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Michael Diekmann: Seine Vertrauten, sein Netzwerk

Foto: Tobias Hase/ picture alliance / dpa

Michael Diekmann Deutschlands mächtigster Manager

Wo immer deutsche Unternehmenslenker sich zusammenfinden, fehlt meist der gewichtigste unter ihnen: Michael Diekmann, Chef der Allianz. Warum eigentlich? Porträt eines widersprüchlichen Alphatiers.

Hamburg - Warum werden diese schönen alten Bäume gefällt? Aus Michael Diekmanns Stimme, die gebändigt leise ist und mit dem Timbre der Verführer, dringt eine Spur Empörung. Das Wüten der Motorsägen deutet nicht auf einen Versicherungsfall. Die knorzigen Mammute haben ihren Zenit überschritten. Ihre Jahresringe weisen zurück in eine Zeit, in der bayerische Kurfürsten ihr Machtterrain ausschmückten.

Bald baut hier, am Rande des Englischen Gartens, die Allianz  ein Amphitheater, unterirdisch, so will es der Denkmalschutz, so passt es zum Nobelhaus. Müsste man die Dax-30-Chefs als Mischwald zeichnen, gäbe Bauherr Diekmann die deutsche Eiche.

Er schlägt den Kragen seines grauen Lodenmantels hoch, erzählt von seiner Kindheit. Vom zehnjährigen Internatsschüler, der mit dem Biologielehrer die Wälder des Weserberglandes durchforsten und jede Borke und jedes Tier samt Fußabdruck und Äs-Spur identifizieren musste. Lästiges Nieseln trifft auf die klamme Winterkälte. Aber dieses kleine Risiko war für den Chef der Allianz absehbar, schon öffnet sich der blaue Schirm.

1592 Milliarden Euro under management

Der mächtigste Unternehmenslenker des Landes steht auch sonst nicht im Regen. Nach fast neunjähriger Regentschaft kann er trotz Schwachstellen im Unternehmen und den gemeinhin schwierigen Zeiten ein gut bestelltes Haus vorweisen:

In der Arena der "Forbes" Global 2000, der weltweit größten Konzerne, gilt die Allianz als Deutschlands größter. 106 Milliarden Euro Umsatz, über fünf Milliarden Gewinn, gut 150.000 Mitarbeiter in 70 Ländern, mehr als 76 Millionen Kunden rund um den Globus, geschätzte 50 Millionen versicherte Autos - dergestalt sind die Zierden in Diekmanns Reich.

Die atemberaubende Betrachtung ließe sich fortsetzen:

Unter dem Dach des Allianz Asset Managements (AAM) werden 1592 Milliarden Euro verwaltet. Das Budget des Bundes für das aktuelle Jahr liegt im Vergleich dazu bei circa 300 Milliarden.

Diekmanns Festung: "Ich bleibe auf dem Boden"

Oder das Tochterunternehmen Allianz Deutschland. Nähme man nur den deutschlandinternen Umsatz, wäre es neben Volkswagen  Nummer eins im Dax. Jeder fünfte Deutsche, der sich eine Lebensversicherung anspart, baut nach wie vor auf Diekmanns Festung.

Auch in Italien und Frankreich ist die Quote beträchtlich; und Millionen Amerikaner zahlen für ihre Altersvorsorge in die Fonds des US-Vermögensverwalters Pimco, der im Jahr 2000 von den expansionsfreudigen Münchenern übernommen wurde. Ein gigantisches Unternehmen im Unternehmen, dessen Gründer Bill Gross neben Warren Buffett als mächtigster Guru der Finanzmärkte gilt.

Wie verkraftet ein einzelner Mann so viel Macht? Diese gefährliche Droge, unter deren Einfluss sich schon mancher Wirtschaftsgrande in überirdische Sphären katapultiert sah und plötzlich Hochzeit im Himmel feiern wollte; die dafür bekannt ist, dass sie, in Überdosis genossen, die Sicherungen in der Gehirnschaltung zum Durchknallen bringt.

"Macht? Macht bedeutet mir nichts." Wie alle Mächtigen gibt sich Diekmann abwehrend und spuckt die Vokabel wieder aus, als wäre sie ein kleiner Kobold. "Damit können Sie keinen Kunden, keinen Investor und keinen Mitarbeiter motivieren. Ich bleibe auf dem Boden, stelle mich meiner Verantwortung."

Erstaunlich allürenfrei

Diekmann sei erstaunlich allürenfrei, sagen die, die mit ihm arbeiten. Geradeheraus und zack, zack seine Art, die Dinge anzupacken. Wenn ihn die Was-ist-an-der-Basis-los-Neugier packt, greift er einfach zum Hörer und telefoniert kreuz und quer durchs Unternehmen.

Andersherum bewundert er die Chuzpe von Mitarbeitern, die ihn direkt kontaktieren, wenn Dinge schieflaufen.

"Mit Michael Diekmann ist ein teamorientierter Führungsstil bei uns eingezogen, im Gegensatz zu dem eher hierarchischen davor", sagt Joachim Faber, der bis Ende 2011 die Vermögensverwaltung verantwortete. Als er 1998 in den Vorstand kam, gehörten noch einige seiner Kollegen einer schlagenden Verbindung an. Der Schmiss quer über die Wange des damaligen Allianz-Vorderen Henning Schulte-Noelle, noch bis Mai Chef des Aufsichtsrats, ist eine Ikone der deutschen Wirtschaft.

Trotzdem hebt Diekmann gern ab und gibt sich dem Geschwindigkeitsrausch hin: auf Rollerblades durch den Englischen Garten oder den Olympiapark. Von denen, die den Allianz-Chef gut kennen, sagt einer: "Er ist völlig authentisch, die Außenwirkung ist dem wurscht; der wäre auch als Sportlehrer genauso eine geile Nummer."

Diekmann bückt sich und wischt mit einem Papiertaschentuch von Aldi die Schlammspritzer von den handgefertigten Budapestern. In seinen CEO-Jahren ist er dünner geworden, die Haare sind grau und die Brille hat keinen Goldrand mehr. Die enorme Kontrolliertheit und sein Misstrauen kann er nicht immer verbergen.

Deutsches Image - Zuverlässigkeit und Stabilität

Wie führt man einen derart immensen Konzern, dessen Kopf und Zentralorgane in München und dessen Mitarbeiter rund um den Globus unterwegs sind? Bedarf es dazu noch einer Heimat, oder gesteht man besser gleich, ein Konglomerat frei schwebender Radikale zu sein?

"Wir leben davon, ein deutsches Unternehmen zu sein", erläutert er. "Das Image, das mit Deutschland verbunden ist, diese unheimliche Zuverlässigkeit und Stabilität, ist durch nichts zu ersetzen. Auch die Affinität zu Autos, die Innovationsdynamik sind gut für unser Geschäft. München ist für uns der perfekte Unternehmenssitz, hier lässt es sich in Ruhe arbeiten."

Tatsächlich klebt an der Firmenzentrale in der Königinstraße nach wie vor der deutsche Adler. Die Eingangshalle des Gebäudes aus den 50er Jahren strahlt wüstensandig warm. Mit den Wandelgängen in den oberen Stockwerken und der Lichtkuppel eine faszinierende Gemengelage aus Erdigkeit, klösterlicher Erleuchtungssehnsucht und kühler Betriebsamkeit.

Diekmann scheint unsichtbar

Auf der Rückseite fällt der Blick in den Englischen Garten, wo Relikte der Berliner Mauer aufgestellt sind. Geschichtsbewusstsein gehört zum Geschäftsmodell. Seit ihrer Gründung 1890 im Zuge von Bismarcks Einführung des Versicherungswesens, sind die Allianzler eng mit Deutschlands Schicksal verwoben. Ihre Policen sind Teil der Nationalidentität wie Schwarzbrot, Mercedesstern und Osramleuchte. Acht Chefs gab es bisher erst in der 122-jährigen Geschichte, Diekmann ist der neunte.

Von einem gehen die Allianz-Granden wie selbstverständlich aus: Sollten tatsächlich einmal unbändige Finanzturbulenzen toben, wird zuerst das Land bankrott sein - und erst danach die Allianz.

Umso schwerer wiegt der Vorwurf, der Diekmann allenthalben entgegendonnert, auch aus der Ecke eines hoch geachteten Dax-Chefs: "Wenn man bedenkt, was frühere Allianz-Chefs für Stiere waren! Dagegen ist Diekmann unsichtbar, und das ist schlimm für das Land. Denn Meinungslosigkeit haben wir genug. Unternehmen, die Allianz allemal, müssen sich dem gesellschaftlichen Diskurs stellen und sich verhalten im preußischen Sinne: Je weiter es nach oben geht, umso mehr nehmen die Rechte ab und die Pflichten zu."

"Stimmt", sagt Diekmann trocken, "der Mann spricht mir aus der Seele." Wiewohl man ihn vergebens sucht auf den einschlägigen Treffen der deutschen Wirtschaftsvorderen. Von Festivitäten erst gar nicht zu reden. In dieser Hinsicht gibt Diekmann den Totalverweigerer.

Weshalb, begründet oder unbegründet, nicht nur beim Publikum, das selten über ihn in den Zeitungen liest, sondern auch in der Führungselite selbst der Eindruck entsteht, da sei womöglich ein ignoranter, vielleicht gar herzloser Versicherungsfritze am Ruder, dem das Land völlig schnurz und soziale Verantwortung eine unbekannte Größe sei.

Mr. International

Natürlich würde Diekmann niemals zugeben, wie sehr ihn solche Anfeindungen treffen. Aber man soll ruhig sehen, wie sehr er sich in Wahrheit engagiert:

In Berlin lädt er Ende Oktober im Allianz Forum am Pariser Platz zur Veranstaltung "Wer rettet die Welt?" - eine Einstimmung auf den Weltzukunftsgipfel Rio 2012. Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen soll kommen. Der gibt allerdings den Diekmann und sagt ab.

Der anwesende Allianz-Chef prangert die Gier des Westens an, zeichnet die Investitionen in die Green Economy als Alternative zu Staatsanleihen auf, nickt wissend, als Klaus Töpfer die Frage stellt, die vor der Finanzkrise niemals mitten aus dem Establishment gekommen wäre: Wer rettet die soziale Marktwirtschaft vor dem Kapitalismus? Nur die Bestuhlung, die die Allianz anbietet, überfordert die Diskutanten - allesamt rutschen sie ab von den ergonomischen, gefederten Hockern.

Schon wenige Tage später treffen wir Diekmann wieder, in Brüssel. Der von ihm ins Haus der Allianz berufene Cheflobbyist Wolfgang Ischinger, ehemals Staatssekretär im Außenministerium der rot-grünen Regierung und Joschka Fischers Mentor auf dem Weg zum deutschen Großdiplomaten, später Botschafter in London und heute der Organisator der Münchener Sicherheitskonferenz, organisiert an der feinen Adresse der Concert Noble Society ein Symposium zur Befindlichkeit von "Europäischer Union und Emerging Powers".

Die Positionen, die vorgetragen werden, lassen nichts an Deutlichkeit vermissen. Etwa die des Fyodor Lukyanov, eines Russen, der sagt: Europa verschwindet vom russischen Radar, seit zwei bis drei Jahren orientieren wir uns nach Asien. Oder die des chinesischen Professors Feng Zhongping, der klagt: Die USA und Europa wollen es China nicht erlauben, die neue Supermacht zu werden. Der Mangel an politischem Vertrauen macht es für beide Seiten schwer.

Alles überschattet von Griechenland

Und von allen Seiten des zehn Meter langen Konferenztisches kommen Forderungen, die im Grunde immer auf das Gleiche hinauslaufen: Der Westen soll aufhören, den aufstrebenden Ländern vorzuschreiben, wie sie zu leben und zu regieren haben. Diekmann macht Notizen.

In Cannes, Anfang November, treffen sich parallel zur G 20 die größten Konzernlenker der globalen Business-Welt, die B 20. Unter ihnen selbstredend der Chef der Allianz, der zum x-ten Mal über die Krise des Euro redet.

Wieder einmal ist alles überschattet von Griechenland. Diekmann berichtet von Asien und Amerika, wo man entsetzt sei über das Finanzchaos in Europa. "Michael you did a very good job", lobt McKinsey-Chef Dominic Barton, "Sie sind gut durch die Krise gekommen."

Mit Peter Sands, dem Chef der Standard Chartered Bank , tuschelt er vertraut während der Sitzungen der Arbeitsgruppen; man kennt sich aus dem Beraterkreis der Regierung von Singapur. Auch Josef Ackermann kommt vorbei und grüßt. Kaum geht ein Workshop dem Ende zu, macht sich Diekmann davon. Schlussworte finden ohne ihn statt, erst recht die kleinen Gespräche beim Kaffee. Dort klagt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: "Früher haben sie auf diesen Treffen immer auch auf Deutsch übersetzt." Tempi passati.

Sollte sich das Land also wirklich derart erbosen, wenn Diekmann sagt: "Meine Netzwerke sind nicht in Deutschland, die sind international"? Im deutsch-französischen Zirkel in Evian etwa, dem handverlesenen International Business Leaders Advisory Council (IBLAC) des Bürgermeisters von Shanghai, wo er für einen freieren Marktzugang ausländischer Versicherer wirbt. Oder dem elitären Beraterkreis der Regierung von Singapur. "Dieser Kreis ist für mich immens wichtig." Er bekommt dort Kontakt zu vielen Asiaten, zu Ratan Tata etwa; und auch Einblick in die Region von Südostasien, die sich zwischen China, Amerika und Europa ihre Stellung erarbeitet hat.

Eine unorthodoxe Karriere

"Ich kann doch nicht nur das Gesicht der Allianz Deutschland sein. Sonst verstehen uns die Unternehmen auf der anderen Seite des Globus nicht." Wir sollen kapieren, dass sich das deutsche vom globalen Gesicht völlig unterscheidet. Wem das nicht einleuchtet, der sieht sich als Provinzler gebrandmarkt.

Als Allianz-Chef ist Diekmann natürlich im Land vernetzt; er sitzt in den Aufsichtsräten der BASF , bei Linde  und auch bei Siemens . Dort verstand er sich einst mit Heinrich von Pierer vorzüglich. Doch mit dem Ausbruch der Korruptionsaffäre musste der Kontakt gekappt werden. Denn wo anders als bei der Allianz sollten die deutschen Führungskräfte wie von Pierer ihre Manager-Haftpflichtversicherungen, die D&O, schon haben? Da schickt es sich einfach nicht, zusammenzusitzen, während die Anwälte beider Seiten darüber streiten, ob die Versicherung haften muss oder nicht.

So grandios wie heute waren die Zeiten für Deutschlands und Europas größten Versicherer nicht immer. Als der Dax vor zehn Jahren im Zuge der geplatzten Dotcom-Blase nur noch um 2300 Punkte notierte, wäre der Riesendampfer beinahe havariert. Ein Absinken des Marktes um weitere 10 Prozent, so das Horrorszenario, und die Allianz wäre wohl in Existenzgefahr geraten. Ausgerechnet die Dresdner Bank, deren Kauf 2001 zunächst als riesiger Coup gefeiert wurde, der die Zeitenwende zum Allfinanzgiganten einleiten sollte, entwickelte sich zum Master of Desaster.

Mitten in diesem Drama wird Michael Diekmann im Dezember 2002 in das Vorstandsbüro seines Vorgängers Henning Schulte-Noelle gerufen und erfährt mit puristischem Pathos von seiner höchsten Weihe: "Die Wahl des Aufsichtsrats ist auf Sie gefallen." Auf den "sturen Westfalen und Steinbock", wie er sich selbst beschreibt bei einer Begegnung im Jahr 2000. Er servierte dazu grünen Tee und Bahlsenkekse.

"Wovon sollen wir leben?"

Mit 48 Jahren ist Diekmann von April 2003 an ein ungewöhnlich junger Vorstandsvorsitzender; für damalige Verhältnisse in der deutschen Wirtschaft und für die der Allianz allemal. Erst recht, wenn man bedenkt, wie unorthodox er seine Karriere angegangen war.

Neun Semester studierte er Kunstgeschichte und Philosophie. Nahm Auszeiten, in denen er sich als Abenteurer in der kanadischen und afrikanischen Wildnis austobte und Reiseberichte schrieb, mit denen er sich auch als Verleger empfehlen wollte. Schließlich aber sattelte er um auf das Studium der Juristerei, das er mit rasanter Geschwindigkeit durchzog.

Das war auch nötig, denn Vater Diekmann, ein wohlhabender Unternehmer, hatte zwischenzeitlich die Zahlungen an den Sohn eingestellt, und seine Frau wollte wissen: "Wovon sollen wir leben?"

Als sich Diekmann 1988 bei der Allianz bewirbt, ist er also keines dieser 22-jährigen Bürschchen, wie man sie heute trifft; vom geradlinigen Ehrgeiz Getriebene, die in rasantem Tempo über englische Bahnen Bachelor und Master durchziehen, um dann im Prada-Anzug zu stecken und als High Potential zu reüssieren. Der CEO der Allianz startete seine Karriere erst mit 33 Jahren, im armseligen Hamburger Mümmelmannsberg. Zehn Jahre später schon sitzt er im Zentralvorstand in München.

Achleitner wird Diekmanns enger Verbündeter

Von den Phasen der Chefwerdung ist Diekmann noch sehr gegenwärtig, "wie günstig es doch ist, in eine ungünstige Situation hineinzukommen". Denn wer in der Katastrophenfalle sitzt, wie damals die Herren der Allianz, akzeptiert ohne großes Murren, dass dringend und schnell gehandelt werden muss.

Das gewaltige Halali zum Auftakt der Ära Diekmann war noch 2003 "die bis damals größte Kapitalerhöhung aller Zeiten". Paul Achleitner trägt roten Schlips zur grauen Strickweste; auf dem Beistelltisch in seinem Büro reckt ein kapitaler Vierzehnender, ein gusseiserner Bock, sein Geweih; auch die viel beschriebenen Wasserflaschen stehen herum, als er sich mit glänzenden Augen an den Coup erinnert: Vier Milliarden Euro auf einen Schlag haben sie eingetrieben. Weitere eineinhalb ließen sich per Anleihe organisieren. Bereits im Jahr eins von Diekmann schrieb die Allianz wieder schwarze Zahlen.

Der neue Chef legt auch umgehend los mit Sparmaßnahmen, Umstrukturierungsprogrammen und Effizienzsteigerungen auf allen Ebenen. Er hatte sich offensichtlich schon länger Gedanken über einen Kurswechsel gemacht.

Paul Achleitner wird zunehmend Diekmanns enger Verbündeter. Gemeinsam wollen sie die fest zementierten Hierarchien des Hauses aufbrechen, die Allianz zu einem modernen, transparenten Unternehmen machen, das im War for Talent die jungen Nachwuchstalente anzieht, anstatt sie abzuschrecken.

Zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge

Vor vier Jahren etwa beauftragte Diekmann einige Absolventen der European School of Management & Technology (ESMT), den internationalen Führungskräften der Allianz das Projekt "Warum ich nie bei der Allianz arbeiten würde" zu präsentieren. Die nämlich, so stellt sich heraus, wirkt auf die Generation Y abstoßend wie eine militärische Festung. Diekmann belohnte die Ehrlichkeit mit einer Einladung in die Allianz Arena, zum Abschlussspiel von Oliver Kahn.

Natürlich ist der ehemalige Goldman-Sachs-Investmentbanker Achleitner für seinen CEO der Sparringspartner in sämtlichen Fragen des Kapitalmarktes. Denn Diekmann sind, zumindest am Anfang seiner Amtszeit, diese Themen nicht vertraut.

Im sieben Jahre währenden Kampf um die Sanierung der Dresdner Bank, wo er im Aufsichtsrat sitzt und lernen muss, die Bilanzen zu verstehen, die er verantwortet, wird sich das ändern. Überhaupt gilt es den Albtraum Dresdner, den Achleitner und Schulte-Noelle angeschafft haben, durchzustehen. Er wird zum Vietnam der Allianzler: Zur Niederlage kommt die tiefe Identitätsverletzung. Noch vier Jahre nach dem Verkauf an die Commerzbank  sind die Verwundungen auf allen Etagen präsent. Dass dabei auch noch 14 Milliarden Euro verbrannt wurden, scheint fast nachrangig zu sein.

Derweil sind Paul Achleitner und Michael Diekmann zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge. Diekmann, der Bodenständige, Geerdete mit der sperrigen Eleganz der Eckigen, wirkt unterkühlt und distanziert. Die kerzengerade Haltung verrät den Turner, jederzeit startklar für die Kür; sein Körper durchtrainiert bis in die letzte Faser. Diszipliniert stürzt er mit einer Rolle vorwärts in den Tag, hält sich mit rigidem Gymnastikprogramm geschmeidig.

Was passiert, wenn Achleitner geht

Achleitner dagegen versprüht den Charme der Rundlichen, kann glühen vor Begeisterung; ist eloquent und witzig. Sein österreichischer Dialekt so gebändigt, dass nur noch eine willkommene Spur Schlitzohrigkeit durchdringt. Er strahlt Leichtigkeit aus und Lebenslust.

Die Temperatur der achleitnerschen Aura hält die Mitarbeiter um ihn herum komfortabel warm. Im Gegenzug trägt ihn sein Team. Sie sind so eng, dass sich andere auf den Führungsfluren genervt und ausgeschlossen fühlen.

Gut möglich, dass Herzlichkeit und Härte anders verteilt sind, als es der erste Anschein suggeriert. Fest steht: Jeder von ihnen hat etwas zu bieten, das dem anderen unerreichbar ist. Achleitner, der sich pudelwohl fühlt auf gesellschaftlichem Parkett, erst recht auf der politischen Bühne Berlins, vertritt dort, so ist es abgesprochen, seinen Chef; und schleift dabei den eigenen staatsmännischen Auftritt.

Diekmann sind solche Szenerien ein Gräuel. Aber von Achleitner nimmt er ausnahmsweise sogar private Einladungen an. Beide besitzen ein Anwesen auf Mallorca. Wo anders als auf der Feier zu Achleitners 50. Geburtstag, 2006, hätte er also der versammelten Gesellschaft aus Wirtschaft, Kultur und Politik seine Freundin Fatim vorstellen sollen? Dieses superattraktive Model aus Mali, Jahrzehnte jünger, ein Trophy Wife, wie einem "Vogue"-Titel entsprungen. Mittlerweile ist sie die zweite Frau Diekmann und die Mutter seines vierten Kindes. Für sie trennte sich Diekmann von seiner langjährigen Frau Olivia.

"Hat noch jemand Störgefühle?"

Ein riskanter Schritt für einen Allianz-Chef, der Familienwerte hochhalten und "eine Allianz fürs Leben" verkörpern soll. "Hat noch jemand Störgefühle? - Does somebody still have some issues?" So ist es die Tradition, so fragt auch Diekmann in die Vorstandsrunde, bevor Entscheidungen getroffen werden; denn die sollen schließlich einstimmig sein.

Im Januar ist mit Helga Jung zum ersten Mal eine Frau eingezogen in die Runde, und Diekmann führte eine neue Sitzordnung ein. Geblieben ist die Regel, dass die Zahlen und das Geld jeweils zu seiner Rechten respektive Linken Platz nehmen. Und auch die Vorschrift, dass alle zu Beginn der Sitzung ihre Handys abgeben müssen.

Was aber wird sein, wenn Achleitner im Mai seinen Stuhl räumt und sich Richtung Frankfurt verabschiedet, wo er als Oberaufseher die Geschicke der Deutschen Bank überwachen wird? Wird Michael Diekmann dann künftig selbst das Parkett bespielen müssen?

Klares Nein. Die für Deutschland Zuständigen werden das machen. Wenn die Kanzlerin ihn ruft, ist er natürlich immer zur Stelle, solange es nur nicht im Tross sein muss. So hören wir aus Berlin. Man setzt sich ohnehin regelmäßig zusammen. "Aber damit kokettiere ich nicht", wird Diekmann eindringlich.

"Falls ich Herrn Putin zu sprechen habe oder Herrn Hu Jintao, dann fliege ich direkt nach Moskau oder Peking." Sagt der Allianz-Chef - und im Englischen Garten schweigen jetzt die Motorsägen.

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