Mittwoch, 19. Juni 2019

Frankreichs Managertraum Modèle allemand einfach herbeifusionieren

Auf den Spuren Karls des Großen: Der Traum deutsch-französischer Fusionen
AFP

4. Teil: Airbus schwebt über allem

Sie ist eben von jeher kompliziert, die deutsch-französische Chose. In der Politik gilt das sowieso. Noch mehr aber gilt das in der Wirtschaft, wo Geld erst verdient werden muss, ehe es ausgegeben werden kann.

Die Managementstile dies- und jenseits des Rheins verhalten sich zueinander wie ein Glas Château d'Yquem zu einer Flasche Paulaner: Sie passen nicht zusammen. Deutsche Chefs führen lieber im Team, Franzosen wie kleine Könige. Deutsche sind Meister der Planung, Franzosen der virtuosen Improvisation. Deutsche setzen sich erreichbare Ziele, Franzosen wollen auch träumen dürfen.

"Wenn die Chemie zwischen beiden stimmt, ist die deutsch-französische Partnerschaft unschlagbar", sagt der Coach Pierre de Bartha. Der Deutschfranzose ist geschäftsführender Gesellschafter von JPB Consulting und berät seit gut 30 Jahren deutsche und französische Unternehmen beim Miteinander-Klarkommen. Aber weil beide so unterschiedlich seien, "kann die Zusammenarbeit auch unheimlich belasten und frustrieren".

Dass Franzosen sich nun immer öfter Kooperationen mit ihren deutschen Konkurrenten wünschen, nötigt de Bartha eine Warnung ab. Denn für Franzosen bedeutet "Kompromiss" oft Niederlage. Das Wort stammt vom Verb "compromettre" ab - was "schädigen" oder sogar "sich blamieren" bedeuten kann.

Kein Wunder, dass so viele groß eingesprungene deutsch-französische Firmenpaare im Matsch der Geschichte landen. Siemens und Areva wollten einst gemeinsam Kernkraftwerke bauen, 2011 ließen sie sich scheiden, nicht ohne Rosenkrieg. Electricité de France (EDF) stieg im Jahr 2000 bei Energie Baden-Württemberg (EnBW) ein - und nach gut zehn Jahren wieder aus.

Andere Paare kamen gar nicht erst zustande, bei den Panzerbauern etwa oder den Werften. Auch Kampfjets baut man lieber getrennt, die Deutschen mit anderen Europäern den Eurofighter, die Franzosen ihre Rafale von Dassault.

Und wenn mal große Zusammenschlüsse möglich schienen wie 2004 zwischen Siemens und Alstom, sagte Frankreichs Regierung "Non" - oder sie paukte eine feindliche Übernahme wie die des Pharmakonzerns Aventis durch die nur halb so große Sanofi-Synthélabo durch.

Beide Male spielte übrigens ein Finanzminister namens Nicolas Sarkozy eine Schlüsselrolle.

Franzosen halten dann oft dagegen, dass ja ihre BNP 1999 gern die Dresdner Bank gefreit hätte, die dann aber zwei Jahre später, hübsch deutsch-deutsch, an die Allianz Börsen-Chart zeigen ging.

Natürlich gibt es auch viele erfolgreiche Beispiele. Dem Industriegasekonzern Air Liquide gelang 2004 die Integration der Traditionsfirma Messer Griesheim geräuschlos. Gleiches gilt für den Stahlhersteller Vallourec, der die Mannesmann-Röhrenwerke seit 2005 sein Eigen nennt. Deutsche Konzerne wie Bosch, Siemens oder der Medizintechnikexperte B. Braun Melsungen beschäftigen in Frankreich Tausende.

Die deutsch-französische Handelskammer in Paris schätzt, dass 3000 deutsche Unternehmen in Frankreich 350.000 Menschen beschäftigen und umgekehrt 2200 französische Firmen 250.000 Mitarbeiter in Deutschland haben.

Und über allem schwebt Airbus.

Ein frostiger Pariser Februarabend. Der deutsch-französische Wirtschaftsklub (CEFA) hat geladen. Man tagt im "Cercle de l'Union Interalliée", einem der exklusivsten Privatklubs von Paris. Bis zum Elysée-Palast sind es nur 300 Meter. An der Decke hängen riesige Kronleuchter, an der Wand prangt ein riesiger Gobelin, im Saal sitzen 200 Manager. Auf der Bühne steht Tom Enders.

Seit Kurzem ist klar, dass er ab Juni EADS führen wird, die Mutter von Airbus. Es ist Enders' Antrittsbesuch in der Pariser Society.

Enders (53) empfiehlt sein Unternehmen als leuchtendes Beispiel für die Kraft deutsch-französischer Komplizenschaft. Ja, lange Jahre hätten Deutsche und Franzosen einander bei Airbus Grabenkriege geliefert - samt lähmender Doppelbesetzung vieler Schlüsselposten. Aber seit dem Beinahefiasko um den Superjet A380 sei klar: Die bilaterale Balance sei eine "Zwangsjacke, von der wir uns befreien müssen und auch schon ein wenig befreit haben". Es dürfe bei Airbus nicht mehr nach Quote gehen, sondern nur noch nach Qualität.

Doch kaum verkündet, unterspült das gegenseitige Misstrauen alle schönen Visionen. Es sickert durch, dass Enders die Airbus-Zentrale am liebsten ganz nach Toulouse legen würde - wohl zum Nachteil der deutschen Standorte.

Franzosen freuen sich leise. Peter Hintze (CDU) protestiert laut. Per Brief verlangt der Wirtschaftsstaatssekretär: Auf den obersten fünf Hierarchieebenen müssten Quoten für Deutsche erhalten bleiben, und statt einer Zentralisierung in Toulouse seien von dort Funktionen nach Hamburg und München zu verlagern. Basta.

Schon wird aus einem schwebenden deutsch-französischen Superjet ein trudelnder Doppeldecker.

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