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Mario Bellini: Die Entwürfe des Star-Architekten

Architekt Mario Bellini Der Stilweltmeister

Die Türme der Deutschen Bank in Frankfurt hat Mario Bellini jüngst für das 21. Jahrhundert umgebaut - für 200 Millionen Euro. Privat pflegt der Mailänder Architekt und Gestalter eher einen Hang zum Altehrwürdigen. Sein Wohnhaus ist ein prächtiger Palazzo, ausgestattet in schrillem Stilmix.

Mailand - Eine knallige Morgensonne lässt die stillen Nebenstraßen im Mailänder Navigli-Viertel erglühen. Das Quartier heißt nach den mittelalterlichen Kanälen, die es durchziehen. Einst mitgeplant, so heißt es, vom Großmeister Leonardo da Vinci höchstselbst.

Ein später Nachfahre im Gestaltergewerbe residiert heute in dem inzwischen unter Kreativen angesagten Viertel: der Architekt und Designer Mario Bellini. Plötzlich steht er da, aufgetaucht aus dem Gewirr der Metallstreben seines Büros. Ein kompakter Mann, kahlköpfig und stoppelbärtig, in einem leichten Anzug, auf den verweht knittrigen Zügen ein gewinnendes Lächeln.

Der 76-jährige Daueraktive umgibt sich mit Modellen und Fotos aus seinem umfangreichen Schaffen. Gerade hat er das Innere der Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt mit einem Umbau für 200 Millionen Euro auf Vordermann gebracht. Schon lange ist er mit seinen Designobjekten in der Wirtschaftslandschaft präsent. Vom Lamy-Stift über Erco-Leuchten, Rosenthal-Geschirr bis zum Vitra-Stuhl, von Olivetti-Rechnern und Schreibmaschinen, B&B-Italia-Sofas bis zum legendären Cab Chair von Cassina - jeder ist wohl schon einmal mit einem Gegenstand aus seiner Feder in Berührung gekommen Bellini, der zeitgenössische Klassiker.

Als einen der "letzten großen Protagonisten des italienischen Designs" besang ihn das Magazin der "New York Times". Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York veranstaltete mit ihm nicht nur die erste Ausstellung für einen lebenden Gestalter nach Charles Eames, sondern präsentiert auch 25 seiner Entwürfe in seinem Designdepartment.

Bellinis Kunst-Palast

Bellini führt den Besuch in einen fast sakralen Raum. Dort verwahrt er in einer Glasvitrine das Modell des Neubaus der Mailänder Messe von 1987. Bis heute ist das Gebäude eine Zier im Innern der norditalienischen Metropole. Bellini präsentiert den Entwurf zwischen den glatten Betonwänden seines Büros wie eine Reliquie, eine Art Heiligtum seiner zweiten Karriere als Architekt.

Denn inzwischen will Bellini vom Design nichts mehr wissen. Allein die Nennung des Begriffs treibt ihn auf die Palme. Das Mantra der Szene - "form follows function" - hält er für abgekarteten Unfug. Gerade über die deutschen Designer in ihrer schwarz-grauen Zunftkluft, die an protestantische Pfarrer erinnert, gießt er beißenden Spott.

"In der germanischen Auffassung muss Design mit Moral einhergehen", ätzt er. "Wer Freude an schönen Dingen hat, begeht - als seien es erotische Ausschweifungen - eine Sünde. Das war der puritanische Ansatz in den heiligen Zeiten des Designs." Bellini findet das abstoßend unbefriedigend. Das sei doch alles "Blödsinn", der auch noch zu "sogenannten Designtheorien" geführt habe, wonach Design am Ende die Stile ersetze. Nein, er habe schon lange keine Lust mehr, auf diesem Feld mitzuspielen.

Schon in den 80er Jahren wandte sich Bellini wieder seiner erlernten Profession zu: der Architektur. Dass er sich überhaupt als Industriedesigner verdingt hatte, lag auch daran, dass er als junger Mann plötzlich eine Familie ernähren musste und das neue Feld schnelleren Ertrag versprach. Aber was ist schon das Entwerfen von Alltagsgegenständen gegen das Bauen unvergänglicher Paläste!

Reichlich Zitate aus der Antike

Gleich zu Beginn der neuen Karriere gelang ihm ein Bau, der ihn noch heute mit Stolz erfüllt. In den Landschaftspark der Villa Erba am Südufer des Comer Sees setzte er ein Konferenzzentrum zwischen Pinien und Platanen, im Mittelpunkt der dreiflügeligen Anlage ein dem Pantheon in Rom anverwandter Rundbau. Auch sonst ist das Arrangement reichlich mit Zitaten aus der Antike versehen.

Damals erwarb Bellini auch jenen Palazzo im Herzen Mailands, den er zu einem opulenten Privatquartier ausbaute. Gelegen ist das klassizistische Stadthaus in dem Geviert, das sich an den Palazzo di Brera, die weltberühmte Kunstgalerie, anlehnt. Zu seinen Nachbarn zählen der Modeschöpfer Giorgio Armani und ein gediegenes Luxusresort aus dem Portefeuille des Schmuckhauses Bulgari.

Wenn Bellini auf dieses Zuhause zu sprechen kommt, gerät er ins Schwärmen. "Als ich dieses Haus zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gesagt: Das ist mein Haus, mein letztes Haus", erzählt Bellini. Erbaut in den 30er Jahren im neuklassischen Stil, verfügt es über Spiegeldecken mit Stichkappen, Wandfresken und echte Renaissancekamine, sogar antike Säulen aus damaligen Ausgrabungen.

"Es ist die Mischung vieler Elemente, die mir gefallen hat", sagt Bellini. Aber besonders gereizt habe ihn die "Beziehung zum eigenen Garten". Es handelt sich um einen der typischen Mailänder Innenhofgärten. "Ein geschlossener kleiner Geheimgarten mit alten Bäumen, der nur zu meinem Haus gehört. Und das mitten in der Stadt. Es ist ein grünes Herz, und ich kann zu Fuß zur Scala, zum Dom."

Aubusson-Teppich, Murano-Glas und Hornlautsprecher

Für die innere Gestaltung seines Palazzos hat Bellini befreundete Künstler gewonnen, darunter die Innenarchitektin Gae Aulenti oder der britische Maler David Tremlett. Die eine hat den Salon mit einem eigenwilligen Treppenaufgang zur Bibliothek versehen, der andere das Esszimmer mit abstrakten Wandmalereien.

Dazwischen hat Bellini seine eigene Kunstsammlung platziert, zumeist italienische Realisten der 20er und 30er Jahre, Sironi, Casorati, Donghi. Im Zentrum ein Epochenwerk von Cagnaccio di San Pietro, das drei zwischen Champagnerflaschen auf dem Fußboden schlafende unbekleidete Frauen zeigt. Titel: "Nach der Orgie".

Aber auch einen Aubusson-Teppich gibt es, allerhand Murano-Glas und viele, viele Möbel von berühmten Designerkollegen: von Alvar Aalto über Norman Foster und Charles Eames bis hin zu Ettore Sottsass. Die Heroen der Gestaltung aus den vergangenen 50 Jahren sind hier mit wichtigen Arbeiten vertreten, doch beiläufig und unprätentiös präsentiert. Dazu gesellen sich natürlich auch eigene Entwürfe. Die raumgreifende Musikanlage des leidenschaftlichen Klassikhörers kommt mit dunkelblauen Hornlautsprechern von Avantgarde Acoustic aus dem Odenwald daher.

Der Eindruck dieser Räume: Fülle, Vielfalt, optische Verwirrung - von protestantischer Strenge wahrlich keine Spur. Warum richtet sich ein Entwurfsprofi seine Privatgemächer so ein?

"Ich habe nicht die stilistische Einheit gesucht", sagt Bellini. "Das interessiert mich nicht, das ist tödlich langweilig. Es müssen Provokationen und Brechungen eingefügt werden, und das funktioniert sehr gut." Wohnen ist etwas sehr Komplexes, findet der Architekt. Und so gilt für ihn: "Alles, was nicht verboten ist, kann man machen."

Die höchste Regel ist, keine Regel zu haben

Ein Prinzip, das ihn nicht nur bei der eigenen Einrichtung, sondern auch bei all seinen Entwürfen geleitet hat. So sagt er auf die Frage nach seiner Leitidee: "Die höchste Regel ist, keine Regeln zu haben, sondern der Entdeckung, der Empfindung nachzugehen. Und nie aufzuhören, neugierig zu sein."

Gelernt habe er das bereits als junger Mann, erzählt Bellini. Der Sohn eines kleinen Mailänder Gemischtwarenunternehmers, befasst mit Herstellung und Handel von Motorkolben und elektrischen Instrumenten, erinnert sich an wunderbare Jahre, die er als Kind während der Kriegszeit in der Villa eines Onkels bei Varese auf dem Land verbrachte. Eine Familie, in der die Kunst zum Leben gehörte, eine Ziegelei des Onkels, in der man Ton in Massen zur Verfügung hatte, um zu modellieren. Ein Abenteuerspielplatz für den jungen Mario.

Später kam das Reisen hinzu. Seit er 25 war, besuchte er die Länder rings ums Mittelmeer, Jahr für Jahr jeweils für einen Monat ein Land; ganz systematisch habe er Landschaften und Traditionen erforscht, archäologische Ausgrabungen besucht und die Küche genossen, anfangs mit einem Freund, dann mit der Familie. Und zwar ganz simpel, ohne Schnörkel und Luxus: von Mailand los im VW, übernachtet in kleinen Zelten, aber immer in der freien Natur, in der Wüste, in Wäldern, an Flüssen. So hat er Algerien und Ägypten, Syrien und Marokko, selbst noch Iran und Irak kennengelernt. "Wir hatten nie ein Sicherheitsproblem", sagt er. Die Anrainer des Mittelmeerraumes seien nun mal "sehr gastfreundliche Menschen".

Auch die USA hat er auf diese Weise erkundet, 40 Tage mit dem Auto von Ost nach West, Privathäuser, Museen, Künstler besucht und alles sorgsam dokumentiert. "Nur wenige Amerikaner haben in ihrem Leben eine solche Tour gemacht." Der Vielbeschäftigte wirft einen Blick auf die Uhr. Ein mächtiger Chronograf, aber kein Modell mit edler Mechanik, sondern ein elektronisches, betrieben mit Sonnenenergie. Kostet 150 Euro, sagt Bellini, aus Japan, zeigt immer die exakte Zeit.

Ein Mann der Zweckmäßigkeit

Bellini ist eben auch ein Mann der Zweckmäßigkeit. Dafür hat er mit dem Umbau der beiden Frankfurter Banktürme ein Musterbeispiel geliefert. Das Soll-und-Haben-Ensemble hat er in ein zertifiziertes Öko-Haus verwandelt, das bei deutlich höherer Belegung als zuvor die Hälfte der Energie einspart. Er hat Fenster geöffnet, sodass jetzt auch Frischluft hineinkann, und dem zergliederten Geschäftshaus erstmals ein Zentrum verpasst. Bellini nennt es: das Herz.

Dazu hat er den Wabenbau der Basis nach oben geöffnet. Zu einem 22 Meter hohen Raum mit Glasdach, sodass der Himmel in die Halle leuchtet. Dort hängt eine gigantische Kugel aus stählernen Planetenbahnen, 16 Meter Durchmesser, durch die begehbare Brücken laufen. Das Universum des Geldes.

Das Universum als harter Kern des Gebäudes - er formuliert damit zugleich einen hohen Anspruch an den eigentlich ja eher banalen Gehalt eines Geldhauses.

Längst ist Bellini bei anderen Projekten: eine Innenhofgestaltung für den Louvre, ein Forschungspark in Genua, ein Stadtmuseum für Bologna, ein futuristisches Kulturzentrum für Turin, ein Bürohaus für Rheinmetall  in Düsseldorf. Der Mann, wenngleich im achten Lebensjahrzehnt, sprüht vor Energie und Tatendrang.

Gibt es einen Traum, den er sich als Architekt gern noch erfüllen möchte?

Sicher, sagt er, aber nichts Großes mehr. Den Keller für ein Weingut würde er gern mal gestalten: mit dem Boden verbunden, eingebettet in die Landschaft - durchaus dem Rausch verpflichtet, ganz und gar unpuritanisch.

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