Mittwoch, 24. Juli 2019

Energiepreise Die flüchtige Revolution

Günstiges Flüssiggas: Energiemarkt im Umbruch
Corbis

2. Teil: Kommt ein goldenes Gaszeitalter?

Mit dem Gasrausch sind glühende Hoffnungen verbunden (wie die Reindustrialisierung der USA), geringere Klimaschäden (im Vergleich zur Kohle), weltpolitische Interessen (das Zurückdrängen des russischen Pipelinemonopols) und übersteigerte Ängste.

Antiquierte Geschäftsmodelle (wie der Gasimport über Langfristverträge) sind bedroht; die Existenz ganzer Unternehmen steht auf dem Spiel, falls es ihnen nicht gelingt, ihre Strategie schnell genug anzupassen.

Kreuzfahrtkönig Meyer hat rechtzeitig reagiert. Schon denkt sein niederländischer Kunde darüber nach, ein zweites LNG-Schiff bei ihm in Auftrag zu geben. Für Meyer hat der LNG-Bau einen zusätzlichen Vorteil: Er will Erkenntnisse gewinnen für den künftigen Schiffsantrieb. Bisher laufen die meisten Pötte mit Schweröl, einem feinstaublastigen Gemisch, das die Hafenzonen mit Ruß überzieht und das Klima schädigt. Eine Forschertruppe arbeitet an einem Luxusliner, der mit umweltfreundlicherem Flüssiggas fährt. In drei bis fünf Jahren, glauben die Meyer-Entwickler, könnte sich das erste gasbetriebene Passagierschiff durch die Meerengen zwängen.

Eine weitere Facette auf dem Weg in ein "goldenes Gaszeitalter", das die Internationale Energieagentur (IEA) prophezeit. Bis 2035 wird sich ihren Prognosen zufolge der Anteil am Weltenergiemix von 22 auf 25 Prozent erhöhen, während Kohle und Erdöl immer unbedeutender werden. Der weltweite Handel mit Gas wird sich dank wachsender LNG-Kapazitäten (Importterminals, Schiffe) bis dahin verdoppeln; die - noch unterschiedlichen - regionalen Preise gleichen sich an, und zwar auf niedrigem Niveau.

Das liegt vor allem an neuen Vorkommen in sogenannten unkonventionellen Lagerstätten an Land. Dadurch haben sich die abbaubaren Ressourcen um den Faktor zwei erhöht; sie reichen 250 Jahre.

Revolution auf dem Gasmarkt: Schiefergas und die Folgen

Der Gasmarkt, der lange in sich ruhte wie ein sibirischer Braunbär, habe sich "dramatisch verändert", sagt Leonhard Birnbaum (44), der im RWE-Vorstand die Konzernstrategie verantwortet.

Man hatte es sich in der alten Gaswelt so gemütlich gemacht. Russen oder Norweger lieferten den Wärmespender über Tausende Rohrkilometer in die Abnehmerländer. Aufgrund von Verträgen mit Laufzeiten von 30 bis 40 Jahren. Wegen der Kopplung des Gaspreises an den für Öl verdienten die Lieferanten prächtig. Beim Grenzübergang übernahmen Zwischenhändler wie Ruhrgas die Ware und leiteten sie an Stadtwerke oder Industriekunden weiter, nicht ohne eine satte Vertriebsmarge aufzuschlagen.

Dieses System des Nehmens und noch mehr Nehmens ist passé. Und schuld daran sind Leute wie Aubrey McClendon.

Der 52-jährige Mann aus Oklahoma hat die Aura eines Gelehrten samt passender randloser Brille. Doch McClendon ist kein Schöngeist, sondern der Schrecken der Energiebranche. Binnen weniger Jahre hat er aus seiner Firma Chesapeake Energy den zweitgrößten Erdgasförderer in den USA gemacht, hinter dem Giganten Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen. Sein Metier ist die Förderung von Schiefergas.

Seine Methode: Er kauft Land auf Kredit und beginnt es zu durchbohren. McClendon beschäftigt 12.000 Leute, darunter 4500 Land-Scouts, die Amerikas Mutterboden nach Gaspartikeln sondieren. Chesapeake setzt 9,5 Milliarden Dollar um, verdient 2 Milliarden und ist 15,5 Milliarden Dollar an der Börse wert - nicht übel für einen, der 1989 bei null anfing.

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