Sonntag, 15. Dezember 2019

Energiepreise Die flüchtige Revolution

Günstiges Flüssiggas: Energiemarkt im Umbruch
Corbis

4. Teil: Anti-Fracking-Szene in Deutschland

Idyllisch wirkt die Szenerie, zwischen Maisfeldern und Mastanlage. Wären da nicht einige Hundert Meter entfernt die zwei Schilder, die vor dem Gasbohren warnen. Eine schwarze Hand mit rotem Stoppschild: "Keine Chemie in unserer Erde!"

Die Anwohner sorgen sich, dass das sogenannte Fracking ihr Grundwasser schädigt. Damit sich das Gas aus dem Gestein löst, wird ein Gemisch aus Sand, Wasser und einer geringen Menge giftiger Chemikalien 1000 bis 1200 Meter tief ins Erdinnere gespritzt.

Kein Problem, sagt Exxon; die Risiken seien beherrschbar. So werden zum Beispiel die Grundwasserschichten durch Stahlrohre und Zement gegenüber dem Bohrloch abgedichtet. Die Ängste schlüpfen trotzdem durch. Eine gut organisierte Anti-Fracking-Szene hat sich herausgebildet. Nicht nur in Lünne, überall in Deutschland, wo Förderfirmen nach den neuen Gasvorkommen suchen.

Den Russen kommen die Proteste gelegen. Mit aller Macht wollen sie ihr Pipelinemonopol und die Ölpreisbindung retten - die alte, vertraute Gaswelt eben. Inbrünstig bekämpfen sie die EU-Röhre Nabucco; die soll Gas aus dem kaspischen Raum an russischem Terrain vorbei bis nach Westeuropa transportieren. Während das Vorhaben auf der Stelle tritt, treibt Gazprom eine Alternativroute, die South-Stream-Pipeline, voran. Der jüngste Scoop: Die Türkei, das wichtigste Transitland für Nabucco, genehmigte Ende 2011 den Streckenverlauf durch das Schwarze Meer - die Russen danken mit langfristigen Gaslieferungen.

Russen wollen Pipelinemonopol und Ölpreisbindung retten

Die Kalkulationen für solche Megaprojekte verdüstern sich, je mehr neuartige Gasvorkommen erschlossen werden. Für beide scheint kein Platz in der neuen Gaswelt. Zu befürchten: Fehlinvestments von zig Milliarden Dollar.

Die Beratung A. T. Kearney rechnet für die Zeit nach 2020 in Europa mit Überkapazitäten von jährlich 77 Milliarden Kubikmetern; das entspricht drei Vierteln des deutschen Gasverbrauchs.

Die zu erwartende Gasschwemme wirbelt die betroffenen Konzerne durcheinander. Die reagieren unterschiedlich auf die Verwerfung, je nachdem auf welcher Stufe der Wertschöpfung sie stehen. Und auf welche sie wollen.

Der britisch-niederländische Ölriese Shell Börsen-Chart zeigen mutiert zum Gaskonzern. So will er vor Australiens Küste LNG produzieren, auf dem größten Offshore-Schiff der Welt. Und wer nicht selbst fertigt, der kauft. 2010 wechselten laut IEA Beteiligungen an unkonventionellen Lagerstätten im Wert von 40 Milliarden Dollar den Besitzer. Selbst der Rohstoffriese BHP Billiton, auf Kohle und sonstige Erze fixiert, drängt auf dieses Terrain. Er hat seine Produktpalette um Schiefergas erweitert und dafür im vergangenen Geschäftsjahr rund 17 Milliarden Dollar ausgegeben.

© manager magazin 2/2012
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