Samstag, 7. Dezember 2019

Energiepreise Die flüchtige Revolution

Günstiges Flüssiggas: Energiemarkt im Umbruch
Corbis

Der Gasglobus ist in Aufruhr. Neue Technologien, neue Fördergebiete und Anbieter sorgen für immense Chancen und könnten gar die Reindustrialisierung der USA ermöglichen. Aber: Wer sein Geschäftsmodell nicht rechtzeitig anpasst, dem droht das Aus.

Hamburg - Über Nacht haben die Meyer-Werft-Leute dem Stahlrumpf der "Aida Mar" mit großen Spritzpistolen einen karminroten Glanz verpasst. Jetzt werden im Baudock 1 die schützenden Folien mit der Hand abgezogen. Der Unterwasseranstrich soll gegen Algen und Seepocken helfen.

Gegen wirtschaftlichen Schädlingsbefall setzt die größte deutsche Werft im emsländischen Papenburg auf eine andere Methode: Diversifikation. Im Laufe ihrer 217-jährigen Geschichte hat Meyer 31 Kreuzfahrtschiffe auf die hohe See entlassen.

Dass das Unternehmen auch 55 Autogastanker abgeliefert hat, ging zwischen wohlklingenden Schiffsnamen wie "Disney Fantasy" oder "Celebrity Reflection", zwischen all den luxuriösen Deckaufbauten, Edelrestaurants und Bordkasinos glatt unter.

"Wir wollten uns nicht ausschließlich auf den Kreuzfahrtmarkt festlegen", sagt Werftinhaber Bernard Meyer (63). Jetzt will er vom rasanten Boom für verflüssigtes Erdgas (LNG) profitieren, das in Spezialtankern um die Welt transportiert wird.

Boom für verflüssigtes Erdgas - Ringen um neue Fördergebiete

Das erste Gefährt für eine niederländische Reederei hat er schon unter dem Hammer. Bislang existieren nur ein paar Stahlplatten, aber das Schiff ist bereits an eine norwegische Gasfirma verchartert. Und zwar für 20 Jahre, was in der ökonomisch schwer krängenden Reederbranche als außergewöhnlich, spektakulär, ja als Wunder Neptuns gilt. Klar, dass sich Meyer von der Geschäftsausdehnung LNG "eine große Zukunft" verspricht.

Die Ausläufer einer Energierevolution haben damit auch die Ems erreicht. Seitdem sich mit einer kniffligen Technologie Gas aus Schiefer, Sandstein oder Kohleflözen Tausende Meter tief unter der Erde rentabel gewinnen lässt, ist der Gasglobus in Aufruhr.

Ein beinhartes Ringen um neue Fördergebiete hat begonnen, ein Kampf um die sanfteste Regulierung und die besten Lobbypositionen. Staaten, die bisher Gasjunkies waren, werden zu Dealern. Die Amerikaner, traditionelle XXL-Kunden, können sich selbst versorgen und womöglich sogar bald in großem Umfang Gas exportieren.

Und das bislang vom Russengas abhängige Polen gilt vielen schon als "das neue Norwegen", das statt Ölquellen auf hoher See eine Gasbonanza unter heimischer Scholle birgt.

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