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Burn-out-Kliniken: Hier finden Manager Hilfe

Foto: Dirk Bruniecki

Burn-out-Kliniken Mit der Ruhe kommt die Kraft

Mit neuen Therapiekonzepten versprechen exklusive Häuser ausgebrannten Führungskräften schnelle Heilung. Die Manager sollen wieder zu einer gesunden Balance zwischen Arbeit und Privatleben finden - und lernen, sich von den Unwägbarkeiten des Berufsalltags nicht an die Wand drücken zu lassen.

Bernau - Heinz Golling streckt den Arm aus. Seine Hand beschreibt einen Bogen über eines der prächtigsten Panoramen des Voralpenlands. "Das hier ist nicht einfach ein Ausblick", sagt der Psychosomatiker, "für uns ist es eine Therapievariable."

Golling hat seine Worte sorgfältig gewählt. Er ist einer von zwei Chefärzten der Klinik "Chiemseeblick", einer nagelneuen auf die Behandlung von Burn-out und Erschöpfungszuständen spezialisierten Institution in Bernau am Chiemsee. Die Aussicht, die seine rund 180 Patienten von den Balkonen ihrer Einzelzimmer, aus dem weitläufigen Park oder vom Bootssteg aus genießen, ist mehr als kulissenhafte Dreingabe. Sie ist ein variabler - und veritabler - Bestandteil der Behandlung.

Die Balustrade der Seeterrasse, ein Patient blinzelt in die Morgensonne. Er beschreibt den Effekt so: Morgens liegen oft Nebel "wie zarte Schleier" unterhalb der im Süden emporragenden Kampenwand. Vor Gewittern jagen Sonnenflecken oder Wolkenschatten über das kabbelige Binnenmeer im Norden. Und bei Föhn schimmert die Luft, als habe "eine Fee Goldstaub verstreut".

Zufrieden nickt der Chefarzt. Bewusste, sinnliche Wahrnehmung ist eine der Methoden, mit denen seine Schützlinge lernen sollen, sich nicht mehr nur als ausgebrannte Persönlichkeiten wahrzunehmen: "Wir pflegen hier Genuss und bayerische Lebensart", sagt Golling. "Fürs Darben, Entsagen und andere Ausdrucksformen von calvinistischem Verzichtsdenken ist hier kein Platz."

Das Ausgebranntsein nimmt epidemische Ausmaße an

Das vergangene Jahr hat der stämmige Hausherr mit dem Aufbau der kürzlich eröffneten Klinik verbracht. Ein architektonisches Juwel, ursprünglich errichtet in den 30er Jahren mit einer Grandezza, die sonst nur Luxushotels in den Hochgebirgen der Neuen Welt auszeichnet.

Jetzt ist Golling neugierig, was er und sein Team von Ärzten und Psychologen, Musik-, Bewegungs- und Kunsttherapeuten, von Gourmetköchen und engagierten Servicekräften aus dem Anwesen machen: Zwischenzeitlich als Erholungszentrum für US-Soldaten genutzt, soll die Klinik "Chiemseeblick" zur ersten Adresse im deutschen Sprachraum für Burn-out-Opfer und krankhaft erschöpfte Führungskräfte werden.

Ein Anspruch, der auf ein wachsendes Bedürfnis trifft. Das Ausgebranntsein nimmt epidemische Ausmaße an: Nach einer Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hat sich die Zahl der Krankschreibungen wegen Erschöpfungssymptomen seit 2004 verneunfacht. Fast zehn Millionen Tage waren deutsche Erwerbstätige im vergangenen Jahr deshalb arbeitsunfähig.

Sicher: Nicht jedes Zipperlein ist so dramatisch, dass gleich eine stationäre Behandlung nötig wird. Doch die schweren Fälle, bei denen auch der Körper vollkommen ausgelaugt ist, nehmen erheblich zu in Zeiten von Smartphones, pausenloser Erreichbarkeit und der Verpflichtung, jederzeit und jeden Orts auf Veränderungen zu reagieren. Sich mal eben rasch "neu zu erfinden", sich anzupassen an eigene und externe Vorgaben. Schneller, höher, weiter, mehr.

Erst erlahmt der Antrieb, dann die Lebenskraft

Früher waren es vor allem Lehrer, Krankenschwestern oder ähnliche "Helferberufe", in denen mancher "ausbrannte", weil Erfolge in der Arbeit nur schwer erkennbar waren und positives Feedback lange ausblieb. Bis erst Antrieb und Einsatz lahmten. Und dann die Lebenskraft versiegte.

Heute bekennen sich erfolgsverwöhnte Stars wie TV-Koch Tim Mälzer oder Medienprofessorin Miriam Meckel zu ihrem Burn-out. Peter Plate, der Sänger des Popduos Rosenstolz, war unlängst monatelang ausgebrannt und aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zuletzt trat Ralf Rangnick, Trainer des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, wegen eines schweren Burn-outs zurück. Und zunehmend sind es auch die stark geforderten Führungskräfte aus Unternehmen, die so oft und so intensiv reagieren müssen, dass sie von Treibern zu Getriebenen der eigenen Projekte und Aufgaben werden.

Golling will die ausgebrannten Manager individuell und effektiv zurück auf die eigenen Füße stellen. Sie autonom machen - und verhindern, dass sie wieder hineinrutschen in die Erschöpfungsspirale. "Was wir hier vorhaben, ist in Deutschland einzigartig", sagt Golling.

Natürlich muss seine Klinik nicht allein das Burn-out-Feuer eindämmen. In den vergangenen Jahren haben sich einige Einrichtungen einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Das "Roseneck" in Prien, keine zehn Kilometer vom "Chiemseeblick" entfernt und von der Schön-Klinikkette betrieben, gilt seit Längerem als Anlaufstelle für die stationäre Behandlung erschöpfter Manager.

Neue Waffen gegen die brennende Seelengeißel

Außerhalb von Bayern bieten die Oberberg-Kliniken im Schwarzwald, im Weserbergland oder in der Brandenburgischen Seenplatte exzellente Burn-out-Therapien für Führungskräfte (siehe Kasten links). Die Oberberg-Häuser, ebenfalls gezielt in reizvoller Umgebung angesiedelt, gehören gar zu den Pionieren dieser Therapie in Deutschland. Die Behandlung kann hier - anders als bei den meisten Anbietern - auch übers Wochenende erfolgen und der stationäre Aufenthalt so verkürzt werden.

Doch für seinen "Chiemseeblick" hat sich Golling vorgenommen, die Therapie weiter zu verbessern. Schon jetzt eilt der Klinik der Ruf voraus, eine der modernsten und innovativsten Burn-out-Einrichtungen zu sein. Das Konzept, vom 60-jährigen Chefarzt selbst als Waffe gegen die brennende Seelengeißel entwickelt, bietet nicht nur Bewährtes wie Entspannungstechniken, Musik- und Bewegungstherapien in neuer Form.

Golling kombiniert vielmehr die Tiefen der Psychoanalyse mit praktischen Aspekten der Verhaltenstherapie. Dieser Brückenschlag führt zu einem neuen Denken über die Zusammenhänge von äußerer Physis und innerer Psyche. Er ist getrieben von der Aussicht auf neue Verfahren, um die Vitalitätsbatterien neu und kräftig aufzuladen. Die zentralen Genusselemente sollen ein Übriges tun: Essen und Trinken, das bewusste Erleben landschaftlicher Schönheit, Natur, Wetter, Wohlfühlangebote.

Rückbesinnung auf das Sinnliche: Die meisten Patienten, gerade Manager, lechzen in wechselhaften Zeiten danach wie der Wüstenwanderer nach Wasser. In kaum einer Branche ist die Auftragslage noch stabil. Nirgends ist mehr Verlass auf Rohstoffpreise, ständig muss irgendwo ein Personalproblem gelöst werden, fehlen fähige Mitarbeiter. Wer da mit dem schwierigen Wechselspiel von Anstrengung und Entspannung, von eigenem Einsatz und Delegieren nicht zurechtkommt, gerät schnell in einen Abwärtssog, der zu Symptomen ähnlich einer schweren Depression führt: Schlafstörungen, Motivations- und Interessenverlust, Apathie und Selbstmordgedanken.

Neue Therapiekonzepte richten sich deshalb gezielt auf den ganz speziellen Lebenswandel der Führungskraft. "Wenn man den Stress nicht reduzieren kann, muss man die Stressbelastbarkeit erhöhen", formuliert Thorsten Rarreck. Der Mannschaftsarzt von Schalke 04 war an der Diagnose von Trainer Rangnicks Burn-out beteiligt und behandelt selbst etliche Patienten mit Naturheilverfahren. Die neuen PC-basierten Ansätze im "Chiemseeblick" integrieren auch Methoden aus Ressourcenplanung und Controlling, etwa beim Biofeedback.

Ein Sammelsurium an Beschwerden und Symptomen

Dabei erfahren die Patienten zunächst, wie ihr Körper auf Stress reagiert - unwillkürlich steigen Puls und Blutdruck, die Hautfeuchte erhöht sich. Anschließend lernen sie, den physischen Stressreaktionen zu begegnen: etwa durch gezielt eingesetzte Entspannungstechniken den Blutdruck senken, den Körper entlasten.

Die Dokumentation dieser Werte im PC der Patienten verschafft Erfolgserlebnisse. Und eine Vernetzung mit dem Zentralrechner der Klinik weist die Ärzte frühzeitig auf mögliche Defizite hin.

So ausgetüftelt die Technik ist, über das womöglich kniffligste Problem kann sie nicht hinwegtäuschen: Die Diagnose Burn-out ist längst nicht so klar definiert wie die eines Herzinfarkts oder eines Nierensteins. Laborwerte, Röntgen- oder Ultraschallbilder, klare Befunde - Fehlanzeige. So bleibt das Ausgebranntsein ein "Syndrom": ein Sammelsurium an Beschwerden und Symptomen, von denen der Arzt eine Mindestzahl festgestellt haben muss, bevor er die Behandlung beginnen kann.

Derweil geht es den Ausgebrannten oft monatelang hundeelend, etliche sind lebensbedrohlich erkrankt. "Ich hatte nicht nur den Kontakt zu allem verloren, was mir im Leben etwas bedeutet", sagt zum Beispiel Dietmar M. (Name von der Redaktion geändert), Abteilungsleiter bei einem Dienstleistungskonzern. "Ich hatte mich selbst verloren."

Ganz viel Sport

Die Kranken, bekräftigt Chefarzt Golling, seien oftmals so erschöpft, dass sie sich nicht mehr selbst erholen könnten. Situationen wie im Urlaub, in denen sich die "Lebensbatterien" quasi von allein wiederaufladen, können sie nicht mehr nutzen. "Sie brauchen dann systematische Hilfe von Ärzten und Therapeuten." Denen fiel die Diagnose bis vor einigen Jahren leichter: Die Loser unter den Ausgebrannten, so erzählen die alten Hasen, landeten in der Schublade "Depression". Meint: in der Psychiatrie. Den Alphatypen, die sich nur auf der Überholspur zu Hause fühlen, wurde hingegen ein "Burn-out" attestiert. Die Behandlung dieser Kranken war uneinheitlich, der Erfolg wechselte.

So simpel ist die Unterscheidung längst nicht mehr. Bei den Alphatypen lassen sich heute ebenso Depressionssymptome erkennen wie bei weniger erfolgsfixierten Patienten. Weshalb Golling und sein Chefarztkollege Michael Bach lieber von einer "Erschöpfungsdepression" sprechen, wenn sie über die Krankheit ihrer Patienten reden.

"Zwischen Burn-out und Depression gibt es zahlreiche Überschneidungen", sagt auch Hans-Peter Unger, Psychiater und Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit in Hamburg. Golling und Bach bieten daher eine individuelle, aber einheitlich konzipierte Therapie für alle ausgebrannten Patienten an.

Nach ihr enthält der Patientenalltag im "Chiemseeblick" fünf bis sechs feste Termine. Im Zentrum stehen Psychotherapien, einzeln und in der Gruppe. Dazu stellt sich jeder Kranke ein Programm von Musik-, Kunst- und Tanztherapie zusammen. Bei Bedarf wird die Behandlung durch sorgfältig ausgesuchte Psychopharmaka ergänzt. Dazu Physiotherapie - und ganz viel Sport.

Manche gehen in den Bergen wandern, andere mieten ein Segelboot, wieder andere radeln oder reiten. Im Fitnessraum steht ein gutes Dutzend modernster Geräte, im Hallenbad mit Seeblick gibt es Unterwassermassagen. "Ich fühle mich hier sehr umsorgt - und zugleich vollkommen frei zu gehen, wann und wohin ich möchte", sagt Andrea F. (Name von der Redaktion geändert), bis zu ihrem Burn-out Vizepräsidentin einer Fachhochschule.

Lernen, sich auszuklinken

Hartmut Hain, Vorstandschef der "Chiemseeblick"-Betreibergesellschaft Medical Park, hält die Luxuseinrichtungen für nicht ungewöhnlich. Selbst für die Küche stellt der Kaufmann nur Hotelköche ein. "Wer zuvor im Krankenhaus gearbeitet hat, dem hat der Kostendruck im Gesundheitswesen den Spaß am guten Kochen meist verdorben", sagt Hain. "Der kulinarische Anspruch, der unsere Kliniken auszeichnet, lässt sich mit einer solchen Haltung kaum erzielen."

Rund 30 Millionen Euro hat Medical Park in die Klinik investiert. Viel Geld für ein Krankenhaus, das keinen OP-Trakt braucht, keinen Magnetresonanztomografen und keine Intensivstation. Doch die Seelage mit mehr als 400 Metern Wasserfront schlägt eben zu Buche. Sowie die Tatsache, dass selbst die Zimmer der Kassenpatienten das Niveau eines Vier-Sterne-Hotels erreichen. "Wir nehmen diese Wohlfühlfaktoren sehr ernst", sagt Hain, "sie verschaffen uns entscheidende Wettbewerbsvorteile."

Die "Wohlfühlfaktoren" sollen ein angenehmes Ambiente schaffen. Mehr nicht. Zu viel Aktionen, Dauerbespaßung oder ständig neue Reize wären fatal. Gerade Burn-out-Opfer aus den Führungsetagen, sagt Chefarzt Golling, hätten die Strapazen eines Joballtags mit Hunderten von Terminen eben erst hinter sich gelassen. Jetzt müssten sie lernen, sich auszuklinken. Und dann: die Freizeit sinnvoll zu nutzen. Ein Gleichgewicht zu finden zwischen äußeren und inneren Ansprüchen ans Ich - und dessen Bedürfnis nach Regenerierung.

Trotzdem: Selbst das entspannteste Therapiekonzept will Fortschritte sehen. Im Schnitt fünf bis sechs Wochen dauert ein stationärer Aufenthalt nach akutem Burn-out. "Bei allem Sinn für Muße und Selbstfindung", sagt Golling: "Wir wollen nicht, dass die Patienten in dieser Zeit durchhängen." Gesund sollen sie werden - im eigenen Rhythmus und nach eigenem Tempo, selbstverständlich, aber mit klaren Zielen vor Augen.

Meist befinden sich diese Ziele in der Welt, aus der der Burn-out sie herauskatapultierte: ein erfülltes Berufsleben, in dem das Private nicht zu kurz kommt. "Egal, wie die Waage individuell aufgehängt ist", sagt Golling, "eine gute Work-Life-Balance ist der Schlüssel, um künftig ein Ausbrennen zu verhindern."

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