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Silicon Valley: Jagd auf die Über-App

Foto: Winni Wintermeyer

Silicon Valley Die Jagd auf die Über-App

Eine junge Generation von Entrepeneuren ist auf der Jagd nach der Super-App. Lifestyle-Erfinder sind die neuen Könige im Silicon Valley. Ein Report vom innovativsten Ort der westlichen Welt.
Von Astrid Maier

San Francisco - Der Mythos ist intakt, und seine Erzählung folgt dem immergleichen Muster: Junger, mittelloser Mann hat eine geniale Idee, findet gute Menschen, die an ihn glauben. Es schließen sich - so viel Drama muss sein - Rückschläge an, die unseren Helden an den Rand des Scheiterns bringen. Er schafft dann noch den Durchbruch und wird, logisch, fabelhaft reich.

Wagemut und Gründergeist, Aufstieg und Fall, außergewöhnliche Intelligenz und jede Menge Dollars: Das sind die Zutaten der Märchen aus dem Silicon Valley. Und Brian Chesky (30) ist Profi genug, sich an die Erzählmuster zu halten.

Chesky sitzt in einem schicken Wohlfühlbüro in San Francisco und rekapituliert die Geschichte seiner Firma Airbnb: Wie er und seine beiden Kompagnons im Gründungsjahr 2008 wegen der Finanzkrise nicht etwa aufgeben, sondern ihren Teil zur Rettung der Welt beitragen wollen ("Die Menschen brauchen uns jetzt erst recht").

Wie die Entbehrungen an den Gründern nagen ("Meine Kreditkarte war mit 15.000 Dollar belastet, ich hatte Hunger, habe richtig abgenommen"). Wie das Trio ins Silicon Valley zieht, am Ideenwettbewerb des berühmten Inkubators "Y Combinator" teilnimmt, Kontakte zu Förderern und Geldgebern bekommt. Wie sie seither als Gründer von Airbnb, des von Investoren derzeit wohl am intensivsten hofierten Start-ups des Valleys, glücklich weiterleben.

Technik-Nerds spielen diesmal nicht die Hauptrolle

Wer Chesky in der Airbnb-Zentrale in San Francicos Designerstadtteil Potrero Hill lauscht, dem fällt auf, dass diesmal an der Erfolg-im-Silicon-Valley-Saga etwas ganz anders ist: Kein Technik-Nerd spielt darin die Hauptrolle. Brian Chesky hat Design studiert, statt Streberbrille trägt der CEO dicke Muskelpakete unter dem T-Shirt. Seine Innovation besteht darin, im Internet von und an Privatpersonen Unterkünfte zu vermitteln, die meist billiger sind als Hotels.

Airbnb ist weniger Technologieunternehmen als Lifestyle-Start-up. Und so sieht es in der Firmenzentrale auch aus: Die junge Empfangsdame begrüßt Besucher im lilafarbenen Volantkleidchen, die Haare zu einem Dutt hochgesteckt, wie ihn die Mode-Blogs von Paris bis New York gerade vorschreiben. Ein Angestellter gleitet auf einem rosafarbenen Tretroller durch die weißen Gänge des Lofts, das Airbnb als Zentrale dient.

Kommt jetzt eine neue, goldene Ära?

Willkommen im Silicon Valley des App-Zeitalters, willkommen bei Airbnb! Seit Facebook und Apple  um ihr Geschäftsmodell riesige Plattformen für Innovatoren und Gründer geschaffen haben, hat sich die legendäre Tech-Enklave selbst zu einer großen Bühne gewandelt: Auf ihr sind es jetzt Zeitgeistfindige wie Chesky, der mit seinem Bettenportal für die Facebook-Generation die Hoffnungen der Branche nährt. Vorbilder für all jene, die selbst mit dem nächsten großen Ding der Internetwirtschaft aufzusteigen hoffen.

"In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird es nun darum gehen, was alles auf Facebook obendrauf gebaut werden kann, nun, da wir die Leute erfolgreich miteinander vernetzt haben", läutete Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor Kurzem die neue Ära ein.

Viele glauben, dass dies wieder eine goldene Ära wird: In diesem Jahr dürften so viele Investitionen der Wagniskapitalgeber in die Region fließen wie seit Ausbruch der Finanzkrise nicht mehr. Selbst Facebook hat Mühe, neue Programmierer zu finden, weil Uni-Absolventen derzeit lieber ihr eigenes Unternehmen gründen wollen: Die Jagd auf die Über-App hat gerade erst begonnen.

Das Silicon Valley, das ist jener legendäre Ort, wo 1939 Stanford-Absolvent Bill Packard von seiner Garage aus den heute weltweit größten Computerbauer, Hewlett-Packard , hochzog. Wo vor über 30 Jahren Steve Jobs in den Forschungslaboratorien von Xerox  jene Erfindung erblickte, die er als grafische Benutzeroberfläche in seinen ersten Mac einbaute und letztlich mit Apple die Computerwelt revolutionierte.

Designer werden zu Vorbildern

Noch beim Internetgiganten Google, gegründet 1998, geht es um Technologie; die Gründer Larry Page und Sergey Brin sind Softwarekünstler. Dass jetzt Designer wie Chesky zu Vorbildern werden, zeigt den Trend im neuen Silicon Valley: Innovation bedeutet jetzt vor allem, digitale Lifestyle-Services zu entwickeln.

"Hi, I'm Andy", sagt der schlaksige Mann im regenbogenfarben gestreiften T-Shirt mit Lacoste-Krokodil und weist freundlich den Weg in den nächstgelegenen Konferenzraum. Andy, in Deutschland besser bekannt als Andreas von Bechtolsheim, ist ein Gigant aus der Klassik-Ära; er hat 1982 den IT-Konzern Sun Microsystems gegründet, mit dessen Servern riesige Rechenkapazitäten massenfähig wurden. Von Bechtolsheim hat sich einen Platz im Valley-Olymp neben Packard und Jobs erarbeitet.

Sun gehört heute dem Konkurrenten Oracle , aber von Bechtolsheim mischt weiter im Hardwaregeschäft mit. Mit Erfolg. Vor Kurzem ist sein neues Unternehmen Arista Networks von Palo Alto nach Santa Clara gezogen. Arista baut Switches, Netzwerkschaltstellen, mit denen sich Daten im Internet besonders schnell und günstig übertragen lassen. "Wir konnten in das Geschäft - ganz ohne Unterstützung - nur einsteigen, weil wir schon so viel Erfahrung haben", sagt er. Das sei entscheidend, um gegen die fast übermächtige Hardwarekonkurrenz aus Asien zu bestehen.

Die neue Generation hat es leichter

Verehrt wird "Andy" nicht zuletzt, weil er als Erster den Google-Erfindern einen Scheck in Höhe von 100.000 Dollar ausschrieb. Wie hält es also die Investorenlegende mit dem neuen Geist, der im Valley Einzug hält?

Oh, sagt von Bechtolsheim, das sei eine ganz logische Entwicklung. Die neue Generation habe es viel leichter, Ideen umzusetzen: Softwaretools, Grundwerkzeuge also, die ein Entwickler benötigt, um eine Idee umzusetzen, "sind heute viel einfacher zu bedienen als früher". Vor allem aber sei das Entwickeln billig geworden: "Wir mussten uns die Server noch selbst bauen, heute mietet man Speicherkapazitäten einfach bei Amazon ."

Das Schöne an den Amazon-Servern ist, dass sie jeder von (fast) überall anmieten kann. Trotzdem zieht es Tech-Findige wie Chesky wieder ausgerechnet hierher, ins Silicon Valley.

Im ersten Stock von 558 Waverly-Street in Palo Alto, der inoffiziellen Valley-Kapitale, über dem Edelchinesen "Tai Pan", hauen beim Start-up Shopkick zwei Dutzend Programmierer in die Tasten. Am einen Ende des Großraumbüros steht der Tischtennistisch, es gibt einen separaten Raum zum Entspannen, die bunten Sandsäcke darin sollen zum Raufsetzen und lockeren, genialen Sinnieren einladen. Angeknabberte Pizzateile welken in aufgeklappten Pappschachteln neben Tastaturen vor sich hin, ein Etagenbett soll jene auffangen, die vor Entwicklererschöpfung ein Nickerchen benötigen.

Wie eine echte Valley-Predigt

Das Silicon Valley bestätigt sein eigenes Klischee, und das Klischee wirkt anziehend. Dies ist einer der Erfolgsfaktoren der Region. Zuletzt gab es Momente wie die Shopkick-Szenerie sogar in einem Hollywood-Kassenschlager zu bestaunen: in "The Social Network", dem Film über den Aufstieg Zuckerbergs und Facebooks. Auch wenn Zuckerberg bestreitet, dass es sich im wahren Leben so zugetragen habe: Die Legendenbildung, die Selbstmystifizierung spornt an. Und lockt immer noch neue Talente an.

Shopkick-Gründer Cyriac Roeding (38) pilgerte 2008 ins Valley, er stammt aus Wehrheim im Taunus und weiß schon nicht mehr, ob er mit dem Besuch aus der Heimat lieber Englisch oder Deutsch sprechen soll. Roeding hat eine App entwickelt, die Rabattaktionen aufs Handy schickt - jedes Mal, wenn der Kunde eines seiner Lieblingsgeschäfte betritt. "Wir bringen die Leute in schlechten wirtschaftlichen Zeiten wieder in die Läden", beschwört der Start-up-CEO die Zukunftsfestigkeit seines Geschäfts.

Es klingt wie eine echte Valley-Predigt. Sie mögen hier gerade nicht am Killer-Algorithmus basteln, und doch bringen die Valley-Erfinder Innovationen hervor, wie sie es immer getan haben: So befriedigen Airbnb und die Shopkick-App das Bedürfnis der Menschen, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten maßvoll zu haushalten. Es sind dem Zeitgeist entsprungene Innovationen - Lebenshilfen für eine neue Ära der Austerity, die viele Nationen des Westens im Griff hält.

Und anders als der Rest der USA badet das Valley geradezu in Geld. Insgesamt 20 Millionen Dollar Startfinanzierung war Roedings Idee den Wagniskapitalgebern Kleiner Perkins Caulfield Byers und Greylock wert. Das ist der Ritterschlag in jedem Tech-Märchen: Kleiner etwa hat schon Unternehmen wie Google  zum Aufstieg verholfen. Das Netzwerk aus Eliteuniversität Stanford, Wagniskapitalgebern auf der Sandhill Road in Menlo Park und Förderern wie von Bechtolsheim wird viel beschworen - doch nirgends in dieser Konsequenz kopiert: "Ich hatte gar nicht vor, ins Valley zu ziehen", sagt Airbnb-CEO Chesky, der aus New York stammt. "Es ist unser natürliches Versorgungssystem."

The american dream

Die Tech-Enklave ist heute noch viel mehr: Sie ist womöglich der letzte Ort, an dem die Wagemutigen sich noch trauen, das Versprechen vom American Dream für sich einzufordern.

Iced Caffè Latte, salzige Snacks aus Venezuela, kostenloser Internetzugang, an jedem Tisch sitzt jemand vor seinem aufgeklappten Apple-Rechner - im "Coupa Cafe" in Palo Alto treffen sich alle, die eine gute Idee haben, mit denen, die das Geld für deren Verwirklichung mitbringen. Nirgendwo ist die Wahrscheinlichkeit größer, zufällig demjenigen gegenüberzusitzen, der als Nächstes die Internetökonomie erobern wird.

Vielleicht ist Travis Kiefer (24) dieses neue Supertalent. Er sitzt da in kurzen Hosen und ausgewaschenem braunem T-Shirt - ein Stanford-Doktorand und zweifacher Unternehmensgründer im legeren kalifornischen Stil. Auch er ist ein Liebhaber der großen Erzählung vom Tal der Tüchtigen: "Fast alle, die in den vergangenen Jahren etwas auf der Welt bewirkt haben, waren Tech-Unternehmer."

Er hat sich deshalb nur an einer Universität beworben: Stanford. Dass Kiefer es hier zum Studium samt Stipendium gebracht hat, war schon ein weiter Weg: Er stammt aus einem 1200-Seelen-Örtchen in South Dakota, seine Eltern gehören mit einem Einkommen von 25.000 Dollar im Jahr "zu den unteren 5 Prozent in Amerika", wie er sagt.

Als Unternehmensgründer, erzählt er unaufgeregt, wolle er das Soziale wie bei Facebook mit dem Sozialen wie bei der Caritas verbinden - einer der nächsten Tech-Trends, glaubt man Zukunftsforschern. Bei Kiefer klingt das so: "Es gibt zu wenige Tech-Unternehmen, die sich auf die Mitmenschlichkeit konzentrieren."

"Ich will, dass Google meine Seite übernimmt"

Bislang arbeitet er noch an profaneren Projekten. Sein neues Unternehmen "27 Bards", eine Art Facebook für Individualtourismus, soll Reisende mit passenden Führern vernetzen, seien die Tourwünsche auch noch so ausgefallen, etwa Gourmetausflüge im Latino-Viertel Mission von San Francisco. "Ich bin über eine hübsche Marktlücke gestolpert", sagt Kiefer und strahlt.

Obwohl das Projekt noch im Aufbau steckt, "mache ich schon so viel Cash, dass ich keine weiteren Finanzierungen benötige". In einem Jahr peilt er die erste Umsatzmillion an. "Ich will, dass Google meine Seite übernimmt", sagt Kiefer. Mit dem Erlös würde er am liebsten das Tech-Unternehmen gründen, "das die Welt verändert, ohne dass nur die Reichen dabei reicher werden".

Für den Moment berauschen sich die Menschen im Tal noch am Überfluss: Wo Palo Alto, Stanford und Menlo Park zusammentreffen, hat Tesla einen seiner größten Showrooms postiert. Im Supermarkt der Feinkostkette "Draeger's" finden sich Château Lafite Rothschild zu 1500 Dollar und Remy Martin Louis XIII. für 2300 Dollar pro Flasche.

Wie nachhaltig ist dieses Lebensgefühl? "Im Silicon Valley konzentriert man sich aufs Kurzfristige, das ärgert mich", warnte selbst Facebook-Chef Zuckerberg neulich vor zu viel Gründer-Aktivismus. "Die vergangenen zwölf Monate waren besonders bewegte Zeiten", meint Matt Murphy, Partner beim Wagniskapitalfonds Kleiner, "vielleicht ein bisschen zu bewegt." Besorgt scheint der Profi-Investor angesichts der eigenen Diagnose indes nicht: Murphy, ein braun gebrannter, gut gelaunter Vertreter seiner Zunft, wischt unentwegt auf seinem neuen iPhone herum: "Ich habe es eben erst im Apple-Store abgeholt."

Die Valley-Zuversicht

Wagnisfinanzierer wie Kleiner, einer der Ersten, die sich 1972 hier niedergelassen haben, seien bei den heutigen Gründern viel bekannter als noch vor 20 Jahren, sagt Murphy. Dafür aber sei der Wettlauf der Investoren untereinander extrem: "Es finden jetzt Auktionen statt. Es werden in der ersten Finanzierungsrunde 40, 60, ja 70 Millionen Dollar eingesammelt. So kommen verrückte Bewertungen zustande." Schließlich seien bis vor Kurzem noch zehn Millionen die Regel gewesen.

Auch Murphy, klar, beherrscht die Kunst der Valley-Zuversicht: Solange jeder Traditionskonzern "nach der richtigen Strategie fürs mobile Geschäftszeitalter sucht, ist noch viel drin", meint der Kleiner-Mann und gleicht jetzt die Daten seines neuen Mobiltelefons mit dem Computer ab.

Bei Facebook, dem Mutterschiff der Plattform-Economy, denkt man schon einen Schritt weiter: Das Freundenetzwerk will der darbenden US-Wirtschaft auf die Beine helfen.

"H-A-C-K" - die Buchstaben kleben von links nach rechts und von oben nach unten auf der Glastür zur Facebook-Zentrale in Palo Alto. Hack, das Motto des Firmengründers, sei aber bitte als "positive Disruption" zu verstehen, sagt die Facebook-Sprecherin.

Als solche gemeint ist auch das Geschenk, das Zuckerberg für Unternehmen vorbereitet: Werbung im Wert von zehn Millionen Dollar will Facebook ab Januar an Selbstständige verteilen und diese schulen, wie sie das Netzwerk mit seinen 800 Millionen Nutzern als Werbeplattform für das eigene Gewerbe nutzen können. "Die meisten Jobs in Amerika entstehen bei kleinen Unternehmen. Es besteht die Hoffnung, dass Unternehmen wie Facebook einige Probleme der US-Wirtschaft lösen können", sagt Grady Bernett, für den globalen Vertrieb zuständig.

Brian Chesky in San Francisco hat in diesem Jahr die Zahl seiner Angestellten auf 200 erhöht - ein Wachstum um 600 Prozent, wie er vorrechnet. "Und wir werden Tausende Jobs mehr schaffen." Denn seine Geschichte, so hofft der Unternehmensgründer jedenfalls, ist noch nicht an ihrem Schluss angelangt. Chesky will eine Firma aufbauen, "die Generationen überdauert, wie Walt Disney  und Steve Jobs es getan haben", sagt er.

Dann nimmt er einen Schluck aus dem Plastikfläschchen mit der Aufschrift "Muscle Milk", das er sich heute zur Stärkung mitgebracht hat.

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