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Günstiges Flüssiggas: Energiemarkt im Umbruch

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Energiepreise Die flüchtige Revolution

Der Gasglobus ist in Aufruhr. Neue Technologien, neue Fördergebiete und Anbieter sorgen für immense Chancen und könnten gar die Reindustrialisierung der USA ermöglichen. Aber: Wer sein Geschäftsmodell nicht rechtzeitig anpasst, dem droht das Aus.

Hamburg - Über Nacht haben die Meyer-Werft-Leute dem Stahlrumpf der "Aida Mar" mit großen Spritzpistolen einen karminroten Glanz verpasst. Jetzt werden im Baudock 1 die schützenden Folien mit der Hand abgezogen. Der Unterwasseranstrich soll gegen Algen und Seepocken helfen.

Gegen wirtschaftlichen Schädlingsbefall setzt die größte deutsche Werft im emsländischen Papenburg auf eine andere Methode: Diversifikation. Im Laufe ihrer 217-jährigen Geschichte hat Meyer 31 Kreuzfahrtschiffe auf die hohe See entlassen.

Dass das Unternehmen auch 55 Autogastanker abgeliefert hat, ging zwischen wohlklingenden Schiffsnamen wie "Disney Fantasy" oder "Celebrity Reflection", zwischen all den luxuriösen Deckaufbauten, Edelrestaurants und Bordkasinos glatt unter.

"Wir wollten uns nicht ausschließlich auf den Kreuzfahrtmarkt festlegen", sagt Werftinhaber Bernard Meyer (63). Jetzt will er vom rasanten Boom für verflüssigtes Erdgas (LNG) profitieren, das in Spezialtankern um die Welt transportiert wird.

Boom für verflüssigtes Erdgas - Ringen um neue Fördergebiete

Das erste Gefährt für eine niederländische Reederei hat er schon unter dem Hammer. Bislang existieren nur ein paar Stahlplatten, aber das Schiff ist bereits an eine norwegische Gasfirma verchartert. Und zwar für 20 Jahre, was in der ökonomisch schwer krängenden Reederbranche als außergewöhnlich, spektakulär, ja als Wunder Neptuns gilt. Klar, dass sich Meyer von der Geschäftsausdehnung LNG "eine große Zukunft" verspricht.

Die Ausläufer einer Energierevolution haben damit auch die Ems erreicht. Seitdem sich mit einer kniffligen Technologie Gas aus Schiefer, Sandstein oder Kohleflözen Tausende Meter tief unter der Erde rentabel gewinnen lässt, ist der Gasglobus in Aufruhr.

Ein beinhartes Ringen um neue Fördergebiete hat begonnen, ein Kampf um die sanfteste Regulierung und die besten Lobbypositionen. Staaten, die bisher Gasjunkies waren, werden zu Dealern. Die Amerikaner, traditionelle XXL-Kunden, können sich selbst versorgen und womöglich sogar bald in großem Umfang Gas exportieren.

Und das bislang vom Russengas abhängige Polen gilt vielen schon als "das neue Norwegen", das statt Ölquellen auf hoher See eine Gasbonanza unter heimischer Scholle birgt.

Kommt ein goldenes Gaszeitalter?

Mit dem Gasrausch sind glühende Hoffnungen verbunden (wie die Reindustrialisierung der USA), geringere Klimaschäden (im Vergleich zur Kohle), weltpolitische Interessen (das Zurückdrängen des russischen Pipelinemonopols) und übersteigerte Ängste.

Antiquierte Geschäftsmodelle (wie der Gasimport über Langfristverträge) sind bedroht; die Existenz ganzer Unternehmen steht auf dem Spiel, falls es ihnen nicht gelingt, ihre Strategie schnell genug anzupassen.

Kreuzfahrtkönig Meyer hat rechtzeitig reagiert. Schon denkt sein niederländischer Kunde darüber nach, ein zweites LNG-Schiff bei ihm in Auftrag zu geben. Für Meyer hat der LNG-Bau einen zusätzlichen Vorteil: Er will Erkenntnisse gewinnen für den künftigen Schiffsantrieb. Bisher laufen die meisten Pötte mit Schweröl, einem feinstaublastigen Gemisch, das die Hafenzonen mit Ruß überzieht und das Klima schädigt. Eine Forschertruppe arbeitet an einem Luxusliner, der mit umweltfreundlicherem Flüssiggas fährt. In drei bis fünf Jahren, glauben die Meyer-Entwickler, könnte sich das erste gasbetriebene Passagierschiff durch die Meerengen zwängen.

Eine weitere Facette auf dem Weg in ein "goldenes Gaszeitalter", das die Internationale Energieagentur (IEA) prophezeit. Bis 2035 wird sich ihren Prognosen zufolge der Anteil am Weltenergiemix von 22 auf 25 Prozent erhöhen, während Kohle und Erdöl immer unbedeutender werden. Der weltweite Handel mit Gas wird sich dank wachsender LNG-Kapazitäten (Importterminals, Schiffe) bis dahin verdoppeln; die - noch unterschiedlichen - regionalen Preise gleichen sich an, und zwar auf niedrigem Niveau.

Das liegt vor allem an neuen Vorkommen in sogenannten unkonventionellen Lagerstätten an Land. Dadurch haben sich die abbaubaren Ressourcen um den Faktor zwei erhöht; sie reichen 250 Jahre.

Revolution auf dem Gasmarkt: Schiefergas und die Folgen

Der Gasmarkt, der lange in sich ruhte wie ein sibirischer Braunbär, habe sich "dramatisch verändert", sagt Leonhard Birnbaum (44), der im RWE-Vorstand die Konzernstrategie verantwortet.

Man hatte es sich in der alten Gaswelt so gemütlich gemacht. Russen oder Norweger lieferten den Wärmespender über Tausende Rohrkilometer in die Abnehmerländer. Aufgrund von Verträgen mit Laufzeiten von 30 bis 40 Jahren. Wegen der Kopplung des Gaspreises an den für Öl verdienten die Lieferanten prächtig. Beim Grenzübergang übernahmen Zwischenhändler wie Ruhrgas die Ware und leiteten sie an Stadtwerke oder Industriekunden weiter, nicht ohne eine satte Vertriebsmarge aufzuschlagen.

Dieses System des Nehmens und noch mehr Nehmens ist passé. Und schuld daran sind Leute wie Aubrey McClendon.

Der 52-jährige Mann aus Oklahoma hat die Aura eines Gelehrten samt passender randloser Brille. Doch McClendon ist kein Schöngeist, sondern der Schrecken der Energiebranche. Binnen weniger Jahre hat er aus seiner Firma Chesapeake Energy den zweitgrößten Erdgasförderer in den USA gemacht, hinter dem Giganten Exxon Mobil . Sein Metier ist die Förderung von Schiefergas.

Seine Methode: Er kauft Land auf Kredit und beginnt es zu durchbohren. McClendon beschäftigt 12.000 Leute, darunter 4500 Land-Scouts, die Amerikas Mutterboden nach Gaspartikeln sondieren. Chesapeake setzt 9,5 Milliarden Dollar um, verdient 2 Milliarden und ist 15,5 Milliarden Dollar an der Börse wert - nicht übel für einen, der 1989 bei null anfing.

Günstiges Gas soll Reindustriealisierung Amerikas vorantreiben

Die beeindruckende Bilanz hat McClendon den Ruf eines zweiten Rockefeller eingebracht. Andere halten ihn für einen Hallodri, der das Risiko liebt - er war schon einmal so gut wie pleite.

So urgewaltig das Selbstbewusstsein des Aufsteigers ist ("Wir können das Saudi-Arabien des Erdgases werden"), so gigantisch sind die Hoffnungen, die ein ganzes Land in die neuen Claims setzt.

McClendon und Co. sollen mit ihrem Heimatgas nichts weniger als die Reindustrialisierung Amerikas schaffen. 200.000 Arbeitsplätze haben sie bereits, direkt und indirekt, gesichert. Weil der US-Gaspreis rapide gesunken und nur noch halb so hoch ist wie in Europa, ersetzen immer mehr Stromerzeuger Kohle durch Gas. Und energieintensive Branchen (Chemie, Stahl), die zuvor viele Jobs exportiert haben, siedeln sich wieder an.

Was auch immer die USA anzetteln, schwappt über kurz oder lang auch nach Europa. Das ist auch diesmal so. Weil die Amerikaner kein LNG mehr importieren müssen, wurde der überschüssige Stoff etwa aus dem größten Förderstaat Katar nach Asien und Europa verschifft. Die neuen Mengen drückten die Spotmarktpreise. Viele Kunden deckten sich nun über die Börse ein; das langfristig gebundene hochpreisige Pipelinegas war nur noch mit Verlust weiterzuverkaufen.

Fatale Wirkungskette für Eon und RWE

Eine fatale Wirkungskette, die nicht nur den deutschen Energieversorgern und Gasimporteuren wie Eon  oder RWE  die Bilanzen verhagelt, sondern auch den Lieferanten und Pipelinebetreiber Russland ärgert. Vor allem weil die USA ihre neue Rohstoffstärke auch politisch zu nutzen gedenken.

Die Geologie kommt ihnen zu Hilfe. Denn die größten Schiefergasvorkommen Europas lagern in Polen. Zwei Drittel des dort verbrauchten Erdgases liefert bisher Russlands Riese Gazprom . Noch.

62 Förderlizenzen haben die Polen bis Ende 2010 vergeben, die meisten an US-Firmen, die in der Bohrtechnologie führen. Und die gern dabei assistieren, dass Polen sich aus der russischen Klammer befreien kann.

Ähnliches könnte auch in Deutschland passieren. Zwar ist das Potenzial hier bei Weitem nicht so groß wie in Polen. Gleichwohl sind die Explorateure hoch motiviert. Angeführt vom US-Riesen ExxonMobil, hat ein Dutzend Firmen Konzessionen für unkonventionelle Lagerstätten erworben, etwa in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. Am Exxon-Bohrplatz "Lünne 1", im Emsland auf halber Strecke zwischen Lingen und Rheine gelegen, besteht der freudige Verdacht auf Schiefergas.

Der Probebohrturm ist abgebaut, die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet. Ein schwarzer Hahn mit zwei Reglern, von einem Stahlkäfig gesichert, verschließt das Loch. Beton und Asphalt drumherum, eingezäunt mit grauem Maschendraht, ein Hinweisschild verbietet "Unbefugten das Betreten der Betriebsanlage" und das Anzünden eines Streichholzes - mehr Action ist nicht.

Anti-Fracking-Szene in Deutschland

Idyllisch wirkt die Szenerie, zwischen Maisfeldern und Mastanlage. Wären da nicht einige Hundert Meter entfernt die zwei Schilder, die vor dem Gasbohren warnen. Eine schwarze Hand mit rotem Stoppschild: "Keine Chemie in unserer Erde!"

Die Anwohner sorgen sich, dass das sogenannte Fracking ihr Grundwasser schädigt. Damit sich das Gas aus dem Gestein löst, wird ein Gemisch aus Sand, Wasser und einer geringen Menge giftiger Chemikalien 1000 bis 1200 Meter tief ins Erdinnere gespritzt.

Kein Problem, sagt Exxon; die Risiken seien beherrschbar. So werden zum Beispiel die Grundwasserschichten durch Stahlrohre und Zement gegenüber dem Bohrloch abgedichtet. Die Ängste schlüpfen trotzdem durch. Eine gut organisierte Anti-Fracking-Szene hat sich herausgebildet. Nicht nur in Lünne, überall in Deutschland, wo Förderfirmen nach den neuen Gasvorkommen suchen.

Den Russen kommen die Proteste gelegen. Mit aller Macht wollen sie ihr Pipelinemonopol und die Ölpreisbindung retten - die alte, vertraute Gaswelt eben. Inbrünstig bekämpfen sie die EU-Röhre Nabucco; die soll Gas aus dem kaspischen Raum an russischem Terrain vorbei bis nach Westeuropa transportieren. Während das Vorhaben auf der Stelle tritt, treibt Gazprom eine Alternativroute, die South-Stream-Pipeline, voran. Der jüngste Scoop: Die Türkei, das wichtigste Transitland für Nabucco, genehmigte Ende 2011 den Streckenverlauf durch das Schwarze Meer - die Russen danken mit langfristigen Gaslieferungen.

Russen wollen Pipelinemonopol und Ölpreisbindung retten

Die Kalkulationen für solche Megaprojekte verdüstern sich, je mehr neuartige Gasvorkommen erschlossen werden. Für beide scheint kein Platz in der neuen Gaswelt. Zu befürchten: Fehlinvestments von zig Milliarden Dollar.

Die Beratung A. T. Kearney rechnet für die Zeit nach 2020 in Europa mit Überkapazitäten von jährlich 77 Milliarden Kubikmetern; das entspricht drei Vierteln des deutschen Gasverbrauchs.

Die zu erwartende Gasschwemme wirbelt die betroffenen Konzerne durcheinander. Die reagieren unterschiedlich auf die Verwerfung, je nachdem auf welcher Stufe der Wertschöpfung sie stehen. Und auf welche sie wollen.

Der britisch-niederländische Ölriese Shell  mutiert zum Gaskonzern. So will er vor Australiens Küste LNG produzieren, auf dem größten Offshore-Schiff der Welt. Und wer nicht selbst fertigt, der kauft. 2010 wechselten laut IEA Beteiligungen an unkonventionellen Lagerstätten im Wert von 40 Milliarden Dollar den Besitzer. Selbst der Rohstoffriese BHP Billiton, auf Kohle und sonstige Erze fixiert, drängt auf dieses Terrain. Er hat seine Produktpalette um Schiefergas erweitert und dafür im vergangenen Geschäftsjahr rund 17 Milliarden Dollar ausgegeben.

Anlagenbauer pushen das Geschäft

Anlagenbauer wie Siemens  pushen das Geschäft mit Hochleistungsturbinen oder LNG-Terminals. Die Gaslieferanten Statoil (Norwegen) und Gazprom drängen Weiterverteiler beiseite und suchen den direkten Weg zum Endkunden. Gasimporteuren hingegen bricht das Geschäftsmodell zusammen. "Der klassische Zwischenhandel funktioniert nicht mehr", sagt Veit Schwinkendorf, der bei Roland Berger den weltweiten Energie- und Chemiesektor verantwortet.

Wie prekär die Lage ist, lässt sich kaum besser beobachten als in Leipzig. Dort ringt die Verbundnetz Gas AG (VNG), einer der wenigen eigenständigen Ostbetriebe, schon seit der Gründung um die Unabhängigkeit. Mit wechselnden Eigentümern, mit spektakulären Manövern - nun unter den bleischweren Bedingungen der neuen Gaszeit.

Neuerdings dominiert bei VNG die BASF-Tochter Wintershall, die mit Gazprom über die gemeinsame Vertriebsfirma Wingas liiert ist: Wintershall stellt den Aufsichtsratsvorsitzenden, deren Ex-Manager Karsten Heuchert (57) führt VNG seit anderthalb Jahren als CEO.

So begehrt der Ostversorger einst war, jetzt möchten Eigner ihren teuer erworbenen Besitz schnell wieder loswerden. Als der Oldenburger EWE-Konzern sein VNG-Paket 2011 zum Preis von 1,4 Milliarden Euro vereinbarungsgemäß Baden-Württembergs EnBW  anbot, verweigerten die klammen Südweststromer die Annahme.

Ungünstige Langfristverträge

EWE bleibt nun vorerst auf dem VNG-Engagement sitzen. Und muss mitansehen, wie der Wert der Beteiligung sinkt, parallel zu den Erträgen. Für 2011 bilanzierte der VNG-Konzern einen Verlust von 211 Millionen Euro.

Heuchert will die Firma auf eine breitere Basis stellen, das Bezugsportfolio diversifizieren. Im vergangenen Jahr hat VNG schon 41 Prozent des Gases günstig am Spot- und Terminmarkt eingekauft, 2008 hatte der Anteil noch bei 11 Prozent gelegen.

Die ungünstigen Langfristverträge will Heuchert neu aushandeln. Zweimal, heißt es aus Moskau, habe er 2011 bei Gazprom-Chef Alexej Miller (49) persönlich vorgesprochen. Zeichen einer besonderen Wertschätzung, die wohl auch damit zu tun hat, dass Gazprom selbst knapp 11 Prozent der VNG-Anteile hält. Die Gespräche verliefen jedenfalls Insidern zufolge "wesentlich konstruktiver" als die mit dem Lieferland Norwegen.

Um unabhängiger von störrischen Lieferanten zu werden, will Heuchert verstärkt Gas fördern. Bis 2025 sollen 10 Prozent der gesamten Bezüge aus VNG-eigenen Produktionsstätten, etwa vor der norwegischen Küste, kommen.

Deal mit Gazprom gescheitert: RWE läuft die Zeit davon

Der Essener Energiekonzern RWE  steht vor ähnlichen Herausforderungen wie die Sachsen. Ein Bündnis mit Gazprom scheiterte kurz vor Weihnachten. Gemeinsam wollte man Gaskraftwerke in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern bauen; die Russen, so die Hoffnung in Essen, hätten den Brennstoff dann günstiger geliefert.

Doch die potenziellen Partner konnten sich nicht einigen. Das Scheitern des Joint Ventures macht die Verhandlungen mit Gazprom über bessere Vertragskonditionen nicht leichter. Nur einige kleinere Kontrakte konnten bislang den Marktpreisen angepasst oder frühzeitig beendet werden.

Aber es gibt keine Alternative. Schneller, als viele erwartet haben, sei durch den Schiefergasboom ein liquider Großhandelsmarkt mit Niedrigpreisen entstanden, sagt RWE-Manager Birnbaum: "Regulierte Abnahme zu regulierten Preisen und Verkaufen im freien Markt - das passt nicht zueinander. Die Ölpreisbindung hat sich überlebt. "

Die in der Tochter Dea gebündelte eigene Öl- und Gasförderung möchte RWE auf jeden Fall erhalten. Schließlich handelt es sich nicht nur um eine Art Lebensversicherung gegen Lieferantenwillkür, sondern trotz steigender Explorationskosten um ein profitables Geschäft.

Und Schiefergas? Aufmerksam wolle RWE beobachten, wie sich die Szene vor allem in Polen entwickelt. "Bis 2020", glaubt Birnbaum, "wird das in Europa kein großes Thema." Danach könne man immer noch groß einsteigen.

Falls es dann nicht schon zu spät ist.