Sonntag, 26. Mai 2019

Die besten Geschäftsberichte Mehr Schein als  Sein

Bester Geschäftsbericht 2011: Die Reports im Härtetest
Arnt Haug

manager magazin hat die Geschäftsberichte der 159 wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften unter die Lupe nehmen lassen. Ergebnis: Die Qualität hat sich verbessert, doch die Transparenz lässt immer noch zu wünschen übrig. Der Überblick zeigt, welchen Konzernen Anleger dennoch vertrauen können.

Es gibt da diese Termine, zu denen sich Frank Appel (50) jedes Mal regelrecht zwingen muss. Meist finden sie an den grauen und nebligen Tagen zwischen Mitte und Ende Februar statt, wenn abwechselnd dicke Wolken und dichte Nebelschwaden den Blick aus dem 40. Stock des Post-Towers ins nahe Siebengebirge verhängen. In dieser Zeit werden mit einem Abstand von wenigen Tagen grundsätzlich ein paar Stunden in Appels Terminkalender blockiert. Zeit für den Post-Chef, sich durch die finale Version des Geschäftsberichts zu arbeiten, den er dann Anfang März Analysten und Aktionären präsentieren wird.

Rund 230 Seiten waren es in diesem Jahr, rund 860 insgesamt, seit er im Februar 2008 das Kommando bei der Post Börsen-Chart zeigen übernahm. "Der Bericht ist in seiner Summe die zentrale Botschaft an unsere Aktionäre", mahnt sich Appel jedes Mal aufs Neue zur Disziplin, "dabei sehen wir uns in der Pflicht, in komprimierter Form ein realistisches und verständliches Bild unserer Geschäftsentwicklung zu zeichnen. Das ist mehr als eine kommunikative Pflichtübung."

Der Entwurf, den er in diesem Februar auf seinem Schreibtisch fand, sollte ihn allerdings entschädigen. Inzwischen ist klar, dass keine andere deutsche Börsenfirma einen ähnlich perfekten Report zustande gebracht hat.

Und so kam es, dass der Post-Chef ziemlich exakt sechs Monate später an einem warmen Spätsommerabend Ende August auf der Bühne des Plenarsaals der Frankfurter Wertpapierbörse stand und sich als Sieger des diesjährigen manager-magazin-Wettbewerbs "Die besten Geschäftsberichte" feiern lassen konnte. Mit der Siegertrophäe in der Hand fiel es Appel dann auch nicht schwer, sich mit einem Anflug von Selbstironie bei seinen Mitarbeitern zu bedanken, die ihn im Februar stundenlang mit dem nun ausgezeichneten Bericht in seinem Büro festgesetzt hatten.

Blender und Schönredner werden enttarnt

Der Triumph des Logistikkonzerns kommt nicht von ungefähr. Bereits seit mehr als einer halben Dekade gehören die Berichte der Post zum Besten, was die größten deutschen Börsenfirmen in Sachen Finanzkommunikation zu bieten haben. In diesem Jahr legten Appels Investor-Relations-Leute noch einmal einen Schlag zu und bereinigten auch die letzten Schwächen. "In nahezu sämtlichen Bewertungskategorien lag der Report mit in der Spitzengruppe", lobt Professor Jörg Baetge von der Universität Münster, "kein anderes Unternehmen konnte eine ähnlich stabile und ausgeglichene Leistungsbilanz vorweisen."

Zum insgesamt 17. Mal analysierte Bilanzexperte Baetge die Geschäftsberichte der wichtigsten deutschen Börsenfirmen für manager magazin. Zusammen mit Professor Rudi Keller von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, der die sprachliche Qualität untersucht, und Professor Gisela Grosse von der Fachhochschule Münster, die sich um die Prüfung der gestalterischen Qualität kümmert, liefert er die wissenschaftliche Grundlage des Analyseprozesses. Eine fünfköpfige mit erfahrenen Finanzmarktprofis besetzte Jury beurteilt abschließend die Glaubwürdigkeit und Prägnanz der Berichte (siehe Kasten).

Wie die manager-magazin-Experten den besten Geschäftsbericht küren
Umfassend
Untersucht werden rund 160 Reports aus Dax, M-Dax, S-Dax und Tec-Dax. Drei wissenschaftliche Gutachterteams analysieren unabhängig voneinander. Am Ende prüft eine Jury die vier besten Berichte aus jedem Börsensegment.
Mehrstufig
Die Note für den Inhalt des Geschäftsberichts macht 48 Prozent des Gesamturteils aus, der Zwischenbericht fließt zu 12 Prozent in die Bewertung ein, Sprache und Gestaltung zu jeweils 20 Prozent. Dabei werden sprachliche und gestalterische Qualität für sämtliche Dax-Konzerne und für die 20 inhaltlich besten Reports der übrigen Indizes beurteilt.
Ausgewogen
Die Jury prüft, ob die Berichte ein authentisches und glaubwürdiges Bild der Firmenlage zeichnen. Offenheit wird mit Pluspunkten, Schönfärberei mit Abzügen bestraft.
Service
Weitere Informationen zum Wettbewerb gibt es unter den folgenden Adressen:

Inhalt Geschäfts- und Zwischenbericht: Professor Jörg Baetge, Universität Münster, Fax: 0251 71844-06, E-Mail: Geschaeftsbericht@baetge.de

Gestaltung: Professorin Gisela Grosse, FH Münster, Fax: 0251 83653-76,
Internet: www.cci.fh-muenster.de

Sprache: Professor Rudi Keller, Uni Düsseldorf, Fax: 0211 81152-30,
Internet: www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/index.php?id=5423
Alles in allem bietet die manager-magazin-Untersuchung, die in diesem Jahr zum ersten Mal mit der Aktionaersforum AG durchgeführt wurde, ein einzigartiges Instrumentarium zur Beurteilung der Reporting-Qualität börsennotierter Unternehmen.

Für Fondsmanager, Aktionäre und potenzielle Investoren ist die Studie eine unverzichtbare Orientierungshilfe, wenn es darum geht, Offenheit und Glaubwürdigkeit der Konzernlenker zu beurteilen. In keiner anderen Untersuchung werden die Berichte intensiver und akribischer analysiert, nirgendwo sonst werden Blender und Schönredner konsequenter enttarnt.

Die Resultate sind zumindest in einem Punkt ermutigend: Die inhaltliche Qualität ist gestiegen. Im Schnitt verbesserten sich die Firmen um rund 1,3 auf 57,3 Punkte (von 100 möglichen). Auch in Sachen Gestaltung steigerten sich die Berichte um 0,7 auf nunmehr 63,6 Punkte. Allein das Urteil über das sprachliche Niveau fiel schlechter aus als im vergangenen Jahr, weil das Team um Professor Rudi Keller die Bewertungskriterien verschärft hatte. Deshalb blieb die durchschnittliche Gesamtbewertung mit rund 59 Punkten auf dem Level des Vorjahres.

© manager magazin 10/2011
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