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Teures Pflaster: Was Häuser, Autos und Anzüge im Steuerparadies Singapur kosten

Foto: ? Kacper Pempel / Reuters/ REUTERS

Euro-Krise Letzte Zuflucht Singapur

Singapur - Martin Lechner (42) steht auf der Plattform des "Marina Bay Sands" in Singapur und blickt auf die Bankentürme des Finanzbezirks. Dort hat er sein Büro, seit er im August aus der Schweiz in die asiatische Finanzmetropole umgezogen ist - zusammen mit den mehr als 600 Millionen Euro, die einige sehr wohlhabende Klienten aus Deutschland und Russland ihm anvertraut haben.

Der fast zwei Meter große Deutsche beugt sich über die gläserne Brüstung der Plattform, die ein tollkühner Architekt auf die drei Türme des "Marina Bay Sands" gelegt hat. "Schauen Sie sich mal den Überlaufpool an", sagt Lechner. Der ist nur Schwindelfreien zu empfehlen: Das Wasser scheint aus 200 Metern Höhe über den 150 Meter langen Beckenrand direkt in die Skyline zu fließen.

Hier über den Dächern der Stadt ist einer der Treffpunkte der europäischen Geldverwalter, die in der Ferne eine neue Heimat gefunden haben. Als Lechner sich kürzlich sonntags am Pool entspannte, lief ihm ein anderer Vermögensverwalter aus der Schweiz über den Weg, der ebenfalls gerade erst nach Singapur übergesiedelt war.

Keine Frage, Asiens Finanzmetropole ist bei Europäern beliebt wie nie. Auch sein Büro teilt Lechner mit einem Zuzügler aus der Alpenrepublik. "Alle kommen aus den gleichen Gründen: Singapur bietet einen sicheren Rechtsrahmen, die besten Experten für Asiens Wachstumsmärkte und stabile Banken", sagt Lechner.

Was für ein Kontrast zur Alten Welt, wo die Politiker über die Rettung maroder Staaten und Geldhäuser streiten und die Schulden, die sie dafür aufnehmen müssen, über höhere Erbschaft- und Vermögensteuern finanzieren wollen.

Wohlhabende investieren in asiatische Währung

Die Angst ums Geld geht um wie schon lange nicht mehr. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert Wagner, hat bereits höhere Steuern für Reiche gefordert - am besten als überraschende und einmalige Vermögensabgabe. "Es gäbe keine Möglichkeit, sich zu entziehen", so Wagner. Nicht nur Grüne und SPD verlangen höhere Steuern für die Vermögenden, sondern - hinter vorgehaltener Hand - auch Wirtschaftsberater der Bundesregierung.

Mit einer Reichenabgabe läge Berlin im europäischen Trend: Frankreich hat im Oktober bereits eine Sondersteuer von 3 Prozent auf Einkünfte ab 250.000 Euro beschlossen, die so lange fällig wird, bis Frankreichs Staatshaushalt ausgeglichen ist. Spanien hat ebenfalls eine Reichensteuer beschlossen.

Und wenn der Fiskus nicht zugreift, drohen andere Gefahren. "Ausreichend Wachstum, um die Schulden tragen zu können, gibt es nicht", sagt Bert Flossbach, Co-Gründer des Vermögensverwalters Flossbach von Storch in Köln. "Auch das Heraussparen aus den Schulden funktioniert nicht, wenn es die großen Industriestaaten der Welt alle gleichzeitig tun und die Nachfrage kollabiert. Also bleibt als letzte Möglichkeit die finanzielle Repression." Dabei halten Regierungen und Notenbanken die Zinsen für Staatsanleihen niedrig und lassen höhere Inflation zu - um so die Staatsschulden zu entwerten. Leider schrumpfen dabei auch die in Euro-Anleihen angelegten Ersparnisse der Bürger.

Nicht einmal Goldbarren in europäischen Banktresoren gelten noch als sicher. Denn ein Verbot des privaten Goldbesitzes, wie es in den USA von 1933 bis 1974 in Kraft war, halten Vermögensverwalter wie Heinz-Werner Rapp von Feri Finance nicht mehr für ausgeschlossen, falls der Goldpreis weiter steigen sollte.

Da verwundert es nicht, dass Wohlhabende statt in Euro und Dollar lieber in asiatische Währungen investieren, deren Wert in den kommenden Jahren noch steigen könnte. Dass sie einen Teil ihrer Goldbarren in einem Banktresor in Singapur deponieren möchten, wo Zwangsmaßnahmen und Goldverbote unwahrscheinlich sind - und dass sie dazu gleich ein Konto, Aktien und Immobilien in Asien anschaffen, wo keine Strafsteuern und Zwangsanleihen drohen.

Enormer Kapitalabfluss aus der Schweiz

Spätestens seit die Schweizer mit dem neuen Doppelbesteuerungsabkommen deutsche Schwarzgeldbesitzer außer Landes treiben, bleibt als letzter offener und zugleich sicherer Hafen nur noch Singapur. Der Stadtstaat wird in der globalen Schuldenkrise zum bedeutendsten Fluchtpunkt der Reichen und ihrer Berater. Singapur dürfte schon 2013 die Schweiz als wichtigstes Finanzzentrum für die Wohlhabenden der Welt ablösen, ergab eine weltweite Umfrage von PricewaterhouseCoopers unter 275 Privatbankern und Vermögensverwaltern.

Heute leben in dem tropischen Finanzparadies bereits 183.000 Dollar-Millionäre; im Jahr 2016 werden es mehr als doppelt so viele sein, schätzt Credit Suisse .

Attraktiv wirken nicht zuletzt die kapitalstarken Banken hier, sagt Martin Lechner. Das bestätigt auch eine Studie des Finanzmarktdienstes Bloomberg zu den stabilsten Banken der Welt. Mit weitem Abstand vorn: die Geldkonzerne Singapurs. DBS, die größte lokale Bank, liegt auf Rang fünf, gefolgt von der United Overseas Bank (UOB) auf Rang sechs. Ganz oben auf dem Spitzenplatz thront die Oversea-Chinese Banking Corporation (OCBC) mit ihrer Privatbanktochter Bank of Singapore (BOS) - die sich als stärkste Bank der Welt bezeichnen darf.

Das Renommee seines Instituts im Ausland sei geradezu fantastisch, frohlockt BOS-Chef Renato de Guzman. "Viele halten uns für so etwas wie die Bank of England", sagte er Mitte Oktober bei seinem Auftritt auf der Branchenkonferenz im Hotel "Raffles".

De Guzman, der mit seiner Frau Kathy wegen ihrer opulenten Feiern und Dinner regelmäßig Objekt der Berichterstattung in den örtlichen Klatschspalten ist, hat immer häufiger gut begüterte Europäer zu Gast, die er in Nobel-Chinarestaurants wie das "Imperial Treasure" ausführen muss. Gleich mehrere Family Offices, die Unternehmerdynastien mit mehreren Hundert Millionen Dollar betreuen, "planen den Gang nach Singapur", sagt er und prahlt: "Der Zufluss an Kapital ist sehr stark. Es war noch nie so einfach wie heute." Für den Privatbankier läuft es in der Tat bombig: Das verwaltete Kundenkapital ist seit 2003 durchschnittlich um 24 Prozent pro Jahr gewachsen, bis auf 26,4 Milliarden US-Dollar Ende 2010.

Auch Steuerflüchtlinge zieht es nach Singapur

Doch das ist erst der Anfang. Asiens Steueroase lockt nämlich nicht nur Anleger, die sichere Banken und neue Wachstumsmärkte suchen. Massenhaft ziehen auch Steuerflüchtlinge nach, die ihr Geld bislang in der Alpenrepublik gebunkert hatten.

"Es gab bereits einen enormen Kapitalabfluss aus der Schweiz nach Singapur, und der wird in den kommenden Jahren noch einmal massiv anschwellen", sagt Martin Sorg (52), Steuerberater und Partner bei der Kanzlei Binz in Stuttgart.

Denn wenn die Schweiz und Deutschland wie erwartet ihr Doppelbesteuerungsabkommen ratifiziert haben, müssen Schwarzgeldbesitzer voraussichtlich bis Mai 2013 eine Strafsteuer von mindestens 19 Prozent auf ihr komplettes Schweizer Vermögen zahlen. Das ist der Preis für Anonymität und Straffreiheit.

Die Teilenteignung durch den Fiskus aber wollen viele Steuerhinterzieher nicht hinnehmen. "25 bis 50 Prozent derjenigen, die jetzt in der Schweiz unter Druck geraten, sind nicht geläutert und suchen nach anderen Zufluchtsorten. Ein Großteil davon wird in Singapur landen", urteilt der Steuerberater.

Der Inselstaat hat zwar in den vergangenen Jahren ebenfalls Doppelbesteuerungsabkommen unterschrieben, unter anderem mit Deutschland - aber in der Praxis hat sich nichts geändert. "Das Bankgeheimnis ist mindestens so gut wie das der Schweiz in den besten Zeiten", sagt Sorg.

Idealer Rechtsrahmen für Europäer

Anfragen ausländischer Steuerbehörden werden von Singapurs Behörden nur in einzelnen, detailliert begründeten Verdachtsfällen überhaupt zur Kenntnis genommen. Und bevor auskunftssuchende Ermittler auf eine Antwort hoffen können, muss die örtliche Steuerbehörde erst das zweithöchste Gericht des Stadtstaates, den High Court, um Erlaubnis bitten, ob irgendwelche Daten herausgegeben werden können.

"Bankkunden genießen weiterhin angemessenen Schutz vor der Enthüllung privater Informationen", urteilt Jek Aun Long, Partner bei der ortsansässigen Wirtschaftskanzlei Allen & Gledhill.

Dass die Lage im Tropenstaat noch paradiesisch ist, liegt nicht nur am Steuergeheimnis. Kapitalerträge wie Zinsen und Dividenden sind steuerfrei. Die Einkommensteuer ist bei 20 Prozent gedeckelt. Ausländer zahlen sogar nur einen Pauschalsatz von 15 Prozent, und auch der lässt sich oft ganz vermeiden.

"Die Finanzaufsicht agiert clever, legt großen Wert auf Sicherheit und fährt beim Thema Bankgeheimnis einen vernünftigen Ansatz", sagt Peter Flavel, Chef der Vermögensverwaltung bei der US-Großbank J. P. Morgan in Asien. "Singapur bietet einen nahezu idealen Rechtsrahmen für Europäer. Nicht unbedingt als Ersatz für Genf, aber als Zusatz."

Singapur als zweite Heimat also, so wie es für den Australier Flavel längst zur Gewohnheit geworden ist. Seit fast zwölf Jahren lebt er hier. Bevor er zu J. P. Morgan wechselte, baute er für die britische Bank Standard Chartered  das Geschäft mit der vermögenden Klientel in Asien auf. Er fing fast bei null an und schaffte es auf rund 50 Milliarden Dollar verwaltetes Kundengeld. Ein beträchtlicher Teil davon kommt aus Europa.

"Viele Banken bieten das Ticket nach Singapur"

"Viele in der Schweiz präsente Banken bieten das Ticket nach Singapur", sagt Steuerberater Sorg: "Wenn ein Kunde die Option Singapur ziehen möchte, dann reicht ein Gespräch mit seinem Berater. Alles Weitere wird diskret für ihn geregelt". Das Geld wird überwiesen, der Besitzer muss noch nicht einmal in einen Flieger nach Fernost steigen.

Wie wichtig der Fluchtpunkt Singapur inzwischen für Schweizer Privatbanken ist, lässt sich an der Karriere von Markus Kobler ablesen. Für die Züricher Privatbank Julius Bär  hat er in Singapur in nur sechs Jahren ein zweites Hauptquartier mit mehreren Hundert Mitarbeitern aufgebaut. Der Anteil Asiens am verwalteten Vermögen der Bank kletterte von nahe null auf mehr als 10 Prozent. In fünf Jahren soll gar ein Viertel der Kundengelder in seinem Verantwortungsbereich zu finden sein, hat Julius Bär verkündet.

An diesem Freitagmorgen im Oktober steht Kobler in einem Großraumbüro des Harbourfront Tower. Vor der Fensterfront schwappen türkisfarbene Wellen ans Inselufer. Unweit des Büros liegt Koblers Jacht, mit der er am Nachmittag nach Indonesien fahren will, um dort das Wochenende über auszuspannen.

Unter der Woche verbindet Kobler gern das Angenehme mit dem Nützlichen und verbringt die Zeit im vornehmen Swiss Club. Dort, wo potenzielle Kunden unter Palmen am Pool liegen, Tennis spielen oder ihre Kinder von den deutschsprachigen Schulen abholen, die sich auf dem Klubgelände niedergelassen haben.

"Dort sehen sie dann die Vertreter der deutschen Unternehmerfamilien, die ihre Söhne nach Singapur schicken, um von hier aus das Asien-Geschäft der Firma zu führen", sagt der Julius-Bär-Banker.

900 deutsche Unternehmen sind in der Metropole am Südchinesischen Meer ansässig, das führt viele Firmeneigentümer und Manager in die Stadt. "Bei dieser Gelegenheit kommt man dann darüber ins Gespräch, wie man hier sein Vermögen investieren kann", sagt Kobler.

Singapur ist teuer

Firmenerben und Topmanager finden in den stark wachsenden Volkswirtschaften Asiens eine Fülle von Investitionsmöglichkeiten, die sich von Singapur aus gut erschließen lassen. Das beginnt mit flotten Devisengeschäften: Mit Singapur-Dollars oder chinesischen Renminbi lässt sich auf den Aufstieg Asiens und den Niedergang Europas wetten.

Spezialisten für dividendenstarke asiatische Aktien finden sich hier zu Dutzenden. Sie empfehlen ihrer Klientel Papiere, die von stabilen Einnahmen aus dem Mobilfunkgeschäft oder dem Betrieb von Einkaufszentren profitieren. Und natürlich fällt der Blick auf die Wachstumsmärkte Chinas, Indiens und Indonesiens leichter als von Europa aus.

"Ein Netzwerk aus Asien-Experten aufzubauen, das geht nur hier vor Ort - nicht von Zürich, London oder Frankfurt aus", sagt Vermögensverwalter Lechner. Er rät Unternehmerfamilien dazu, einen leitenden Family-Office-Mitarbeiter nach Singapur zu schicken, da Juniorkräfte häufig überfordert seien.

Von Fernost aus ein europäisches Familienvermögen zu verwalten hat seine Tücken, weiß Lechner. Dabei ist die Zeitverschiebung von sieben Stunden, deretwegen er bis tief in die Nacht im Büro sitzt, noch das geringste Problem. Schlimmer ist: Das Leben ist sehr teuer. Oberklasselimousinen zum Beispiel sind zwei- bis dreimal so teuer wie in Europa.

Ein niederländischer Banker rühmte sich kürzlich bei einem Dinner, einen neuen Porsche 911 selbst importiert zu haben, für sagenhaft günstige 390.000 Singapur-Dollar (220.000 Euro). In Deutschland ist ein solches Gefährt mit den nötigsten Extras schon ab 100.000 Euro erhältlich.

Trotz aller Widrigkeiten ist es viel einfacher, ausländische Fachleute für Singapur zu begeistern als für manch andere Steueroase. "Wenn sie ein Family Office in Dubai gründen, laufen ihnen die Mitarbeiter oft binnen weniger Monate davon", sagt eine Anwältin, die vermögende Familien und Privatbanken berät. "Hier in Singapur bleiben sie mehrere Jahre."

Robert Meyer (37) hat sogar den Großteil seines Lebens hier verbracht. Der Aufstieg Singapurs von der Fertigungs- zur Finanzmetropole ist Teil seiner Familiengeschichte: Der Vater verließ in den 70er Jahren das niedersächsische Hoya und ging nach Fernost, um dort Handelsgeschäfte mit der aufstrebenden Autoindustrie zu tätigen. Robert Meyer ist hier aufgewachsen und inzwischen geschäftsführender Partner der Halcyon Group, einer Beteiligungsgesellschaft mit Investitionen in Singapur, China und Indonesien.

Doch gerade er, der Asien viel verdankt, sehnt sich heute mehr denn je nach der Alten Welt. Denn die hohen Lebenshaltungskosten machen selbst wohlhabenden Deutschen zu schaffen. Zum Beispiel beim Wohnungskauf.

"Wenn sie in Hamburg 1,5 Millionen Euro investieren, dann haben sie eine wirklich schöne Wohnung", schwärmt Meyer. "Aber in Singapur sind sie damit gerade einmal im Mittelfeld."

Eine von Julius Bär durchgeführte Studie zu den Lebenshaltungskosten veranschlagt die nötige Investition für ein Luxushaus mit 400 Quadratmetern Wohnfläche auf umgerechnet sieben Millionen Euro. Die Makleragentur Morgan Property International hat auf der Villen-Insel Sentosa aktuell gar einen zweistöckigen Bungalow mit sechs Schlaf- und acht Badezimmern, großem Garten und Meerblick im Angebot. Kaufpreis: 50 Millionen Euro.

Vielleicht ist das der Preis, den Zuwanderer für die vielen Steuervorteile zahlen müssen.

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