Samstag, 20. April 2019

Kevin Costner im Gespräch mit Michael Otto Wie viel Mut braucht ein Mann?

Kevin Costner im Gespräch mit Michael Otto: Wie viel Mut braucht ein Mann?
dpa; dapd

3. Teil: "Von Menschen, die sehr wenig haben, kann man eine Menge lernen"

mm: Sie sind beide Selfmade-Männer. Obwohl Herr Otto auch einen ordentlichen Batzen geerbt hat.

Otto: Dennoch sehe ich mich als Selfmademan. Schließlich habe ich ein mittelständisches Unternehmen zu einer großen Unternehmensgruppe weiterentwickelt. Entscheidend war dabei, mein Ziel Schritt für Schritt zu verfolgen, offen zu sein und Dinge zu wagen, die einem zunächst fremd erscheinen, weil sie vor einem noch keiner umgesetzt hat.

mm: Ihre Biografien sind völlig unterschiedlich, und doch teilen Sie ganz offensichtlich eine Gemeinsamkeit: Sie haben sich beide das Kind im Manne bewahrt. Sie, Herr Costner, fahren liebend gern Traktor, gehen fischen, tauchen, Baseball spielen. Sie, Herr Otto, sind zu VW-Käfer-Zeiten durch die Sowjetunion gerattert, zu Pferd in Kirgistan ins Tianshan-Gebirge hochgeritten, mit einer Karawane durch die Mongolei gezogen. Es ist ganz offensichtlich, dass Sie beide Ihren Spieltrieb und diesen archaischen Impuls "Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss" voll ausleben.

Otto: Das ist tatsächlich so. Den kleinen Jungen, der immer etwas entdecken möchte und das Abenteuer sucht, habe ich mir mein ganzes Leben lang bewahrt. Über die Jahre hat sich das dann gepaart mit einer sehr wichtigen Erfahrung: In der Natur und bei den Naturvölkern finde ich eine so einzigartige Entspannung, die ich sonst nirgendwo anders finden kann. Dort komme ich aus der Hektik des Alltags heraus, reflektiere über mein Leben und komme wieder mit beiden Füßen auf den Boden. Das ist von unschätzbarem Wert.

Costner: Von Menschen, die sehr wenig haben, kann man eine Menge lernen. Das sollten vor allen Dingen die beherzigen, die den Hals nie vollkriegen. Michael und ich haben wahrscheinlich mehr Erfolg genossen, als wir uns je vorstellen konnten oder glauben, verdient zu haben. Deshalb ist es unsere Pflicht, uns auch um Dinge zu kümmern, die uns interessieren, glücklich machen und wichtig für die Gesellschaft sind. Es gibt nur zwei Gründe, um Geld zu verdienen. Der eine ist, dass man gut für seine Familie sorgen will. Aber sobald das sichergestellt ist, müssen wir unsere egozentrischen Kreise verlassen und uns auch um die anderen sorgen. Welchen Sinn macht es schon, immer noch mehr für sich selbst anzuhäufen?

mm: Das sieht der Unternehmer gewiss anders.

Otto: Nicht unbedingt. Für mich geht es darum, mein Unternehmen ständig weiterzuentwickeln und konkurrenzfähig zu halten. Meine Verantwortung für die Mitarbeiter ist mir immer bewusst, und dass wir der Gesellschaft eine Dienstleistung bieten müssen, die natürlich auch unternehmerisch gewinnbringend zu sein hat. Sobald die Mittel dafür da sind, halte ich es für wichtig, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ich setze mich mit aller Leidenschaft für die Bildung junger Menschen ein, für die Entwicklung in Afrika und für die Natur. Wir dürfen nie vergessen, was wir in Deutschland im Grundgesetz verankert haben: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

Costner: So müsste es sein. Doch die meisten Business-Menschen haben kein soziales Bewusstsein, die haben immer nur den eigenen Vorteil im Blick.

mm: Sie geben sich hier sanftmütig wie die Lämmer des Herrn. Wir wissen aber alle, dass Erfolg viel Härte verlangt, gegen sich und andere. Nicht umsonst ist uns das Klischee "tough guys don't dance" in die Köpfe gemeißelt. Sie aber wollen uns glauben machen, zwei alternative Softies zu sein.

Costner: Von einem Mann wird erwartet, hart zu sein, nicht verzärtelt. In meinem Fall verhält es sich so, dass man mich 99 Yards herumschubsen kann. Aber dann ist da dieses letzte Yard, das gehört nur mir. Wenn ich also jemandem sagen muss, was die Stunde geschlagen hat, kann ich das. Ich möchte das zwar lieber nicht, weil ich sehr von der Vorstellung angezogen bin, dass ein Mann bescheiden und behutsam sein sollte.

Otto: Ausschlaggebend ist, sich selbst treu zu bleiben. Durch den Erfolg ist man doch kein anderer Mensch geworden. Was ich überhaupt nicht schätze, sind Wichtigtuer, die sich groß vorkommen, weil ihnen mal etwas gelungen ist. Mein Unternehmerbild ist immer noch das des ehrbaren Kaufmanns, dem es um Fairness, Offenheit und Zuverlässigkeit geht, Vertrauen eben. Leider ist dieses Bild in den letzten Jahren stark lädiert worden durch einzelne Topmanager, die sich mehr durch überzogene Gehälter hervortun als durch Leistung. Missmanagement und eklatante Fehlentscheidungen werden nicht selten noch mit horrenden Abfindungen "belohnt".

Costner: Eine Reihe dieser Business-Männer, von denen Sie hier reden, die Chief Executive Officers, das sind keine Unternehmer, das sind doch nur Angestellte, die völlig das Bewusstsein für ihre Rolle verloren haben. Viele von ihnen sind einfach aufgeblasene Sprücheklopfer.

Otto: Natürlich ist es ein Unterschied, ob einer Unternehmer ist und auch mit seinem privaten Vermögen voll ins Risiko geht. Oder ob ein Topmanager sich, wenn es schiefgeht, einfach zurückziehen und einen neuen Job suchen kann. In Deutschland bezeichnen wir auch CEOs als Unternehmer; obwohl sie keine Eigentümer, sondern nur beauftragte Unternehmer sind.

Costner: Der Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Unternehmer liegt in seiner Einstellung zur Gesellschaft. Der gute macht einen Haufen Geld, und das war's. Der großartige aber nimmt seine Mitarbeiter mit auf die Reise und sorgt dafür, dass sie ihren Teil vom Kuchen abbekommen. Nach dem Motto: Mach andere wohlhabend, und du wirst selbst wohlhabend; das klappt!

Otto: Da muss ich Ihnen zustimmen. Wenn man dafür sorgt, dass die Mitarbeiter zufrieden und begeistert sind, dann kommt der Erfolg fast automatisch. Es ist anmaßend, die guten Ideen für sich allein zu beanspruchen und die Leistung seiner Leute nicht anzuerkennen.

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