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Kunstkompass 2012: Die interessanten Künstler jenseits der Top Ten

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Kunstkompass 2012 Aufsteiger, Novizen und Unsterbliche

Der Kunstkompass, den das manager magazin exklusiv veröffentlicht, misst das Renommee zeitgenössischer Künstler. Die Top Ten sind bekannte Namen - aber wer kommt auf den Plätzen danach? Wessen Werke haben über das eigene Leben hinaus Bestand, und wer sind die aufregendsten Newcomer?
Von Linde Rohr-Bongard

Hamburg - An der Börse suchen Investoren vor allem nach den Unternehmen mit dem stärksten Wachstum. Denn die, so die Erfahrung, versprechen auch die größte Wertsteigerung.

Ganz ähnlich tickt der Kunstmarkt. Auch dort gibt es die Rising Stars - Künstler, deren Werke jetzt noch erschwinglich sind, wohl aber schon bald richtig teuer gehandelt werden. Seit 1990 informiert der Kunstkompass, den das manager magazin exklusiv veröffentlicht, deshalb auch über die aussichtsreichsten Künstler im Vorhof der Walhalla.

Diese Rangliste der potenziellen Stars von morgen zeigt ein facettenreiches Spektrum höchst unterschiedlicher Generationen, Nationen und Konzepte. Da tauchen arrivierte Meister wie der deutsche Zerokünstler Heinz Mack und der amerikanische Bildhauer Robert Morris (beide Jahrgang 1931) auf.

An der Spitze aber gilt in diesem Jahr das Motto: "Jugend forsch": Den ersten Platz belegt der 1980 in Paris geborene Cyprien Gaillard, der in diesem Jahr mit dem A. T. Kearney Young Artist Award geehrt wird. Mit seinen eindrucksvollen Spektakeln vom Untergang der Spätmoderne katapultierte sich der Sprengmeister in der Gesamtwertung nach vorn, von Position 359 auf 267.

Dokumentationen der finsteren Seiten unserer Welt

Auch Nachrücker wie Andro Wekua, Taryn Simon und Paul Chan reflektieren kritisch die gesellschaftliche Realität. In ihren verstörenden Arbeiten thematisieren sie Tod, Terror und Unterdrückung, ohne in illustrative Plattheiten zu rutschen.

Der Georgier Wekua, Jahrgang 1977, ist Cyprien Gaillard dicht auf den Fersen. Der in Berlin und Zürich lebende Wekua zeigt amputierte Figuren ohne Gesichter, die er wie auf einer Bühne vorführt. Kritiker interpretieren die beklemmenden Szenarien als eine Reaktion auf die Schrecken des Bürgerkrieges in Georgien. Wekua flüchtete Mitte der 90er Jahre aus seiner Heimat und studierte von 1995 bis 1999 in Basel Kunst.

Einen großen Sprung nach vorn machte Taryn Simon. Die New Yorkerin, Jahrgang 1975, kletterte gegenüber dem Vorjahr 198 Plätze nach oben. Der entscheidende Grund: Sie bespielte in den vergangenen Monaten wichtige Kunstbühnen in Venedig, Moskau oder Genf mit aufrüttelnden Fotodokumentationen, die die finsteren Seiten unserer Welt ausleuchten. Serien über unschuldig Hingerichtete, Totgesagte oder radioaktive Kapseln eines Atommülllagers. Simon: "Es ist die Angst, die mich antreibt."

Die Einzelausstellung "A Living Man Declared Dead and Other Chapters", die bis zum 1. Januar in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen war, löste geradezu hymnische Rezensionen aus.

Um ihren Kollegen Paul Chan, der sich ungern fotografieren lässt, ranken sich wilde Geschichten. Er reiste als linker Aktivist während des US-Embargos in den Irak ein und versorgte die Bevölkerung mit Medikamenten. Der 1973 in Hongkong geborene Chan gilt als Protagonist einer radikal politischen Kunst.

Für die Abschiedsausstellung "Vor dem Gesetz" des Kölner Museumsdirektors Kasper König steuerte der Medienkünstler ein düsteres Szenario bei, das bereits 2009 auf der Venedig-Biennale zu erleben war. Fast sechs Stunden dauert die qualvolle Videoarbeit "Sade for Sade's sake". Der Kunstfreund erleidet ein verstörendes Schattenspiel in einem abgedunkelten Raum, ein sexueller Albtraum, der die Orgien des berüchtigten Marquis de Sade als eine trostlose Swingerparty und Folterkammer inszeniert.

Die interessantesten Newcomer

Kunstkompass 2012: Die kompletten Tabellen (kostenpflichtig) Welche Künstler konnten in den letzten zwölf Monaten besonderes Augenmerk auf sich lenken? Acht haben 2012 den Sprung in die Top 100 des Kunstkompass geschafft. Darunter die Deutschen Manfred Pernice und Albert Oehlen, der Amerikaner Doug Aitken und Ai Weiwei. Dass der chinesische Kunststar nun dazugehört, verwundert kaum. Kein Künstler hat international so viel Aufsehen erregt wie der Regime-Unbequeme.

Mit dem größten Sprung von Rang 104 auf 79 ist einer der Haupthelden der Arte Povera, Michelangelo Pistoletto, in die Top 100 zurückgekehrt. Zahlreiche Arte-Povera-Ausstellungen und Retrospektiven in Rom und London belegen ein neu erwachtes Interesse. Auf die Frage, was er einem jungen Künstler rate, antwortete der heute 78-Jährige: "die Welt zu verändern".

In dem glänzenden, reflektierenden Spiegel fand der Antikenverehrer schon früh sein Instrument, um Innen und Außen, Spiritualität und Realität, Statik und Dynamik zu verschmelzen. Skulpturen, Performance, Video, Theater und Schriften erweiterten Pistolettos Ausdrucksskala. Als Ikone der Nachkriegskunst gilt seine "Venere degli stracci", die weiß gleißende nackte Venus vor einem sie überragenden bunten Lumpenberg. Das zeitlose Ideal begegnet der Realität unserer Wegwerfgesellschaft.

Die begehbaren Denkräume Barbara Krugers

Barbara Kruger mag es nicht, "politische" oder "feministische" Künstlerin genannt zu werden. Doch sie glaubt, dass Kunst Veränderung bewirken kann. "Ich will, dass die Leute ins Werk hineingesogen werden." Die 1945 in Newark geborene Grafikerin und Bildredakteurin kennt die nötigen Strategien. Seit den 70er Jahren kombiniert die gesellschaftskritische Kommentatorin Werbebilder mit Texten in aggressivem Schwarz-Weiß-Rot.

Allgemeinplätze und Zitate, Film- und Songtitel werden ad absurdum geführt und entlarven Konsumwahn und Machtstrukturen: "I shop therefore I am", "Your body is a battleground", "Money can buy you love". Die mit dem Biennale-Ehrenlöwen Ausgezeichnete stellt ihre teils irritierenden, teils eindeutigen Botschaften auch im öffentlichen Raum, an Litfaßsäulen und Reklameflächen aus, sowie in Installationen, die sie "begehbare Denkräume" nennt.

Die 1953 in Washington geborene Nan Goldin zählt in Amerika längst zur Fotokünstlerelite. Im Bostoner Transvestiten- und Modemilieu und in der New Yorker Untergrundszene am Rande der Gesellschaft fand Goldin in den 70er und 80er Jahren ihren Freundeskreis und ihre Motive vor der Kamera. Sex, Drogen, Gewalt und Aids bestimmten diese Welt.

Rund 700 Farbdias umfasst die "Ballad of sexual dependency", ihr "öffentliches Tagebuch", ein bewegendes Dokument einer wilden Zeit. Goldin: "Mein Werk dreht sich um Menschen und Orte, die ich liebe, und das treibt mich an."

Die wahren Unsterblichen

Kunstkompass 2012: Die kompletten Tabellen (kostenpflichtig) Der wahre Ruhm ist der Nachruhm. Der Kunstkompass hat auch in diesem Bereich die Größten der Großen ermittelt. 2012 führt abermals der deutsche Bildhauer und Aktionskünstler Joseph Beuys mit knappem Vorsprung die Liste der Unsterblichen an. Dicht gefolgt von seinem Freund, dem amerikanischen Popstar und Auktionskönig Andy Warhol.

Der Ausnahmekünstler Beuys - so der Kunstbuchautor Wieland Schmied - ist ein Paradebeispiel für die überzeugende Verschränkung von Kunst und Politik. Dem Mitbegründer und Kandidaten der Grünen war es ein Vergnügen, in einer Fernsehsendung lässig in den Hüften wippend "Wir wollen Sonne statt Reagan" zu schmettern.

Unermüdlich beschwor der medienbewusste Prophet seine "konkrete Utopie": den erweiterten Kunstbegriff, der sämtliche Lebensbereiche, insbesondere Politik und Wirtschaft, umkrempeln sollte. "Jeder Mensch ist ein Künstler", verkündete Beuys. Jeder Mensch solle Mitglied seiner "Sozialen Plastik" werden und seine verschüttete Kreativität in einer humanen, selbstbestimmten Gesellschaft leben.

1973 gründete der Politkünstler in Köln gemeinsam mit Heinrich Böll, Klaus Staeck und Willi Bongard die "Freie Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung". Hellsichtig startete er 1982 mit seinem Beitrag zur Documenta 7 in Kassel die Pflanzaktion "7000 Eichen" unter dem Motto: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung.

Hunderte von Schülern trugen Beuys' Erbe weiter

Beuys hatte Hunderte von Schülern, die höchst unterschiedlich sein Erbe weitergetragen haben. Zu den Radikalsten zählte Jörg Immendorff. Der Ex-Maoist wütete gegen "unsauberes Flachdenken", Kapitalismus und korrupte Politik. "Der Künstler muss den Finger in die Wunden legen. Wir sind umringt von Problemen." Dennoch liebte und pflegte er die Nähe zu Prominenten aus der Politik wie beispielsweise Gerhard Schröder, den er gern auf Staatsreisen ins Ausland begleitete.

Schon in den 70er Jahren produzierte der kämpferische Quergeist und einstige Betreiber einer Kneipe in Hamburgs Hafenviertel Sankt Pauli die ruppig gemalte Serie "Café Deutschland". Figurative Visionen einer geeinten Nation. Seine international erfolgreiche Karriere betreibt sein langjähriger Galerist Michael Werner in Köln und New York.

Der Maler, Bildhauer und Professor der Düsseldorfer Kunstakademie starb 2007 an der unheilbaren Krankheit ALS. Nach Immendorffs Tod nehmen die Streitereien zwischen der Witwe Oda Jaune und Galeristen um seinen Nachlass kein Ende.

Kunst zum Anfassen und Aufessen

Ganz anders als Immendorff oder Beuys bewältigt Félix González-Torres, der 1996 an Aids starb, die Symbiose von Kunst und Gesellschaftskritik. Der 1957 in Kuba geborene US-Amerikaner reflektiert in seinen minimalistischen Arbeiten aus Perlenschnüren, Lichterketten, Plakaten, Vorhängen oder Süßigkeiten die tabuisierte Aids-Krankheit, die die New Yorker Künstlerszene überrollte und dezimierte.

Einem großen Publikum wurde González-Torres durch seine Kunst zum Anfassen und Aufessen bekannt: Eine Flut von golden oder silbern verpackten Süßigkeiten ergießt sich über Museumsräume. Die Besucher werden durch Tafeln mit der Aufschrift "Take one" animiert, ein Stück süße Kunst mitzunehmen oder zu lutschen. Der Betrachter wird aus der passiven Rolle gedrängt und gestaltet das Kunstwerk mit.

Der Titel "Placebo" spielt auf die Scheinmedikamente an, die man Ende der 80er Jahre Aids-Kranken in Ermangelung wirksamer Behandlung verabreichte. Die Bonbonteppiche mit Botschaft sind eindringliche Installationen der Vergänglichkeit und ein Stück Partizipationskunst. González-Torres wollte Betroffenheit und Aufklärung auslösen: "Meine Arbeit hat nichts mit langweiliger Minimalkunst zu tun. Darum geht es mir nicht."

Kunstkompass 2012: Die kompletten Tabellen (kostenpflichtig)

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