Mittwoch, 11. Dezember 2019

Euro-Schuldenkrise Der goldene Schulden-Schnitt

Euro-Schuldenkrise: Der Rettungsplan der Experten
AP

Machtpoker in Griechenland, wachsende Sorgen um Spanien: Bekommt Europa seine Schulden nicht in den Griff, droht eine fatale Abwärtsspirale. Ein Expertenteam hat nach Wegen aus der Krise gefahndet - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Hamburg - Jens Weidmann beherrscht die Kunst, auf freundliche Art äußerst entschieden zu wirken. Dabei kann sich der junge Bundesbank-Präsident so kühl geben, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft. Er sagt dann Sätze wie diesen: "Wir stoßen an die Grenzen der gemeinsamen Geldpolitik."

Keinen Zweifel lässt er daran, dass ihm der Kurs der Euro-Politik großes Unbehagen bereitet. Europa brauche einen Richtungswechsel, glaubt Weidmann: "In einigen Ländern steigen die staatlichen und die privaten Schulden weiter - es wird Zeit, das Ruder herumzuwerfen." Immer mehr Geld ins System zu pumpen, das sei jedenfalls keine echte Lösung, sondern kaufe nur kurzfristig Zeit.

So geht es nicht weiter. Das findet auch Stephan Sturm (48). Der Finanzvorstand des Gesundheitskonzerns Fresenius Börsen-Chart zeigen war Strategieberater und Investmentbanker. Wenn man ihn heute nach seinen Überzeugungen fragt, dann bezeichnet er sich als Neoliberalen mit sozialem Gewissen.

Von Deutschland aus mag die Welt rosig aussehen. Man dürfe natürlich nicht nur die Schulden sehen, sondern müsse auch das Vermögen und die industrielle Basis berücksichtigen. Aber es gebe keinen Grund zur Entspannung, sagt Sturm: "Die Krise ist keineswegs vorüber. Für die Staaten kommt es darauf an, dauerhaft Überschüsse zu erwirtschaften, die ihre Schuldzinsen decken." Ansonsten droht sie die Last zu erdrücken.

Euro-Zone rutscht in die Rezession - trotz Billiggeldpolitik der EZB

So geht es nicht weiter. Gerade rutscht die Euro-Zone in die nächste Rezession - trotz immer größerer Rettungsschirme, trotz quasi unbegrenzter Billiggeldpolitik der EZB. In Italien, Spanien, sogar in den Niederlanden schrumpft das Sozialprodukt. Ein Finanzminister nach dem anderen muss eingestehen, dass er mehr neue Schulden aufnehmen muss als geplant.

Europas Krisenstrategie droht zu scheitern. Unter Berliner Führung haben die Euro-Staaten das gemeinsame Regelwerk reformiert und ausgebaut: den Stabilitätspakt verschärft, einen "Fiskalpakt" geschlossen und ein Regelwerk für die intensivere Koordinierung der Wirtschaftspolitik ("Sixpack") vereinbart. Maßnahmen, die verhindern sollen, dass sich eine solche Krise wiederholen kann. Künftig gilt strikte Haushaltsdisziplin in Euro-Land; Strukturreformen sollen alle Mitglieder so wettbewerbsfähig machen, dass einzelne Volkswirtschaften nicht mehr abgehängt werden können.

Ein starkes, solides Europa - das ist die Vision. Doch die Realität hat mit den Wunschvorstellungen wenig zu tun.

Immer weiter entfernt sich die Euro-Ökonomie von ihren Zielen: Die Schulden steigen, die Wirtschaft schrumpft, immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs, die Geduld der Bürger schwindet. Der Befund ist niederschmetternd: Tief und tiefer verstrickt sich die Euro-Zone in selbst gemachten Problemen.

Nicht nur in Griechenland, auch anderswo sind prekäre Verhältnisse eingekehrt. Spanien, immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum, sei heute ein "ökonomisch und sozial ruiniertes Land", klagt die neue konservative Arbeitsministerin Fátima Bañez. 4,7 Millionen Hispanier suchen einen Job, die Hälfte der Jugendlichen ist arbeitslos.

© manager magazin 4/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung