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Thomas Rabe und Mitstreiter: Die Führungsriege von Bertelsmann

Foto: © Tobias Schwarz / Reuters/ REUTERS

Bertelsmann Gütersloh reloaded

Gewaltige Hoffnungen, enorme Erwartungen: Wie der neue Vorstandschef Thomas Rabe den Medienkonzern Bertelsmann nach zehn Jahren Stillstand wieder voranbringen will.
Von Klaus Boldt

Hamburg - Am Sonntag, dem 23. Oktober, 13 Tage nachdem die Bertelsmann AG die frohe Botschaft von seiner Beförderung um die Welt gejagt hatte, reiste Finanzchef Thomas Rabe zur Vorstandssitzung nach New York. Er stieg nicht wie gewöhnlich im "Peninsula" ab, sondern dieses Mal im "Mandarin Oriental" am Columbus Circle, und zwar gleich für eine knappe Woche.

Denn Rabe, ein Meister der Effizienz, hatte eine Reihe von Sondereinsätzen auf dem Zettel: zwei Dutzend Gespräche mit Bankern und Private-Equity-Leuten, mit den Freunden von KKR  natürlich und mit einigen Medienindustriellen, die in Manhattan überreich vorhanden und stets in großen Mengen anzutreffen sind.

Das Bertelsmann-Gipfeltreffen findet zweimal jährlich in New York statt. Gastgeber ist die hauseigene Buchverlagskette Random House, vier Blocks vom "Mandarin Oriental" entfernt.

Am Abend vor dem Konsilium, nach einem kräftigenden Empfang für die US-Führungskräfte des Hauses, spazierte Rabe mit seinen fünf Vorstandskollegen zum traditionellen Abendessen, diesmal im Weinkeller des "Picholine", zehn Minuten entfernt, in der 64. Straße. Augenzeugen berichten, dass Firmenchef Hartmut Ostrowski (53), der am 1. Januar, ein Jahr vor Vertragsende, "aus persönlichen Gründen" in den Aufsichtsrat wechselt, wie die Erleichterung in Person wirkte, jedenfalls viel gelöster als gewöhnlich. Und einen übersichtlichen, guten, wie immer voll konzentrierten Eindruck habe auch Rabe hinterlassen.

"Glückwunsch" und "volle Unterstützung"

Das Essen war italienisch und gut, Steaks wurden aufgefahren, und die Stimmung war heiter, scharf und klar, wie bei Bertelsmann üblich. Mit Regierungswechsel-Sentimentalitäten wurde sich nicht lange aufgehalten: "Glückwunsch", "volle Unterstützung", mehr nicht.

Gerhard Zeiler (56, RTL) war sich der Bedeutung seines Unternehmensbereichs bewusst, Bernd Buchholz (50, Gruner + Jahr) wie immer der eigenen; nur Markus Dohle (43, Random House) und Rolf Buch (46, Arvato) fielen stimmungsmäßig ab, "aber eigentlich nur ein bisschen". Am Dienstagnachmittag, als die Vorstände die Zukunft des Konzerns erwogen und erörterten und natürlich auch ihre eigene bedachten, war Premier Ostrowski schon gar nicht mehr dabei.

Die Hoffnungen, die das Unternehmen in den Führungswechsel setzt, sind groß, die Erwartungen, die Rabe weckt, enorm. Aber kann er sie erfüllen? Nach den Idealen des vor zwei Jahren verstorbenen Konzernfürsten Reinhard Mohn sollte an der Firmenspitze stets ein "Operativer" stehen: Einer, der schon mal ein Kommando von 2000 Leuten, vorzugsweise eine Druckerei, befehligt hatte. Mit dieser Vergangenheit kann Rabe freilich nicht aufwarten.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, vor 46 Jahren in Luxemburg als Sohn eines EU-Beamten geboren, ging in Brüssel zur Schule, tourte als Bassist mit einer Punk-Band durch die Klubs der Stadt, arbeitete bei der EU-Kommission, dann bei der Treuhand und später beim Wertpapierdienstleister Clearstream. Im Jahr 2000 wechselte Rabe als Finanzvorstand zur RTL-Gruppe und stieg 2006 zum Nachfolger des legendären Bertelsmann-Kämmerers Siegfried Luther auf. Seine Frau ist Ärztin am Sankt-Elisabeth-Hospital in Gütersloh (Kinder: keine), wochenends lebt das Paar in Berlin.

Fortschritt und Entfaltung

Rabe ist machtbewusst, weltgewandt, ideenreich und in gewisser Weise ein kompletter Manager, aber nicht gerade, was man einen Spaßvogel nennt, und auch kein Feingeist und Charmebolzen im döpfnerschen Sinne, als den man ihn in der Presse gern hinstellt, um einen Gegensatz zu Ostrowski zu konstruieren, der einer vom Schlag der harten Brocken ist, aber keiner für den Zirkus.

Ohne Zweifel zählt Rabe zu den besten Finanzleuten im Land, seine Aktionen zeugen von List und Raffinesse, und sein bester Gesichtsausdruck ist derjenige, wenn er so hölzern guckt wie ein Bankdirektor, der einen Kredit verweigert. Seine Stirn ist so hoch, als seien ihm die Ohren an den Schläfen hinabgeglitten.

Die Spezialisten und Künstler bei Bertelsmann schwärmen von seinen Geistesblitzen, preisen sein Talent und die Reden, die er hält, auch wenn sie sie nicht immer verstehen, und rühmen Fortschritt und Entfaltung, die er wie kein anderer im Haus verkörpere - und sind nun gespannt auf die Radikalität, die er ab Neujahr mit Sicherheit an den Tag legen wird, nach allem, was man über ihn zu hören und zu lesen bekam.

Rabe, den sie wegen seines Aufstiegswillens und Selbstbewusstseins einst "Ikarus" und "Thomas Reloaded" (in Anspielung auf Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff) nannten, will sich zur Lage der Bastion nicht äußern: Dies verbiete ihm der Respekt vor dem amtierenden Vorstandschef. Er bitte da um Geduld. Die Geschäfte des Hauses laufen nicht schlecht. 2010 erzielte der größte Medienkonzern Europas einen Umsatz von 15,8 Milliarden Euro. Die operative Umsatzrendite erreichte mit 11,7 Prozent Rekordniveau. In den ersten neun Monaten dieses Jahres ruckelten die Einnahmen indes nur um 2,3 Prozent nach vorn, das Operating Ebit stand stille.

Ein Unternehmen in grauem Zustand

Die Gründe für den Wachwechsel liegen nicht in der Bilanz, sondern sie reichen weit zurück in die vergangenen Jahre und wurzeln im Dunkel der Gremien und ihrer Befindlichkeiten.

Die Bertelsmann Stiftung hält 80,9 Prozent der Kapitalanteile, der Rest gehört der Familie Mohn. Aber dies bedeutet nicht, dass sie auch wenig zu sagen hätte. Denn das Machtzentrum des Unternehmens bildet die sechsköpfige Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG). Sie übt alle Stimmrechte aus und bildet gewissermaßen die Hauptversammlung, präsidiert von Liz Mohn (70), der Witwe des Patriarchen, und vervollständigt von ihren Kindern Brigitte (47) und Christoph (46) sowie den unabhängigen Großwesiren Jürgen Strube (72, früher BASF ), Dieter Vogel (70, früher ThyssenKrupp ) und Werner Bauer (61, Nestlé ).

Als Ostrowski, vorher Chef der Dienstleistungstochter Arvato, Anfang 2008 die Regierungsgeschäfte bei Bertelsmann übernahm, hatte er ein Unternehmen vorgefunden, das sein Vorgänger Gunter Thielen (69), der heutige Aufsichtsratschef, binnen weniger Jahre in einen grauen Zustand versetzt hatte: restlos entdynamisiert, bedeutungslos im Internet und weit zurückgefallen in der Weltrangliste, die die Westfalen 1986 noch selbst angeführt hatten

Die Story ist schnell erzählt: Unter Thielens Leitung hatte der Konzern 2006 dem damaligen Teilhaber Albert Frère dessen Anteil von 25,1 Prozent für 4,5 Milliarden Euro abgekauft, ohne dass der Vorstandschef allzu viel Zeit mit Preisverhandlungen verschwendet hätte. Bei Frère feixen sie heute noch, wenn sie an den Tag zurückdenken.

Krisenmanager Ostrowski

Mit breitem Grinsen hatte Thielen seinem Nachfolger ein strategisch verlottertes und milliardenhoch verschuldetes Unternehmen hinterlassen, das unter schwersten Lähmungserscheinungen litt. Bei allem Elan, den Ostrowski bei seinem Dienstbeginn an den Tag gelegt hatte - nur neun Monate später stürzte die Wirtschaft in die schwerste Rezession der Nachkriegszeit, besonders die Medienbranche war betroffen. Ostrowski hatte nie eine echte Chance.

Gewiss, er setzte ein in der Firmengeschichte beispielloses Sparprogramm auf und meisterte die Krise; und Rabe sorgte mit flinken Kombinationen dafür, dass Zahlen und Kreditratings stimmten und die Schulden schichtweise abgetragen werden konnten. Doch sie erreichen immer noch 4,9 Milliarden Euro. Weite Sprünge sind mit so schwerem Ballast kaum möglich.

Trotz seiner starken Leistung hatte Ostrowski schon 2009 mit dem Gedanken gespielt, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Im Grunde genommen hielt er sich selbst nie für den idealen Bertelsmann-Chef. Eine Vision oder auch nur ein Bild, wie das Unternehmen eines Tages aussehen solle, hatte Ostrowski nie vor Augen. Er liebte gute, harte Arbeit, und alles andere würde sich dann schon von selbst einstellen.

Seit Mitte der 90er Jahre, erzählen Weggefährten, habe Ostrowski zudem immer wieder unter Erschöpfungszuständen gelitten, die er auch medikamentös behandelt habe. Besonders schwer erwischte es ihn 2001 und dann wieder, aus heiterem Himmel, 2010. Der Job wurde für ihn zeitweise zur Bürde. Freunde berichten, dass seine Frau ihn schon vor zwei Jahren gebeten habe, keinen neuen Vertrag zu unterschreiben.

Rabe war mit Lichthupe unterwegs

Die Erfordernisse der Wirtschaftskrise trugen nicht dazu bei, Ostrowskis Wohlfühl-Index zu erhöhen. Hinzu kam der Ehrgeiz des Ausnahmetalents Rabe, der 2008 und 2009 Angebote von ProSiebenSat.1 und Haniel ausschlagen musste, weil Bertelsmann ihn nicht aus seinem Kontrakt entließ: Die Ansprüche des Finanzchefs, der mit Lichthupe drängelnd unterwegs war, wurden zeitweise zur Belastung für die Vorstandsarbeit.

Erst in den vergangenen zwei Jahren hatten sich die Dinge wieder beruhigt, Ostrowski und Rabe, der sich nun in Bescheidenheit übte, waren wieder ein Herz und eine Seele: "Ich habe mit ihm sehr gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet", sagt Ostrowski. "Der Erfolg des Unternehmens macht dies deutlich." Des Rückhaltes durch Aufsichtsrat und BVG konnte sich Ostrowski freilich nie allzu sicher sein. Wiederholt war ihm zugetragen worden, dass Chefkontrolleur Thielen den gewandten Rabe für den geeigneteren Gouverneur halte.

Gleichzeitig vermisste Bertelsmann-Herrin Liz Mohn, die kein einfacher Charakter ist, ihrerseits umso mehr Glanz, Action und Gloria, je besser sich die Wirtschaftslage gestaltete. Die prominentesten Autoritäten im BVG-Klub, Dieter Vogel und Jürgen Strube, brachten intern ernste Beschwerden vor, warteten vergeblich auf klare Aussagen dazu, wohin die Reise von Bertelsmann ginge.

Die Machtübergabe

Anfang 2010 wurde Ostrowskis Sturz geplant, der Düsseldorfer Kopfjäger Rolf van Emmerich (85) mit der Suche nach einem Nachfolger beauftragt. Doch die Fahndung verlief ergebnislos.

Tatsächlich hatte Ostrowski während seiner Regenschaft, die größtenteils von Sanitätsdiensten und Rettungsmaßnahmen geprägt gewesen war, philosophischen Erwägungen über konzeptionelle und strategische Perspektiven nur wenig Zeit widmen können.

Zermürbt, aber mit einer Abfindung von acht Millionen Euro durchaus nicht ungetröstet, legt er ein Amt nieder, mit dessen Übernahme er sich keinen Gefallen getan hatte. "Ich selbst habe gemerkt", sagt Ostrowski, "dass ich nach vier anstrengenden, aber erfolgreichen Jahren persönlich nicht mehr im Vollbesitz der notwendigen Kräfte für eine zweite Amtsperiode bin." Ein "freundschaftlicher Wechsel im Vorstandsvorsitz" liege "im besten Interesse des Unternehmens".

Liz Mohn, die zunächst Vorbehalte gegen Thomas "reloaded" Rabe angemeldet hatte, ließ sich namentlich von ihrem einflussreichen BGV-Rat Vogel umstimmen, der den Großrechner schon 2007 als neuen Vorstandschef präferiert hatte.

Bertelsmann sei nun "voll auf Angriff programmiert", trompetete Thielen in einem Zeitungsinterview, in dem er zum Entsetzen seiner Aufsichtsratskollegen und vieler Führungskräfte im Haus auch über den Gesundheitszustand Ostrowskis ausgiebig spekuliert hatte.

Den Konzern betrachten die Mohns als ihre Vermögensverwaltung

Statt von Angriff spricht Rabe selbst intern von einer "Transformation des Konzerns", die er ins Auge fasse und mit einem "Langstreckenlauf, vielleicht einem Marathon" vergleicht: Fünf bis zehn Jahre könne die Umwandlung dauern. Man ist sich seit Langem darüber im Klaren, dass das Bertelsmann-Aufgebot eine Unwucht in sich trägt: Auf der einen Seite türmt sich Ermüdetes (die Zweige des Zeitschriften-, Buch- und Druckereiwesens), auf der anderen drückt die alles überragende, doch werbe- und konjunkturabhängige RTL Gruppe die Organisation in eine Schieflage wie auf einer Rampe. Im ersten Halbjahr 2011 betrug der Anteil der RTL Group am operativen Konzerngewinn festliche 74 Prozent.

Christoph Mohn, der Sohn des Hauses, wies in Aufsichtsrats- und Privatsitzungen immer wieder auf das "Klumpenrisiko" hin, das RTL darstelle: Man erzählt sich, dass seine Beiträge neuerdings an Textstellen aus "Smart Investor" und anderen Publikationen erinnerten, die ihm sozusagen auf leichtlebige Art schief aus der Hosentasche lugen. Mohn wirkt geradezu Warren-Buffett-isiert. Mit dem Zahlenmenschen Rabe und dem Mohn-Berater Vogel teilt er ein Faible für Zahlenkombinationen. Doch wie soll die Abhängigkeit vom TV gemindert werden? Die Firmenkasse ist mit 1,6 Milliarden Euro ausgelegt, und für Deals hat Rabe eine Nase wie ein Jagdhund. Aber weit kommt man damit nicht.

"Was die Familie besitzt, steckt in Bertelsmann", sagt ein Vertrauter. "Es gibt kaum Privatvermögen." Den Konzern betrachten die Mohns als ihre Vermögensverwaltung. Zweimal sind wichtige Ergebnisträger schon verpufft: die Buchklubs und das Musikgeschäft. Ein drittes Mal möchten sie dies nicht erleben. Rabe vermag in RTL indes kein Risiko zu erkennen: Das Management sei erstklassig, eine Abwanderung von Publikum und Werbekundschaft in digitale Medien nicht erkennbar.

Er sehe gute Perspektiven, in Osteuropa, sogar in Indien. "Das Fernsehen hat dank der Digitalisierung die beste Zeit noch vor sich", sagt TV-General Zeiler. "Insofern gibt es gar keine Sorge." Die Stärke von RTL ist für Rabe kein Problem. Es ist die Schwäche der anderen Sparten: Random House ist zu klein, um als Zugmaschine zu taugen; Gruner + Jahr (G+J; "Stern", "Geo"), dessen Aufsichtsratsvorsitz Rabe übernehmen soll, gilt zwar als zuverlässiger Geldbringer, aber als wachstumsschwach und wenig innovativ. Einen Verkauf des 74,9-Prozent-Anteils schließt Rabe dennoch aus.

Dienstleistungstochter Arvato

Vieles konzentriert sich zurzeit auf die Dienstleistungstochter Arvato, die unter anderem das Kundenprogramm der Lufthansa  betreut, für Microsoft  die Xbox-Logistik und die Lizenz- sowie für Google  die Anzeigenabrechnung abwickelt und Behörden, Ministerien und ganze Kleinstädte verwalten kann.

Von allen Bertelsmann-Sparten wächst Arvato am schnellsten (in den ersten neun Monaten um knapp 6, G+J und RTL um 2, Random House nur um 1 Prozent), weist aber auch die schmalste Umsatzrendite auf. Beängstigende Anzeichen der Auszehrung zeigen Druckereien, CD- und DVD-Presswerke. Ihr Zustand ist so trostlos, dass nicht einmal mehr ein Verkauf infrage kommt. Das Servicegeschäft ist komplex und personalintensiv, die Umsatzproduktivität gering. Mehr als 60 000 der 100 000 Bertelsmann-Beschäftigten arbeiten bei Arvato. Überall Drängelei und Durcheinander, alles mit Zeugs vollgestopft.

Thielen und Ostrowski kamen selbst aus dem Arvato-Stall, ihnen musste Bereichschef Rolf Buch nichts erklären. Aber ein Arithmetiker wie Rabe denkt beim Anblick von Arvato sofort an Bruch, Teilung und Subtraktion.

Wer Großes plant, soll an Bertelsmann denken

Im Hause werden nun Überlegungen angestellt, ob man den Aufbau von Arvato nicht vereinfachen und Einzelteile wie die Callcenter verkaufen könnte. "Es gibt keine Denkverbote", sagt einer. "Mit der neuen Konzernführung werden wir überlegen, welche Organisation und Struktur am besten zu Arvato passt." "Organisation", "Struktur", "Prozesse" - dies sind die Lieblingsvokabeln von Rabe in diesen Wochen: Die Mission für die nächsten Jahre, hat er seinen Vorständen klargemacht, bestehe nicht nur darin, die Digitalisierung der Geschäfte zu beschleunigen, sondern neue "Wachstumsplattformen" aufzubauen: in stabilen Märkten, die über etablierte digitale Geschäftsmodelle verfügen: "Denn Transformieren müssen wir selbst genug."

Vorgehen will Rabe in nah und fern, aber lieber in fern. Bertelsmann macht 82 Prozent seines Umsatzes in Europa. Derzeit richtet man in São Paulo das (nach Peking, Delhi und New York) vierte Corporate Center außerhalb Güterslohs ein. Man müsse Präsenz zeigen, heißt es.

Bei den Ausdehnungen setzt Rabe auf Partnerschaften mit Private-Equity- und Venture-Capital-Firmen, nach dem Modell der Zusammenarbeit mit KKR beim Musikverlag BMG, den Rabe selbst aufgebaut hatte. Wer immer Großes plane in der Medienwelt und einen Partner suche, der solle künftig wieder zuerst an Bertelsmann denken. Selbst Minderheitsbeteiligungen, so lautet die strategische Wende, sind kein Tabu mehr. Neben die Fonds Digital Media und Asia tritt demnächst ein dritter in den USA für Wissenschaftsverlage und Informationsdienstleistungen: University Venture. Volumen: 100 Millionen Dollar, die Hälfte steuert Bertelsmann bei.

Vor allem aber will Rabe den Aktionen des dezentral verfassten Konzerns wieder einen intellektuellen Mittelpunkt, ein Kraftzentrum, verleihen, das seit dem Abgang des Vorstandschefs Thomas Middelhoff 2002 verwaist ist: Sowohl Thielen als auch Ostrowski hatten dem Götzen der Dezentralität in einem Maße gehuldigt, dass Bertelsmann phasenweise orientierungslos wirkte und bisweilen wie in Zeitlupe agierte.

Umstrukturierungen

In den kommenden Monaten führt Rabe einen sogenannten "strukturierten Dialog" mit seinen Vorstandskollegen, mit Aufsichtsräten und BVG-Mitgliedern: Wo steht das Unternehmen, wie soll es geführt werden, und ist seine Verfassung noch schlagkräftig genug? Damit verbunden ist die Frage: Wollen wir eine Managementholding bleiben oder eine Finanzholding werden, die auf Bereichsebene mit Partnern operiert wie heute schon bei G+J, RTL oder BMG? Kurz, ist die Vermögensverwaltung der Familie Mohn, genannt: Bertelsmann, in Wahrheit nicht längst eine Private-Equity-Firma, spezialisiert auf Medien?

Ein Führungssystem, das Beteiligungen nur noch verwaltet, sei mit Rabe nicht zu machen, heißt es. Doch es gibt Stimmen im Aufsichtsrat und Gesellschafterkreis, die eine übergeordnete Holdinggeschäftsführung als bedenkenswert betrachten. Aber Rabe will sich zunächst um anderes kümmern. Nach dem Extremsparprogramm Ostrowskis 2009 arbeiten zwar beinahe alle Bertelsmann-Einheiten geradezu am Rande der Selbstaufgabe. Doch es gibt einen Bereich, wo immer noch der Schlendrian regiert: im Vorstand selbst.

Jüngst hat sich Rabe mit der "Investitionsperformance" in den vergangenen sechs Jahren beschäftigt. Der Befund war verheerend, in nahezu allen Sparten entstanden schwere Schäden: Sei es durch die glücklosen Investitionen von RTL in Griechenland (Alpha) und England (Channel Five), von Arvato in England (Druckerei Liverpool) und Italien (Druckerei Treviglio) oder von der Direct Group in den USA (Versender Columbia und Buchklub Bookspan).

Keine Bummelei mehr

Die milliardenteure Pleitenserie, davon ist Rabe überzeugt, wäre zu verhindern gewesen, hätte der Vorstand nur härter gearbeitet: Denn die Unart ist eingerissen im Kollegium, dass man sich bei Investitionsanträgen der Amtsbrüder mit Tadel und Stichelei taktvoll zurückhält: Entweder weil man von den anderen Geschäften zu wenig versteht oder fürchtet, bei eigenen Projekten selbst Probleme zu bekommen. Als Alibi diente gern der heilig gehaltene Grundsatz der Dezentralität, was dem Abnicken noch die Weihe der Prinzipientreue verlieh.

Doch mit der Bummelei ist nun Schluss: Rabe fordert von seinen Vorständen, dass sie sich künftig besser vorbereiten, um "intensiv zu diskutieren". Man überlegt, ob die Höhe der Gagen noch stärker an den Gesamterfolg des Hauses gekoppelt werden sollte: Das gegenwärtige Anreizsystem sei wachstumshemmend. Die Gespräche sollen in Kürze fortgesetzt werden: "Mit einer dreistündigen Sitzung in New York ist es nicht getan", sagt einer der Teilnehmer. An Rabes Rigorosität herrscht kein Zweifel: "Da gibt es kein Vertun", gehört zu seinen geflügelten Worten.

Im Hauptquartier ließ er bereits den Kommunikationschef räumen und durch die Sprecherin der Bertelsmann Stiftung ersetzen; auch der langjährige Chef der Konzernentwicklung, Dirk Refäuter, wird abmontiert. Ihn ersetzt Thomas Hesse (45), der zuletzt das Digitalgeschäft von Sony Music  geleitet hat und ein enger Mitarbeiter von Rolf Schmidt-Holtz gewesen ist, ehemals Bertelsmann-Vorstand und bis Ende vergangenen Jahres CEO von Sony Music in New York. Wie ernst es Rabe mit dem Neubau des Konzerns ist, belegt freilich die Tatsache, dass Hesse den Rang eines Vorstandes einnehmen und von erhöhter Warte aus operieren wird, neben der Unternehmensentwicklung zuständig fürs Digital- und Neugeschäft.

Das Haus verlassen wird indes Günther Grüger, der Leiter Strategisches Controlling. Grüger wird in allen Ehren in den Ruhestand entlassen, ein Großer Zapfenstreich für den Verdienstvollen ist nicht ausgeschlossen. Vize Rolf Hellermann übernimmt seine Aufgaben. Alle Posten besetzt Rabe zügig mit frischen Athleten, nur seinen eigenen Nachfolger als Finanzvorstand hat er noch nicht gefunden. Es soll jemand aus der Meisterklasse sein, am besten eine Frau. Rabe hatte dem Aufsichtsrat im November mitgeteilt, dass er sich bei der Wahl lieber Zeit nehme, "statt eine vorschnelle Entscheidung zulasten der Qualität" zu treffen.

Chancen auf eine Beförderung hatte sich Roger Schweitzer, Bereichsleiter Finanzen in der Gütersloher Hauptverwaltung. Schweitzer, sagt ein Vorstand, sei sei zwar ein hervorragender Experte, doch auch Siegerländer und als solcher "vielleichtein wenig zu gemütlich". Am Dienstag dieser Woche will Rabe dem Aufsichtsrat die Namen seiner CFO-Kandidaten nennen.

Check and Balance

Rabe ist ein forscher Manager, man muss keine Sorge haben, dass er abhebt. Aber dagegen Vorsorge zu treffen ist auch nicht verkehrt. Seiner neuen Finanzchefin kommt eine Schlüsselrolle zu, auch im Sinne dessen, was man "Check and Balance" nennt, also die Fähigkeit und den Mut, gute Argumente gegen zu riskante Aktionen vorzubringen.

Das Personalmanagement will der neue Spitzenmann ebenso in Gütersloh verdichten wie die "Kapital-Allokationen", also die Investitionen und die damit verbundenen Neugeschäfte: Ihm ist aufgefallen, dass bei Bertelsmann seltsamerweise keine Frau im Vorstand sitzt und auch nur wenige in den Etagen darunter zu finden sind - was für ein Unternehmen, auf dessen Thron eine Königin sitzt, beinahe eine Schande ist.

"Diversity Management" und "Gender Management", klingelt es neuerdings durch die Flure der Hauptverwaltung. Das neue, siebenköpfige Group Management Committee (GMC), das den Bertelsmann-Vorstand ab Januar beraten und mit ihm strategische Fragen erörtern soll, ließ Oberfrauenförderer und Gender-Manager Rabe gleich mehrheitlich mit Frauen besetzen: in weiblich-dynamische Erscheinung treten Anke Schäferkordt, die Chefin von RTL Deutschland, Gail Rebuck (Random House Großbritannien), Annabelle Long (Bertelsmann Corporate China, Fonds Bertelsmann Asia Investments) und Karin Schlautmann (Unternehmenskommunikation).

Der Vollständigkeit halber erwähnt werden müssen die GMC-Herren Fernando Carro, Immanuel Hermreck und Nicolas de Tavernos, ihres Zeichens Leiter der Club- und Direktmarketinggeschafte, des Personalwesens und der RTL zugehörigen, franzosischen Sendergruppe M6.

Doch nicht nur die Vertreterinnen des als schwach verschrienen Geschlechts und andere Benachteiligte weisen erhöhte Wallungswerte auf und fühlen sich in die Euphorie der Jahrtausendwende zurückversetzt, als Mark Wössner sein Amt an Thomas Middelhoff übergeben hatte. Die Stimmung ist aufbruchartig aufgeheizt, noch bevor Rabe überhaupt seine Arbeit aufgenommen hat.

Einer seiner Vorgänger meint, dass Rabes Nominierung einen echten Einschnitt in der Bertelsmann-Geschichte darstelle und den Beginn des Übergangs markiere auf die nächste Generation der Familie Mohn: mit dem knapp gleichaltrigen Christoph Mohn als künftigem Aufsichtsratschef und dessen Schwester Brigitte als Herrin in spe über die Bertelsmann Stiftung. So viel ist sicher, es gab schon günstigere Zeitpunkte, den Bertelsmann-Firmen Marktanteile abzujagen.

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