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Christine Lagarde: Krisenmanagerin im weltweiten Einsatz

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Internationaler Währungsfonds Lächeln, Christine!

Weil die Europäer ihre Krise nicht selbst in den Griff bekommen, greift nun der Internationale Währungsfonds ein. Experten warnen: Der Preis wird hoch sein. Die Europäische Zentralbank zum Beispiel könnte gezwungen sein, ihre harte Haltung aufzugeben.

Die Fassade ist glanzvoll wie immer. Mag die Weltwirtschaft am Abgrund stehen, Madame la Directrice Générale strahlt: sonniger Teint, elegantes Kostüm, aufrechte Haltung. Gelernt ist gelernt. Als Jugendliche war Christine Lagarde (55) ambitionierte Synchronschwimmerin. Es kursieren Bilder, auf denen sieht man sie als Teenager mit ihrem Team am Beckenrand stehen. Nasse Haare, dunkler Badeanzug, mit ihren 1,80 Meter ist sie die Größte in der Gruppe.

Sie hat oft davon erzählt. Damals habe sie gelernt, "die Zähne zusammenbeißen und zu lächeln", gerade wenn alles schieflaufe. Das habe sie geprägt.

Also: Lächeln, Christine, lächeln! So eilt Madame von Gipfel zu Gipfel, von einem vorläufigen Krisenhöhepunkt zum nächsten. G20-Treffen, EU-Regierungschefs, Euro-Finanzminister, Tête-à-tête mit Angela Merkel und Nicolas Sarkozy - stets ist die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) dabei.

Keiner ihrer zehn männlichen Vorgänger beim IWF war international so präsent, keiner war so einflussreich, keiner konnte die Tristesse derart überstrahlen. Sie sei ein "ehrlicher Makler", sagen ihre Berater. "Sie setzt ihren Charme so offensiv ein, dass ich mir manchmal Sorgen mache, ob sie meinen Minister nicht über den Tisch zieht", sagt ein europäischer Spitzenbeamter.

Lagarde hat gerade erst begonnen. Ihr Internationaler Währungsfonds schwingt sich zur zentralen Instanz im europäischen Krisenmanagement auf. Seit dem G20-Gipfel in Cannes Anfang November ist klar, dass die IWF-Chefin und ihre Leute in weiten Teilen das Kommando übernehmen. Sie verleihen noch mehr Geld als bisher an Länder, die in den Strudel der Krise gezogen werden. Sie überwachen die Regierung des schlingernden Italien mit strengem Blick. Womöglich soll der IWF auch noch helfen, den Euro-Rettungsschirm EFSF aufzustocken über einen neuen Sonderfonds, in den auch Schwellenländer wie China einzahlen.

Die Europäer, so sieht es aus, sind nicht mehr allein die Herren auf ihrem eigenen Kontinent - obwohl eine Europäerin dem IWF vorsteht.

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Eine flexible Institution: Die vier Leben des IWF

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Zwei Jahre lang haben die Euro-Regierungen ihre Volkswirtschaften unentschlossen und zerstritten immer tiefer im Schuldensumpf versinken lassen. Nun müssen sie zusehen, wie der IWF immer mehr zu sagen bekommt. Und das bedeutet: Andere Mächte - die USA, China, Russland - entscheiden über Europas Schicksal mit.

Dies könnte ein Bosnien-Moment für die europäische Politik werden: So wie die EU in den 90er Jahren trotz großsprecherischer Ankündigungen nicht in der Lage war, das Gemetzel auf dem Balkan zu stoppen, und der Krieg erst mithilfe amerikanischer Bomber beendet werden konnte, so droht nun die Euro-Zone bei dem Versuch zu scheitern, ihre Schuldenkrise selbst in den Griff zu bekommen - und ist auf Cash-Infusionen von außen angewiesen.

"Der Preis wird hoch sein", prophezeit Gary Clyde Hufbauer vom Peterson Institute for International Economics (PIIE), einem Washingtoner ThinkTank. Es stehe eine "tektonische Verschiebung in der globalen Wirtschaftspolitik" bevor - zuungunsten Europas. "Glauben Sie nicht", sagt Hufbauer, "dass sich Deutschland künftig noch wehren kann, wenn die Chinesen eine deutsche Bank kaufen wollen."

Wer zahlt, schafft an. Doch ist den Schwellenländern wohler, wenn die Hilfen über den IWF fließen - auch weil so die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass ihre Milliarden nicht wirkungslos auf Nimmerwiedersehen versickern.

"Der IWF wird die Wirtschaftspolitik in Europa verstärkt mitbestimmen"

Seit Ausbruch der Schuldenkrise im Mai 2010 ist der Fonds im Euro-Gebiet engagiert. Doch bislang beschränkte er sich auf eine Nebenrolle: Als Teil der "Troika" halfen die IWF-Experten Europäischer Zentralbank (EZB) und Brüsseler Kommission, Sparprogramme für Problemländer wie Griechenland aufzulegen. Nun wachse er in eine Hauptrolle hinein, erwartet Hufbauer: "Der IWF wird die Wirtschaftspolitik in Europa verstärkt mitbestimmen."

Was das bedeutet? Zunächst mal, dass der Druck auf die Finanzpolitik einzelner Staaten steigt, auch wenn sie, wie Italien, noch gar keine IWF-Hilfen erhalten.

Gerade den Deutschen ist die Einmischung des Fonds durchaus sympathisch. "Es ist gut, einen neutralen Spieler am Tisch zu haben, der nicht Teil des europäischen Spiels ist", findet Jörg Asmussen, Staatssekretär im Finanzministerium und ab Januar EZB-Chefvolkswirt. Kanzlerin Angela Merkel plädierte von Anfang an für eine starke Rolle des Fonds in der Euro-Krise.

Allerdings wäre es naiv zu glauben, der IWF werde deutsche Vorstellungen von Stabilitätspolitik durchsetzen.

Es sei doch ganz klar, sagt Gary Hufbauer, dass der Druck auf die EZB steige, in großem Umfang Staatsanleihen aufzukaufen. Eine Strategie, die insbesondere die Bundesbank ablehnt, weil sie ein Abgleiten in die Inflation fürchtet. "Die Staatsschuldenkrise im Euro-Gebiet lässt sich nicht mit der Notenpresse überwinden", mahnt Andreas Dombret, im Vorstand der Bundesbank für Internationales zuständig. Eine "monetäre Staatsfinanzierung, auch über den Umweg des IWF", sei der falsche Weg.

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Schuldenkrise: Wie robust sind die EU-Staaten?

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Bislang hält sich die EZB beim Aufkaufen von Staatsschulden zurück. Bislang hat der IWF diese Position respektiert. Aber das dürfte nicht so bleiben.

Wenn der Rest der Welt noch größere finanzielle Risiken in der Euro-Zone eingehe, dann werde wohl auch die EZB nicht umhinkommen, stärker zu intervenieren, meint Edwin Truman vom PIIE.

"Wenn fundamental solvente Staaten Liquiditätsprobleme haben, spricht doch nichts dagegen, dass die Notenbank ihnen bei der Liquiditätsversorgung hilft", sagt auch Arvind Virmani, der indische Exekutivdirektor des IWF.

Gelddrucken gegen den Systemabsturz - das ist die neue globale Doktrin. Die Euro-Länder mögen sich um die langfristigen Folgen heutiger Politik sorgen, um Inflation und Finanzmarktblasen. Den Rest der Welt kümmert das derzeit wenig. Zu schwer wiegen die Gefahren der Gegenwart: Die Lage ist dramatisch, ein finanzielles Armageddon möglich; in den Schwellenländern könnten sich die Prosperitätsträume zerschlagen, im Westen wachsen Arbeitslosigkeit und Armut; in den USA, selbst finanziell stark angeschlagen, stehen 2012 Wahlen an, in China und Russland rücken neue Administrationen ein - nein, aus politischen Gründen kann man jetzt nichts weniger brauchen als eine Verschärfung der Euro-Krise.

Deshalb sind so viele ärmere Länder überhaupt zähneknirschend bereit, den Europäern zu helfen. Deshalb macht die US-Regierung hinter den Kulissen mächtig Druck und versucht, eine Koalition der Hilfswilligen zu formen. In dieser Situation, das scheint außerhalb des Euro-Lands globaler Konsens, dürften die Notenbanken nicht kleinlich sein. Entsprechend agieren sie als "Big Bazookas", als ultimative Waffen zur Bekämpfung der Schuldenkrise des Westens. So kaufen die amerikanische Fed und die chinesische Notenbank gemeinsam mehr als die Hälfte der US-Neuverschuldung auf, hat man beim IWF ausgerechnet. Die Bank of England besorgt im Vereinigten Königreich immerhin ein Fünftel der Staatsfinanzierung, die Bank of Japan in ihrem Land ein Sechstel.

Auch die EZB, so wünschen sich viele, soll mehr tun als bisher.

China gewinnt an Einfluss

Also Zähne zusammenbeißen und lächeln. Bereits bei ihrer ersten großen Rede als IWF-Chefin war Lagarde bemüht, sich von ihrer europäischen Herkunft zu emanzipieren. Die Bühne war das Treffen der globalen Notenbanker-Community in Jackson Hole Ende August. Dort, in der klaren Bergluft von Wyoming, sagte sie ein paar Dinge, die ihren früheren Kollegen ganz und gar nicht gefielen: dass die EZB einen hochgradig expansiven Kurs steuern solle und dass Europas Banken schleunigst rekapitalisiert werden müssten. "Wir brauchen dringend entschlossene Taten." Bei der Formulierung der Rede hatte der Amerikaner John Lipsky geholfen, langjähriger IWF-Vizechef.

Später drang noch per Indiskretion an die Öffentlichkeit, der Kapitalbedarf betrage 200 Milliarden Euro, viel mehr als die Summe von 106 Milliarden, die inzwischen die EU-Behörden ermittelt haben. In Europa war man nicht amüsiert.

Längst ist klar: Dass die Europäerin Lagarde, bis zum Sommer Finanzministerin in Paris, dem Fonds vorsteht, kommt nicht unbedingt europäischen Interessen zugute.

Schließlich muss sie all ihre großen Anteilseigner vertreten. Und dazu gehören nicht nur Europäer und Nordamerikaner, sondern mit immer größerem Gewicht auch die Schwellenländer - weil sie die einzigen sind, die noch auf großen Geldreserven sitzen.

Bislang verfügen zwar die Mächte des alten Westens noch über die Mehrheit im Exekutivkomitee, dem obersten Entscheidungsgremium des Fonds, weil sie die größten Teile des IWF-Kapitals stellen. Aber bereits in den vergangenen Jahren haben sie Stimmen abgegeben. Die nächste Reform zur Neugewichtung der IWF-Anteile ("Quoten") läuft gerade, kommendes Jahr soll sie in Kraft treten.

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Eine flexible Institution: Die vier Leben des IWF

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Und wenn sich die großen Schwellenländer mit weiteren Hunderten Milliarden Euro über ihre regulären Anteile hinaus an den Euro-Hilfen beteiligen sollten, werden sie dafür im nächsten Schritt noch mehr formale Macht im IWF fordern - vor allem auf Kosten der Europäer. Je größer die Mittel des Fonds im Zuge der Krise werden, desto größer wird das Gewicht der Schwellenländer.

Vor allem China gewinnt an Einfluss. Seit Sommer stellen die Chinesen erstmals einen der fünf IWF-Topmanager: Min Zhu (59), früher Vize der Pekinger Notenbank. Zhu hätte im Sommer wohl selbst Chef des IWF werden können, als Lagardes Vorgänger Dominique Strauss-Kahn wegen Vergewaltigungsvorwürfen überstürzt zurücktreten musste. Aber damals hielt China diesen Schritt noch für übereilt, das Risiko des Scheiterns wohl für zu groß.

Immerhin sitzt Zhu nun in Lagardes Führungsteam. Wer ihn aus der Nähe erlebt, lernt einen heiter wirkenden, groß gewachsenen Mann kennen. Beruhigend westlich wirkt er, ein weltgewandter Profi, der akzentarm Englisch spricht und seine Rolle bislang untadelig ausfüllt. Dass er eine speziell chinesische Agenda verfolgt, ist jedenfalls nicht erkennbar.

Die stärkste Stimme im Fonds haben immer noch die USA - auch wenn sie selbst knapp an der Pleite entlangschrammen. Der neue IWF-Vize David Lipton kommt direkt aus dem Weißen Haus, und es gibt nicht wenige in Deutschland, die sehen in dem selbstbewussten Weltökonomen den langen Arm der US-Administration.

Lagarde kämpft um Akzeptanz

"Lagarde ist das Gesicht nach außen, Lipton ist die starke Figur im Innern", sagt einer, der beide seit vielen Jahren kennt. Momentan kann es kaum anders sein, weil die Chefin ständig in Sachen Krisenmanagement unterwegs ist. Dass sie von Haus aus Juristin ist - sie leitete die globale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, bevor sie 2005 in die französische Politik wechselte -, macht ihre Position allerdings nicht einfacher. Zumal die Sprache des Fonds Ökonomisch ist. Wer sie nicht spricht, muss um Akzeptanz kämpfen. Jahrzehntelang waren alle IWF-Chefs studierte Ökonomen.

Rund tausend Volkswirte, die Hälfte der Beschäftigten, arbeiten in den beiden Gebäuden an Washingtons 19. Straße. Es ist eine etwas entrückte Welt. Das Labyrinth aus langen Gängen wirkt wie die Kulisse eines "Raumschiff Enterprise"-Films, kahle Wände, diffuses, kaltes Licht, bevölkert von Personen aller Hautfarben und Nationalitäten (der IWF hat 187 Mitgliedstaaten), die vor allem eines ausstrahlen: Nüchternheit.

Fonds-Ökonomen glauben daran, die Welt empirisch fassen zu können. Für sie zählen Zahlen und analytische Schärfe - insbesondere aber gehe es darum, dass der Fonds eine widerspruchsfreie ökonomische Weltsicht vertrete, erzählen Mitarbeiter. Im Zweifel gehe Konsistenz vor Wahrheit.

Die Arbeitsweise dieser Wirtschaftspolitikmaschine besteht im Schreiben von Papers. Taucht ein Problem auf, werden Papiere verfasst und auf dem Weg durch die Hierarchiestufen glatt geschliffen, bis sie zum Managementteam vordringen. Die wichtigen Entscheidungen, vor allem jene, bei denen es um Geld geht, fällen jedoch nicht Lagarde, Lipton, Zhu und Co., sondern die 24 Vertreter der Mitgliedstaaten im Exekutivkomitee, darunter eine Amerikanerin, ein Kanadier, acht Europäer, ein Chinese, ein Russe, ein Inder, ein Brasilianer, auch sie überwiegend Volkswirte.

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Schuldenkrise: Wie robust sind die EU-Staaten?

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Der Fonds summt in einem permanenten Diskurs über Methoden und Theorien, über Instrumente, Zahlen und Programme. Dass die Fonds-Ökonomen in der Vergangenheit in vielen Fällen danebenlagen - weder sagten sie die Asien-Krise in den 90er Jahren vorher, noch verordneten sie den betroffenen Ländern die adäquate Therapie, noch erkannten sie frühzeitig die derzeitige Krise -, ficht sie nicht an.

Zu derlei Selbstreflexion fehlt ihnen wohl auch schlicht die Zeit: Momentan ist der IWF in 88 Ländern mit finanziellen Beistandsprogrammen aktiv - mit einem so großen Volumen wie nie zuvor -, und dabei sind die potenziellen neuen Kunden in Europa noch gar nicht berücksichtigt.

Lagarde zeigt sich denn auch durchaus beeindruckt von der "massiven Expertise", die aus dieser "größten, gewichtigsten und mächtigsten Brainpower" kommt, die es "unter einem Dach" gebe. Zwei erfahrene IWF-Ökonomen, Ernesto Ramirez Rigo und Tessa van der Willigen, stehen ihr als Berater und als Lotsen durch die globale Geldbehörde zur Seite.

Was ihr an wissenschaftlicher Expertise fehlen mag, versucht sie durch Offenheit auszugleichen. Gleich am 5. Juli, dem ersten Tag ihrer Amtszeit, berief sie ein "Townhall Meeting" im Auditorium des IWF ein. In elaborierter Rede und gekonnter Gestik schwor sie ihre Leute ein auf die schwierigen Zeiten, die der Welt bevorstehen, und stellte sich anschließend den Kommentaren aus der Menge. Der souveräne Auftritt ist eine ihrer großen Stärken, und sie weiß sie auszuspielen.

Anders als der bullige Strauss-Kahn, der sich darin gefiel, Entscheidungen auch gegen Widerstände mit Macht durchzudrücken, loben Mitarbeiter und Vertreter der Mitgliedstaaten ihren offenen Kommunikationsstil. Lagarde und Lipton mühten sich, frühzeitig zu informieren, Meinungen und Argumente zu hören.

Der Stil mag ein anderer sein, aber der Kurs ist der gleiche. Strauss-Kahn hatte damit begonnen, den Fonds zu einer Art Super-Notenbank auszubauen, einer global tätigen monetären Behörde, die in großem Umfang selbst Geld schöpfen und damit angeschlagenen Staaten beispringen kann. Er sorgte dafür, dass die Mittel kräftig aufgestockt wurden und die Schwellenländer mehr Mitsprache bekommen. Derzeit verfügt der Fonds über eine Feuerkraft von rund 750 Milliarden Dollar. Von diesen Mitteln wird bislang nicht mal die Hälfte genutzt.

Niedergang des Westens, der Aufstieg der Schwellenländer

Wenn aber der IWF verstärkt die hoch verschuldeten Euro-Staaten stützen soll, braucht er mehr Geld. So viel Geld wie möglich. Schließlich sind die potenziellen nächsten Problemländer Italien, Spanien und Belgien zusammen mit 2,8 Billionen Euro verschuldet.

Bis Februar sollen die G20-Finanzminister überprüfen, ob die Mittel weiter erhöht werden sollen. Weil das aber auf offiziellem Weg ohnehin nicht schnell erreichbar ist - bis alle Länder einen neuen Rahmen ratifiziert haben, vergehen schon mal drei Jahre -, könnten einzelne Schwellenländer Gelder für Sonderfonds bereitstellen.

In Zeiten panischer Märkte kann der IWF offenbar gar nicht groß genug sein. Das war schon anders. Bis 2007 die Finanzkrise ausbrach, war gar nicht klar, ob der Fonds überhaupt noch gebraucht würde. Über Jahre gab es kaum noch Staaten, die seinen finanziellen Beistand nötig gehabt hätten. Der IWF war nahezu arbeitslos.

Sicher, er überprüfte regelmäßig die Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten. Aber der Rat der Washingtoner Experten galt nicht mehr viel. Sein finanzpolitischer Rigorismus, der insbesondere während der Asien-Krise viel Kritik provoziert hatte, schien aus der Zeit gefallen zu sein.

Es war die Ära der "great moderation", der großen Beruhigung der Weltwirtschaft. Private Gelder flossen reichlich und zuverlässig, in fast alle Ecken der Welt. Die Schwellen- und Entwicklungsländer mochten sich diesem, wie sie es sahen, Instrument des Westens nicht mehr unterwerfen. Liberale Ökonomen, zumal in den USA, sahen im Fonds ein bürokratisches Monster, das in Zeiten der Globalisierung nicht mehr gebraucht würde. Und der Deutsche Horst Köhler wollte damals lieber (machtloser) deutscher Bundespräsident werden, als weiter dem (machtlosen) IWF vorzustehen.

Das ist Geschichte. Die Krise und die damit einhergehenden Verschiebungen der globalen Gewichte - Niedergang des Westens, der Aufstieg der Schwellenländer - haben den Fonds in die erste Reihe des globalen Krisenmanagements gezerrt. Dass die Schwellenländer sich in den Fonds einreihen und ihn stützen, macht ein bisher ungeahntes Maß an globaler Zusammenarbeit möglich. Wer hätte noch 2008 gedacht, dass ärmere Nationen nun reichere Staaten stützen?

Aber so viel ist auch klar: Der IWF entspricht nicht mehr unbedingt den Vorstellungen des Westens, schon gar nicht denen Europas. Christine Lagarde wird denn wohl auch die letzte Europäerin auf dem Chefsessel sein.

Der Fonds als Institution jedoch ist inzwischen so mächtig, dass sich die Chefin Understatement leisten kann. Man wolle den globalen Staatsmännern und -frauen dabei helfen, "Lösungen zu finden, die so dringend gebraucht werden", sagt sie. Der IWF selbst wolle gar nicht "im Scheinwerferlicht stehen", er wolle kein Lob und keinen Ruhm, sondern nur die "Führungspersönlichkeiten zu mutigen Taten ermuntern".

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Eine flexible Institution: Die vier Leben des IWF

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