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Folgen für Deutschland: Was passiert, wenn China schwächelt?

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Konjunktur China braucht radikalen Kurswechsel

Exportschwäche, Immobilienblase - mit China ist auch der letzte Motor der Weltwirtschaft ins Stottern gekommen. Nur ein radikaler Kurswechsel kann das Reich der Mitte vor der Krise bewahren. Für Deutschland steht viel auf dem Spiel.

Wuhan, eine Sieben-Millionen-Metropole mitten in China: An einer der Haupteinkaufsstraßen stehen in Zehn-Meter-Abständen junge Männer und Frauen und drücken den Passanten bunte Prospekte aus Hochglanzpapier in die Hand. Es sind keine Reklamezettel der umliegenden Kaufhäuser. Nein, sie sollen zum Kauf von Wohnungen animieren, in Apartmentblocks mit so pompösen Namen wie "Evergrande City" oder "Livable Cannes".

Angela Merkel dürfte während ihres dreitägigen Besuchs in China die gestiegene Unsicherheit spüren. Nicht nur wegen des für Herbst geplanten Generationswechsels an der Spitze der Kommunistischen Partei. Bereits jetzt hat sich das Bild auf der Straße geändert: Überall in China werden derzeit massenhaft Immobilien auf den Markt geworfen.

In Peking stehen die Makler sogar selbst auf der Straße und bieten marktschreierisch Wohnungen feil. Deutliche Zeichen einer Blase. Der stürmische Immobilienboom der vergangenen Jahre, als die Preise stiegen und stiegen, ist vorbei. In Shanghai geben große Entwickler wie Vanke oder Longfor derzeit Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent.

Diejenigen, die zu hohen Preisen gekauft haben, fühlen sich über den Tisch gezogen. Vor allem in Shanghai stürmen immer wieder mal frustrierte Wohnungsbesitzer die Büros von Immobilienmaklern. Viele Wohnungen stehen leer. Neue Apartments werden kaum noch gebaut.

Schwächelt der Wohnungsbau, wankt der Wirtschaftsriese China

Die Baubranche ist in der Bredouille. Nicht nur die großen und kleinen Developer haben Probleme, sondern der gesamte wohnungswirtschaftliche Komplex - vom Zementmischer bis zum Bauunternehmer. Und dieser Sektor macht in China rund 10 Prozent der volkswirtschaftlichen Leistung aus. Schwächelt der Wohnungsbau, wankt auch der Wirtschaftsriese China.

Die schwelende Immobilienkrise ist nur eine von diversen Verspannungen, die Chinas Wirtschaft derzeit quälen. Der Exportsektor leidet, weil die Turbulenzen in Europa und den USA natürlich auch den Exportweltmeister China treffen. Dazu kommen weitere, hausgemachte Schwierigkeiten: ein undurchschaubarer grauer Kreditmarkt, der eine Bankenkrise auslösen könnte, und die extremen sozialen Ungleichgewichte.

China steht an einem Wendepunkt. Alle Experten sind sich einig, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), derzeit bei 9 Prozent, abschwächen wird. Die Frage ist nur, wie stark. Auf 7 oder gar 5 Prozent?

Die Antwort wird gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben, denn China ist deren letzte große Lokomotive. Rund ein Viertel steuert das Land derzeit zum globalen Wachstum bei. Verlangsamt sie sich, verstärkt sich der weltwirtschaftliche Abschwung.

Die neue Führung Chinas muss "Rebalancing" ganz nach oben setzen

Besonders Deutschland wird eine Verlangsamung zu spüren bekommen: Keine Volkswirtschaft außerhalb Asiens ist so stark von Chinas Wachstum abhängig wie die deutsche. Ganz direkt werden deutsche Exporteure betroffen sein: Für den Auto- und Maschinenbau zählt China zu den drei wichtigsten Absatzmärkten.

Sind die fetten Jahre im Reich der Mitte jetzt vorbei? Das Land ist in einer heiklen Phase.

Fest steht: Nach mehr als drei Jahrzehnten des Aufbruchs stößt das alte Erfolgsmodell an Grenzen. Ein neues Modell ist erst im Entstehen begriffen, und seine Zukunft ist ungewiss.

Bislang fußt der ökonomische Erfolg vor allem auf billigen Arbeitskräften, die billige Produkte für den Rest des Globus herstellen. So wurde China zur Fabrik der Welt. Doch seit der Westen schwächelt, hat China ein Problem.

Die Wachstumsrate der Exporte geht seit Monaten zurück. "Wir erwarten eine noch drastischere Abschwächung", sagt Tao Wang, Analyst der UBS. Er glaubt, dass die Ausfuhren, die derzeit noch mit einer Jahresrate von 15 Prozent wachsen, 2012 nur noch einstellig steigen werden. Schon kommt es in den Export-Provinzen Guangdong im Süden sowie Zhejiang und Jiangsu rund um Shanghai zu ersten Fabrikschließungen und Demonstrationen entlassener Arbeiter.

"China kann sich nicht nur auf den Export verlassen"

"China", fordert Chi Fulin, Präsident des China Institute for Reform and Development, "kann sich nicht nur auf den Export verlassen. Wir brauchen eine konsumgetriebene Wachstumsstrategie." Seit Jahren wird über einen solchen Paradigmenwechsel geredet - weg von der Exportabhängigkeit, hin zu mehr Inlandsverbrauch. Kaum eine Rede von Staatschef Hu Jintao oder Regierungschef Wen Jiabao ohne den Hinweis auf ein dringend notwendiges "Rebalancing" der Wirtschaft. Aber ihre Appelle haben bislang nur mäßigen Erfolg.

"Der Fortschritt ist quälend langsam", kritisiert Yu Yongding, ein renommierter Ökonom der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Denn die Konsumenten spielen nicht mit. Zwar geben sie immer mehr Geld aus, insbesondere für Autos und Mobiltelefone. Doch von ihren steigenden Einkommen legen sie gleichzeitig immer mehr auf die hohe Kante: Die Sparquote der privaten Haushalte liegt inzwischen bei über 50 Prozent der verfügbaren Einkommen. Der Konsum hingegen trägt gut ein Drittel zum BIP bei.

Das Spiegelbild dieser exzessiven Ersparnis ist eine extrem hohe Investitionsquote. Eine ungesunde Entwicklung, die auf Dauer drastische Überkapazitäten entstehen lässt.

Die neue Führung unter Li Keqiang (designierter Regierungschef) und Xi Jinping (designierter Staatschef), die auf dem Parteitag im Oktober gewählt werden wird, dürfte das Thema Rebalancing ganz oben auf die Agenda setzen.

Etwa mithilfe einer Steuerreform, die ihre Bürger deutlich entlastet. Am besten gleich mit einer großen Finanzreform: Bislang fließt das Gros der Steuereinnahmen nach Peking, während auf den unteren Ebenen, vor allem in den Städten, das Geld fehlt. Allein um sich finanzieren zu können, verkaufen viele Kommunen permanent Land und heizen damit den Immobilienboom weiter an.

Wer spart, konsumiert nicht: Soziale Gegensätze mit hoher Sprengkraft

Noch wichtiger, da sind sich die Experten einig, wäre die Einführung eines umfassenden Sozialversicherungssystems. Immer noch muss die Mehrheit der Chinesen Geld für eventuelle Krankheiten und das Alter zurücklegen. Und wer spart, konsumiert nicht.

Es ist ein doppelter Rebalancing-Akt, den die künftige Führung hinbekommen muss: Gesucht werden ein neues ökonomisches und ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht. Denn in den langen Jahren des Booms haben sich krasse soziale Gegensätze herausgebildet, die nun die Gesellschaft destabilisieren könnten.

Zum Beispiel in Chongqing. Im Zentrum der 30-Millionen-Metropole haben sich glitzernde Konsumtempel breitgemacht. Von Armani über Louis Vuitton bis Rolex haben in den vergangenen Monaten schicke Shops eröffnet. Davor lauern - ein bizarres Bild - Tagelöhner mit ihren Tragestangen in der Hoffnung, für ein paar Cent einen Auftrag zu ergattern.

Solche Gegensätze gehören im modernen China zum Stadtbild. In Wuhan zieht ein Arbeiter per Hand einen vollgeladenen Karren die Auffahrt zu einer Brücke hoch, während er von einem weißen Porsche Cayenne überholt wird. In Shanghai - der Metropole des Protzes - fährt die Schickeria in Mercedes und BMW  vor den unzähligen französischen und italienischen Luxusläden vor, um ein paar Handtäschchen zu kaufen, von denen eines das Mehrfache dessen kostet, was ein Jungakademiker im Monat verdient: 400 bis 500 Euro.

Beliebte Bestechungswährung: iPhone oder iPad

Wie lange hält eine Gesellschaft eine solche Spreizung aus? Immer deutlicher ist in der Mittelschicht ein Murren über die neureiche Oberschicht zu vernehmen. Noch ist es ein individuelles, kein kollektives Grummeln - eine Massenbewegung wie in Arabien ist nicht in Sicht.

Aber es hat sich enormer Unmut angestaut, vor allem über die alltägliche Korruption. Wer einen Platz in einem guten Kindergarten braucht, muss schon mal 10.000 Euro springen lassen. Wer im Krankenhaus behandelt werden will, muss vor der Untersuchung zahlen - in bar oder in der derzeit beliebtesten Bestechungswährung: einem iPhone oder einem iPad.

Es sind Symptome einer Gesellschaft, in der es immer ungerechter zugeht. Der unbestechliche Gradmesser für die Ungleichheit ist der Gini-Koeffizient, der 2010 in China 0,48 betrug. "Das überschreitet jedes vernünftige Maß", schimpft Chang Xiuze, Wirtschaftsprofessor bei der National Development and Reform Commission.

Eine harmonische Gesellschaft, von der die Regierung so gern und häufig redet, sieht anders aus.

Warum es Siemens und Bosch nach Nanjing und Chuzhou zieht

Ob es gelingt, China ökonomisch und sozial in ein neues Gleichgewicht zu bringen, hängt nicht zuletzt von der Regionalentwicklung ab. Nach wie vor lebt die Mehrheit der 1,4-Milliarden-Bevölkerung auf dem Land, und dort ist das Wirtschaftswunder bislang nur in Ansätzen angekommen. Wer von einem besseren Leben träumt, zieht in die prosperierenden Städte. 150 Millionen Wanderarbeiter sind ständig in Bewegung.

Um das zu ändern, müssten die Fabriken zu den Arbeitern kommen. "Höhere Löhne durch die Ausbreitung von Fabriken könnten dem Landesinneren einen großen Konsumschub geben", sagt Mark Mobius, Guru des Investmentfonds Franklin Templeton.

Die Infrastruktur ist längst vorhanden. Insbesondere durch die Konjunkturprogramme der vergangenen Jahre gibt es nun im Landesinneren fast überall Autobahnen, Flughäfen und Schnellbahnstrecken.

Hochgeschwindigkeitszug G 7130. Pünktlich fährt er um 8.33 Uhr im gigantischen Bahnhof Shanghai Hongqiao los. Rund 300 Kilometer sind es bis Nanjing. Die ersten 200 Kilometer rast er durch Städte und Gewerbegebiete - die Fabrik der Welt fliegt am Zugfenster vorbei. Danach endet die Betonwüste, immer mehr grüne Flächen schließen sich an.

In Nanjing gibt es zwar Fabriken, aber relativ wenige in ausländischem Besitz. Eine gehört schon seit Jahren Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH). 5000 Beschäftigte produzieren Kühlschränke. Angelockt habe BSH vor allem der Lohnkostenvorteil, sagt der China-CEO Roland Gerke: "Wir produzieren hier rund 30 Prozent günstiger als in Shanghai."

Gerke, seit fast zehn Jahren in Nanjing, fühlt sich als eine Art industrieller Pionier in dieser Gegend. Er hat bereits ein weiteres Werk in Chuzhou in der Nachbarprovinz Anhui bauen lassen. Auch der Kfz-Zulieferer Continental  ist nach Anhui gezogen, eine arme Provinz, aus der traditionell viele Wanderarbeiter kommen.

Die KP päppelt die Staatskonzerne - und der Mittelstand leidet am Graumarkt

Immer noch gibt es in China ein großes Reservoir an Arbeitskräften. Doch sie tragen auch die Hoffnung, dass Chinas ökonomische Dynamik allen aktuellen Problemen zum Trotz so schnell nicht erlöschen wird: Noch hat das Land den "Lewis Turning Point" (benannt nach dem Nobelpreisträger Arthur Lewis) nicht erreicht, an dem schnell wachsenden Schwellenländern die Arbeitskräfte ausgehen.

Damit sich jedoch zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen herausbilden, müsste vor allem Chinas Mittelstand auf solidere Beine kommen. Die mehr als 100 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) erwirtschaften 60 Prozent des Exports und beschäftigen 75 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Doch die Zentralregierung in Peking päppelt lieber die 125 großen Staatskonzerne. Die dürfen ihre teilweise gigantischen (Monopol-) Gewinne behalten und sich zudem bei den Staatsbanken mit Krediten versorgen.

Die kleinen und mittleren Unternehmen dagegen haben kaum Zugang zum Kapitalmarkt. Nur jeder Zehnte bekommt Kredite von der Bank, ergab eine Untersuchung der National School of Development an der Peking-Universität.

Viele Firmen sind deshalb notgedrungen auf einen undurchschaubaren grauen Kreditmarkt ausgewichen, wo skrupellose Kredithaie Wucherzinsen bis zu 60 Prozent kassieren. Die Analysten von Nomura Securities taxieren Chinas Schattenbankenmarkt auf gigantische 8,5 Trillionen Yuan (rund eine Trillion Euro).

Der Schattenbankenmarkt schnürt vielen Firmen die Luft ab

Besonders krass trieben die Kredithaie ihr geldgieriges Handwerk in Wenzhou, das als Zentrum der Entrepreneure gilt. Rund 400.000 kleine Firmen gibt es dort. Weil viele Besitzer angesichts der Exportschwäche ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, begingen einige von ihnen Selbstmord, andere flohen ins Ausland.

Wie ernst die Lage in Wenzhou war, lässt sich daran erkennen, dass Anfang Oktober Premier Wen Jiabao samt Finanzminister und Zentralbankchef anreiste. Sie beschwichtigten und schnürten auf die Schnelle ein Rettungspaket über mehrere Milliarden Euro.

Wenzhou ist vorerst gerettet, aber damit auch ganz China? Die Probleme am grauen Kreditmarkt bleiben. Die Immobilienkrise schwelt weiter. An der Exportschwäche dürfte sich auf absehbare Zeit wenig ändern.

Schon sagt Schwarzseher Nouriel Roubini der chinesischen Wirtschaft spätestens 2013 oder 2014 ein "hard landing" vorher. Eine echte Rezession, die gewaltige Schockwellen um den Globus schicken würde. Doch die meisten Experten gehen von einer leichten Abschwächung der Dynamik aus - einem "soft landing". "Wahrscheinlich wird das Wachstum in den nächsten zehn Jahren nur noch 6 bis 7 Prozent betragen", sagt Liu Shijin, Wirtschaftsexperte beim Staatsrat. "China ist nun in eine Phase des moderaten Wachstums eingetreten." Im Zweifel gestützt von Regierung und Zentralbank.

Deutsche Topmanager machen weiter auf Optimismus

Ungeachtet aller Krisenszenarien machen deutsche Topmanager weiter auf Optimismus. Bayer  -Chef Marijn Dekkers verkündete kürzlich in Shanghai: "Wir haben keinen Zweifel, dass sich die wirtschaftliche Expansion auch in den kommenden Jahren etwa in einem ähnlichen Tempo fortsetzen wird." Fast zeitgleich betonte Karl-Thomas Neumann, CEO der Volkswagen Group China, auf der Guangzhou Auto Show, er bleibe optimistisch und erwarte ein stetiges Wachstum von mehr als 8 Prozent.

So denken die meisten westlichen Manager vor Ort. 60 bis 65 Prozent der Unternehmen planen ihre China-Investments in den nächsten zwei Jahren noch zu erhöhen.

Eine dieser Firmen ist Adidas  . Rund 5000 Läden hat der Sportschuhhersteller in China bereits eröffnet. Bis zum Jahr 2015 sollen 2500 neue Shops hinzukommen, sagt Jens Meyer, Vice President Marketing. Er sitzt in seinem Büro auf der 19. Etage des Grand Gateway in Shanghai und verschwendet wenig Gedanken daran, ob Chinas Wirtschaft nun hard oder soft landet. Sein Ziel ist konkreter: Adidas soll in China vor dem Erzrivalen Nike landen.

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