Montag, 17. Juni 2019

Frankreichs Managertraum Modèle allemand einfach herbeifusionieren

Auf den Spuren Karls des Großen: Der Traum deutsch-französischer Fusionen
AFP

3. Teil: Berlin reagiert mit gemischten Gefühlen

O là là, die Franzosen. In Stuttgart sitzt Edzard Reuter in einem Café und trinkt Cappuccino. Die schwarze Jeans, die der Ex-Vorstandschef von Daimler-Benz (1987 bis 1995) trägt, könnte auch Karl Lagerfeld passen. Im Autobau hat er einst mit den Franzosen konkurriert, in der Luftfahrt kooperiert (mit EADS Börsen-Chart zeigen), er hat französische Konzerne gekauft (wie Cap Gemini Börsen-Chart zeigen), überwacht (Air Liquide Börsen-Chart zeigen) und beraten (Elf Aquitaine).

Reuter (84) erinnert sich noch sehr gut an das letzte Mal, als den Franzosen die Ehrfurcht vor den Deutschen in die Glieder fuhr. Kurz nach dem Mauerfall war das, als das von der Vereinigung gedopte Deutschland in den Augen führender Franzosen wie Staatspräsident François Mitterrand zum Hegemon Europas zu wuchern drohte.

Um einem gefährlichen Minderwertigkeitsgefühl vorzubeugen, rief Reuter gemeinsam mit ein paar Komplizen die Evian-Runde ins Leben. Seit 1991 treffen sich nun jedes Jahr an einem Wochenende im Spätsommer im "Hotel Royal" am Genfer See die Topleute der frankoallemannischen Unternehmenswelt.

"Die deutsch-französische Kooperation zu fördern war von Anfang an das erklärte Ziel", sagt Reuter. Deshalb habe er auch bewusst Branchenpaare eingeladen, bei denen er Annäherungspotenzial vermutete. Und dass man auch Kanzler und Staatspräsidenten von Zeit zu Zeit hinzubittet, versteht sich von selbst.

Man wälzt miteinander die Weltlage, der majestätische Seeblick verleiht den Gedanken Flügel. Im Hinterkopf hat mancher dabei, dass Deutschland plus Frankreich schließlich eine kleine Weltmacht ergäbe (siehe Grafiken links).

Zum letzten Evian-Treffen im September 2011 reisten Konzernchefs wie Michael Diekmann (Allianz), Johannes Teyssen (Eon) oder René Obermann (Deutsche Telekom) an. Siemens-Vorsitzer Peter Löscher brachte seinen Aufsichtsratschef mit, den frankophilen Evian-Veteranen Gerhard Cromme. Frankreich vertraten Managerlegenden wie Jean-Louis Beffa (heute Lazard), Vallourec-Chef Philippe Crouzet, Pierre-André de Chalendar (Saint-Gobain) und Danone-Boss Franck Riboud. Dessen Wasser-und-Joghurt-Imperium gehört das "Hotel Royal" praktischerweise.

Ja, besonders die Franzosen hätten auf mehr industrielle Zusammenarbeit gedrängt, sagen Teilnehmer. Immerhin hätten die Deutschen fleißig mitdiskutiert, aber nicht ohne zugleich gewisse Reserven anzubringen.

Denn in Berlin werden die französischen Avancen mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits sorgen sich die Bundesregierung und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft um die französische Wettbewerbsfähigkeit: Fällt Frankreich ökonomisch zu weit hinter Deutschland zurück, so die Befürchtung, werde das Euro-Projekt letztlich nicht zu halten sein. Andererseits liegen die wirtschafts- und europapolitischen Philosophien immer noch weit auseinander.

Während der politökonomische Komplex westlich des Rheins mächtige Konglomerate, wahre europäische Champions, schmieden will, gilt solcherlei hyperaktive Industriepolitik in Deutschland als suspekt. Für Angela Merkels Mannschaft ist eine engere deutsch-französische Partnerschaft ein Zwischenschritt auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa - die Pariser Elite hingegen beharrt auf nationaler Souveränität und stellt sich primär eine vertiefte zwischenstaatliche Zusammenarbeit vor.

© manager magazin 4/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung