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Euro-Schuldenkrise: Der Rettungsplan der Experten

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Euro-Schuldenkrise Der goldene Schulden-Schnitt

Machtpoker in Griechenland, wachsende Sorgen um Spanien: Bekommt Europa seine Schulden nicht in den Griff, droht eine fatale Abwärtsspirale. Ein Expertenteam hat nach Wegen aus der Krise gefahndet - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Hamburg - Jens Weidmann beherrscht die Kunst, auf freundliche Art äußerst entschieden zu wirken. Dabei kann sich der junge Bundesbank-Präsident so kühl geben, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft. Er sagt dann Sätze wie diesen: "Wir stoßen an die Grenzen der gemeinsamen Geldpolitik."

Keinen Zweifel lässt er daran, dass ihm der Kurs der Euro-Politik großes Unbehagen bereitet. Europa brauche einen Richtungswechsel, glaubt Weidmann: "In einigen Ländern steigen die staatlichen und die privaten Schulden weiter - es wird Zeit, das Ruder herumzuwerfen." Immer mehr Geld ins System zu pumpen, das sei jedenfalls keine echte Lösung, sondern kaufe nur kurzfristig Zeit.

So geht es nicht weiter. Das findet auch Stephan Sturm (48). Der Finanzvorstand des Gesundheitskonzerns Fresenius  war Strategieberater und Investmentbanker. Wenn man ihn heute nach seinen Überzeugungen fragt, dann bezeichnet er sich als Neoliberalen mit sozialem Gewissen.

Von Deutschland aus mag die Welt rosig aussehen. Man dürfe natürlich nicht nur die Schulden sehen, sondern müsse auch das Vermögen und die industrielle Basis berücksichtigen. Aber es gebe keinen Grund zur Entspannung, sagt Sturm: "Die Krise ist keineswegs vorüber. Für die Staaten kommt es darauf an, dauerhaft Überschüsse zu erwirtschaften, die ihre Schuldzinsen decken." Ansonsten droht sie die Last zu erdrücken.

Euro-Zone rutscht in die Rezession - trotz Billiggeldpolitik der EZB

So geht es nicht weiter. Gerade rutscht die Euro-Zone in die nächste Rezession - trotz immer größerer Rettungsschirme, trotz quasi unbegrenzter Billiggeldpolitik der EZB. In Italien, Spanien, sogar in den Niederlanden schrumpft das Sozialprodukt. Ein Finanzminister nach dem anderen muss eingestehen, dass er mehr neue Schulden aufnehmen muss als geplant.

Europas Krisenstrategie droht zu scheitern. Unter Berliner Führung haben die Euro-Staaten das gemeinsame Regelwerk reformiert und ausgebaut: den Stabilitätspakt verschärft, einen "Fiskalpakt" geschlossen und ein Regelwerk für die intensivere Koordinierung der Wirtschaftspolitik ("Sixpack") vereinbart. Maßnahmen, die verhindern sollen, dass sich eine solche Krise wiederholen kann. Künftig gilt strikte Haushaltsdisziplin in Euro-Land; Strukturreformen sollen alle Mitglieder so wettbewerbsfähig machen, dass einzelne Volkswirtschaften nicht mehr abgehängt werden können.

Ein starkes, solides Europa - das ist die Vision. Doch die Realität hat mit den Wunschvorstellungen wenig zu tun.

Immer weiter entfernt sich die Euro-Ökonomie von ihren Zielen: Die Schulden steigen, die Wirtschaft schrumpft, immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs, die Geduld der Bürger schwindet. Der Befund ist niederschmetternd: Tief und tiefer verstrickt sich die Euro-Zone in selbst gemachten Problemen.

Nicht nur in Griechenland, auch anderswo sind prekäre Verhältnisse eingekehrt. Spanien, immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum, sei heute ein "ökonomisch und sozial ruiniertes Land", klagt die neue konservative Arbeitsministerin Fátima Bañez. 4,7 Millionen Hispanier suchen einen Job, die Hälfte der Jugendlichen ist arbeitslos.

Schuldenkrisen führten oft zu Staatsbankrott oder Hyperinflation

Längst steht viel mehr auf dem Spiel als Geld. Den Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, Professor an der London School of Economics, gemahnt die Abwärtsdynamik an üble Vorbilder. In der Vergangenheit hätten Schuldenkrisen häufig zu Staatsbankrott oder Hyperinflation geführt - soziale und politische Destabilisierung inklusive. Ritschl sieht denn auch "Staatskrisen" heraufziehen, die den Historiker "brennend an die späte Weimarer Republik erinnern".

Der in London lehrende Bayer ist kein notorischer Schwarzseher, sondern ein empirisch arbeitender Wissenschaftler. Düstere Sorgen treiben ihn um: "Woher wissen wir, dass es keine neue Diktatur oder einen Bürgerkrieg gibt?" Die zur Schau gestellte Selbstgewissheit der Regierenden macht Ritschl fassungslos. "Das Spiel, das wir bisher gespielt haben, führt in die Irre. Aber die Regierungen wollen das nicht wahrhaben."

Alle angepeilten Auswege haben sich bislang als Sackgassen erwiesen: Offenkundig ist es Europas Volkswirtschaften weder gelungen, sich aus der Krise herauszusparen noch aus den Schulden herauszuwachsen. Inzwischen sind die Verbindlichkeiten so gigantisch, dass sie eine fatale Eigendynamik in Gang setzen: Wegen der hohen Zinslasten haben Staaten, Bürger und Firmen immer weniger Geld zum Investieren und Konsumieren. Die Schulden selbst sind zur Wachstumsbremse geworden.

Die Schulden selbst sind Wachstumsbremse

Es ist ein Teufelskreis, wie ihn der US-Ökonom Irving Fisher bereits 1933 beschrieben hat. Die Konsequenz: Erst wenn die Schulden unter Kontrolle sind, lässt sich das zweite große Dilemma des Euro-Verbunds lösen: die auseinanderstrebende Wettbewerbsfähigkeit.

So geht es nicht weiter, so viel ist klar. Aber was kann der Ausweg sein? Welche Optionen bleiben jetzt eigentlich noch?

manager magazin hat Experten gebeten, Lösungsmöglichkeiten zu durchdenken. Mit einem Team hat Daniel Stelter, Partner der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG), die relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengetragen und sie zu einem durchgerechneten Plan weiterentwickelt. Der Berliner Verfassungs- und Europarechtsprofessor Markus Heintzen stand als Sparringspartner zur Verfügung, ebenso Finanzprofis in Unternehmen, Ministerien und Notenbanken, die meisten wollten nicht namentlich zitiert werden.

Das Ergebnis? Eine geordnete Lösung der europäischen Schuldenkrise ist möglich - aber der Weg dorthin ist lang, kurvenreich und gepflastert mit politischen und rechtlichen Fußangeln.

Eine geordnete Lösung der Euro-Schuldenkrise ist möglich

Schon die schiere Größe des Problems ist Ehrfurcht gebietend: 7,3 Billionen Euro. So hoch taxiert das BCG-Team die "Überschussverschuldung". Soll heißen: Dieser Summe müssten sich die Euro-Volkswirtschaften entledigen, um ein tragfähiges Niveau zu erreichen.

Empirische Studien legen eine "60-60-60-Regel" nahe: Die Schulden von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten sollen jeweils 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht übersteigen. 180 Prozent also - bei diesem Niveau wird das Wachstum noch nicht gebremst, die Schulden lassen sich konstant halten.

180 Prozent - das ist das Ziel. Doch die Distanz ist groß. In der Euro-Zone insgesamt liegt der Wert derzeit bei rund 260 Prozent, in einigen Ländern weit darüber.

Gemeinschaftsfonds und Tilgungsplan für Überschuss-Staatsschulden

Stelters Modell greift einen Vorschlag der "Fünf Weisen" auf und entwickelt ihn weiter. Zunächst werden die Staatsschulden, die über 60 Prozent des BIP liegen, in einen Gemeinschaftsfonds überführt: rund 3,5 Billionen Euro, die nach einem Tilgungsplan zurückgezahlt werden.

Danach haben die Euro-Staaten nur noch Verbindlichkeiten von 60 Prozent des BIP. Der Effekt wäre durchschlagend: Die Zinsen der Hochschuldenländer würden drastisch sinken; neue Haushaltsspielräume würden sich auftun, die einerseits zur Tilgung, andererseits zur Investitionsförderung und zum Ausbau des Bildungssystems genutzt werden sollten.

Der Preis dafür ist der Tilgungsplan. Und der wird teuer: Um die übermäßigen Staatsschulden binnen 20 Jahren abzuzahlen, müssten die Steuern erheblich steigen. In Deutschland etwa um 1,5 Prozent des BIP, im Euro-Durchschnitt um 2 Prozent, im höchstverschuldeten Griechenland gar um mehr als 4 Prozent.

Solche Extrasteuern für den Euro über zwei Jahrzehnte durchzuhalten wäre ein politischer Kraftakt sondergleichen - selbst wenn sie überwiegend von der kleinen Gruppe der Reichen bezahlt würden, wie es kürzlich Post-Chef Frank Appel vorgeschlagen hat. Und dies ist noch der leichtere Teil.

Die Schulden von Privatbürgern und Unternehmen sind das größere Problem

Die überbordenden Staatsschulden sind keineswegs das größte Problem. Viel kniffliger ist es, die Verbindlichkeiten der Unternehmen und der Privatbürger zu senken.

Ein Rechtsstaat kann schließlich nicht einfach diejenigen entlasten, die in der Vergangenheit hemmungslos auf Pump gewirtschaftet haben - und dafür die Sparsamen und Soliden besteuern. Was er aber tun kann, ist die teilweise Übernahme fauler Kredite.

Sobald ein Schuldner zahlungsunfähig wird, schreibt der Gläubiger den Betrag ab - was beim Staat Steuerausfälle verursacht. Wenn systemrelevante Banken in Schieflage geraten, kann der Staat sie mit frischem Kapital versorgen und sie zur Not auch übernehmen. Auf diese Weise wird die Allgemeinheit am Schuldenabbau der Privatwirtschaft beteiligt.

Bis zu 1,5 Billionen Euro könnten durch Abschreibungen und die daraus resultierenden Stützungsmaßnahmen für Banken bei den Staaten hängen bleiben, kalkuliert das BCG-Team. Gelder, die ebenfalls vom gemeinsamen Tilgungsfonds - oder vom künftigen Rettungsschirm ESM - aufgebracht werden müssten. Statt 3,5 Billionen müssten also letztlich insgesamt 5 Billionen Euro Schulden abgebaut werden, um die Euro-Zone wieder flottzumachen.

Die Monstrosität dieser Summe zeigt, wie drängend das Problem ist. Zugleich erklärt sie die Scheu der europäischen Regierungen, sich mit einer echten Lösung der Schuldenkrise zu befassen.

Spanien und Italien erleben einen stillen Sturm auf die Banken

Bislang gibt es keinen Plan. Bislang regiert die Methode Durchwurschteln. Griechenland, Portugal und Irland sind unter die Euro-Rettungsschirme geschlüpft. Spanien und Italien erleben einen stillen Sturm auf die Banken: In Erwartung weiterer Zusammenbrüche werden Gelder aus den beiden Ländern abgezogen. Als Puffer springen die nationalen Notenbanken ein, voran die Deutsche Bundesbank, die den Krisenländern über das Verrechnungssystem Target 2 rund eine halbe Billion Euro geliehen hat. Risiken, die womöglich die Steuerzahler tragen müssen - ohne dass jemals ein Parlament darüber abgestimmt hätte.

Bundesbank-Chef Weidmann ist darüber gar nicht erfreut: Stabilisierungsmaßnahmen durch die Notenbank, die in akuten Krisenzeiten notwendig sein mögen, dürften nicht zum Dauerzustand werden. "Wir brauchen eine fiskalische Lösung für ein fiskalisches Problem", fordert er. Doch davon ist Europa weit entfernt.

Der Held der europäischen Krisenpolitik heißt derzeit Mario Monti. Der italienische Regierungschef und einstige Mailänder Wirtschaftsprofessor setzt auf eine Mischung aus Steuererhöhungen und Strukturreformen - er zieht auf nationaler Ebene ein ähnliches Programm durch, wie es der Rettungsplan des BCG-Teams für die ganze Euro-Zone vorsieht. Dabei hat es Monti mit einem vergleichsweise überschaubaren Problem zu tun: Italien hat zu hohe Staatsschulden - aber die privaten Verbindlichkeiten halten sich in Grenzen.

Trotzdem ist die Lage nach wie vor angespannt.

Italien: Montis harte Schnitte - und eine trügerische Ruhe

Bettina Corves-Wunderer hat das Auf und Ab selbst durchlebt. Der Takt, mit dem die Managerin das Geld ihrer Kunden auf den Kapitalmärkten unterbringt, gehorcht seit dem Frühjahr vergangenen Jahres dem Rhythmus der europäischen Krisendiplomatie.

Die Deutsche mit strenger Frisur, randloser Brille und einer Vorliebe für klassische Kostüme managt die Finanzen im italienischen Hauptquartier der Allianz  an der Triester Largo Ugo Irneri. 54 Milliarden Euro verwaltet sie, ein großer Teil davon ist in römischen Staatspapieren angelegt.

Mindestens einmal pro Woche sitzt sie mit ihren Finanzmarktspezialisten zusammen und justiert die Strategie neu. Sie hat Risiken zurückgefahren und Verlustbringer verkauft. Im Vergleich zur Konkurrenz steht der italienische Allianz-Arm bemerkenswert stabil da.

Mit dem Ende des vergangenen Jahres haben sich die Risiken im Wertpapierportefeuille der italienischen Allianz noch einmal deutlich reduziert. Seither ist Mario Montis Expertenregierung am Ruder und fährt ein Programm der harten Schnitte.

Eine trügerische Ruhe

Angestellte mit einem Einkommen von mehr als 300.000 Euro und Rentner mit Pensionen über 90.000 Euro müssen nun mit einem Solidaritätszuschlag leben, Haus- und Wohnungsbesitzer den Wert ihrer Immobilien versteuern, und auch die Besitzer von Luxusjachten und Edellimousinen werden ihren Beitrag zur Sanierung leisten müssen.

Die Wirkung des Monti-Plans kann Allianz-Frau Corves-Wunderer gleich an zwei Indikatoren ablesen: am eigenen Gehaltszettel und an den Renditen, die sie im Moment bekommt, wenn sie das Geld ihrer Kunden in italienischen Staatspapieren anlegt.

Die Phase der Rekordzinsen ist erst mal vorbei. Rund 7,5 Prozent musste Rom noch im November zahlen, Anfang März genügten wieder Zinssätze von weniger als 5 Prozent, um sich frisches Geld zu beschaffen. Die gesunkenen Risikoprämien signalisieren einen Vertrauensvorschuss, die Märkte haben den Panikmodus verlassen. Geholfen hat auch das langfristige Liquiditätsprogramm der EZB. Vorläufig ist Ruhe eingekehrt - eine trügerische Ruhe.

Trotz schmerzhafter Schnitte: "Die nächsten beiden Jahre werden hart, aber Italien ist auf dem richtigen Weg", sagt Corves-Wunderer. Italiens Wirtschaft soll in diesem Jahr um 1,3 Prozent schrumpfen.

Irland: Harte Schnitte allein reichen nicht

Wenn aber die Wirtschaftsleistung weiter sinkt, steigen fast zwangsläufig auch die Staatsschulden. Weitere Sparpakete werden folgen. Statt auf Wachstum umzuschwenken, wird Italiens Industrie- und Dienstleistungssektor von erneut sinkenden Umsätzen und Gewinnen bedroht.

Was jetzt noch wie eine leicht beherrschbare Konjunkturschwäche wirkt, kann sich rasch als Beginn einer sich immer schneller drehenden Abwärtsspirale herausstellen.

Dass harte Schnitte allein nicht reichen, zeigt das Beispiel Irland. Seit EU, EZB und IWF das Land im Herbst 2010 mit 67,5 Milliarden Euro vor dem Staatsbankrott gerettet haben, war die irische Regierung so etwas wie das Vorbild in Sachen Kürzen, Sparen und Verzichten.

Wie aus privaten Schulden öffentliche Schulden werden

Der Job des obersten Krisenmanagers lastet seit gut einem Jahr auf einem 68jährigen pensionierten Lehrer. Hunderte von Millionen hat Finanzminister Michael Noonan aus der staatlichen Gesundheitsvorsorge herausgeschnitten, die Gehälter im öffentlichen Dienst im Schnitt um 14 Prozent gedrückt und die Umsatzsteuer auf 23 Prozent angehoben. Er hat bei den maroden Banken des Landes rigoros aufgeräumt und die überlebensfähigen Geldhäuser mit frischem Kapital ausgestattet.

Erreicht hat er immerhin, dass Irlands Wirtschaft voriges Jahr wieder um 0,9 Prozent wuchs. Zu einem hohen Preis: Die Gesundung des Landes hängt allein an der Exportindustrie. Die Binnenwirtschaft steckt noch immer tief in der Depression, in die das Land nach dem Ausbruch der Finanzkrise fiel. Um 14 Prozent sackte das BIP seit 2007 ab, der private Konsum ging um 13 Prozent zurück, die Investitionsquote der privaten Haushalte brach zu 75 Prozent weg.

In Irland lässt sich beobachten, wie aus privaten Schulden öffentliche werden. Seit 2007 hat sich die Staatsverschuldung um den Faktor vier erhöht - von 25 Prozent auf mehr als 100 Prozent des BIP. Trotz aller Rettungsgelder: Die Last wächst weiter. "2013 werden wir zwischen 114 und 118 Prozent landen", sagt der Finanzminister und findet diese Größenordnung "durchaus beherrschbar".

Spanien: Der eigentliche Problemfall Europas

Der Optimismus des gelernten Pädagogen ist außerhalb Dublins allerdings kaum mehrheitsfähig. Irland, sagt etwa der Harvard-Professor und einstige IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff, "läuft Gefahr, seine Schulden nicht zurückzahlen zu können". Und dabei redet er nur von dem Geld, dass sich der Staat zusammengepumpt hat. Die öffentlichen Verbindlichkeiten sind aber der kleinere Teil des irischen Dilemmas. Rechnet man die Verpflichtungen der privaten Haushalte und der Unternehmen hinzu, liegt die Schuldenquote des Inselstaates bei gigantischen 389 Prozent des BIP.

Damit ist das Land de facto überschuldet. Selbst wenn die Privathaushalte ihre gesamten Finanzvermögen auflösen und auf einen Schlag verkaufen würden - es käme nicht genug zusammen, um die kompletten Schulden auf einen Schlag zu tilgen.

Glücklicherweise ist Irland klein. Der eigentliche Problemfall Europas aber heißt Spanien. Staat, Unternehmen und private Haushalte stehen zusammen mit rund 3,1 Billionen Euro in der Kreide. Eine Summe, die ungefähr dreimal so groß ist wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Das gigantische Loch in der Bilanz ist die Spätfolge des Immobilienbooms, der Spanien beinahe eineinhalb Jahrzehnte lang in Atem hielt.

Ähnlich wie Iren und Amerikaner vertrauten auch die Spanier auf die stets steigenden Preise ihrer Häuser und Wohnungen. Das Geld kam billig von der Bank. Ende 2011 summierten sich die Schulden der spanischen Privathaushalte auf 880 Milliarden Euro - mehr als die aufgelaufenen Staatsschulden.

Spaniens Konzernfürsten verschuldeten sich hemmungslos

Noch weitaus drastischer nutzten Spaniens Konzernfürsten die sich immer weiter aufblähende Immobilienblase. Angetrieben vom Boom in der Heimat, kauften sich die großen Bauunternehmen und Infrastrukturkonzerne mit Milliardensummen in ausländische Unternehmen ein. Und wo die eigenen Gewinne nicht reichten, wurde in großem Stil mit geliehenem Geld nachgeholfen.

Mehr als zwei Milliarden Euro gab etwa der von Florentino Pérez, im Nebenjob Präsident der Fußballgroßmacht Real Madrid, kontrollierte ACS-Konzern für den Essener Konkurrenten Hochtief  aus. Das Infrastrukturkonglomerat Abertis  sicherte sich rund 7 Prozent des italienischen Rivalen Atlantia und kontrolliert darüber hinaus 1500 Kilometer des französischen Autobahnnetzes.

Ferrovial, der Nummer drei der spanischen Bauindustrie, gehören Autobahnen in den USA und Kanada. Und seit der Konzern für rund zehn Milliarden Euro beim britischen Flughafenbetreiber BAA eingestiegen ist, der unter anderen die Airports in Glasgow, Edinburgh und London Stansted kontrolliert, kommen rund 70 Prozent des Umsatzes aus dem Ausland.

Das Resultat: Gleich vier spanische Baukonzerne zählten Ende 2010 zu den Top Ten der mit den höchsten Schuldenquoten belasteten Unternehmen im Euro-Land. Zusammengerechnet kommen Fomento, Técnicas, ACS  und Ferrovial auf Schulden von 87,4 Milliarden Euro, was die Summe ihres Eigenkapitals ungefähr um den Faktor sieben übersteigt.

Beim Rest der spanischen Unternehmen sieht die Bilanz ähnlich düster aus. Die Schuldenlast liegt bei insgesamt 1,44 Billionen Euro und damit fast doppelt so hoch wie die gesamten staatlichen Verbindlichkeiten. Inzwischen ist die Belastung so übermächtig, dass es für kleinere und mittlere Firmen beinahe unmöglich geworden ist, überhaupt noch an neue Kredite heranzukommen. Eine Wachstumsbremse sondergleichen.

Der Mann, der sein Land aus der Kreditklemme befreien soll, heißt Luis de Guindos. Seit Ende Dezember ist der gelernte Ökonomieprofessor, der zuvor für die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers arbeitete und bis zum 15. September 2008 Chef des spanisch-portugiesischen Arms der US-Investmentbank Lehman Brothers  war, "Minister für Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit" - der oberste iberische Sanierungsbeauftragte.

Private Schulden werden durch staatliche ersetzt

"Die Hälfte des Bankensystems braucht eine neue Restrukturierungsrunde", sagt Guindos. Die Geldhäuser sollen saniert und zu größeren Einheiten fusioniert werden. Am Ende dürften nicht mehr als sechs international konkurrenzfähige Institute stehen.

De Guindos wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als die Banken zu zwingen, faule Firmen- und Hypothekenkredite in Milliardenhöhe aus ihren Bilanzen zu tilgen. Die Folge: Er wird selbst in großem Stil neue Schulden aufnehmen müssen, um seine Banken wieder mit ausreichend Kapital zu versorgen.

Erneut das typische Muster: Alte private Schulden werden durch neue staatliche ersetzt. Ein Rezept, das schon beim sehr viel kleineren Irland nicht wirklich funktioniert hat.

Der bisherige Verlauf der Krise zeigt, dass sich Länder wie Portugal, Irland und Spanien mit dem klassischen Arsenal der Wirtschaftspolitik allein nicht nachhaltig aus ihrer Misere befreien können. Den Berechnungen der BCG-Experten zufolge ist der sicherste Weg aus der Krise ein geordneter Neustart. Und der ist nur mit massiven Kapitaltransfers aus den starken Euro-Staaten zu haben.

Geordneter Neustart ist nur mit massiven Kapitaltransfers zu haben

Akzeptiert wird ein solcher paneuropäischer Solidarpakt von den Steuerzahlern der Geberländer aber wohl nur, wenn die Krisenländer zuvor einen Kassensturz hinter sich bringen und sich von ihren verbliebenen Firmenbeteiligungen und Staatskonzernen trennen.

"Warum sollte es Staaten anders ergehen als Unternehmen, die sich durch hohe Schulden und riskante Investments selbst in Schwierigkeiten gebracht haben?", argumentiert Fresenius-Finanzchef Stephan Sturm.

Seit 2005 hat er für das Bad Homburger Medizinunternehmen vier milliardenschwere Übernahmen gestemmt. Das Geld dafür hat er sich bei Banken geliehen und auf den Anleihemärkten eingesammelt. Fresenius hat seine Kredite stets nach Plan getilgt. Wenn eine große Akquisition schiefgeht, "dann muss ein Unternehmen eben daran arbeiten, die Übernahme operativ doch noch zum Erfolg zu führen oder sich notfalls von nicht betriebsnotwendigen Assets trennen", sagt Sturm.

Schuldenabbau durch Bilanzverkürzung nennen die Betriebswirte diesen Prozess. Aber das reicht nicht. Damit Euro-Land seine Überschussverschuldung geordnet abbauen kann, braucht es Elemente der europäischen Solidarität. Aus ökonomischer Sicht ist es geboten, die Überschussschulden in einem Tilgungsfonds zu poolen. Nur so lassen sich die Zinslasten senken.

Entschuldung: Deutschland müsste entsprechend mehr zahlen

Nach dem Modell des Sachverständigenrats haften alle Euro-Staaten gemeinsam für den Schuldenfonds. Jeder Staat verpflichtet sich, seinen eigenen Anteil zu bedienen und zu tilgen. Zusätzlich bräuchten die Problemländer Geldtransfusionen aus den europäischen Gemeinschaftskassen, um zurück auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad zu gelangen.

Deutschland müsste entsprechend mehr zahlen. "Erst nach einem solchen Schritt könnten die Krisenstaaten das Hauptproblem effektiv angehen: die schwache Wettbewerbsfähigkeit", sagt BCG-Mann Stelter.

Es bleiben drei Fragen: Wäre dieses Entschuldungsmodell politisch durchsetzbar? Ist es rechtlich realisierbar? Und: Was passiert, falls Europa sich nicht zu diesem Kraftakt aufraffen kann?

Niedrige Zinsen, kontrollierte Inflation

Was die Akzeptanz der Bürger betrifft, so kommt es entscheidend darauf an, "wer am Ende die Kosten trägt", meint Stelter. Neben Steuererhöhungen sieht sein Modell Maßnahmen der "Financial Repression" vor, eine Mischung aus kontrollierter Inflation und künstlich niedrig gehaltenen Zinsen.

Damit ist er in guter Gesellschaft: Viele Ökonomen würdigen inzwischen die Rolle der finanziellen Repression bei der Entschuldung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dabei werden die Schulden mithilfe rigider Regulierung allmählich abgebaut. Banken, Versicherungen und Pensionsfonds könnten etwa gezwungen werden, niedrig verzinste Anleihen des Euro-Tilgungsfonds zu halten. Liegen die Wachstumsraten der Wirtschaft und des Preisniveaus zusammengenommen höher als der Zinssatz, sinkt die Schuldenquote.

Stelter hat ein politisches Menü zusammengestellt: Danach können Regierungen aus einem politisch genehmen Mix von Steuererhöhungen und finanzieller Repression auswählen

Wie viel sind uns Demokratie und Freiheit eigentlich wert?

Übrigens: Hinter den Kulissen wird längst an repressiven Maßnahmen gebastelt. Natürlich werden sie nicht so genannt. Lieber reden die Experten von "makroprudenzieller Regulierung".

Schwieriger ist die Frage, ob ein Euro-Tilgungsfonds samt Transfermechanismus mit Grundgesetz und Europa-Recht vereinbar ist. "Mit den bisherigen Verträgen lässt sich dieses Modell jedenfalls nicht realisieren", urteilt der Berliner Professor Markus Heintzen. "Auf jeden Fall braucht man eine Neufassung der Verträge." Und die müsste von allen Staaten ratifiziert werden - ein politisches Megaprojekt.

Was Heintzen noch größere Bauchschmerzen bereitet, ist die schiere Größe der Summen. Wenn Billionenbeträge auf europäischer Ebene verschoben würden, dann stellte das fundamentale Fragen an das demokratische Grundverständnis der Republik: "Da droht das unveräußerliche Haushaltsrecht der Parlamente unter die Räder zu kommen", sagt der Rechtsgelehrte.

Denkbar wäre eine so weitgehende fiskalische Vergemeinschaftung allenfalls innerhalb eines echten europäischen Föderalstaats mit einem vollwertigen Parlament. Nur so ließe sich obendrein garantieren, dass die neu geschaffenen europäischen Regeln zur solideren Finanzpolitik und zur verbesserten Wettbewerbsfähigkeit nicht abermals von einzelnen Staaten umgangen würden.

Vereinigte Staaten von Euro-Land

Die Schaffung der "Vereinigten Staaten von Euro-Land" wäre somit die Grundvoraussetzung, um einen geordneten Ausstieg aus der Schuldenfalle einzuleiten.

Aber selbst unter diesen Bedingungen könnte das Projekt noch am Verfassungsgericht scheitern, sagt Heintzen. In ihrem Urteil zum Lissabon-Vertrag vom Juni 2009 haben die Karlsruher Richter nämlich bekräftigt, dass sich die europäische Vereinigung "auf der Grundlage einer Vertragsunion souveräner Staaten" vollziehen müsse. Das Gericht sieht die Herrschaft des Volkes gefährdet, solange es kein europäisches Staatsvolk gibt, das gemeinsame politische Debatten führt.

Kein Zweifel: Vor der Realisierung des Entschuldungsplans stehen extrem hohe Hürden. Was passieren würde, falls Europa sie nicht überwinden kann, lässt sich leicht ausmalen: Die Schulden dürften weiter steigen, die sozialen und politischen Spannungen zunehmen. Vor allem würde die EZB noch stärker unter Druck geraten, ihre extrem lockere Geldpolitik immer weiter fortzusetzen - bis die Inflation anspringt und die Schulden mittels Notenpresse abgebaut werden.

Es wäre ein Armutszeugnis für die Europäer, eine Blamage historischen Ausmaßes mit verheerender globaler Wirkung. "Gerade die aufstrebenden Länder Asiens und Lateinamerikas beobachten uns sehr genau. Finden wir eine demokratische Lösung? Oder lassen wir alles den Bach runtergehen in Staatsbankrotten und Inflation?", sagt ein Euro-Notenbanker. "Derzeit steht unser Modell auf dem Prüfstand."

Wie viel sind Demokratie und Freiheit eigentlich wert, wenn die europäischen Kulturnationen keinen Ausweg aus der selbst gestellten Schuldenfalle finden? Falls Europa diese Fragen nicht beantworten kann, geht mehr verloren als nur die gemeinsame Währung.

Übersicht: Der Rettungsplan der Experten