Mittwoch, 22. Mai 2019

Neuer Chef Peter Terium RWE vor der hausinternen Energiewende

Neuer RWE-Chef: Die Her­aus­for­de­run­gen für Peter Terium
DPA

Anfang Juli tritt Peter Terium den Chefjob beim abgedimmten Energiekonzern an. Der Niederländer gilt als nüchterner Zahlenfreak. Wie passt dieses Image zu seinem Talent, süffige Geschichten zu erzählen? Annäherung an das "MysTerium".

Essen - Die ersten Schritte fallen schwer heute. An der rechten kleinen Zehe hat sich Peter Terium (48) eine Blase gelaufen. Auf dem Cross-Trainer. Weil er die Turnschuhe vergessen hatte und trotzdem eine Stunde trainieren wollte. Manchmal muss man Pläne halt durchziehen, auch wenn es schmerzt. Genau diesen Schluss legt diese Episode nahe. Vielleicht hat er sie deshalb auch - beiläufig - erzählt.

Jetzt lässt sich der fußkränkelnde künftige RWE-Chef (ab 1. Juli, null Uhr) erst einmal zur Tochtergesellschaft Innogy fahren, in der das Geschäft mit erneuerbaren Energien, also die Zukunft des Konzerns, steckt. Dabei liegt sein Büro am Essener Opernplatz nur wenige Hundert Meter entfernt. Sicher, das ist nicht der ideale CO2-Footprint, aber, wie gesagt: die Zehe, die Blase.

Die 1500 Beschäftigten für Wind, Wasser und Co. sorgen sich, dass sie beim fälligen Umbau des Konzerns schlecht wegkommen, Kompetenzen verlieren, Teile anderen RWE-Firmen zugeschlagen werden. Terium will ihnen diese Ängste nehmen, mit einer Mischung aus Lockerheit und Verbindlichkeit.

Sein Outfit (gepunktete gelbe Krawatte, blaues Hemd, grauer Anzug) passt zu diesem sensiblen Vorhaben. Runde Gesichtszüge, dünnes, leicht ergrautes Haar und braune, warme Augen: Furcht flößt er nicht ein. Als "zacht zout" (weich und salzig) würde man ihn wohl im stets gut sortierten Lakritzfachhandel des Nachbarlandes eintüten.

Der Eindruck des Beta-Männchens verdichtet sich, wenn sein niederländischer Akzent durchscheint und er "internationalerch", "Produxion" oder "öpstream" statt "upstream" sagt.

Taugt so einer für die Führung eines Konzerns, der vielschichtiger kaum sein kann? Mit politisch geleiteten Kommunen als Großaktionär, Kunde und Wettbewerber. Mit konkurrierenden Gewerkschaften (Verdi, IG BCE). In einem feindlichen Umfeld von Atomausstieg, staatlicher Gängelung und knüppelhartem Daseinskampf. Wo sich existenzielle Fragen stellen wie die nach einem neuen Geschäftsmodell, nach einer revolutionierten Arbeits- und Denkweise. Kann er integrieren, ohne intrigieren zu können?

"Ich schaffe es, Brücken zu bauen"

"Ich schaffe es, Brücken zu bauen, kulturelle und persönliche", sagt er. Heute geht es um virtuelle. In einer Web-Konferenz stellt er sich den Fragen der Mitarbeiter. Heiß ist es in dem Übertragungsraum voller Computer und Aufzeichnungsgeräte. Terium hat ein Glas Wasser vor sich, dreht eine Papierkrampe zwischen den Fingern, legt sie weg, holt sie sich wieder.

Die Anspannung weicht, als das erste Statement über den Bildschirm flimmert. "Welcome back", sülzt ein Internetter, "endlich ein Mann mit Format" an der RWE-Spitze. Mannomann, das ging runter wie Frittenöl. Ja, was soll einer darauf entgegnen? Außer: Er freue sich, von seinem Chefposten bei der niederländischen RWE-Tochter Essent zurück zu sein in Essen. Und: "sechs Flaschen Rotwein für Sie". Derlei lässt sich leicht zusagen, die Redebeiträge sind anonym, aus Datenschutzgründen und um Hemmungen abzubauen.

Terium lobt Innogy als "Speedboat" neben dem Schlachtschiff RWE Börsen-Chart zeigen, erwartet für 2014 stattliche 500 Millionen Euro Ergebnisbeitrag (Stand: 181 Millionen). Er glänzt mit Fachwissen, preist die Vorzüge von Offshore-Windanlagen ("Das kann kein Finanzjongleur"), fächert Investitionen auf und bemüht einen Ausspruch von Vorvorgänger Harry Roels: "Verdient euch das Recht zu wachsen."

40 Fragen bleiben nach eineinhalb Stunden offen; sie werden später im Intranet beantwortet, wohlweislich präzise. "Mit Phrasen kann man Mitarbeiter nicht für sich gewinnen." Sagt er und geht, auf dem Weg zur Tür, an einem Innogy-Werbeplakat vorbei: "Jede Jeck is anders". Für Nichtkarnevalisten: Die Menschen unterscheiden sich.

Stimmt. Wie kaum ein anderes Unternehmen bevorzugt RWE mit großer Regelmäßigkeit immer einen anderen Jeckentypus, nach dem Rhythmus eines CEO-Gezeitenkraftwerks. Auf den Juristen Dietmar Kuhnt (1995 bis 2003), der für die rauen Zeiten der Liberalisierung als zu bieder, zu national erschien, folgte der Shell-Manager Roels (2003 bis September 2007), der gute Zahlen hinterließ, aber als zu unkommunikativ und zu wenig visionär galt. Ihn ersetzte Jürgen Großmann (60), eben jener charismatische Selfmademan, der sich als PR-Genie und Vorwärtsdenker erwies, gleichzeitig aber als poltrig und unstet. Nun sehnen sich die RWEler, wieder einmal, nach Ruhe, nach Sachlichkeit - puuh.

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