Montag, 18. November 2019

Euro-Schuldenkrise Der goldene Schulden-Schnitt

Euro-Schuldenkrise: Der Rettungsplan der Experten
AP

7. Teil: Spanien: Der eigentliche Problemfall Europas

Der Optimismus des gelernten Pädagogen ist außerhalb Dublins allerdings kaum mehrheitsfähig. Irland, sagt etwa der Harvard-Professor und einstige IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff, "läuft Gefahr, seine Schulden nicht zurückzahlen zu können". Und dabei redet er nur von dem Geld, dass sich der Staat zusammengepumpt hat. Die öffentlichen Verbindlichkeiten sind aber der kleinere Teil des irischen Dilemmas. Rechnet man die Verpflichtungen der privaten Haushalte und der Unternehmen hinzu, liegt die Schuldenquote des Inselstaates bei gigantischen 389 Prozent des BIP.

Damit ist das Land de facto überschuldet. Selbst wenn die Privathaushalte ihre gesamten Finanzvermögen auflösen und auf einen Schlag verkaufen würden - es käme nicht genug zusammen, um die kompletten Schulden auf einen Schlag zu tilgen.

Glücklicherweise ist Irland klein. Der eigentliche Problemfall Europas aber heißt Spanien. Staat, Unternehmen und private Haushalte stehen zusammen mit rund 3,1 Billionen Euro in der Kreide. Eine Summe, die ungefähr dreimal so groß ist wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Das gigantische Loch in der Bilanz ist die Spätfolge des Immobilienbooms, der Spanien beinahe eineinhalb Jahrzehnte lang in Atem hielt.

Ähnlich wie Iren und Amerikaner vertrauten auch die Spanier auf die stets steigenden Preise ihrer Häuser und Wohnungen. Das Geld kam billig von der Bank. Ende 2011 summierten sich die Schulden der spanischen Privathaushalte auf 880 Milliarden Euro - mehr als die aufgelaufenen Staatsschulden.

Spaniens Konzernfürsten verschuldeten sich hemmungslos

Noch weitaus drastischer nutzten Spaniens Konzernfürsten die sich immer weiter aufblähende Immobilienblase. Angetrieben vom Boom in der Heimat, kauften sich die großen Bauunternehmen und Infrastrukturkonzerne mit Milliardensummen in ausländische Unternehmen ein. Und wo die eigenen Gewinne nicht reichten, wurde in großem Stil mit geliehenem Geld nachgeholfen.

Mehr als zwei Milliarden Euro gab etwa der von Florentino Pérez, im Nebenjob Präsident der Fußballgroßmacht Real Madrid, kontrollierte ACS-Konzern für den Essener Konkurrenten Hochtief Börsen-Chart zeigen aus. Das Infrastrukturkonglomerat Abertis Börsen-Chart zeigen sicherte sich rund 7 Prozent des italienischen Rivalen Atlantia und kontrolliert darüber hinaus 1500 Kilometer des französischen Autobahnnetzes.

Ferrovial, der Nummer drei der spanischen Bauindustrie, gehören Autobahnen in den USA und Kanada. Und seit der Konzern für rund zehn Milliarden Euro beim britischen Flughafenbetreiber BAA eingestiegen ist, der unter anderen die Airports in Glasgow, Edinburgh und London Stansted kontrolliert, kommen rund 70 Prozent des Umsatzes aus dem Ausland.

Das Resultat: Gleich vier spanische Baukonzerne zählten Ende 2010 zu den Top Ten der mit den höchsten Schuldenquoten belasteten Unternehmen im Euro-Land. Zusammengerechnet kommen Fomento, Técnicas, ACS Börsen-Chart zeigen und Ferrovial auf Schulden von 87,4 Milliarden Euro, was die Summe ihres Eigenkapitals ungefähr um den Faktor sieben übersteigt.

Beim Rest der spanischen Unternehmen sieht die Bilanz ähnlich düster aus. Die Schuldenlast liegt bei insgesamt 1,44 Billionen Euro und damit fast doppelt so hoch wie die gesamten staatlichen Verbindlichkeiten. Inzwischen ist die Belastung so übermächtig, dass es für kleinere und mittlere Firmen beinahe unmöglich geworden ist, überhaupt noch an neue Kredite heranzukommen. Eine Wachstumsbremse sondergleichen.

Der Mann, der sein Land aus der Kreditklemme befreien soll, heißt Luis de Guindos. Seit Ende Dezember ist der gelernte Ökonomieprofessor, der zuvor für die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers arbeitete und bis zum 15. September 2008 Chef des spanisch-portugiesischen Arms der US-Investmentbank Lehman Brothers Börsen-Chart zeigen war, "Minister für Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit" - der oberste iberische Sanierungsbeauftragte.

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