Montag, 23. September 2019

Kreuzfahrten Wohlfühlreeder in Seenot

Kreuzfahrtschiffe: Giganten der Meere
REUTERS

Jahrelang wuchs das Geschäft mit den See-Urlaubern wie im Rausch, nach oben schien es keine Grenzen zu geben. Immer größere Schiffe, immer mehr Passagiere. Doch die Havarie der "Costa Concordia" rüttelte im Januar die Branche wach. Geht der Boom der schwimmenden Luxusstädte zu Ende?

Hamburg - Diese Jungfernfahrt wird Micky Arison (62) nie vergessen. Gleich bei ihrer ersten Reise lief die "Mardi Gras" - ein betagter, notdürftig auf Kreuzfahrt getrimmter Kahn - auf eine Sandbank auf, kurz vor der Küste von Miami. "Das war natürlich schrecklich", erinnert sich Arison, der damals - am 7. März 1972 - als Gehilfe des Eigners, seines Vaters Ted Arison, an Bord war. Eilig teilte die Crew Drinks aus, um die Gäste bei Laune zu halten, während das Schiff sich mühsam freikämpfte. "Danach", berichtet er, "war Partytime."

Fast genau 40 Jahre später ist aus der Ein-Boot-Reederei mit ihrer "Mardi Gras" das größte Kreuzfahrtunternehmen der Welt geworden: Carnival, mit 99 Schiffen, 90.000 Beschäftigten und einem Börsenwert von 24,8 Milliarden Dollar die unumschränkte Nummer eins.

Micky Arison besitzt knapp ein Drittel der Firma. Er ist der König der Kreuzfahrt. Und neuerdings - wider Willen - ihr größter Saboteur.

Denn am Freitag, dem 13. Januar 2012, kenterte ein Schiff des Carnival-Konzerns, die "Costa Concordia", und riss wohl 32 Menschen in den Tod. Zwei Monate später geriet ein weiteres Carnival-Boot, die "Costa Alegra", in Seenot. Die Stimmung ist beileibe nicht mehr mit Freibier zu retten. Ein ganzer Wirtschaftszweig steht unter Schock. Und kämpft mit herben Einbußen.

Auch die Konkurrenz taumelt wie vom Brecher getroffen

Einen Einbruch der Buchungen um 15 Prozent gestand Carnival bereits ein. Auch die Konkurrenz taumelt, wie von einem Brecher getroffen. Royal Caribbean, der größte Rivale (siehe Tabelle "Spiel für zwei") , meldete ein Minus in Nordamerika von 10 bis 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Europa sei der Rückgang sogar noch höher ausgefallen. Da mag auch die schlechte Konjunktur in den USA und Großbritannien eine Rolle spielen. Die verstörenden Bilder aber gaben der zögerlichen Kundschaft den Rest.

Klassische deutsche Anbieter wie Hapag-Lloyd Kreuzfahrten wollen zwar keine Flaute spüren. Und auf einer Branchenmesse Mitte März in Miami wurde schon wieder der Aufschwung beschworen. Doch viele deutsche Reisebüros, die mit sämtlichen Linien handeln, erlebten in den ersten Monaten dieses Jahres ein Desaster: Buchungsrückgänge von 60 Prozent und mehr.

Ist das nur eine vorübergehende Delle, wie manche Reiseexperten eilfertig meinen? Menschen vergessen schnell, gewiss. Und doch steckt mehr in dem Käuferstreik: Es ist die letzte Warnung vor der Hybris einer ganzen Branche. Denn nach der Containerschifffahrt, die wegen dramatischer Überkapazitäten rote Zahlen schreibt, könnte das gleiche Phänomen bald die Urlaubsdampfer treffen.

Auch dieses Gewerbe folgt vor allem einem Mantra: wachsen, wachsen, wachsen! Seit 1990 haben die Kreuzfahrtreeder jedes Jahr durchschnittlich 7,8 Prozent mehr Menschen an Bord gezogen. Die perfekte Welle für den schier endlosen Ritt.

© manager magazin 4/2012
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