chinesischen Unternehmen im Eiltempo an die Weltspitze. Marktforscher Shaun Rein hat 500 Vorstandsmitglieder in 100 Unternehmen zu ihren Expansionsplänen befragt. Das Ergebnis: 70 Prozent der Befragten wollen die Finanzkrise und die Schwächephase westlicher Konkurrenten nutzen und binnen drei Jahren zu Global Playern aufrücken. Zwar wächst die chinesische Wirtschaft gerade selbst so langsam wie lange nicht mehr, an den Zukunftsaussichten für Topkonzerne ändert das aber nichts.

Und Chinas Regierung gibt wieder den Weg vor: Sie legt den Schwerpunkt im aktuellen Fünfjahresplan auf Innovationen und Marken. Sieben Schlüsselindustrien wie Biotechnologie, IT, nachhaltige Energieerzeugung und alternative Automobilantriebe sollen bis 2015 rund 8 Prozent und bis 2020 sogar 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. 2011 waren es gerade einmal 2 Prozent.

"Die neuen Vorgaben aus Peking sind ein Frontalangriff auf deutsche Unternehmen", sagt ein VW-Topmanager. Schließlich seien Innovationsführerschaft, Marken- und Technologiemanagement Stärken der teutonischen Industrie.

Chinas Defizite im internationalen Vergleich

Noch sind die meisten Konzerne aus China nicht an der Weltspitze angekommen. Noch können die Deutschen und andere westliche Firmen gegenhalten. Denn bei allen Stärken zeigen sich auch eklatante chinesische Defizite:

  • Die Schwäche ihrer Marken: Was den Chinesen bei westlichen Unternehmen längst gelungen ist, fällt ihnen bei Endverbrauchern noch schwer - ihre Marken auf den Einkaufslisten zu platzieren. Nur 17 Prozent der Verbraucher konnten bei einer Umfrage außerhalb Chinas jüngst eine chinesische Marke nennen. Noch am häufigsten genannt wurden Tsingtao, Bank of China und Lenovo - Bier, eine Bank und, immerhin, Computer. "Das sagt eine Menge über die Qualität aus", urteilt Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking.
  • Die Konzentration auf den heimischen Markt: Viele Unternehmen kommen schlicht nicht dazu, sich auf die Expansion ins Ausland zu konzentrieren. Regelmäßig 10 Prozent Wirtschaftswachstum im eigenen Land erfordern ihre komplette Aufmerksamkeit.
  • Schwächen im Management: "Stark sind die Chinesen im Ausland vor allem da, wo sie ihr heimisches Geschäftsmodell exportieren können", sagt Ben Simpfendorfer, Gründer der Hongkonger Unternehmensberatung Silk Road Associates. Wenn sie nicht mit vorwiegend chinesischen Mitarbeitern antreten könnten, gebe es häufig Probleme. Als Saudi-Arabien beim Bau einer Bahnverbindung zwischen den Pilgerorten Mekka und Medina nur muslimische Arbeiter und Ingenieure zuließ, geriet das 1,8-Milliarden-Dollar-Projekt für die beauftragte China Railway Construction Corporation zum Desaster. Die Chinesen mussten 616 Millionen Dollar auf den Auftrag abschreiben.
  • Politische Unwägbarkeiten: China gilt als politisch stabilstes Land der Welt, aber die ökonomische Liberalisierung bleibt in der Kommunistischen Partei umstritten. Aktuell wird die Polit-Elite, die sich auf einen Führungswechsel vorbereitet, von einem brutalen Machtkampf erschüttert. Noch ist unklar, wie weit sich die Reformer um den amtierenden Premier Wen durchsetzen werden.
  • Der Mangel an Innovations- und Qualitätskultur: Die hohe Zahl der chinesischen Ingenieure sei nur bedingt aussagekräftig, sagt ein Manager eines deutschen Autoherstellers. Es fehle die Klasse: Die meisten Chinesen scheuten sich, Probleme offen anzusprechen; sie arbeiteten kaum disziplinenübergreifend; und sie dächten zu wenig voraus.

Tatsächlich können die internationalen Automobilkonzerne als Vorbild für die Abwehr chinesischer Konkurrenten gelten. Seit Jahren werden sie mal gehätschelt, dann wieder unter Druck gesetzt; und immer wieder geht es den Behörden vor allem um ein Thema: Technologie. Egal ob FAW oder SAIC, Brilliance oder BAIC: Die Autobauer rumpeln Volkswagen, BMW und Mercedes mit weitem Abstand hinterher; und die Deutschen - so verlangt es die Regierung - sollen ihre Joint-Venture-Partner endlich konkurrenzfähig machen.

Doch die Teutonen wehren sich geschickt. Sie produzieren gemeinsam mit den Chinesen, beteiligen sie am Vertrieb und lassen sogar kleinere Entwicklungsstäbe zu. Viel mehr als die Westmodelle an den lokalen Markt anzupassen aber dürfen die Entwickler vor Ort selten. Die Schlüsseltechnologien bleiben tabu.

Siemens, VW, SAP: Wie sich die West-Konzerne wehren

Und wenn VW sich jetzt doch darauf einlässt, mit SAIC und FAW Elektromobile unter eigenen Marken zu entwickeln, dann nur mit halber Kraft. In die Projekte wird bislang nicht mehr Zeit, Know-how und Geld investiert als unbedingt nötig.

Andere deutsche Industriegrößen setzen auf Früherkennung. Siemens  etwa, nach bösen Erfahrungen mit Gasturbinen und Windrädern gewarnt, bekämpft Rivalen mittlerweile in einem Stadium, in dem der Konzern sie früher nicht ernst genommen hätte. "Wir greifen aufstrebende Unternehmen auf ihren Märkten mit eigens entwickelten, günstigen Produkten an", erzählt ein Siemens-Topmann. Die Logik hinter der neuen Strategie: "Wenn wir abwarten, kann es ganz schnell zu spät sein."

Auch SAP  attackiert. Der Softwarekonzern will 1,5 Milliarden Euro nach China pumpen - die größte Auslandsinvestition seit Langem. 2000 neue Mitarbeiter wollen die Walldorfer einstellen, ihre Belegschaft in Shanghai fast verdoppeln. Und sie wollen neue Partner suchen, die auch aus artverwandten Branchen wie der Internetwirtschaft kommen können.

Zwar glauben Experten, dass es in der Softwarebranche noch zehn Jahre dauern dürfte, bis chinesische Unternehmen reif fürs internationale Geschäft sind. "Es kann aber auch schneller gehen", warnt Alex Atzberger, SAPs neuer Strategiechef in China.

Als Atzberger Ende vergangenen Jahres von New York nach Shanghai zog, erlebte er einen digitalen Kulturschock: Menschen, die an U-Bahn-Haltestellen in Scharen vor Werbeplakaten standen und per Smartphone und Barcode Lebensmittel bestellten. Läden, die die georderte Ware zwei Stunden später auslieferten. Gefährliche Konkurrenten wie der im Westen kaum bekannte chinesische Softwaremarktführer Ufida, der im Verbund mit dem französischen IT-Konzern Atos auch in Europa angreifen will.

Die Branchen, die verloren gingen, kamen nie wieder zurück

Selbst die Gefahr einer Übernahme beschäftigt die SAP-Oberen. "Der chinesische Staat hat angekündigt, er wolle 10 Prozent an SAP erwerben", ließ Aufsichtsratschef Hasso Plattner US-Mitarbeiter in Palo Alto im Februar wissen.

Die chinesischen Spitzenunternehmen haben prall gefüllte Kassen, sie rüsten technisch auf und kommen der Weltspitze immer näher. Wie gefährlich die Situation für viele Westkonzerne ist, zeigt ein Blick zurück in die 80er und 90er Jahre.

Damals galt Japan als die künftige ökonomische Übermacht. Und tatsächlich: Die Branchen, die für die deutsche Wirtschaft verloren gingen, zum Beispiel Unterhaltungselektronik oder Textilindustrie, kamen nie wieder zurück.

Aber das Beispiel Japan belegt auch, dass sich der Kampf lohnt: Die Branchen, die rechtzeitig reagierten, etwa die Autoindustrie, stehen heute stärker da als jemals zuvor. Von der scheinbaren japanischen Übermacht ist wenig geblieben.

Die Putzmeister-Angestellten indes dürften darauf setzen, dass die chinesische Wirtschaft rund läuft. Mitte April schaute ihr neuer Firmeneigentümer Liang Wengen bei seinem ersten Besuch vorbei. Die Putzmeister-Leute bereiteten alles auf den großen Tag vor. Sie strichen Geländer, verspachtelten Risse, kurz: Sie brachten die Fabrik zum Glänzen, alles auf Anweisung der deutschen Geschäftsführung. "Das ist ein bisschen wie in der DDR früher, wenn der Erich vorbeikam", stichelt ein Gewerkschafter.

Ganz unrecht hat er nicht: Sany-Chef Liang dürfte im Herbst als erster Unternehmer ins Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas einziehen.

Tabelle: Angstgegner made in China

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