Sonntag, 8. Dezember 2019

Investoren Die neue Macht der Aktionäre

Hauptversammlungen: Was Aktionäre fragen sollten
dapd

Das Kapital der Anleger ist begehrter denn je. Wer es bekommen will, muss neue Spielregeln akzeptieren. Und den Aktionären bieten, was die wollen: Rendite.

Hamburg - Marina Natale (49), Finanzchefin der Mailänder Großbank Unicredit, gilt als knallharte Verhandlerin. Es sei vor allem Natales Verdienst, raunen Topleute der Münchener HypoVereinsbank, dass die Italiener das bayerische Geldhaus 2005 zum für damalige Verhältnisse erstaunlich günstigen Preis von 15 Milliarden Euro erwerben konnten - bezahlt zudem in eigenen Aktien. Die blonde, blauäugige Norditalienerin mit dem kühlen Blick habe die bajuwarischen Banker regelrecht weichgekocht.

Wohl auch deshalb waren die Erwartungen hoch bei den Fondsmanagern des Frankfurter Investmenthauses DWS, als Unicredit-Vorstandsmitglied Natale Anfang dieses Jahres ihren Besuch ankündigte. Umso größer war die Enttäuschung. Statt wie versprochen persönlich zu erscheinen, meldete sich die Finanzchefin nur am Telefon.

Ihre Argumente blieben schwach, auf die drängenden Fragen der Fondsmanager, wann und wie das Italo-Institut seinen Investoren endlich wieder eine passable Rendite bieten wolle, hatte sie wenig Überzeugendes zu bieten. Nur Ausflüchte und Appelle.

Vielleicht lag es daran, dass die Vorzeichen diesmal umgekehrt waren. Frau Natale wollte kein Geld ausgeben. Sie brauchte selbst welches - und zwar dringend. Unicredit Börsen-Chart zeigen steht mit dem Rücken zur Wand, nur mit einer gigantischen Kapitalerhöhung von 7,5 Milliarden Euro konnten die Italiener die Mindestanforderungen der Bankenaufsicht einhalten. Derart in die Enge getrieben, versagten offenbar auch die Verhandlungskünste der drahtigen Mailänderin.

Ähnliche Bittstellerszenen wiederholen sich dieser Tage allenthalben. Quer durch Europa sind Unternehmen auf der Suche nach neuem Kapital.

Es ist ein bisweilen verzweifelter Kampf. Der Geldhunger der Konzerne stößt auf ein immer knapperes Angebot an frischen Mitteln. Zwischen Bedarf und Angebot wird sich in den nächsten zehn Jahren eine Lücke von zwölf Billionen Dollar auftun, haben die Berater von McKinsey errechnet (siehe Grafik "Finanzierungslücke" links) .

Die Firmenlenker treffen auf Aktionäre, die sich ihrer Macht zunehmend bewusst sind. Die nicht mehr bereit sind, auf bloße Versprechen hin Geld herauszurücken. Die stattdessen mit sehr konkreten Forderungen an die Konzerne herantreten.

"Engagement" heißt der neue Trend am Kapitalmarkt. Fondsmanager werfen den Firmenlenkern auf Hauptversammlungen strategisches Versagen vor. Kleinaktionäre prangern überbezahlte Vorstände öffentlich an. Selbst die einst zahmen Geldverwalter von Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen treiben die Konzernmanager mit immer neuen Forderungen vor sich her: mehr Nachhaltigkeit, besser besetzte Aufsichtsräte, stärkere gesellschaftliche Verantwortung. Und vor allem: eine akzeptable Rendite für die Eigentümer, die Aktionäre.

Den Managern bleibt kaum eine andere Wahl, als dem Diktat ihrer Eigner so gut wie möglich Folge zu leisten. Mit einer gewaltigen Charmeoffensive, mit unzähligen Gesprächen und Initiativen buhlen sie um die Gunst der Investoren.

Führt das neue Selbstbewusstsein der Aktionäre zu einer echten Machtverschiebung? Bestimmen künftig die Investoren über grundlegende Fragen von Strategie und Firmenpolitik? Oder gelingt es den Konzernlenkern, ihre aufmüpfigen Aktionäre mit ein paar schönen Worten ruhigzustellen und ansonsten weiterzumachen wie gehabt?

Eines ist klar: Die Investoren misstrauen der Börse heute mehr denn je. Obwohl sich die Gewinne der meisten Dax-Konzerne in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt haben, sind ihre Aktienkurse mittlerweile auf ein Niveau abgerutscht, das den Anlegern eine Rendite von 10 Prozent verspricht.

Kaufen will die Papiere dennoch kaum einer. Lieber greifen die Anleger zu deutschen Staatsanleihen, die noch nicht mal 2 Prozent Rendite abwerfen.

© manager magazin 3/2012
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