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Kunst ist Kapital: Kunstinvestments für Einsteiger und Sammler

Foto: Holger Kurt Jäger / kunst-raum schulte-goltz+noelte, Essen

Kunstinvestments Kunst ist Kapital

Das Wort von der brotlosen Kunst mag auf manche Künstler zutreffen, auf Sammler weniger. Kunstinvestitionen haben sich lange als inflationssichere Wertanlagen erwiesen. In Zeiten von Geldentwertung sind Bilder und Objekte daher begehrt. Experten erklären, wo Einsteiger zugreifen sollten.
Von Mark Böschen und Linde Rohr-Bongard

Hamburg - Wenn Thorsten Polleit die Finanzkrise erklären will, holt er gern einen Zehn-Euro-Schein aus der Anzugtasche und reckt ihn seinem Publikum entgegen, zur Bekräftigung seiner Hauptthese. "Unser Geld ist Scheingeld", sagt der Deutschland-Chefvolkswirt der britischen Bank Barclays Capital. "Und Scheingeld bringt das Problem der Systemüberschuldung mit sich."

Die Ursache des Übels: Anders als Gold oder Goldstandard-Währungen sei ungedecktes Geld in beliebigen Mengen druckbar. Denn keine Notenbank ist noch verpflichtet, die Scheine in eine festgelegte Menge Gold umzutauschen.

Für Polleit heißt das: Euro, Dollar und Yen sind im Extremfall nur bunt gestaltetes Papier. Das haben die Schöpfungen der US-Notenbank Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank mit denen von Andy Warhol und Joseph Beuys gemein - nur dass die Originale von Warhol und Beuys nicht beliebig zu vervielfältigen sind.

In der Finanzkrise zeigt sich eindrucksvoll, welche Sorte Papier begehrter ist. Viele Großsparer sind gern bereit, ihre Dollar- und Euro-Scheine gegen Leinwände und Skulpturen einzutauschen. Der Grund: Gemälde und Plastiken sind unter bestimmten Voraussetzungen ebenso als Bollwerke gegen Geldentwertung zu gebrauchen wie Goldbarren. Bilder namhafter Künstler werden zur Krisenwährung.

Kunst schlägt Anleihen

Eindrucksvoll belegten dies die Herbstauktionen für zeitgenössische Kunst in New York. Während Staaten in Europa Probleme haben, ihre Anleihen loszuwerden, verlaufen die Versteigerungen zur vollsten Zufriedenheit der Verkäufer. Die drei Abendauktionen bei den führenden Häusern Sotheby's, Christie's und Phillips de Pury erzielten zusammen mehr als 600 Millionen Dollar.

Die Käufer handeln aus ökonomischer Sicht nicht unvernünftig: Werke berühmter Meister sind auf lange Sicht wertbeständiger als das vom Kaufkraftverlust aufgezehrte Papiergeld.

"Die Rendite von Kunstinvestitionen hat die Inflation über lange Zeiträume geschlagen", sagt William Goetzmann, Wirtschaftsprofessor der US-Universität Yale, der in den vergangenen 20 Jahren mit mehreren Studien die Entwicklung der Kunstpreise untersucht hat.

"Kunst kann zum langfristigen Werterhalt eines Vermögens dienen", assistiert Christophe Spaenjers, Professor für Finanzwissenschaft an der Business School HEC in Paris, der ebenfalls mehrere Studien zum Thema veröffentlicht hat. Ergebnis: In britischen Pfund gerechnet, brachten mehrfach verkaufte Kunstwerke von 1900 bis 2009 eine jährliche Rendite von 6,5 Prozent. Bezieht man den Kaufkraftverlust des Geldes mit ein, bleibt eine reale Rendite von 2,5 Prozent pro Jahr (siehe Grafik) .

Foto: manager magazin

Allerdings dürfte die tatsächliche Rendite vieler Sammler deutlich niedriger liegen, denn der Kunstindex ist verzerrt: In den Daten enthalten sind nur Werke, die erfolgreich mehrfach verkauft wurden. Wertlos oder unverkäuflich gewordene Stücke bleiben außen vor, obwohl solche Fehlschläge nicht selten sind und die Rendite von Sammlern empfindlich schmälern können.

Anders als Gold, das mit einer jährlichen realen Rendite von 0,8 Prozent in den vergangenen 110 Jahren ebenfalls guten Schutz vor der Inflation bot, sind Kunstwerke kein homogenes Gut. Während eine Krügerrand-Münze so begehrt ist wie jede andere, unterscheiden sich die Vorlieben bei Kunst derart stark, dass trotz der jüngsten Rekordergebnisse bei den Herbstversteigerungen weiterhin Hunderte unverkaufte Werke bei Auktionen durchgefallen sind.

"Die versteckten Kosten sind hoch"

Kunst ist eben - anders als Aktien - nicht innerhalb von Sekunden handelbar. Sammlungen glichen unter Anlagegesichtspunkten eher einem Private-Equity-Fonds, der Unternehmen kaufe, um sie nach einigen Jahren weiterzuveräußern, sagt Hendrik Leber. Beruflich investiert der Gründer der Frankfurter Fondsgesellschaft Acatis nur in traditionelle Anlageklassen wie Aktien und Anleihen. Er ist aber dennoch ein Kunstbegeisterter, der noch dazu mit einer Galeristin verheiratet ist, viele Ausstellungen besucht und einen der größten deutschen Sammler in Finanzfragen berät.

"Kunst hat ebenso wie Private Equity eine lange Haltedauer, der Markt ist illiquide, die versteckten Kosten sind hoch", warnt Leber.

Das liegt vor allem an den hohen Gebühren von Galerien und Auktionshäusern. "Kauf und Verkauf eines Werks kosten meist 25 Prozent des Preises oder mehr", warnt HEC-Professor Spaenjers. Bei einer Haltedauer von zehn Jahren zehren diese Transaktionskosten daher die gesamte reale Durchschnittsrendite von 2,5 Prozent auf.

Keine Frage, Kunstfreunde müssen einen langen Atem haben. Die Anlagestrategen von Barclays Capital raten ihren Kunden, für Kunstinvestments einen Anlagehorizont von mindestens 35 Jahren einzuplanen.

Viel gewinnen, viel verlieren

Noch etwas hätten Kunstsammlungen und Private-Equity-Fonds gemeinsam, sagt Leber: "Die Rendite von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Investoren klafft in beiden Fällen weit auseinander." Während manche mit Glück oder Geschick zweistellige Renditen schaffen, verlieren andere viel Geld.

Denn der Wert von Kunstwerken ist schwer zu beurteilen und schwankt stark. Die Konsequenz: Nur Kreationen zu erwerben, die auch nach Jahren und Jahrzehnten noch den Geschmack treffen und sogar begehrter geworden sind, gelingt nicht vielen Sammlern.

Im Gegenteil: Werden Galeristen von Erben ins Haus geholt, stellen sie oft fest, dass neben ein oder zwei guten Bildern Dutzende unverkäufliche Dinge stehen, hat Leber beobachten müssen.

Bei aller Skepsis angesichts des trügerischen Geschmackswandels räumt der Vermögensverwalter jedoch ein, dass es auch am Kunstmarkt solide Werte gibt: "Was über Jahre hinweg in der Spitzengruppe begeistert, das ist dann auch gut. Gerhard Richter, Francis Bacon oder Joseph Beuys - die Solitäre bleiben übrig."

Um Ausnahmekünstler zu identifizieren, die in der Kunstwelt ein sehr gutes Renommee genießen, hilft der jährlich erscheinende Kunstkompass von manager magazin. Das bestätigten die Herbstauktionen in New York erneut.

Die Preise für Meister wie Roy Lichtenstein, Gerhard Richter und Louise Bourgeois, die seit Jahrzehnten im mm-Kunstkompass Spitzenplätze belegen, kletterten in surreale Höhen. Viele Preisrekorde wurden aufgestellt: Ein früher Lichtenstein brachte 43,2 Millionen Dollar; 20,8 Millionen Dollar wurden für ein abstraktes Bild des deutschen Malers Richter hingelegt. Die Bronzespinne der französischen Bildhauerin Bourgeois schoss auf 10,7 Millionen Dollar hoch.

Ein Ende des Preisanstiegs ist nicht zu sehen, glaubt der Kunstinvestor Philip Hoffman: "Es gibt so viel Geld wie noch nie im Markt. Die Menschen wollen jetzt in Kunst investieren."

Dies tun nicht zuletzt Family Offices, die das Geld von Unternehmerfamilien betreuen. Trotz aller Tücken dieser Anlageklasse gehören Beuys und Baselitz ebenso zur Investmentstrategie wie Forstbesitz und Gold, ergab die Studie "Mythos Family Office" im Jahr 2010.

Kunstfonds funktionieren selten

Anders als Unternehmenserben, Oligarchen oder Hedgefondsmanager verfügt aber leider nicht jeder Kunstfreund über die finanziellen Ressourcen, die nötig sind, um mehrere Millionen Euro in einen Warhol oder Rauschenberg zu stecken, hohe Kaufgebühren zu zahlen sowie die Kunst dann jahrzehntelang gut zu versichern und professionell lagern zu lassen.

Kunstfonds, die es vereinzelt gibt, bieten keinen Ausweg aus dem Dilemma. Bei Aktien oder Anleihen mag es sich ja lohnen, wenn Privatanleger sich zusammentun und einen Fondsmanager beauftragen - am Kunstmarkt funktioniert dieses Modell aber eher selten. Von den 36 Art Funds, die der Kunsthistoriker Noah Horowitz für seine 2011 von der Princeton University veröffentlichte Studie zum Kunstmarkt ausfindig machte, ist mindestens die Hälfte gescheitert, abgewickelt oder wenigstens vorübergehend geschlossen.

Auf der Liste befindet sich auch die einst in einer Villa an Hamburgs vornehmer Alsterterrasse residierende EECH Group mit dem Art Estate Kunstfonds 01. Die Unternehmensgruppe ist seit 2008 insolvent, die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gewerbsmäßigen Betrugs gegen mehrere Personen, darunter Unternehmenschef Tarik Ersin Yoleri. Der sagt, er habe 25 Millionen Euro in Kunst investiert, im besten Interesse der Anleger. Die Hauptverhandlung steht noch aus.

Seriöse Kunstfonds sind schwer zu erkennen

Fest steht indes schon jetzt: Für Anleger ist es kaum möglich, seriöse und zudem erfolgreiche Kunstfonds zu identifizieren. Wie aber sollen Sammler mit überschaubarem Budget dann in den Markt einsteigen?

In Deutschland gibt es hierauf eine Antwort, die aus einer mehr als 200 Jahre alten Bürgertradition stammt: die Kunstvereine. Sie sind eine Fundgrube für Neulinge, die auf dem schönsten aller Märkte aktiv werden wollen.

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, offeriert mehr als ein Viertel der rund 250 deutschen Kunstvereine qualitativ hochwertige Auflagenkunst zu sehr erschwinglichen Preisen - mit Aussicht auf Wertsteigerung.

Die sogenannten Jahresgaben werden in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern, die in den Kunsthäusern ausstellen oder ausgestellt haben, produziert. Bedingung für den Kauf ist in aller Regel die Mitgliedschaft, die jährlich bescheidene, steuerlich absetzbare 40 bis 60 Euro kostet.

Die Preise der Jahresgaben liegen oft erheblich unter dem späteren Marktwert. Ein hervorstechendes Beispiel: Zu Beginn der 70er Jahre bot der Hamburger Kunstverein schwungvolle Radierungen des Malers Arnulf Rainer an. Der Österreicher ist seit Jahren eine sichere Konstante im Kunstkompass des manager magazins. Damals jedoch waren seine Radierungen im 1817 gegründeten Kunstverein der Hansestadt zum Schleuderpreis von 20 Mark zu bekommen - ein halbwegs attraktiver Blumenstrauß kostet heute mehr. Ein Werk von Arnulf Rainer, die mit Ölfarben übermalte Fotografie "Spreitz Hand", brachte dagegen bei einer Auktion vor einem Jahr 110.000 Euro ein.

Außergewöhnlichen Erfolg hatte auch die noble Kestnergesellschaft in Hannover, dank ihrer 4287 Mitglieder der größte Kunstverein hierzulande, mit einer Gabe aus dem Jahr 1981. Seinerzeit verkaufte sie den farbenfrohen, signierten und nummerierten Siebdruck "Mick Jagger" des Pop-Art-Königs Andy Warhol für ganze 1000 Mark.

Aus heutiger Sicht spottbillig: Ein älterer Warhol-Siebdruck mit Jaggers Konterfei, vom Rolling-Stones-Sänger und von Warhol unterschrieben, wurde Mitte Dezember bei einer Auktion in Los Angeles auf 20.000 bis 30.000 Dollar taxiert.

Nummerierte und signierte Auflagenkunst ist vor Fälschungen sicher

Die Kestnergesellschaft produziert unterdessen munter weiter: In diesen Tagen bietet der Verein den prächtigen Holzschnitt "Black Hat Tim" des seit den 50er Jahren zu den wichtigsten US-Künstlern zählenden Alex Katz für 3000 Euro an. Das Porträt zeigt den deutschen Maler Tim Eitel.

Im breit gefächerten Angebot der Kunstvereine gibt es Holzschnitte, Siebdrucke und Lithografien, Objekte und Fotoeditionen in kleiner Auflage, aber auch Unikate wie Serien von Bildern, Zeichnungen oder Skulpturen. Die Skala der aktuell vertretenen Artisten reicht von umworbenen Weltmeistern und Kompass-Topkünstlern wie Jörg Immendorff bis zu Nachwuchsstars wie der Berliner Bildhauerin Ulla Rossek oder der aus Georgien stammenden Objektkünstlerin Thea Djordjadze siehe Fotostrecke).

Ein weiterer Vorteil: Die nummerierte und signierte Auflagenkunst ist weitgehend gefeit vor Fälschungen, die jetzt den Kunstbetrieb in Angst versetzen.

Dagegen ist selbst bei den größten Auktionshäusern niemand vor Fälschern sicher. Das musste der russische Milliardär Viktor Vekselberg erfahren, der über seinen Kunstfonds Aurora 2005 das Ölbild "Odaliske" (Deutsch: Liebesdienerin) für 2,9 Millionen Dollar erworben hatte. Als sich herausstellte, dass Experten dieses dem 1927 verstorbenen Maler Boris Kustodijew zugeschriebene Werk als Fälschung ansehen, verklagte der Oligarch das Auktionshaus auf die Rückzahlung des Kaufpreises.

Das Problem mit der Echtheit

Das Problem, die Echtheit festzustellen, wächst mit dem Alter der Werke. Dabei geht es nicht nur um Fälschungen, sondern oft ist nach Dekaden und Jahrhunderten schlicht nicht eindeutig zu klären, von wem ein Gemälde stammt. Bei zeitgenössischen Künstlern dagegen reicht meist eine Anfrage im Atelier, um die Echtheit zu überprüfen. Für verstorbene Meister des 20. Jahrhunderts übernimmt häufig so wie bei Beuys eine Nachlassverwaltung diese Aufgabe.

Für die Jahresgaben bürgen dagegen die Kunstvereine, die selbst an der aufwendigen Produktion beteiligt sind. Der frühere Direktor des Kölnischen Kunstvereins und jetzige Chef der Nationalgalerie in Berlin, Udo Kittelmann, erzählt, dass die Realisierung mitunter "so zeit- und finanzaufwendig war wie eine anspruchsvolle Ausstellung".

Nicht nur die guten Kunstvereine präsentieren immer wieder solche Angebote mit Museumsqualität. Für Sammler mit Erfahrung empfiehlt es sich, bei seriösen Editeuren und Galeristen und vor allem auf den vielen Kunstmessen im In- und Ausland zu sichten und zu vergleichen. Die Auswahl an serieller Kunst und Unikaten wie bemalte Leinwände, Collagen und Skulpturen beinhaltet derzeit einige aussichtsreiche Stücke. Die Vorbesichtigungen in Auktionshäusern lohnen ebenfalls, weil sie solide Informationen über den Markt liefern und das Auge für Qualität und Vergleiche schulen.

"Schauen Sie sich so viele Ausstellungen wie möglich an", sagt die Sammlerin Karola Krauss, die den Braunschweiger Kunstverein leitete und seit gut einem Jahr das Museum für Moderne Kunst in Wien führt. "Studieren Sie Kataloge und Fachliteratur, reden Sie mit Experten wie Sammlern, Künstlern, Galeristen, Ausstellungsmachern, und bilden Sie sich dann eine Meinung von dem, was sie sammeln möchten."

Wie sehr das Stöbern nach aussichtsreichen Editionen lohnen kann, belegt das Beispiel von René Block und seiner legendären Berliner Galerie. Für gerade einmal 300 Mark offerierte er 1969 den "Schlitten" von Joseph Beuys in einer Auflage von 50 Exemplaren. Einen solchen mit Filz, Gurten, Stablampe und Fett beladenen Schlitten verkaufte das Auktionshaus Lempertz im Juni 2010 für 287.000 Euro.

Andererseits sind noch heute die brisanten und innovativen Editionen des Aktionskünstlers Beuys für wenige Hundert Euro bei der Edition Staeck zu erwerben. Dabei handelt es sich keineswegs um unbedeutende Stücke, denn der Filz- und Fettmagier sah in seinen über 500 Editionen aus Fett und Schwefel, Blut und Schiefer wichtige Kommunikatoren seines erweiterten Kunstbegriffs, der auf eine Verbesserung der Gesellschaft abzielt.

Schon 1979 malte der sendungsbewusste Visionär bei der Feier zur zehnten Ausgabe des Kunstkompasses in der Düsseldorfer Galerie Hans Mayer mit roter Farbe auf sein überlebensgroßes Fotoporträt: "Kunst = Kapital". Sein wortkarger amerikanischer Freund Andy Warhol stand neben ihm, nickte und sagte: "Yes. Isn't it nice?"

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