Donnerstag, 27. Juni 2019

Frankreichs Managertraum Modèle allemand einfach herbeifusionieren

Auf den Spuren Karls des Großen: Der Traum deutsch-französischer Fusionen
AFP

Zwei Tage ist die erste Runde der Präsidentenwahl her, jetzt duellieren sich die verbliebenen Kandidaten über die kränkelnde Wirtschaft - mit skurrilen Folgen: Die Deutschland-Bewunderung lässt Frankreich von französisch-deutschen Konzernriesen träumen.

Hamburg - Als die Hochrechnungen am vergangenen Wahlsonntag über die TV-Bildschirme in Frankreich flimmerten, wurde wahr, was sich zuvor abgezeichnet hatte: Frankreichs amtierender Staatspräsident Nikolas Sarkozy und sein sozialistischer Herausforderer François Hollande werden sich in der entscheidenden Stichwahl in zwei Wochen gegenüberstehen. Und beide haben ihr Duell nur einen Tag erneut zur Richtungswahl für Frankreich erklärt: in der Finanz- aber auch der Wirtschaftspolitik.

Frankreichs Manager haben ihre Richtung bereits vor der Wahl bestimmt - es geht Richtung Deutschland.

Schon im August vergangenen Jahres klingelte bei Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube das Telefon. Am anderen Ende grüßte Guillaume Pepy. Schluss mit den ewigen Streitereien zwischen dir und mir, sprach der Präsident von Frankreichs Bahnkonzern SNCF. Gemeinsam sind wir doch viel stärker, Rüdiger.

Pepy hätte genauso gut sagen können: Möge meine SNCF am deutschen Modell genesen.

Denn während Grubes Bahn dank großer Reform und Integration von Betrieb und Netz europaweit expandiert, kämpft Pepys Bahn seit Jahren mit dem Netzbetreiber RFF und rostenden Erträgen. Jahrelang verteidigte Pepy gegen Grube das französische Modell, vor allem bei der EU. Brüssel will die Deutsche Bahn zwingen, das Netz abzuspalten wie in Frankreich.

Nun streitet Pepy (53) mit Grube (60) Seit' an Seit' für den deutschen Weg. Im November pilgerte Grube nach Paris und pries vor französischen Abgeordneten die Vorzüge des "modèle allemand" - Heinrich-Heine-Zitat inklusive. Im Februar luden die Bahnchefs 120 Europa-Parlamentarier in Brüssel ein, um sie im Duett bahnpolitisch zu bezirzen. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas nahmen sie sich ebenfalls gemeinsam zur Brust.

Grube und Pepy sind das neue Traumpaar der deutsch-französischen Beziehungen. Erst war da "Merkozy", die neue Komplizenschaft zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Nun gibt es auch "Grupy", den doppelten Bahnchef.

Grube lacht laut über den neuen Ehrentitel. Pepy lächelt zwar schelmisch, aber dass er nun Grubes Groupie sei, hört er dann doch nicht ganz so gern.

Bahn, Autos, Industriegüter, Chemie, Maschinenbau, Versicherungen - in einer Branche nach der anderen fühlen sich die Franzosen von den Deutschen abgehängt. Präsident Sarkozy hält seinem Volk Deutschland als Modell vor. So hofft er, Anfang Mai wiedergewählt zu werden. Und auch immer mehr französische Manager äugen neidisch über den Rhein. Sie suchen nach Wegen, sich die deutsche Stärke zunutze zu machen, um eigene Schwächen zu kaschieren.

Der neue französische Imperativ heißt Kooperation mit den Deutschen, nicht mehr Konkurrenz - faute de mieux.

Frankreichs Manager sind von sich selbst erschüttert. Viele sind in der Globalisierung immer noch nicht recht angekommen. Nicht nur sinken ihre Anteile am Welthandel seit Jahren, während deutsche Exporteure behände von Rekord zu Rekord sprinten.

Im deutsch-französischen Branchenvergleich fällt die gallische Seite immer weiter zurück. VW, Daimler Börsen-Chart zeigen und BMW Börsen-Chart zeigen haben Renault-Nissan und PSA Peugeot Citroën Börsen-Chart zeigen ebenso abgehängt wie die Allianz Börsen-Chart zeigen die französische Axa, Siemens Börsen-Chart zeigen die Konkurrenz von Alstom Börsen-Chart zeigen oder eben Grubes Deutsche Bahn die SNCF von Pepy. Frankreichs stolze Großbanken kämpfen mit faulenden südeuropäischen Anleihen in den Bilanzen. In Chemie oder Maschinenbau ist Deutschland ohnehin längst enteilt.

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