Freitag, 18. Oktober 2019

Energiepreise Die flüchtige Revolution

Günstiges Flüssiggas: Energiemarkt im Umbruch
Corbis

3. Teil: Günstiges Gas soll Reindustriealisierung Amerikas vorantreiben

Die beeindruckende Bilanz hat McClendon den Ruf eines zweiten Rockefeller eingebracht. Andere halten ihn für einen Hallodri, der das Risiko liebt - er war schon einmal so gut wie pleite.

So urgewaltig das Selbstbewusstsein des Aufsteigers ist ("Wir können das Saudi-Arabien des Erdgases werden"), so gigantisch sind die Hoffnungen, die ein ganzes Land in die neuen Claims setzt.

McClendon und Co. sollen mit ihrem Heimatgas nichts weniger als die Reindustrialisierung Amerikas schaffen. 200.000 Arbeitsplätze haben sie bereits, direkt und indirekt, gesichert. Weil der US-Gaspreis rapide gesunken und nur noch halb so hoch ist wie in Europa, ersetzen immer mehr Stromerzeuger Kohle durch Gas. Und energieintensive Branchen (Chemie, Stahl), die zuvor viele Jobs exportiert haben, siedeln sich wieder an.

Was auch immer die USA anzetteln, schwappt über kurz oder lang auch nach Europa. Das ist auch diesmal so. Weil die Amerikaner kein LNG mehr importieren müssen, wurde der überschüssige Stoff etwa aus dem größten Förderstaat Katar nach Asien und Europa verschifft. Die neuen Mengen drückten die Spotmarktpreise. Viele Kunden deckten sich nun über die Börse ein; das langfristig gebundene hochpreisige Pipelinegas war nur noch mit Verlust weiterzuverkaufen.

Fatale Wirkungskette für Eon und RWE

Eine fatale Wirkungskette, die nicht nur den deutschen Energieversorgern und Gasimporteuren wie Eon Börsen-Chart zeigen oder RWE Börsen-Chart zeigen die Bilanzen verhagelt, sondern auch den Lieferanten und Pipelinebetreiber Russland ärgert. Vor allem weil die USA ihre neue Rohstoffstärke auch politisch zu nutzen gedenken.

Die Geologie kommt ihnen zu Hilfe. Denn die größten Schiefergasvorkommen Europas lagern in Polen. Zwei Drittel des dort verbrauchten Erdgases liefert bisher Russlands Riese Gazprom Börsen-Chart zeigen. Noch.

62 Förderlizenzen haben die Polen bis Ende 2010 vergeben, die meisten an US-Firmen, die in der Bohrtechnologie führen. Und die gern dabei assistieren, dass Polen sich aus der russischen Klammer befreien kann.

Ähnliches könnte auch in Deutschland passieren. Zwar ist das Potenzial hier bei Weitem nicht so groß wie in Polen. Gleichwohl sind die Explorateure hoch motiviert. Angeführt vom US-Riesen ExxonMobil, hat ein Dutzend Firmen Konzessionen für unkonventionelle Lagerstätten erworben, etwa in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. Am Exxon-Bohrplatz "Lünne 1", im Emsland auf halber Strecke zwischen Lingen und Rheine gelegen, besteht der freudige Verdacht auf Schiefergas.

Der Probebohrturm ist abgebaut, die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet. Ein schwarzer Hahn mit zwei Reglern, von einem Stahlkäfig gesichert, verschließt das Loch. Beton und Asphalt drumherum, eingezäunt mit grauem Maschendraht, ein Hinweisschild verbietet "Unbefugten das Betreten der Betriebsanlage" und das Anzünden eines Streichholzes - mehr Action ist nicht.

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