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Roland Koch: Not big, but beautiful

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Bilfinger Berger Kann ein Politiker Wirtschaft?

Der ehemalige hessische Ministerpräsident will den ehemaligen Bauspezialisten Bilfinger Berger neu erfinden. Als Chef des Baukonzerns agiert der Ex-Polit-Haudegen und "harte Hesse" Koch ungewohnt geschmeidig, aber ehrgeizig wie eh und je.

Hamburg - Der Aufzug hat Roland Koch 157 Meter gehievt. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe steht der Chef von Bilfinger Berger auf dem Kesselturm des Großkraftwerks Lippendorf unweit von Leipzig. Von dort aus will Koch auf seine neue Arbeitswelt schauen - und sieht: nichts. Das Wetter will nicht mitspielen. Wattedicker Nebel liegt an diesem Septembermorgen schwer über Sachsen.

Was von unten noch machbar erschien, erweist sich oben als unmöglich. Koch nimmt es nüchtern wie vieles in seinem Berufsleben. Der ehemalige hessische Ministerpräsident und langjährige CDU-interne Rivale von Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß eben nur zu gut, wann man vor höheren Mächten kapitulieren muss.

Schließlich hat Koch fünf Jahre Zeit, vielleicht sogar mehr, um beim Baukonzern Bilfinger Berger  die Sonne hereinzulassen. Denn genau das hat Koch vor - den Konzern neu erstrahlen lassen. Sein Schöpferdrang ("Mich fasziniert es zu gestalten") lässt ihm keine Ruhe. In der Politik hat es der 53-Jährige nicht bis ganz nach oben geschafft. Jetzt versucht er notgedrungen seine zweite Karriere.

Dazu hat er sich kein gewöhnliches Unternehmenssujet ausgesucht. Die Aufgabe sei "hochkomplex", betont Koch gern. Soll heißen: Am Schwierigkeitsgrad der Mission zeigt sich der Meister.

An der Mission zeigt sich der Meister

Tatsächlich muss der Managernovize die Neuerfindung des ehemaligen Bauspezialisten Bilfinger Berger vollenden. Das staubbedeckte Bauschild hat bereits Vorgänger Herbert Bodner (63) abgeschraubt. Die Kunst, Brücken, Tunnel oder Wolkenkratzer errichten zu können, hatte dem Mannheimer M-Dax-Unternehmen mehr Sorgen als Geld beschert. Deshalb schrumpfte Bodner das Stammgeschäft.

Parallel kaufte er reihenweise Dienstleistungsfirmen, den Kraftwerkshelfer Babcock Borsig  etwa (dessen Werkeln auf dem Gelände in Lippendorf Koch vom Kesselturm zeigen wollte) oder den Gebäudemanager HSG. Danach ließ Bodner sie allerdings mehr oder weniger unbehelligt ihren Geschäften nachgehen.

Das soll Koch nun ändern. Er muss zusammenfügen und vereinen, was sich im Bilfinger-Berger-Universum (weit mehr als 500 Gesellschaften; 8,1 Milliarden Euro Leistung) bislang beharrlich ignorierte, allenfalls mit Argwohn beäugte.

Viele Seitenwechsler aus der Politik sind bislang durchgefallen

Kann er das? Schließlich hat der "harte Hesse" (Biograf Hajo Schumacher) als Politiker eher polarisiert ("Arbeitspflicht für Erwerbslose"; "multikulturelle Verblendung") statt integriert. Die wenigen Seitenwechsler von der Politik in die Wirtschaft sind bisher meist durchgefallen - oder spielen Nebenrollen. Wird Koch die Ausnahme sein?

Die Ziele des neuen Spitzenmanns der deutschen Wirtschaft sind enorm ehrgeizig. Sein Start verlief zügig.

1. Juli. Koch hat einen kurzen Anfahrtsweg. Von seinem Haus in Eschborn geht es heute zur Aufsichtsratssitzung von Bilfinger Berger nach Wiesbaden, keine 30 Kilometer. In der hessischen Landeshauptstadt wohnt Herbert Bodner, der hernach von der Runde verabschiedet werden wird.

Es ist Kochs erster Arbeitstag als Vorstandsvorsitzender. Ohne Adrenalin, aber mit viel Routine trägt er die neuesten Konzernzahlen vor. Das Ablegen von Rechenschaftsberichten gehört für den Mann zu den leichteren Übungen. Einziger Unterschied zu früher: Adressat ist jetzt nicht mehr der Wähler, sondern in erster Linie Aufsichtsratschef Bernhard Walter (69).

Das passt gut. Die beiden Herren kennen sich seit Jahren, die Beziehung ist beinahe freundschaftlich. Koch war Walters Wunschkandidat für den Posten, die Beschäftigung des Headhunters Heiner Thorborg nur eine Formsache.

Akribisch in der Aktenkenntnis, präzise in der Umsetzung

Souverän Walter mag die Arbeitsweise von Koch. Denn sie ähnelt der eigenen: akribisch in der Aktenkenntnis, präzise in der Umsetzung. Das reicht ihm als Vertrauensgrundlage. Man trifft sich lediglich zum Jour fixe und telefoniert bei Bedarf. Das macht Walter von seinem Büro in Frankfurt aus.

Eine engere Begleitung ließe ein machtgewohnter Ex-Landesfürst auch kaum zu. Im Gegenteil: Bereits nach kurzer Zeit auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden nahm sich Koch die Freiheit, öffentlich Interesse an einer zweiten Amtszeit zu erklären. Er könne sich sein Engagement bei Bilfinger Berger durchaus langfristiger vorstellen, sagte Koch. Zehn Jahre wäre er schon bereit zu bleiben.

Die Harmonie stören solche Bekenntnisse offenbar nicht. Koch hat größtmöglichen Rückhalt bei Walter: "Wenn es schwierig wird, weiß ich, dass ich mich auf den Aufsichtsratsvorsitzenden stützen kann."

Erst in zwei, drei Jahren könnte es aufreibender zwischen dem Chef und seinem Kontrolleur zugehen. Dann wird voraussichtlich Ex-Vormann Bodner den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden übernehmen. Die Beziehung zwischen den Alpha-Tieren Bodner und Koch gilt als "aufgeräumt, aber nicht herzlich", formuliert einer, der beide gut kennt.

Kann sich Bilfinger Berger das leisten?

Mitte August. Der Baumeister trifft sich in Mannheim mit seinen Vorstandskollegen zum zweiten Mal zur Strategieklausur. Es wird, wie immer unter Koch, für reichlich koffeinhaltige Kaltgetränke gesorgt und offen geredet. Aber ein "Big Bang" (Koch) ist nicht erforderlich. Denn das Geschäft von Bilfinger Berger läuft rund. Selbst von der sich abzeichnenden neuerlichen Krise bleibt das Unternehmen bislang unberührt.

Natürlich hat Gestalter Koch die eine oder andere Idee, diese oder jene Radikalmaßnahme geprüft. Über ein mögliches neues Geschäftsfeld wurde nachgedacht. Von Strabag-Vormann Hans Peter Haselsteiner etwa hat sich Koch angehört, welches geradezu naturgewaltige Business-Potenzial im Bau von Windrädern steckt. Doch den Expansionsgelüsten des Österreichers will Koch nicht nacheifern.

Bilfinger Berger muss auch unter dem neuen Primus kein Börsengigant werden, sondern kann in den M-Dax-Reihen verharren. "Big ist nicht in jedem Fall auch beautiful", meint einer von Kochs Beratern.

Selbst von einer drastischen Straffung der Konzernorganisation sieht Koch ab. Bilfinger bleibt so vielfältig und dezentral wie gehabt, die Holding schmal bestückt. Nein, Koch stärkt sogar noch die Eigenverantwortung der einzelnen Firmen und Manager. Gleichzeitig gibt er ihnen allerdings klare Ziele vor. Die Bonushöhe richtet sich demnächst auch danach, inwieweit das Führungspersonal mit anderen Konzernteilen kooperiert und so Zusatzgeschäft generiert.

Mitte September. Im Tagungszentrum Seeheim-Jugenheim bei Darmstadt empfangen 200 Führungskräfte des Konzerns Koch wohlwollend. Der neue Chef gehe auf die Leute zu, besuche Mitarbeiter in deren Büros, heißt es aus den Reihen der Anwesenden. Er versuche sich selbst "vom Sockel herunterzuholen". Auch die zweite und dritte Ebene fühlt sich jetzt ernst genommen und in das Konzerngeschehen eingebunden. Bei den Strategiegesprächen etwa ließ Koch die Geschäftsführer und Bereichsleiter ihre Pläne selbst präsentieren. Und die Kollegen der anderen Sparten durften zuhören. "Das war für viele ein ganz großes Erlebnis", berichtet ein Insider. Von Vorgänger Bodner kannten sie das nicht.

Weniger Top-down, mehr Mitsprache - das schafft Motivation. So freut sich Koch bereits, dass mancher Manager, an dessen Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Bereichen er anfangs gezweifelt habe, inzwischen zum "Motor der Integration" geworden sei.

Andererseits sollte nicht verschwiegen werden, dass selbst ausgesprochene Koch-Fans nicht frei von Skepsis sind, ob das der Regelfall ist. Ein Bilfinger-Berger-Mann fürchtet etwa, "dass sich der Staub, den Koch aufgewirbelt hat, bald wieder setzt". Schließlich präge die Erfahrung, dass man jahrelang mit dem Nebeneinander im Konzern gut gefahren sei, ziemlich stark.

Ende September. Wenn es sein muss, kann es schnell gehen. Dann nutzt Koch die Durchschlagskraft, die er sich als Spitzenpolitiker antrainiert hat, um wichtige Debatten zu prägen. Jetzt beschließt der Bilfinger-Berger-Vorstand auf Betreiben des ersten Mannes, profitables Geschäft im Umfang von stolzen 350 Millionen Euro abzustoßen.

Kann sich Bilfinger Berger das leisten?

Koch: "Ja, die Sache duldete keinen Aufschub." Das Engagement des Konzerns im korruptionsverdächtigen Nigeria erschien ihm zu heiß. Ein neuer Skandal - augenblicklich laufen Ermittlungsverfahren in Altfällen - könnte die Geschäftsausweitung in anderen Ländern gefährden. Koch braucht eine reine Weste. Gerade die Amerikaner verstehen in Compliance-Fragen überhaupt keinen Spaß.

Für jede Tat gibt es den richtigen Zeitpunkt

Spätestens im kommenden Jahr will Koch die Bilfinger Berger Nigeria GmbH in Wiesbaden, die die Baulogistik für die Nigeria-Beteiligung Julius Berger Nigeria betreibt, an diese Firma verkauft haben. Auch die Beteiligung an der eigentlichen Nigeria-Firma soll reduziert werden. Das hatte schon Bodner eingeleitet.

Mancher Konzernmann sähe gern weitere Kraftakte. Etwa ein Aufräumen im Vorstandsteam. Offenbar sind insbesondere die beiden Bauverantwortlichen Klaus Raps und Joachim Enenkel intern nicht unumstritten. Raps etwa wird vorgehalten, er habe den sehr erfolgreichen Hochbau-Chef Matthias Jacob vergrault, der Bilfinger vor einem Jahr verlassen hatte. Was Enenkel betrifft, so haben sich viele über dessen Berufung zum Vorstand in der Endphase der Bodner-Ära gewundert. Zwei Vorstände, die aus dem klassischen Bau (ein Fünftel der Leistung, ein Zehntel des Profits) kommen, aber nur ein Posten, der mit einem reinrassigen Dienstleistungsmann besetzt ist, das werten viele als Missverhältnis.

Koch indes sieht "im Moment keinen Bedarf", an seinem Topteam zu rütteln. Kann er auch nur unter hohen Kosten. Denn die meisten Vorstandsverträge laufen noch mehrere Jahre. Koch wird deshalb wohl einer seiner Leitlinien folgen, die da heißt: Für jede Tat gibt es den richtigen Zeitpunkt.

Anfang Oktober. Kochs Büro im neunten Stock der Mannheimer Konzernzentrale ist leer, wieder einmal. Koch ist gern unterwegs. Mal besucht er Zweigstellen des Konzerns, mal ist er bei Kunden. Zuweilen trifft er sich mit alten Politikerfreunden wie etwa dem luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker. Dann hält Assistent Wolf-Dieter Adlhoch, den Koch aus seiner Wiesbadener Zeit mitgebracht hat, Wacht im Headquarter.

An diesem Tag ist der erste Mann des Konzerns zur Immobilienmesse Expo Real in München aufgebrochen. Rund 300 Gäste und Mitarbeiter haben sich an dem Stand von Bilfinger Berger eingefunden. Koch spricht rhetorisch geschliffen und völlig frei. Anschließend schenkt er zusammen mit seinem Kollegen Raps und weiteren Topmanagern Rotwein ein. Bei solchen Auftritten ist Koch in seinem Element. Deshalb stellt er sich auch gern als oberster Vertriebsmann des Konzerns zur Verfügung. Seine Leute ließ er wissen: Wann immer sie prominente Unterstützung bei einem Kunden benötigen, sie brauchen ihm nur Bescheid zu geben.

Eigene Schwächen erkennt der Jurist offenbar. Das Gespräch mit den Investoren überlässt er bereitwillig Finanzvorstand Joachim Müller. Bislang hat er sich lediglich mal in London und Frankfurt einigen Anteilseignern gezeigt.

25. Oktober. An diesem Tag stellte der Konzernchef dem Aufsichtsrat vor, welche Ziele er in den kommenden Jahren anpeilt, was er sich und dem Konzern zutraut. Mitte November wurde die Botschaft auch an die Öffentlichkeit und die Investoren gebracht: Kochs Programm ist ausgesprochen ambitioniert. Die Leistung des Baukonzerns soll bis 2016 um bis zu 50 Prozent steigen, das Konzernergebnis soll sich sogar verdoppeln. Dabei setzt man auf organisches Wachstum wie auch durch Wachstum aus Übernahmen. Bis 2016 stehen dem Unternehmen rund eine Milliarde Euro für den Ausbau des Dienstleistungsgeschäfts und zur Ergänzung von Spezialkompetenzen zur Verfügung.

Keine Frage, Koch will aus dem ehemals müden Bauladen einen schmucken High-Performer machen. Dazu nimmt er seine Truppe gehörig in die Pflicht. Besonders gefordert sind etwa die Baubereiche (Hoch- und Ingenieurbau, Gebäudeservice). Deren Marge soll von unter 2 Prozent auf 4 Prozent hochschnellen. Auch die wesentlich profitableren Dienstleistungsfirmen müssen sich strecken. Einzelne Einheiten sollen ihr Volumen in den kommenden drei Jahren glatt verdoppeln.

Wenn es so weiterläuft, könnte Koch eine gute Investition für Bilfinger Berger werden.

Koch selbst scheint allerdings noch Zweifel zu haben, ob sein Projekt tatsächlich gelingt. Als er den Chefposten im Juli antrat, kaufte er 730 Bilfinger-Berger-Aktien. Dafür musste er gerade mal 50.000 Euro hinlegen. Ein sehr zurückhaltender Vertrauensbeweis. Und als gute Anlage erweist sich das Investment bislang auch nicht. Zurzeit sind die Papiere nur rund 47.000 Euro wert.

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