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Schreibende Manager: Wanderer zwischen den Welten

Foto: Dieter Mayr

Manager als Schriftsteller Von Dichtern und Lenkern

Wenn Manager die Schöpferkraft packt, entsteht nicht selten - ein Roman. Die Wanderer zwischen der Welt der Wirtschaft und der Sphäre der Literatur berichten oft gerne aus ihrem eigenen Wirkungskreis. Manche allerdings treibt der Erkenntniszuwachs beim Schreiben dann zum Ausstieg.

Hamburg - Der Verfasser der "Grammatik der vollkommenen Klarheit" erscheint zum Treffen im Münchener Literaturhaus in der Camouflage eines Handlungsreisenden: dunkelgrauer Anzug, Krawatte, Aktentasche. Seinen schwarz glänzenden Audi A6 hat er in der Tiefgarage geparkt.

Sehen wir einen Dichter im Managerlook? Einen Kapitalisten mit literarischen Ambitionen? Ernst-Wilhelm Händler (58) wollte sich nie für eine dieser Rollen entscheiden. So übt er denn beide "Berufe" aus, wie er es selbst nennt: "Ich bin Schriftsteller und Unternehmer."

Ins Unternehmertum wurde Händler hineingeboren. Als Erbe und Geschäftsführer eines Elektronikherstellers in der Oberpfalz mit rund 25 Millionen Euro Jahresumsatz vertrieb er Schaltschränke und Installationsverteiler. 2004 verkaufte er die Firma und sattelte auf die Sanierung von Altbauten um.

Die Schriftstellerei bahnte sich quasi undercover ihren Weg in Händlers umtriebige Existenz. Der Drang war da: zu analysieren, zu kommentieren, die Weltläufte zu sezieren und in Sprache zu übersetzen. Texte formten sich zu Beiträgen für philosophische Journale, später zu Fiktion. 1995 sah Händler in der Frankfurter Verlagsanstalt seinen ersten Roman "Stadt mit Häusern" gedruckt.

Ein Mittelständler auf literarischem Höhenflug

Sechs weitere sind bislang dazugekommen. Verleger Joachim Unseld schwärmte bedingungslos von seiner Entdeckung: Der schreibende Unternehmer konstruiere "von Roman zu Roman fortschreitend das Gebäude unserer Gesellschaft und erprobt literarisch deren Funktionieren". Ambitionierter Stoff also, reines Feuilleton.

Ein Mittelständler verdient mit Energietechnik und Altbausanierung Geld und erklimmt zugleich die lichten Höhenzüge des Literaturbetriebs - wie geht das nur zusammen? Gewiss, zu allen Zeiten übten Dichter Brotberufe aus. Goethe war Jurist, Kafka auch, Gottfried Benn praktizierte als Arzt. Doch wie findet jemand in der Hektik des modernen Unternehmeralltags zu Muße und Inspiration?

Händler führt stets ein Tonbandgerät mit sich. Früher sprach er nach Kundenbesuchen Aktennotizen ins Diktafon. Heute speichert er auf dem Band Passagen seiner Bücher, die sich auf Autofahrten im Kopf zurechtlegen.

Als Wanderer zwischen den Welten ist Händler zwar ein eher seltener Fall in der Unternehmenswelt, aber nicht der einzige. Bei genauerem Hinsehen tun eine ganze Reihe Zeitgenossen Dinge, die den landläufigen Annahmen über das Wesen unserer hemdsärmeligen Wirtschaftspraktikerzunft aufs Exotischste widersprechen. Sie setzen sich hin, entwerfen einen Plot, finden einen Verlag und kommen manchmal sogar groß raus, mit Lesereise, Dichterpreis und allem Drum und Dran.

Die Welt der Wirtschaft

Mancher spürt das Talent schon seit Schülertagen, andere entdecken die Lust am Schreiben erst, wenn ihr Lebens- und Karriereplan gegen irgendeine Wand fährt. Der eine hackt monumentale Denkwelten in seine Tastatur, andere basteln am ersten Krimi und haben einen Mordsspaß dabei.

Wenn Manager Romane schreiben, berichten sie gern aus ihrer eigenen Welt. Der erste ausgewiesene Chronist des Angestelltenlebens im Wirtschaftswunderdeutschland war allerdings ein promovierter Chemiker. Walter E. Richartz wurde 1976 mit einer traurigen Satire über die Welt der einfachen Büroarbeiter mit ihren Butterstullen und den Kakteensammlungen auf der Resopalschreibtischplatte bekannt - und er benannte sein Werk just nach der Welt, die er so kenntnisreich beschrieben hatte: "Büroroman".

Geschichten aus der Welt des Topmanagements erzählen die Bücher von Hans Graf von der Goltz (85). Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Varta  und Aufsichtsratschef bei BMW  hat seit den 80er Jahren 14 Bücher verfasst. In Goltz' fiktionaler Welt herrschen Gier und Verrat, moralische Abgründe verschlucken aufrichtige Managerhelden. Nur Ernst-Wilhelm Händler geht noch härter zur Sache. Sein bislang erfolgreichstes und von der Kritik hochgelobtes Buch, der 2002 erschienene Roman "Wenn wir sterben", entwickelt ein turbokapitalistisches Schreckensszenario: Vier Topmanagerinnen machen sich im Kampf um eine Mittelstandsfirma das Leben zur Hölle.

Nach Erscheinen solcher Bücher raunen manche Kritiker ergriffen, da schreibe jemand, der die Welt der Wirtschaft "wirklich kennt". Wobei dann doch die Frage erlaubt sein muss, ob ausgerechnet die im Vorstand in Wahrheit so seltenen Frauen eine überzeugende Besetzung als zähnefletschende Machtbestien abgeben. Die Bemerkung bringt den Autor nicht aus der Ruhe. Nun ja, es gehe eben um Gefühle: "Die können Frauen besser ausdrücken. Und die Machtrituale der Männer sind so unterirdisch, das können Sie literarisch gar nicht beschreiben."

Viel zu wenig echtes Leben im Management

Auch der Schweizer Rolf Dobelli (45) hat sich mit seinen ersten Romanen "35" und "Was machen Sie beruflich?" das Etikett des Insiders angeheftet, der die Gesetze der Businesswelt in Literatur übersetzt. Inzwischen ist ihm das nicht mehr recht. Die Welt der Manager interessiert ihn nicht länger: "All diese fremdgesteuerten Existenzen ohne eigene Identität! Viel zu wenig echtes Leben! Wie soll daraus eine überzeugende Geschichte werden?"

Dobelli muss es wissen, er war lange genug selbst Manager. Ein sehr erfolgreicher sogar: St.-Gallen-Studium, Finanzchef in der Swissair-Gruppe, Stationen in Hongkong und New York. Seine Ziele damals? Die üblichen: "Ich wollte Geld machen, die Welt sehen."

Heute sitzt er bei einem Eisenkraut-Tee im holzgetäfelten Café "Helvetia" in seinem Heimatort Luzern und verkörpert die Werte, mit denen man Büchermenschen assoziiert: "Die Welt verstehen - das wäre ein lohnenswertes Ziel." Zum Lebensglück braucht er nicht mehr viel. Seine Texte schreibt er in einer Drei-Zimmer-Mietwohnung, vor dem Liegesessel ein selbst gezimmertes Tischchen mit Gummiauflage.

Reflektieren über Lebensphasen

Den Abschied von der Managerexistenz nahm Dobelli nach einer Sinnkrise mit Mitte 30. Damals drängte es ihn zur schöpferischen Tat, wenn auch noch nicht zum Romaneschreiben. Mit Freunden gründete er Get Abstract, einen mittlerweile internationalen und höchst erfolgreichen Internetdienst für Buchzusammenfassungen.

In einem Urlaub in Belize nahm das Reflektieren über Lebensphasen und Jobkrisen, das ihn seit Langem begleitete, mit einem Mal die Form klarer Sätze an. Eine Figur kam ihm in den Sinn, ein Manager namens Gehrer, dem sich all der Trübsinn in den Mund legen ließ, der den Autor in seinem Executive-Leben bei der Swissair geplagt und schlussendlich daraus vertrieben hatte.

So kam der Finanzexperte und Internetunternehmer mit einem Romankonzept aus dem Urlaub zurück: "Es schrieb sich fast von selbst, so merkwürdig das klingen mag." Seither hat er mehrere Sachbücher ("Die Kunst des klaren Denkens") und Romane verfasst, zuletzt "Massimo Marini" über das heikle Thema des Umgangs der Schweiz mit ihren italienischen Einwanderern.

Es ist wohl so: Wenn einer das Talent zum Schreiben in sich trägt, dann nutzt er es auch irgendwann - egal, wohin sein Lebensweg ihn vorher geführt hat. Und wenn erst einmal ein Buch erschienen ist, gibt es erst recht kein Aufhören mehr. Dann schreibt man weiter, "so lange, bis es gut wird", sagt Martin Calsow (41), noch ein Managementexilant, der zum Autor wurde.

Schreiben von 8 bis 12 und 13 bis 17 Uhr

Calsow durchlief einen Läuterungsprozess, der dem von Dobelli recht ähnlich ist: Nach sechs Jahren in der Führung des Privatfernsehsenders Premiere, zuletzt als Verantwortlicher für die Film- und Seriensparte, hatte er die Nase voll von Quotendruck und "Trottel-TV".

Er kündigte und reiste zwölf Wochen lang durch den Nahen Osten. Dort erlebte er Gewalt, Terror, Flüchtlingselend, aber auch etliche Menschen, "die mit viel weniger Geld und Status glücklicher waren als ich jemals in meinem vermeintlich tollen Job".

Nach der Rückkehr die Idee: Das schreibst du jetzt auf. So entstand der "Lilith Code", ein Polit-Thriller um eine religiös motivierte Verschwörung, die die arabische Welt ins Wanken bringt. Das Buch erschien mit perfektem Timing. Wenige Wochen später brach der "arabische Frühling" los. Inzwischen ist die zweite Auflage auf dem Markt - und die Fortsetzung in Vorbereitung.

In seinem Haus am Tegernsee führt Calsow ein diszipliniertes Leben: von 8 bis 12 Uhr schreiben, dann eine Stunde mit dem Hund ins Grüne, von 13 bis 17 Uhr wieder schreiben. Seine Ehefrau Insa, eine Unternehmenssprecherin, sieht er nur abends. Auch um der Gefahr des "Waldschratigwerdens" zu begegnen, bastelt er einmal pro Woche bei einem Tischler an eigenen Möbeln. Ansonsten: Ruhe. Einsamkeit. Warten, bis die Ideen kommen und sich im Kopf neue Welten eröffnen: "ein absoluter Genuss".

Im Rausch der puren Selbstverwirklichung

Andererseits: der Weg zur Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit wird steiniger. Es wächst der Ehrgeiz, jedes Mal besser zu werden, lebendigere Szenen zu schaffen, komplexere Charaktere, bessere Dialoge. Der Rausch der puren Selbstverwirklichung wird, wenn überhaupt, auch dem Managerautor nur selten zuteil.

Calsow gliedert seine Plots akribisch, bevor er ans Formulieren geht. Rolf Dobelli schiebt Handlungsstränge auf Zetteln auf dem Fußboden herum, den Tipp hat ihm Autorenkollege Martin Suter ("Business Class") gegeben. Die wenigsten Einfälle gerinnen am Ende zum Buch: In Dobellis literarischem Keller modern "tonnenweise Leichen".

Und ist ein Buch erst mal am Markt, hören die Leiden immer noch nicht auf. Dann treten die Kritiker auf den Plan und nörgeln lustvoll wie kritische Aktionäre in der Hauptversammlung.

Was hilft? Am ehesten ein gerüttelt Maß an Ignoranz. Bernhard Schlink, auch ein Grenzgänger der literarischen Welt, der bis 2009 als Juraprofessor öffentliches Recht lehrte und nebenbei seinen Weltbestseller "Der Vorleser" schrieb, traf mit seinem Verlag eine Abmachung: Er lässt sich nur noch positive Rezensionen schicken.

Die Freiheit ist keineswegs grenzenlos

Aus dieser Episode lässt sich lernen, was Uneingeweihte gern vernachlässigen, wenn sie sich das Leben eines Literaturschaffenden vor Augen führen: Dessen Freiheit ist keineswegs grenzenlos. So verlockend es sein mag, frei zu sein von Umsatzvorgaben, Kundenwünschen und Vorgesetzten, die einen Manager unter Druck setzen - am Ende lässt die Peitsche des Marktes auch den Schriftsteller nicht los. Ohne Leser gibt es ihn nicht.

Frank Stefan Becker (59), Siemens-Hochschulexperte und nebenher - auf Reisen, in Flughafen-Lounges, nach Feierabend - Verfasser dickbauchiger historischer Romane, kennt sie genau, die beiden Fragen, die Verlage auf jeden hoffnungsfrohen Autor in spe abschießen: "Was planen Sie als Nächstes? Und sind Sie bereit, auf Lesereise zu gehen?"

Neben dem Tingeln durch Buchhandlungen und Provinztheater sind Buchmessen zu überstehen, die ultimativen Schreckenstermine des Autorenlebens.

Die Buchmesse sei der Ort, an dem es dem Schriftsteller rundheraus "am schlechtesten geht", sagt einer, der sich in diesem Gewerbe anscheinend leichtfüßig durchgesetzt und sogar etliche Preise gewonnen hat: der Rechtsanwalt Georg M. Oswald (48).

Am Messestand ist das eigene Werk, ersonnen in monatelanger, teils quälender Stillarbeit, nur eines von Tausenden, Massenware. Wohl dem, der aus diesem Schock in die nüchterne Zweckwelt des Berufslebens flüchten kann, in der sich Erfolg durch harte Arbeit nach klaren Regeln weit planbarer einstellt. "Eine Befreiung" sei das, meint Oswald.

Die finanzielle Ausbeute bleibt mager

In der Münchener Innenstadt führt er eine Anwalts- und Steuerberatungskanzlei. Gemeinsam mit vier Kollegen berät er Unternehmen, entwirft Verträge und nimmt Gerichtstermine wahr. In der Frühe arbeitet er an seinen Romanen. Der nächste erscheint mit dem Titel "Unter Feinden" im März 2012 und wird ein Krimi.

Oswald hat schon einige Verkaufserfolge hinbekommen, die Bankersatire "Alles was zählt" etwa oder den Gerichtsroman "Vom Geist der Gesetze". Je nach Bekanntheitsgrad des Autors und literarischer Qualität sprechen Verlage schon ab 20.000 Exemplaren von einem Bestseller.

Doch selbst dann bleibt die finanzielle Ausbeute mager. Wer es auf ein bescheidenes Managergehalt von, sagen wir, 125.000 Euro bringen will, müsste jährlich rund 68.000 Bücher zu einem Ladenpreis von 19,80 Euro verkaufen. Nach den Usancen der Branche gehen nur 10 Prozent des Nettopreises an den Autor. Literatur als Lebensunterhalt, daran hat sich seit Goethes Zeiten wenig geändert, bleibt oft ein unerreichbares Ziel.

Mit Geld im Rücken dichtet es sich deutlich entspannter

Einen fürs Schreiben Entbrannten wird diese Rechnung nicht aufhalten. Doch wo ein finanzielles Polster vorhanden ist, dichtet es sich entspannter. So fand in diesem Jahr auch ein Manager zur Literatur, der bisher vor allem als Mann der Tat aufgefallen ist. Der Sanierungsexperte und frühere EnBW-Chef Utz Claassen (48) hat nach zwei aufrührerischen Sachbüchern ("Mut zur Wahrheit" und "Wir Geisterfahrer") nun einen Roman in der Mache - auch hier entsteht ein Krimi.

Um den Inhalt macht Claassen derzeit gewaltige Geheimnisse. Sein PR-Berater organisiert Termine, auf denen Claassen zur Sache rein gar nichts sagt. Doch der Econ-Verlag bricht die Mauer des Schweigens auf seiner Internetseite. Dort können wir lesen, dass Claassen ebenfalls eine Frau zur Handlungsträgerin macht.

Eine gewisse Fabienne Felsenstein führt einen Energiekonzern und will ihn nach Fukushima "radikal umbauen". Es kommt, wie es kommen muss: Die "Operation am offenen Herzen der Industriegesellschaft" mündet in krumme Deals, "die Grenzen der Legalität werden bedeutungslos". Wer mehr wissen will: "Atomblut" erscheint am 29. Februar.

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