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Grundig, Reuter, Kirch, Krockow: Wie Firmenchefs grandios scheiterten

Missmanagement Tatort Chefetage

Grundig, Reuter, Kirch, Krockow: Storys über schlechte Firmenführung sind zum Markenzeichen von manager magazin geworden - gehasst von den einen, spannende Lektüre für die anderen. Ein Überblick über prominente Missmanagement-Fälle.

Hamburg - Was haben Konzerne wie Daimler, Philips und die untergegangene Arcandor AG gemeinsam? Was verbindet abgetretene Unternehmensführer wie den früheren Oppenheim-Bankier Matthias Graf von Krockow (62), den einstigen Telekom-Chef Ron Sommer (62) und den bei Air Berlin zu neuen Ehren gekommenen Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn (69)?

Ihnen allen widmete manager magazin binnen vier Jahrzehnten mehrfach kritische Berichte - "Missmanagement-Geschichten", wie sie im Sprachgebrauch der Redaktion und der Unternehmens-Community heißen: Artikel über fehlerhafte Firmenpolitik, die innerhalb und außerhalb der Konzerne für Diskussionsstoff sorgten. Oftmals mussten anschließend die Verantwortlichen gehen - wobei nicht immer klar war, ob dies an den Missetaten lag oder an deren Offenlegung.

Große Namen wie Deutsche Bank , Allianz , VW, WestLB tauchten im Lauf der mm-Historie immer wieder unter dem Stichwort Missmanagement auf. Eine mm-Story beschäftigte sich 1994 mit der Verschwendungswirtschaft eines ganzen Bundeslandes, mit den desolaten Finanzen Bremens.

Vielfach widmete sich die Redaktion Gründervätern wie Max Grundig, Josef Neckermann, Heinz Nixdorf oder Hannsheinz Porst, die einst allesamt für das Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik standen, aber irgendwann die Weiterentwicklung der Märkte verschliefen. Ihre Firmen verschwanden oder verloren die Selbstständigkeit.

Dann wieder ging es um den Niedergang von Traditionsmarken wie 4711, Salamander, Leica oder Junghans. Einige Markennamen überlebten das Scheitern ihrer Schöpfer, manche stehen heute für andere Geschäftsideen.

Dem Optikhersteller Zeiss Ikon war die erste "Mismanagement"-Geschichte gewidmet - damals schrieb die Redaktion den Begriff noch konsequent englisch mit nur einem s. Die Story erschien vor 40 Jahren in Nummer 1/1971. Zeiss Ikon verlor später die Selbstständigkeit.

Längst sind Geschichten über "Missmanagement" zum Markenzeichen von manager magazin geworden. Und das, obwohl - oder gerade weil - dieses Etikett wegen seiner stigmatisierenden Wirkung von vielen Topmanagern befehdet wird.

Missmanagement - aktuelles Thema seit 1971

Dabei sieht die Redaktion keineswegs alles durch eine grau-schwarze Brille. Sie verteilt durchaus und reichlich Lob. In den 40 Jahren seines Bestehens hat manager magazin zahllose "Best Practice"-Geschichten über vorbildliches Management veröffentlicht und etliche Unternehmen und Manager ausgezeichnet.

Aber es gibt eben - wer wollte das bestreiten - auch Missmanagement. Was bedeutet der Begriff eigentlich genau? Die Redaktion des Duden hat eine kurze Erklärung für den anglizistischen Ausdruck. Allerdings kommen auch die Hüter des deutschen Mutterlauts nicht gänzlich ohne Englisch aus: "schlechtes Management" lautet deren Definition.

Eine Pluralform des Begriffs gibt es nicht. Dabei ist miese Unternehmensführung beileibe keine singuläre Erscheinung. In den etwa 500 Ausgaben (einschließlich Sonderheften) von manager magazin, die seit 1971 erschienen sind, finden sich mehrere Hundert Missmanagement-Geschichten - Artikel über das Versagen von Unternehmenschefs, deren mangelhafte bis desaströse Arbeitsergebnisse oft mit Hochmut und Uneinsichtigkeit gepaart waren.

Den Nachteil hatten und haben regelmäßig die Firmeneigentümer (mal eine Handvoll Familienmitglieder, mal eine große Zahl namenloser Aktionäre), die Belegschaft (oft sind Entlassungen die Folge schlechten Wirtschaftens) und auch das Gemeinwesen (Verluste generieren keine Steuereinnahmen). Gesellschaftliche Gründe, mieses Management öffentlich zu machen, gibt es also genug.

Blockaden verhindern keine Geschichte

Ganz anders beurteilen in der Regel die betroffenen Manager die Notwendigkeit, ihr Tun publizistisch aufzuarbeiten. Viele schweigen, wenn sie um ein Gespräch oder um eine Stellungnahme gebeten werden. Oder sie spielen auf Zeit. Doch Blockaden haben noch nie die Veröffentlichung einer von der mm-Redaktion geplanten und recherchierten Geschichte verhindert.

Wenn dann erst ein kritischer Artikel erschienen ist, reagieren die Betroffenen unterschiedlich. Mal gibt es Anrufe beim Chefredakteur oder beim Autor. Einige Manager sind auf Jahre beleidigt, die meisten suchen ein klärendes Einzelgespräch. Manche schreiben Leserbriefe, wie einst der Geschäftsführer der Saftfabrik Granini. Er wartete allerdings ein Jahr mit seiner Reaktion - bis er bessere Zahlen vorlegen konnte. Dann formulierte er: "Ihre meinungsgeladene Missmanagement-Story im vergangenen Jahr habe ich mit zähneknirschender Gelassenheit zur Kenntnis genommen." Seine Genugtuung währte nicht lange: Wenig später sah sich mm veranlasst, eine neue kritische Story über den "Saftladen Granini" zu drucken.

Andere Gescholtene reagieren wie Führer totalitärer Staaten. Sie sprechen von Einmischung, Provokation oder Miesmacherei. Es werde ein "anerkannt erfolgreicher, unbescholtener und integrer Spitzenmanager unserer Gruppe ohne ersichtlichen Grund in die Öffentlichkeit gezerrt, diffamiert, diskreditiert und seinem Ruf nachhaltig Schaden zugefügt", schrieb 1997 der Kommunikationschef der genossenschaftlichen Handelskette Edeka an die Redaktion.

So unumstritten, wie sein PR-Diener behauptete, war der betreffende Topmann in Wahrheit wohl doch nicht. Keine vier Wochen später teilte Edeka mit, der Chef werde abgelöst.

Die Reaktionen der Unternehmen

Gern stellen die kritisierten Manager auch entrüstet die Frage: "Hat einer Ihrer Redakteure schon einmal ein Unternehmen geleitet?" Nein - genauso wenig, wie ein Restauranttester eine Kochlehre absolviert haben muss, um Qualität und Geschmack einer Speisenfolge beurteilen zu können.

Manche Unternehmenslenker greifen gar zur juristischen Keule. Sie versuchen, gerichtlich eine Gegendarstellung durchzusetzen. Doch das gelingt eher selten. Die längste in manager magazin abgedruckte war zwei Seiten lang und stammte von den Rollei-Werken (Heft 12/1973). Tenor: Alles halb so schlimm. Von wegen: Wenig später hatte Rollei wieder erhebliche Probleme.

Häufiger schon werden Unterlassungsansprüche geltend gemacht, was für die Betroffenen den Vorteil hat, dass diese nicht veröffentlicht werden und das Thema nicht noch einmal aufrühren. Vereinzelt werden sogar Schadensersatzforderungen angekündigt. Das gipfelte in einer mm angedrohten, aber nie eingereichten Klage über eine Milliarde Mark.

Viele Manager gehen ohne Rücksicht auf die Erfolgsaussichten in solche Gerichtsverfahren, denn die Kosten eines verlorenen Rechtsstreits tragen ja nicht sie privat, sondern die von ihnen geschundenen Unternehmen.

Sehr selten verhängte ein Chef einen Anzeigenboykott gegen manager magazin, um wirtschaftlichen Druck auszuüben. Bei mm ist es seit jeher gute Tradition, dass die Autoren der angegriffenen Artikel von einem Werbestopp nichts erfahren. Sie sollen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen. In der Regel kamen die Werbekunden nach einer Zeit der Enthaltsamkeit zurück.

Die meisten Artikel des 1971 noch völlig neuen Genres schrieb Klaus Hoffmann (75), mm-Redakteur der ersten Stunde. Nach fast 30 Dienstjahren und mehr als 120 Missmanagement-Geschichten ging er im Jahr 2000 in den Ruhestand. Einer der aktivsten Missmanagement-Schreiber war auch Winfried Wilhelm, zuletzt - bis 2000 - stellvertretender Chefredakteur. Wilhelm deckte in Heft 2/1990 desolate Zustände und einen Putschversuch familienfremder Manager bei der Vermögensverwaltung des Fürstenhauses Thurn und Taxis auf.

AEG und Kirch: Aufwendige Recherchen

Winfried Wilhelm und Klaus Boldt schrieben die erste fundamentalkritische Analyse des Kirch-Imperiums, die in Heft 7/1997 als Titelstory "Geheime Dokumente - Die Finanzen des Leo Kirch" erschien. Vermutlich hätte der frühere Deutsch-Banker Rolf Breuer (73) sich nie einer Klage Kirchs erwehren müssen, wenn er im Fernsehinterview auf mm verwiesen hätte, anstatt über die Kreditwürdigkeit des schließlich fallierten Medienmoguls zu schwadronieren.

Der Rechercheaufwand für eine Missmanagement-Geschichte ist in der Regel hoch. Zu den Gesprächspartnern der mm-Redakteure gehören oft genug aktive Führungskräfte, die die herrschenden Zustände korrigieren wollen und sich mm anvertrauen. Ehemalige Manager, Unternehmensberater, Kunden, Konkurrenten können häufig Erhellendes beitragen. Dass dabei oft auch Rachegedanken im Spiel sind, weiß jeder Redakteur. Deshalb werden die Informationen sorgfältig gegengecheckt. Eine stimmige Missmanagement-Geschichte wächst langsam - wie ein Mosaik.

Eine der aufwendigsten Recherchen erforderte die Beschreibung der katastrophalen Zustände beim Elektrokonzern AEG-Telefunken Anfang der 70er Jahre. Der damalige Redakteur und spätere Chefredakteur Ulrich Blecke sprach mit mehr als 100 Informanten.

Bleckes AEG-Geschichte erschien 1973. Der Überlebenskampf des Unternehmens dauerte danach immerhin noch neun Jahre. 1982 meldete der Konzern Vergleich an - Bleckes Analyse war in vielen Punkten noch hochaktuell.

Krach bei Daimler: Das Liener-Dossier

Die Missmanagement-Story, die über die Jahrzehnte am meisten Aufsehen erregte, betraf Daimler-Benz, wie das Unternehmen damals noch hieß. Es war die Veröffentlichung des Liener-Dossiers in Heft 8/1995. Der geschasste Finanzvorstand Gerhard Liener rechnete in einem Geheimpapier schonungslos mit dem vormaligen Konzernchef Edzard Reuter (83) ab.

Reuter war - neben seinem Nachfolger Jürgen Schrempp (67) - einer der beiden Daimler-Chefs, die ihren Visionen, sprich: dem Größenwahn, erlagen. Reuter wollte den allumfassenden Technologiekonzern mit Luft- und Raumfahrtsparte schaffen, Schrempp die weltumspannende Automobil-AG, was in der Fusion mit Chrysler kulminierte. Beide Vorhaben scheiterten grandios.

Lieners Aufzeichnungen, die übrigens ohne sein Wissen in manager magazin veröffentlicht wurden, erschütterten den Konzern tief. So recht Liener im Nachhinein hatte - von vielen ehemaligen Kollegen wurde er danach geschnitten. Dass er sich wenige Monate später das Leben nahm, hing aber wohl eher damit zusammen, dass er sein Privatvermögen mit Immobilieninvestitionen in den neuen Bundesländern verloren hatte und einen Offenbarungseid leisten musste.

Dass fundierte Missmanagement-Geschichten Auflage bringen, soll hier nicht verschwiegen werden. Die größtmögliche Verbreitung des Druckwerks gehört schließlich zum Unternehmenszweck des Magazins. Lieners "Daimler-Dossier" sorgte für den bis heute stärksten Einzelverkauf einer mm-Ausgabe.

Nur selten lag mm bei Missmanagementstorys falsch

Im Jahr 2007 beschäftigte sich manager magazin abermals in einer Titelgeschichte ("20 Jahre Missmanagement - Die Daimler-Tragödie") mit den Hinterlassenschaften Reuters und Schrempps. Übrigens war Schrempp 1998 gerade wegen der Fusion mit Chrysler von einer mm-Jury zum "Manager des Jahres" gekürt worden. Die Wahl war - genau wie Schrempps Projekt - ein Fehler.

Verfehlte Fusionen und Zukäufe gaben häufig den Anlass für mm-Geschichten. So etwa die Ausflüge in die Bürokommunikation von Volkswagen  (Triumph-Adler) und AEG (Olympia). Oder die Expansion der Allianz ins Universalbankgeschäft (Dresdner Bank).

Meistens war alles noch viel schlimmer, als es in mm stand. Häufig mussten zeitnah die Chefs der beschriebenen Unternehmen gehen, die Firmen schlitterten in die Pleite, oder es gab für die Manager ein juristisches Nachspiel.

Manchmal passierte dies in der Folge von mm-Veröffentlichungen auch alles gleichzeitig - wie bei der 1996 insolvent gewordenen Werftengruppe Bremer Vulkan, deren Lenker Friedrich Hennemann (75) eine Zeit im Gefängnis verbringen musste. Oder wie beim Handelskonzern Arcandor , dessen 2009 retirierter Gestalter Thomas Middelhoff (58) sich staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Zivilklagen des Insolvenzverwalters ausgesetzt sieht.

Sal.Oppenheim: Verhängnisvolle Liaison mit Josef Esch

Bei Sal. Oppenheim, der bis 2010 größten Privatbank Europas, bahnte sich der Niedergang über mehrere Jahre an - stets eng begleitet von mm. Es waren die verhängnisvolle Liaison des einst seriösen Bankhauses mit dem Immobilienentwickler Josef Esch (55) und ein selbstmörderisches Kreditengagement bei der früheren Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz (68), die Sal. Oppenheim beinahe zu Fall brachten.

Das Missmanagement gipfelte in persönlichen Bürgschaften der Bankiersfamilie für Schickedanz. In Heft 1/2010 enthüllte manager magazin, dass die Führungsclique sich quasi selbst Privatdarlehen über fast eine Milliarde Euro genehmigt hatte. Kurz darauf trat Bankchef Krockow zurück. Gegen ihn und seine Kollegen ermittelt die Staatsanwaltschaft - unter anderem wegen des Verdachts der schweren Untreue.

Nur selten lag mm bei Missmanagementstorys falsch. In Heft 4/1981 wurde etwa Audi-Chef Wolfgang Habbel (87) auf dem Titelblatt angeprangert: "Der Lack ist ab." Doch dann lieferte Habbel von Jahr zu Jahr bessere Ergebnisse.

Im Editorial 7/1983 entschuldigte sich Chefredakteur Werner Funk: "Vor gut zwei Jahren druckte manager magazin einen Beitrag über die vermeintlich verfehlte Marken- und Fertigungspolitik der VW-Tochter Audi . Wir haben Unrecht behalten mit unseren Befürchtungen."

Auch manager magazin nimmt das Recht auf Irrtum für sich in Anspruch.

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