Sonntag, 26. Mai 2019

Flossbach von Storch Kernig und solide

Flossbach von Storch: Kernig und solide
Flossbach von Storch

3. Teil: Ein vielseitiger Charakter

Die wenigen Einzelbüros und vielen offenen Arbeitsplätze liegen außen, ein Flur führt auf der Innenbahn um die Etage. Ein bisschen Kunst ist in geschmackvoller Weise verteilt: Skulpturen, Statuetten und dergleichen, Bilder auch. Von Storch, ein Norddeutscher und Hanseat und dergestalt radikal-taktvollen Zuschnitts, ist ein routinierter Sammler, während Flossbach gerade erst mit dem Zusammentragen anfängt.

Ob er wirklich ein Kunstlieberhaber ist oder ob die Neigung einem alters- und schichtbedingten Nachahmungswillen entspringt, lässt sich so ohne Weiteres nicht sagen, und es spielt im Grunde auch keine Rolle: Viel lieber als die Kunstsammlerei betreibt er andere, schnellere Steckenpferde: Jagt sonnabends, sofern es seine Zeit erlaubt, um den Nürburgring (bis 2005 hatte er noch an Langstreckenmeisterschaften teilgenommen) und stürzt sich auf Skiern Berghänge hinab wie ein Wilder.

Über Weihnachten erst hatte er ein paar Tage am Arlberg verbracht, und als er an diesem Mittwoch vor Silvester wieder ins Büro kommt, herrscht dort eine gewisse Traumseligkeit und nur bedingte Einsatzbereitschaft. Viele Kollegen sind im Urlaub, die chinesische Analystin, die Flossbach von Storch neuerdings beschäftigt, ist in China, und Philipp Vorndran sowieso die meiste Zeit unterwegs: Der ehemalige Stratege der Credit Suisse Börsen-Chart zeigen, befreit von den Mühen des Anlegeralltags und mit den Entwürfen in großen Zügen betraut, bereitet sich wahrscheinlich gerade wieder auf ein Interview vor.

Im Rücken von Flossbachs Schreibtisch hängt ein Graffiti-Objekt von Stefan Mauck ("Hallo, Pseudorapper"), darunter befinden sich ein Regal und ein flacher, zweitüriger, verschließbarer Blechschrank, auf denen 85 Bücher stehen: Sachen, die man mögen muss, weil man sie sonst nie zu Ende liest wie "How to invest in E-Commerce Stocks", "Stocks for the long run", "Buffettology", "Der Crash des Kapitalismus", "Gier". Dazwischen "Faust" von Goethe und "Straight from the Gut" von Welch und fünf Fotos von Frau Nicola, die er bei Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen kennengelernt hat, und den drei Töchtern.

Auf seinem Schreibtisch stehen vier Bloomberg-Monitore: Hier prüft der Meister den Markt mit Späheraugen, ob denn wohl irgendwo ein Veilchen erblüht oder ein anderes verwelkt sei.

In seiner Innung gilt Flossbach zwar nicht als seltsamer Vogel, aber doch als unkonventionell in seiner Manier, die Dinge beim Namen zu nennen, Kritik am Finanzgebaren von Banken sowohl wie Staaten zu üben und überhaupt eine gewisse Unbotmäßigkeit an den Tag zu legen. Er redet in Moll über die Künste der EU, der er in eindringlichen Worten Versäumnisse vorwirft, und spricht mit Hohn über die Zukunft des Euros.

Flossbach hat nichts von dieser auf akkurate Weise hervorgerufenen Durchtriebenheit, die vielen Bank- und Finanzleuten anhaftet, dieser Mischung aus Strebertum, Vornehmheit und Tücke, die seit einigen Jahren noch durchsetzt ist mit einigen Spritzern Pikiertheit und Beleidigtsein - Reflexe auf die Angriffe, denen die Zunft seit 2008 ausgesetzt ist.

In seinem Blechschrank bewahrt er ein paar Dutzend großformatiger Notizbücher auf, in die er Zeitungsartikel klebt, sie mit Randbemerkungen versieht, mit Kästen und Tabellen und Linien und Pfeilen anreichert und verbindet. Es ist, was man eine Marotte nennt. Wenn Flossbach das Haus verlässt, dann nie ohne Schere, Kleber und Kleingeld.

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